Das andere Kapital

Kommentar

Von Wolfgang Mulke

25. Jul. 2017 – Die Wirtschaft verliert nach und nach einen wichtigen Teil ihres Kapitals. Es geht nicht um die finanziellen Rücklagen, sondern das Vertrauenskapital bei den Kunden und der Gesellschaft. Im Zentrum steht derzeit die Autoindustrie, die anscheinend mitten in einem der größten Skandale der deutschen Wirtschaftsgeschichte steckt. Treffen die Vorwürfe zu, wurden Kunden und Zulieferer bewusst übervorteilt, Autos schmutziger gemacht als nötig. All dies hat die Arroganz der Vorstände der betreffenden Konzerne keinen Einhalt geboten. Als Elite versagt die Kaste schmählich.

Es ist nicht der erste Skandal und wird auch nicht der letzte sein. Betroffen sind viele Branchen. Mal sind es gepanschte Lebensmittel, mal zockende Finanzinstitute, mal wollen Fluggesellschaften keine Entschädigung bezahlen, mal schieben Telefonfirmen Verbrauchern Verträge unter. Diese Liste ließe sich leicht fortsetzen. Es ist daher kein Wunder, wenn sich das Vertrauenskapital verflüchtigt. Die Mentalität, sich auf Kosten anderer zu bereichern, trägt viel zur Wut auf das Establishment bei, die auch in Deutschland verbreitet ist. Schnell fällt der Schatten des Zweifels auch auf jene, die ehrlich mit ihren Kunden und der Gesellschaft umgehen.

Die Verbraucher haben keine Chance gegen unseriöse Praktiken. Sie brauchen Nahrungsmittel, Autos oder Smartphones, müssen konsumieren. Das wissen unlautere Unternehmen und machen so lange weiter, bis sie an einer empfindlichen Stelle getroffen werden, dem Geld. Allein am Montag verloren die Aktionäre der drei großen Autokonzerne fast fünf Milliarden Euro an Aktienwerten. Das ist der Vertrauensverlust in Euro und Cent gemessen.

Es wird Zeit, dass unfaires Verhalten in der Wirtschaft sozial geächtet wird. Doch mitunter drängt sich der gegenteilige Eindruck auf. Wenn die Politik weiterhin aus Sorge um Arbeitsplätze und Wettbewerbsfähigkeit auch große Verstöße unbeantwortet lässt und sich auf die Seite der Wirtschaft und nicht der Verbraucher schlägt, ist auch ihr Vertrauenskapital schnell aufgebraucht. Wie sehr der Kunde im Regen stehen gelassen wird, hat die Bundesregierung erst vor wenigen Wochen noch einmal gezeigt. Ein Gesetzentwurf von Justiz- und Verbraucherminister Heiko Maas zur so genannten Musterfeststellungsklage landete in der Ablage. Mit dieser Art Klageweg könnten sich geschädigte Kunden mit ihren Ansprüchen auch risikofrei gegen große Konzerne durchsetzen. Davon hätten viele VW-Käufer profitieren können.

Fraglich ist, ob sich Politik und Wirtschaft ihre Glaubwürdigkeit wieder herstellen können. Denn die Bürger haben längst auf ihre Weise auf deren Verlust reagiert. Sie stellen mehr und mehr ihre Eigeninteressen in den Mittelpunkt. Für die „kleine“ überschaubare Gemeinschaft engagieren sie sich, auch sozial. Die „große“ Gemeinschaft“ überlassen sie denen, von denen sie nichts mehr erwarten. So verständlich diese Haltung ist: besser wird dadurch nichts.

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