Einmal arm heißt häufig lange arm

Jedes fünfte Kind lebt wenigstens fünf Jahre in Armut. Experten fordern mehr Unterstützung für die Betroffenen, damit sie nicht schon frühzeitig gesellschaftlich abgehängt werden.

Von Wolfgang Mulke

24. Okt. 2017 – Mal fehlt eine ausreichend große Wohnung für die Familie, mal gibt es keinen internetfähigen Computer im Haus, mal fehlt das Geld, um Freunde einzuladen. In armen Familien sind diese Dinge keine Selbstverständlichkeit. Für die Kinder hat dies einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung gravierende Folgen. „Wer schon als Kind arm ist und nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann, hat auch in Schule nachweisbar schlechtere Chancen“, stellt Stiftungs-Chef Jörg Dräger fest.

Die Ergebnisse der Studie sind alarmierend. Mehr als jedes fünfte Kind in Deutschland lebt über eine Zeitspanne von wenigstens fünf Jahren ständig oder wiederkehrend in Armut. Als arm gilt eine Familie, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügen kann. Bei einem Ein-Personenhaushalt liegt diese Grenze bei 969 Euro, bei einer Familie mit zwei Kindern bei 2035 Euro. Diese Werte hat die Böckler-Stiftung errechnet. Armut heißt also nicht, dass es nicht genügend zu essen oder kein Dach über dem Kopf gibt. Doch Verzicht gehört in diesen Haushalten zur alltäglichen Erfahrung.

Die Forscher haben rund 15.000 Personen befragt. Sie wollten wissen, inwieweit eine Ausstattung mit Gütern gegeben ist, die für die soziale Teilhabe wichtig sind. Dazu gehören neben einer genügend großen Wohnung etwa der Internetzugang, ein monatlicher Kinobesuch oder auch eine Waschmaschine. In Familien, die dauerhaft arm sind, fehlen durchschnittlich mehr als sieben dieser Güter. Zum Vergleich. In Haushalten mit einem sicheren Einkommen sind es nur 1,3.

An den besonders von Armut betroffenen Bevölkerungsgruppen hat sich laut Bertelsmann nichts geändert. Für Alleinerziehende, Geringqualifizierte und Familien mit drei oder mehr Kindern ist das Armutsrisiko besonders hoch.

Die heutigen staatlichen Hilfen verhinderten eine Verstetigung von schlechten Lebensbedingungen nicht, kritisiert die Bertelsmann-Stiftung. „Die zukünftige Familien- und Sozialpolitik muss die Vererbung von Armut durchbrechen“, betont Dräger. Er fordert eine grundlegend andere Herangehensweise an das Problem. Bislang würden Kinder vom Gesetzgeber „wie kleine Erwachsene“ behandelt. Doch ihr Bedarf für ein gutes Aufwachsen müsse in den Mittelpunkt gestellt werden.

Dräger schwebt ein aus drei Säulen bestehendes Modell vor. Zunächst muss danach der Bedarf der jüngsten Generation ermittelt werden. Heute wissen die Behörden gar nicht, was Kinder für ihre Entwicklung benötigen. Für die Ermittlung der Höhe von Hartz IV wird die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe des Statistischen Bundesamtes zugrunde gelegt. Für diese Statistik werden die speziell für den Nachwuchs wichtigen Ausgaben nicht widergespiegelt.

Mit den Erkenntnissen aus einer Bedarfsanalyse kann der Staat dann neue, unbürokratische finanzielle Hilfsleistungen für Kinder entwickeln. Sie sollen bisherige Leistungen wie das Kindergeld oder das Teilhabe- und Bildungspaket ersetzen und mit zunehmenden Einkommen verringert werden. Schließlich plädiert der Experte für Anlaufstellen am Wohnort, die Ansprechpartner für alle Belange der Kinder und Familien sowie gute Bildungs- und Freizeitangebote stellen. „Das gibt es zum Teil schon“, sagt Sarah Menne von Bertelsmann, man müsste jedoch überall solche Stellen einrichten.

Unterstützung bekommen die Forscher von Sozialverbänden. „Nötig sind gezielte Hilfen insbesondere für Alleinerziehende, Familien von Langzeit-Erwerbslosen und für kinderreiche Familien“, sagt Maria Lohheide, Vorstand der Diakonie Deutschland, die sich für eine einheitliche Sockelförderung für Kinder ausspricht. Das Zukunftsforum Familie fordert eine einkommensunabhängige Kindergrundsicherung in Höhe von 573 Euro.

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