Feiern und lernen

Öffnungen vorbereiten, nicht Einschränkungen

Teilen!

Von Hannes Koch

06. Jul. 2021 –

Gerade ist die Corona-Lage entspannt. Doch viele Leute haben Angst vor einem weiteren harten Herbst. Vielleicht wäre es besser, nicht zu viel über die vierte, fünfte oder sechste Virus-Variante zu grübeln, sondern sich auch auf eine mögliche Normalisierung des Lebens in den kommenden Monaten vorzubereiten. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht.

Bis August könnten 60 Millionen Bundesbürgerinnen und Bürger doppelt geimpft sein, etwa drei Viertel der Bevölkerung. Damit wäre die Herdenimmunität noch nicht erreicht, aber ziemlich nahe. Denn zur Zahl der Geimpften kann man knapp vier Millionen Menschen hinzurechnen, die eine Infektion durchgemacht haben und deshalb immun sind. Die Dunkelziffer der unwissentlich Immunisierten geht vermutlich ebenfalls in die Millionen. Hinzu kommt möglicherweise eine gewisse Grundimmunität gegen die neuen Covid-19-Viren, die sich in der Bevölkerung allmählich aufbaut.

Allerdings kann die Delta-Variante des Corona-Virus mehr Gesunde infizieren als der ursprüngliche Typ. Ein exponentielles Wachstum der Infektionen im ungeimpften Teil der Bevölkerung könnte also noch möglich bleiben. Hier helfen jedoch die flächendeckenden Schnelltests. Und auch das Maskentragen in Innenräumen wird die Bürger:innen wohl noch eine Zeit begleiten.

Und eine positive Nachricht kommt aus Großbritannien: Zwar nehmen dort die Infektionen wegen der Delta-Variante wieder zu, aber die Zahlen der schweren Verläufe und der Krankenhaus-Einweisungen steigen nur wenig. Der Grund liegt wahrscheinlich darin, dass jüngere Menschen, die sich jetzt überwiegend infizieren, mit dem Virus besser zurechtkommen. Unter dem Strich dürfte deshalb die Gefahr der Überlastung des Gesundheitssystems auch hierzulande abnehmen. Bisher war das eine wichtige Rechtfertigung für die freiheitsbeschränkenden Maßnahmen. Sie könnte bald wegfallen.

Bei aller Vorsicht sollte man deshalb auch an die Normalisierung des Lebens denken, und nicht nur an die Gefahrenabwehr. Einige Politiker und Gesundheitsexperten argumentieren inzwischen in diese Richtung. So hält Kanzleramtschef Helge Braun einen weiteren Lockdown, der auch Millionen bereits gegen Corona Geimpfter träfe, für unrealistisch. Außenminister Heiko Maas und Krankenkassenvorstand Andreas Gassen plädieren dafür, die Beschränkungen ab September aufzuheben. Und Intensivmediziner Christian Karagiannidis sagt, man solle nicht mehr vornehmlich auf die Inzidenz, den Anstieg der Infektionen schauen.

Gerade für die jungen Leute könnte es ab Herbst möglich sein, wieder ans Lernen zu denken, an die Zukunft, an Reisen und die persönliche Fortentwicklung. Spaß haben, Feiern und Druck ablassen sind wichtig. Die Polizei braucht auch mal eine Pause. Öffentliche Parks sollten nachts nicht mehr geräumt werden, Bars und Clubs wieder öffnen, Schulen und Universitäten zum Normalbetrieb zurückkehren.

Anderthalb Jahre Einschränkungen sind genug. Es ist schon der zweite Corona-Sommer. Ewig kann man die Politik der Vorsicht und Repression nicht fortsetzen. Andere Gesichtspunkte müssen wieder in den Mittelpunkt rücken, zum Beispiel die im Grundgesetz garantierte Selbstbestimmung und Freizügigkeit.

« Zurück | Nachrichten »