Deutschland hat sich zum Land des Bezahlfernsehens entwickelt

Nur wenige Angebote sind noch gratis. Das Gesamtprogramm kostet locker einen vierstelligen Betrag im Jahr.

Von Wolfgang Mulke

22. Okt. 2017 – An diesem Dienstag verbrachten die Bundesbürger durchschnittlich gut drei Stunden vor dem Fernsehgerät. Genau 193 Minuten waren es nach Angaben des Portals Statista. In dieser Größenordnung bewegt sich der TV-Konsum an jedem Tag des Jahres. Kaum eine andere Freizeitbeschäftigung fesselt die Konsumenten in vergleichbarem Umfang. Kein Wunder, dass die hohe Nachfrage nach Filmen, Sport oder Serien von der Medienbranche in Euro und Cent umgemünzt wird. Fernsehen ist ein kostspieliges Hobby und Deutschland ein Land des Bezahlfernsehens.

Die Entwicklung vom kostenlosen Angebot hin zum kommerziellen TV hat der Staat in die Wege geleitet. Seit der Einführung des Rundfunkbeitrags für alle Haushalte 2013 wird jeder Verbraucher, ob der das Angebot nutzt oder nicht, zur Kasse gebeten. 17,50 Euro muss derzeit jeder für das Fernsehen ausgeben. Fast acht Milliarden Euro nahmen die öffentlich-rechtlichen Sender 2016 ein. Immerhin blieb das Privatfernsehen kostenlos. Doch damit ist es weitgehend vorbei. Auch Sat 1, ProSieben oder RTL wollen vom Fernsehboom profitieren. Mit der Umstellung der Antennenübertragung in diesem Jahr ist ihnen dieser Schritt zum großen Teil gelungen. Knapp sechs Euro im Monat kostet die Entschlüsselung dieser Programme in HD-Qualität. Nur über Kabel und Satellit sind die drei Privatstationen noch frei empfänglich, allerdings in geringerer Bildqualität. Bis Ende 2022 müssen sie dieses Angebot aufrechterhalten. Das wollte das Bundeskartellamt so. „Ich rechne fest damit, dass bald alle Sender kostenpflichtig sind“, sagt der TV-Experte der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz, Michael Gundall.

Es war der Ärger über die Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, die den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl die Tür zum Privatfernsehen aufstoßen ließ. Damit wollte er dem „Gesinnungsjournalismus“ von ARD und ZDF eine konservative Konkurrenz entgegensetzen. 35 Jahre ist dies her. Mit SAT 1 und RTL machten sich dann die ersten beiden werbefinanzierten TV-Stationen an die Arbeit und eroberten mit amerikanischen Billigserien oder Spieleshows ein eigenes Publikum. Auch der Weg zum Bezahlfernsehen wurde in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts geöffnet. Doch die ersten Anläufe dazu endeten bald. Bei einem so großen Angebot an kostenlosen Inhalten blieb die Nachfrage nach Abos für das Pay TV gering, zumal populäre Angebote wie Fußball weiterhin Domäne der öffentlich-rechtlichen blieben.

Heute ist das Angebot auf viele Pay-TV-Anbieter angewachsen. Darüber hinaus werben Streaming-Dienste im Internet um Kunden. Im vergangenen Jahr wurde erstmals die Grenze von drei Milliarden Euro Gebührenumsatz geknackt. „Das Wachstum wird deutlich weitergehen“, sagt Frank Giersberg von der Geschäftsleitung des Verbands privater Rundfunk und Telemedien (VPRT). In diesem Jahr rechnet der Verband mit einem Plus von mehr als zehn Prozent bei den Einnahmen. Fast acht Millionen Abo-Kunden haben die Anbieter des Pay-TV schon gewonnen. 103 Pay-TV-Sender gibt es derzeit in Deutschland, allein 19 Sportanbieter sind darunter. Zum Vergleich lohnt ein Blick auf die Werbeumsätze der Privatsender ohne Gebührenmodell. Sie kamen 2016 laut Statista auf gut vier Milliarden Euro an Einnahmen. Pay-TV holt also in Riesenschritten auf.

Möglich wurde der Siegeszug durch den zunehmenden Verkauf attraktiver Senderechte an die Bezahlsender. Veranstalter wie die Sportverbände verlangen dafür hohe Preise. ARD und ZDF haben nur noch wenige Liveübertragungen im Programm. Das übernehmen im Fußball vor allem die Unternehmen Sky und Eurosports. Die Senderechte werden zunehmend aufgesplittet, in Spiele am Freitag, Samstag, Sonntag oder Montag, die Ausstrahlung von Zusammenfassungen und die von unteren Spielklassen. So wird der Verbraucher gleich mehrfach zur Kasse gebeten, wenn er nichts versäumen will. In diesem Jahr kommt der Fan mit zwei Abos zurecht, die ihn im Jahr rund 270 Euro kosten. Im kommenden Jahr aber wird auch die Champions League nicht mehr im freien Fernsehen gezeigt. Die Kosten für alle Fußballübertragungen könnten auf gut 500 Euro im Jahr ansteigen.

Ein weiteres Wachstumsfeld sind Streaming-Dienste für Videos oder Musik. Eine Online-Befragung der Marktwächter der Verbraucherzentralen ergab, dass fast jeder Zweite kostenpflichtige Filme oder Serien anschaut. Jeder vierte bezahlt für Musik aus dem Netz. Ein wesentlicher Grund für den Erfolg der kommerziellen Anbieter liegt in der Vielfalt und Qualität des Angebots. Mit aufwendig produzierten eigenen Serien ködert zum Beispiel der Streaming-Dienst Netflix Zuschauer. Im Vergleich zu den Kindertagen des Privatfunks mit Shows wie Tuttifrutti ist der Fortschritt beträchtlich, erst Recht zu den früheren Zeiten mit gerade einmal drei öffentlich-rechtlichen Programmen. Dafür greifen die Konsumenten offenbar gerne tiefer in die Tasche.

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