Jeder darf sich Meteorologe nennen

Die Qualität von Wetter-Apps ist so unterschiedlich wie das Wetter selbst. Das kostenlose Angebot des Deutschen Wetterdienstes (DWD) macht den privaten Firmen kräftig Konkurrenz.

Von Wolfgang Mulke

06. Okt. 2017 – Obwohl draußen vor dem Hotel Alpengarten im österreichischen Mallnitz noch bestes Wanderwetter ist, packt eine belgische Familie vorzeitig die Koffer. Denn der Wetterbericht ihrer Smartphone-App sagt Kälte und Regen voraus. „Die Prognosen stimme oft nicht“, ärgert sich der Hotelbesitzer Peter Angermann. Regelmäßig werde das aktuelle Klima in der Region schlechter dargestellt, als es ist. Und die Gäste würden sich danach richten, statt einfach aus dem Fenster zu schauen.

Sehr verlässlich sind viele Prognosen der privaten Anbieter von Wetterberichten nicht. Mitunter sagen zwei Anbieter sogar völlig gegensätzliche Entwicklungen voraus. Bei einem wird es kühl und regnerisch, während der andere zur selben Zeit sonniges Sommerwetter erwartet. „Wir staunen manchmal, wie unterschiedlich die Vorhersagen sind“, stellt der Sprecher des steuerfinanzierten Deutschen Wetterdienstes (DWD), Gerhard Lux, fest. Dies Beobachtung haben auch verschiedene Vergleichstests, etwa von der Stiftung Warentest, schon bestätigt. Insbesondere bei den kostenlosen, auf den Smartphones beim Kauf bereits installierten Programmen, entdeckten die Tester bei Vergleichen Mängel.

Die Fehleinschätzungen haben Fachleuten zufolge mehrere Ursachen. Eine ist die Fülle und Auswahl der Daten. Einen wichtigen Block an Informationen beziehen die Apps vom amerikanischen Wetterdienst NOAA. Stützt sich eine Prognose allein darauf, oder auf die privaten meteorologischen Dienste der USA, sind daraus abgeleitete Vorhersagen für Deutschland noch recht ungenau. Das ist bei vielen Anbietern der Fall. Die Datenbasis ist zu gering.

„Es darf sich jeder Meteorologe nennen“, sagt Dominique Jung. Erst mit dem akademischen Diplom versehen, ist die Berufsbezeichnung geschützt. Diplom-Meteorologe Jung bietet selbst Prognosen an. Dabei werden die US-Daten durch französische und britische Wetterbeobachtungen ergänzt und von Fachleuten ausgewertet. Die Vorhersagen seiner Firma wetter.net werden vor allem an Unternehmen verkauft. „Man sollte darauf achten“, rät Jung deshalb, „wer hinter einer App steht.“

Das Geschäft mit Wettervorhersagen ist ein vergleichsweise kleiner Markt in Deutschland, mit einem Umsatz im niedrigeren zweistelligen Millionenbereich. Die Apps leben in der Regel von Werbung auf ihren Seiten oder bieten neben einer kostenlosen Version auch eine gebührenpflichtig an. Wird bezahlt, gibt es auch eine genauere Prognose, weil die Angaben häufiger aktualisiert werden. Das ist gerade beim häufig benutzten Regenradar von Wetteronline.de hilfreich. Denn Schauer und Gewitter sind regional nur schwer exakt vorherzusagen.

Jung ärgert es, wenn die Anbieter dies vorgeben. „Die Apps gaukeln eine Genauigkeit vor, die es gar nicht geben kann“, kritisiert er. Gewitter ließen sich am Vortag zwar für eine größere Region anzeigen, nicht jedoch für eine bestimmte Stadt in dieser Gegend. Auch der DWD sieht die Praktiken einiger App-Anbieter kritisch. Da würden Prognosen über einen Zeitraum von mehr als zehn Tagen angezeigt, sagt Lux, das gehe verlässlich gar nicht.

Wie arbeitsintensiv der Meteorologie ist, zeigen die Zahlen des DWD. Acht Mal täglich erneuert der Dienst seine Vorhersage. Rund eine Million Datenpakete werden von den Computern der Offenbacher in dieser Zeit verarbeitet. Sie stammen zum Beispiel von anderen nationalen Wetterbeobachtern, mehreren Tausend Handelsschiffen, die auf den Weltmeeren Messungen vornehmen, oder einen Dutzend Satelliten. Entscheidend für eine präzise Prognose sind schließlich nicht die in Deutschland vorgenommenen Messungen von Temperatur oder Luftdruck. „Unser Wetter wird vor allem im Nordatlantik gemacht“, sagt Lux. Viele Messstellen in Deutschland, mit dem ein privater Wetterdienst wirbt, sind demnach eher für weiter östlich liegende Länder interessant. Denn das hiesige Hoch oder Tief zieht womöglich dorthin.

Der Bedarf der Verbraucher an den Prognosen von Regen, Sonnenschein, Wind und Temperatur ist beträchtlich. Entsprechend viele Apps werden in den einschlägigen Online-Shops für Smartphones auch angeboten. Wie die Wettermodelle der einzelnen Anbieter zustande kommen, wird als Geschäftsgeheimnis streng geheim gehalten. Auch das erschwert eine Einschätzung der Seriosität.

Zum Leidwesen der privaten Firmen hat sich mit dem DWD auch der staatlich finanzierte Wetterdienst mit einer eigenen App ins Netz begeben. So soll die Bevölkerung vor allem vor Gefahren wie Tornados oder Starkregen gewarnt werden. „Es gibt die Notwendigkeit, die Leute direkt zu erreichen“, verteidigt Lux den kostenlosen Service. Was Jung daran stört, sind weitere Angaben. So gibt es auf der DWD-App „Warnwetter“ auch einen kostenlosen, genauen und oft aktualisierten Wetterbericht für diesen und den nächsten Tag. Das gräbt dem Experten zufolge der kostenpflichtigen privaten Konkurrenz das Wasser ab. „Viele Nutzer sind schon gewechselt“, beobachtet Jung.

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