Grüner Knopf oder heiße Luft

Die Kampagne für Saubere Kleidung kritisiert das Vorhaben von Entwicklungsminister Gerd Müller, ein neues Siegel für öko-soziale Textilien einzuführen.

Von Hannes Koch

06. Jul. 2018

Die Baumwolle, aus der das Hemd gefertigt wurde, soll bitteschön aus ökologischem Anbau stammen. Und die Näherinnen müssen faire Löhne bekommen. Wer mit solchen Ansprüchen an den Kauf von Textilien herangeht, hat es nicht leicht. Die Etiketten mit Informationen in den Kleidungstücken erklären den Kunden alles Mögliche – oft ohne die wichtigen Fragen zu beantworten.

So führt die Internetseit „Siegelklarheit“ 14 Textil-Siegel mit ökologischen und sozialen Kriterien auf, die das Bundesentwicklungsministerium (BMZ) nicht für überzeugend hält. Hinzu kommen 16 Siegel, die „eine gute Wahl“ darstellen. Der Kauf eines T-Shirts kann damit zur umfangreichen Rechercheaufgabe werden – vielleicht ein Grund, warum nachhaltige Kleidung über eine enge Nische auf dem Markt nicht hinauskommt.

Mehr Übersichtlichkeit verspricht nun Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU). Für 2019 hat er ein neues, staatliches Siegel angekündigt, das die Zweifel ausräumt. Er nennt es „Grüner Knopf“. „Wer Kleidung mit dem Grünen Knopf kauft, kann sich zu 100 Prozent sicher sein, dass sie fair und nachhaltig produziert wurde“, erklärt Müller.

Kann das funktionieren? Nein, nicht so, wie der CSU-Politiker an die Sache herangehe, sagt die Kampagne für Saubere Kleidung, ein Verbund von Kritikern der Textilindustrie. „Der Entwicklungsminister muss verhindern, dass der ‚Grüne Knopf‘ nur ein weiteres Siegel wird, das nicht hält, was es verspricht“, warnt Maik Pflaum von der Christlichen Initiative Romero. Die Auseindersetzung treibt die Branche um, wenn in dieser Woche die Modemesse Berlin Fashion Week stattfindet, die einen besonderen Fokus auf nachhaltige Kleidung richtet.

Noch gibt es das Müller-Siegel nicht, ebensowenig genaue Kriterien. Müller peilt an, es ab 2019 einzuführen. Wie der Minister sagt, solle die Auszeichnung nur an Firmen vergeben werden, die Mitglieder im Bündnis für nachhaltige Textilien seien. Das ist eine von Müller selbst gegründete Organisation, die soziale und ökologische Qualität in der globalen Bekleidungsproduktion durchzusetzen versucht.

Schon der Ansatz dafür sei aber zu schwach, kritisiert die Kampagne. „Das Siegel wird keine faire und ökologische Fertigung für die gesamte Produktionskette gewährleisten, denn es soll sich erst einmal nur auf die Konfektion, also auf das Nähen der Kleidung, beschränken.“ Die anderen Herstellungstufen, beispielsweise der Anbau der Baumwolle, das Spinnen und Färben, blieben außen vor. Tatsächlich denke man an ein „Stufenmodell“, sagt ein Sprecher des BMZ. „In einer ersten Phase wird der Grüne Knopf soziale und ökologische Standards in der Produktion beziehungsweise der Konfektionierung abbilden.“ Nach und nach stiegen die Anforderungen jedoch, „bis am Ende die gesamte Lieferkette abgedeckt wird“.

Außerdem macht der Kampagne Sorgen, dass nur einzelne Produkte einer Textilmarke den Grünen Knopf erhalten könnten, während andere Artikel nicht damit ausgezeichnet würden. Dadurch könne ein falscher Eindruck entstehen, fürchten die Kritiker: Unternehmen werben dann vielleicht mit ihrer besonderen öko-sozialen Qualität, obwohl sie den größten Teil ihres Sortiments weiterhin umweltschädlich und mit schlechten Löhnen fertigen lassen. Doch auch hier beschwichtigt das BMZ: „Ein Unternehmen, das eine einzelne nachhaltige Produktreihe herstellt, aber in anderen Bereichen seiner Sorgfalt nicht nachkommt, wird den Grünen Knopf nicht erhalten können.“

Überwiegend kritisch äußern sich auch drei große Verbände der Modeindustrie. Anders als die Kampagne für Saubere Kleidung befürchten diese jedoch, dass die Regeln zu streng und für die Unternehmen zu teuer werden könnten. „Die Einführung und Wirkung eines weiteren Bekleidungssiegels erscheinen nicht praktikabel“, schreiben unter anderem der Handelsverband Deutschland und der Verband Textil & Mode.

Einige Öko-Textilfirmen betrachten Müllers Vorhaben ebenfalls kritisch, unter anderem der Nürnberger Händler Glore und das Berliner Unternehmen Lebenskleidung. Dessen Geschäftsführer Enrico Rima hält die Einführung eines anspruchsvollen Siegels ab 2019 für unrealistisch. Ein solcher Prozess brauche viel mehr Zeit. Outdoor-Ausrüster Vaude begrüßt das Müller-Siegel dagegen.

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