Der Blaue Engel kämpft gegen den Siegel-Dschungel

Das erste Umweltzeichen der Welt wird 40 Jahre alt. Nun soll es die nächste Generation erreichen.

Von Wolfgang Mulke

26. Okt. 2018

Werden Mobiltelefone auch unter Achtung sozialer Aspekte gefertigt? Enthält die Wandfarbe zu viel Chemie? Trägt das Toilettenpapier zum Schutz der Wälder bei? Mit derlei Fragen befasst sich eine Jury, die vom Bundesumweltministerium eingesetzt wird. Treffen diese Merkmale auf ein Produkt zu, erhält es auf Antrag des Herstellers den Blauen Engel. Das Signet mit dem blauen Rand ist das weltweit älteste Umweltsiegel. Es wurde vor genau 40 Jahren, im Oktober 1978 eingeführt. In Berlin will der Blaue Engel nun in die Zukunft mit einer veränderten Konsumwelt durchstarten und so an alte Erfolge anknüpfen.

Der Aufdruck zeigt Verbrauchern, ob ein Produkt im Vergleich zu ähnlichen Angeboten möglichst umweltverträglich hergestellt wird. „Ein Papierprodukt aus 100 % Altpapier spart den gesamten Rohstoff für die Neupapierproduktion ein, ein emissionsarmer Lack enthält sehr viel weniger Lösemittel und andere Schadstoffe, eine wassersparende Armatur spart eine Menge Wasser“, erklären die Herausgeber, unter anderem das Bundesumweltministerium. Rund 12.000 Produkte tragen das Label derzeit. 1.600 Unternehmen schmücken sich damit. Einer Umfrage der Organisation zufolge kennen neun von zehn Verbrauchern das Umweltzeichen. 40 Prozent der Konsumenten orientieren ihre Kaufentscheidung daran.

Hinter dem Siegel stehen neben dem Bundesumweltministerium das Umweltbundesamt, die Jury Umweltzeichen und die Vergabestelle RAL GmbH. In der Jury sind von den Verbraucherverbänden über die Wirtschaft bis hin zu den Kirchen nahezu alle gesellschaftlichen Interessengruppen vertreten. Die Vergabestelle wiederum kümmert sich um die Anhörung von Experten zu den jeweiligen Produktgruppen. „Der Blaue Engel bietet all denen Menschen Orientierung, die bewusst einkaufen und die darauf achten, dass sie langlebige, energieeffiziente, gesundheitsschonende Produkte erwerben“, lobt Bundeskanzlerin Angela Merkel das Siegel. Sie fordert aber auch von den Verbrauchern, beim Einkauf Verantwortung für den Umweltschutz zu übernehmen.

Bei allem Erfolg, der dem Gütezeichen zugesprochen wird, gibt es auch Kritik. „Der Blaue Engel bescheinigt keineswegs die völlige Unbedenklichkeit eines Produkts“, stellt das Umweltportal Utopia.de fest. Er sage lediglich aus, dass es im Vergleich zu Konkurrenzangeboten besser abschneide. So erwecke der Engel zum Beispiel bei Elektrogeräten den Eindruck von Umweltfreundlichkeit. Das seien die Geräte aber gar nicht. Auch der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) sieht Schwächen. So würden die Produkte nur alle fünf Jahre auf ihre Inhaltsstoffe hin überprüft, sagt vzbv-Nachhaltigkeitsexpertin Kathrin Krause, „es finden derzeit keine unabhängigen Stichproben statt.“

Für viele Hersteller ist das Siegel jedoch ein Wettbewerbsvorteil. Und es hilft bei Aufträgen der öffentlichen Hand. Die Einkäufer der Verwaltungen dürfen bei Vergaben den Blauen Engel zu einem Kriterium machen. Es wird von den Verbrauchern trotz der großen Anzahl verschiedener Gütezeichen im Handel als Umweltzeichen erkannt. Rund 1.000 Siegel gibt es mittlerweile, von der Bioware bis hin zum fairen Handel. Für die Umweltsiegel gibt es jedoch keine einheitlichen Kriterien. Der vzbv fordert daher Mindeststandard. „Wir sehen die Notwendigkeit, im Siegel-Dschungel aufzuräumen“, sagt Krause.

Der Blaue Engel soll nun weiterentwickelt werden. Die Bedürfnisse von Familien und die Ausdehnung auf weitere Dienstleistungen stehen auf dem Programm. Denn das Signet ist unter jüngeren Leuten nicht mehr sehr bekannt. Drei Viertel der zertifizierten Produkte gehören nicht zum alltäglichen Einkauf, sind eher im bau- oder Elektromarkt zu finden. Das soll sich ändern. „Wir haben empfohlen, besonders junge Menschen in der Phase der Haushaltsgründung und junge Eltern anzusprechen“, sagt Barbara Birzle-Harder vom Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE). So könne der Engel an die nächste Generation herangeführt werden.

Das Umweltbewusstsein hat der Blaue Engel bei den Verbrauchern über die Jahrzehnte durchaus geweckt. Kanzlerin Merkel sieht aber auch beim Staat eine Verantwortung für umweltverträgliche Produkte. Gleichwohl könne der Staat nicht immer mit Geboten und Verboten arbeiten, sagt die Regierungschefin in ihrem letzten Video-Podcast. Genau dies ist aber eines der größten Probleme beim Umweltschutz, wie der Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte zeigt. Wenn es um das ganz große Geschäft geht, prallen die Interessen von Wirtschaft und Gesellschaft oft aufeinander. Häufig wehrt sich die Industrie gegen Auflagen für eine nachhaltigere Wirtschaft, wie das Beispiel Auto sehr anschaulich zeigt.

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