Abschied von der Wachstumsgesellschaft

Neue Werte sollen den Deutschen den Schrecken vor dem schwindenden Wohlstand nehmen

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Von Wolfgang Mulke

25. Mai. 2009 –

Berlin - Kanzleramtsminister Thomas de Maiziere hat selten Zeit für einen Blick über den Tellerrand hinaus. Die rechte Hand der Regierungschefin Angela Merkel muss sich gleichzeitig um viele Baustellen kümmern. Die Palette reicht vom Afghanistan-Einsatz deutscher Truppen bis hin zum Rettungsversuch für den angeschlagenen Autobauer Opel. Aber manchmal bleibt dem Juristen doch ein Moment für einen Ausflug in die Zukunft Deutschlands. „Gut leben und wenig haben“, gibt der frühere Landesfinanzminister Sachsens als mögliches Ziel aus.

 

Der Satz hat den Regierungsstrategen beeindruckt. Er stammt vom Zukunftsforscher Horst Opaschowski von der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen. Wenn es nur so einfach wäre. Ist es aber nicht. Die Deutschen blicken in eine wirtschaftlich ungewisse Zukunft. Der Spitzenplatz unter den Industrienationen ist gefährdet. „Es ist eher unwahrscheinlich“, räumt die studierte Physikerin Merkel ein, „dass man so lange vorne ist.“ Gründe für die Bedenken gibt es reichlich. Deutschland wird wie andere Industrienationen auch immer älter. In den nächsten gut zehn Jahren steigt die Zahl der über 50-jährigen um sechs Millionen an. Zugleich gibt es zehn Millionen Bundesbürger weniger im Alter unter 50. Dazu bringt die Globalisierung neue Konkurrenten aus Fernost und die aktuelle Krise legt die Schwäche einer enormen Exportabhängigkeit der deutschen Wirtschaft bloß. „Es wird niemals mehr, wie es war“, glaubt der Präsident der renommierten  Fraunhofer-Gesellschaft, Hans-Jörg Bullinger.

 

Es gibt noch ein Indiz für den drohenden Wohlstandsverlust. Experten attestieren Deutschland nach dem Ende der Krise ein Wachstumspotenzial von ein bis zwei Prozent pro Jahr. Das reicht nicht einmal aus, die Kosten der demographischen Entwicklung und der notwendigen staatlichen Investitionen zu decken. Es gibt also lange Zeit keine Wohlstandsmehrung für die vom jahrzehntelangen Aufschwung verwöhnten Bundesbürger. Das weiß auch Merkel, obwohl sich solcher Botschaften im Wahlkampf schlecht verkaufen. Die Christdemokratin stimmt bereits ein neues Lied an. Wachstum pur sei kein Oberziel mehr, dem alles andere untergeordnet werden müsse, lautet ihre neue Parole. Nachhaltigkeit stehe im Vordergrund. Die Kanzlerin setzt auf verstärkte Bildungsanstrengungen, damit die vorhandenen Wachstumspotenziale auch genutzt werden können. Das wird nach Ansicht Opaschowskis keine ausreichende Antwort auf die erkennbaren gesellschaftlichen Trends darstellen. „Einige fahren nach oben, aber viele andere nach unten“, befürchtet der Wissenschaftler.

 

Merkel ahnt allerdings auch, dass die größte Herausforderung noch bevorsteht: „Die Frage, wie wir eine Spaltung der Gesellschaft vermeiden, ist vielleicht die entscheidende Frage.“ Doch wie sieht das zukünftige Deutschland eigentlich aus? Wie lässt es sich jenseits der Wohlstandsjahre leben? Das Kanzleramt rief auf der Suche nach Antworten vor gut einem halbe Jahr drei führende Zukunftsforschungsinstitute zusammen, die gemeinsam mit Dutzenden Fachleuten verschiedener Disziplinen Szenarien entwickeln sollten. Am Ende präsentierten die Forscher auf einem Zukunftskongress Mitte Mai ihre Ergebnisse, die auf einen beschleunigten Wandel der Gesellschaft und der Arbeitswelt hindeuten. Einig sind sich die Experten in einem wesentlichen Punkt: Die materiell goldenen Jahre der Bundesrepublik sind vorbei. Opaschowski findet das nicht weiter schlimm. „In Wirklichkeit hat der Wohlstand die Deutschen nicht einen Deut glücklicher gemacht, erläutert der Professor, der ein neues Wertebewusstsein in der Bevölkerung erkennt. An Stelle der Geldmaximierung rückt demnach das Wachstum an Lebensqualität. Die „Generation V“ wächst heran, die Vertrauen, Verlässlichkeit und Verantwortung als sozialen Kitt der Gesellschaft anstrebe. Dem Fachmann ist dabei klar, dass am Wegesrand enorme Risiken lauern. Die „Brasilianisierung“ ist dabei die vielleicht unangenehmste, bei der eine breite Unterschicht abgehängt und sich selbst überlassen wird.

 

Eine einfache politische Strategie zur Bewältigung der Umbrüche gibt es nach Ansicht von Thomas Perry von Sinus Sociovision nicht. „Der Masterplan hat ausgedient, glaubt der Forscher. Die Gesellschaft werde immer vielfältiger und die Polarisierung zwischen Gewinnern und Verlierern nehme zu. Gesellschaftliche Veränderungen könnten nicht mehr von oben verordnet werden. Die Institutionen von Staat und Gesellschaft verlören ihren Gestaltungsspielraum. Eine wachsende Spaltung hält auch Christian Böllhoff vom Institut Prognos für wahrscheinlich. Arm und reich, beschäftigt oder unbeschäftigt sind die Gegensätze, die die Schweizer Zukunftsforscher erwarten. Dafür sorgt die Veränderung in der Arbeitswelt. Da entstehen laut Prognos bis 2030 einerseits Eliten zu denen etwa die Kernbelegschaften der Industrie oder gut aufgestellte Selbständige gehören, andererseits wächst eine Masse Arbeitnehmer in unsicheren Verhältnissen heran, die als Randbelegschaften bei Bedarf in die Betriebe geholt werden oder sich irgendwie durchwurschteln.

 

Lebens- und Umweltqualität anstelle von Wachstum pur und Wohlstand? So skizzieren die Zukunftsforscher die Entwicklung in Deutschland. Wie die dabei entstehenden Verteilungsprobleme gesellschaftlich verträglich gelöst werden könne, verraten die Experten nicht. Die sichjere Finanzierung der Rentner und der Arbeitslosen bleibt Aufgabe der Politik, die sich aufgrund kurzfristiger Wahlinteressen einer Debatte um die langfristigen Perspektiven gerne entzieht, wie auch Merkel gerne einräumt. Von einem Absturz Deutschlands geht immerhin keiner der Experten aus, sofern die bestehenden wirtschaftlichen Möglichkeiten weiterhin genutzt werden. „Wir dürfen den Stellenwert des Produzierens nicht vergessen“, warnt Bullinger.

 

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