Für die Alten ist das Auto die Zukunft

Technische Neuerungen könnten dafür sorgen, dass ältere Menschen mehr Auto fahren

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Von Hannes Koch

13. Aug. 2014 –

Mit seinen Fachwerkhäusern ist Prüm in der Eifel hübsch, aber in mancher Hinsicht weit vom Schuss. Beispielsweise verkehrstechnisch: Nur zwei Mal pro Tag komme der Bus, berichtet Ursula Lenz über den Alltag ihrer 92-jährigen Mutter, die auf dem Land südwestlich von Bonn in einer eigenen Wohnung lebt. Das funktioniert noch, weil sie von Verwandten zum Geschäft und Arzt kutschiert wird. Für viele ältere Menschen sind jüngere Leute mit Auto die Rettung.

 

Ursula Lenz ist von solchen Problemen nicht nur persönlich betroffen. Als Pressereferentin der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen in Bonn weiß sie, dass die Bedeutung derartiger Fragen für Millionen Bundesbürger zunimmt. Das ist eine Folge des demografischen Wandels: Die Menschen leben länger, der Anteil der Älteren an der Bevölkerung steigt. So fragen sich viele: Kann ich mich im Alter noch selbstständig bewegen? Wie komme ich von A nach B, wenn ich selbst nicht mehr Auto fahren kann?

 

Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) hat am Mittwoch seine neue Liste umweltfreundlicher Fahrzeuge vorgestellt. Mit dabei ist auch eine Einschätzung der Senioren-Freundlichkeit der Autos, die heute angeboten werden. Welche Kfz passen für die ältere Generation?, fragt der ökologisch orientierte Verband. Und weißt daraufhin, dass das Auto „für viele Ältere Voraussetzung für ihre Unabhängigkeit und gesellschaftliche Teilhabe“ sei. Wohlgemerkt: Nicht Bus und Bahn, sondern das Auto.

 

Auch Verkehrsforscher Andreas Knie vom Wissenschaft-Firmen-Verbund InnoZ sagt: „Der Anteil des motorisierten Individualverkehrs am Mobilitätsaufkommen – heute 85 Prozent – wird sogar leicht ansteigen. Denn die älter werdenden Menschen sind auto-sozialisiert. Sie wechseln nicht so einfach zu anderen Verkehrsmitteln – das ist durch Untersuchungen belegt.“ Im Gegenteil: Weil viele länger gesund bleiben und neue technische Hilfsmittel zur Verfügung stehen, dehnt sich die Lebensphase noch aus, in der man individuell mobil im Auto sein kann.

 

Verantwortlich sind unter anderem technische Innovationen. So wissen die Autohersteller, dass ein Teil ihres Kundenkreises ins Rentenalter kommt und stellen sich darauf ein. Breitere Türen erleichtern das Einsteigen, eine höhere Position des Fahrersitzes verbessert den Überblick.

 

Hinzu kommen grundsätzliche Innovationen, für die stellvertretend das Google-Auto steht. So können auch stark Sehbehinderte im eigenen Wagen unterwegs sein, weil Hard- und Software die Steuerung übernehmen. Das aber ist nur ein kleiner Teil einer breiteren Entwicklung. Deutsche Hersteller arbeiten daran, dass man seine Familienkutsche bei der Autobahnfahrt in den Urlaub auf Autopilot stellen kann.

 

Außerdem gibt es seit einigen Jahren Elektro-Fahrräder – eine verkehrstechnische Erfolgsgeschichte. Die 1,7 Millionen in Deutschland verkauften Exemplare helfen unter anderem Senioren bei Touren, die sie mit einem nur muskelgetriebenen Rad nicht mehr schaffen würden.

 

So passt sich der Individualverkehr neuen Bedürfnissen an - oft im Gegensatz zum Öffentlichen Personenverkehr mit Bussen und Bahnen. Dieser funktioniert in den großen Städten, wo sich die teure Infrastruktur wegen der hohen Passagierzahlen mehr oder weniger rechnet. In dünner besiedelten Gebieten jedoch leidet der traditionelle Kollektivverkehr unter der Sparpolitik der kommunalen Haushalte. Die Häufigkeit der Verbindungen wird verringert, manche Linie gleich ganz eingestellt. Eine Rolle spielt aber ebenso die Fantasielosigkeit von Stadtverwaltungen und Firmen.

 

Senioren-Lobbyistin Lenz sagt einerseits: „Um die Mobilität älterer Menschen zu erhalten, ist der Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs notwendig, besonders auf dem Land.“ Aber sie weiß auch: Mit den bisherigen Konzepten geht das nicht. „Bessere Nahverkehrsangebote nützen nichts, wenn die Bahnen und Busse schlecht erreichbar sind.“ Alte Menschen können nicht mit dem Zug fahren, weil die Bahnsteige nur über Stufen zu erreichen sind und Aufzüge fehlen. Oder ein Höhenunterschied zwischen Bahnsteig und Fahrzeug behindert das Einsteigen. Außerdem fordert Lenz: „Die öffentlichen Haushalte müssen mehr Geld für neue Mobilitätsdienstleistungen wie beispielsweise selbst organisierte Fahrdienste zur Verfügung stellen.“

 

Das sieht auch Andreas Knie so. „Der ausschließliche Transport mit Großgefäßen ist zunehmend fehl am Platze.“ Moderner Nahverkehr, solle er noch eine Berechtigung haben, müsse viel „kundenorientierter“ werden, sagt der Wissenchaftler.

 

Beispiele dafür gibt es hierzulande nur wenige. Als ein Vorbild kann ein Angebot unter anderem im hessischen Michelbach dienen. Die dortige Odenwald-Regional-Gesellschaft (OREG) bietet eine Internet-Plattform, mit deren Hilfe Berufspendler private Fahrgäste in ihren Autos mitnehmen können – eine Kombination aus selbstorganisiertem und öffentlichem Verkehr.

 

Das Projekt des hessischen Nahverkehrsanbieters ist eine Art öffentlicher Version von Uber. Dieser Internetdienst einer US-Firma ist gerade in Hamburg verboten worden. Das Taxigewerbe hatte gegen die neue Konkurrenz rebelliert. Der Konflikt in der Hansestadt und einigen anderen Städten zeigt zweierlei: Es gibt neue Mobilitätskonzepte, die den Bedürfnissen vieler Menschen entgegenkommen – möglicherweise auch denen der Generation 60 plus. Die etablierten Anbieter, Firmen und Organisationen hingegen tun sich schwer, diese zu akzeptieren und in ihre Geschäftsmodelle einzubauen.

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