Jeder zweite Beschäftigte geht krank zur Arbeit

Index Gute Arbeit der Gewerkschaften: 33 Prozent der Arbeitnehmer finden ihre Arbeitsbedingungen schlecht, 67 Prozent sind leidlich oder sehr zufrieden

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Von Hannes Koch

25. Jun. 2009 –

Fieber, starke Rückenschmerzen, eigentlich sollte man zu Hause bleiben. Und doch schleppen sich viele Beschäftigte zur Arbeit -- nicht selten aus Angst vor Nachteilen, aus Pflichtgefühl, aber auch, weil wichtige Dinge zu tun sind. Jeder zweite Beschäftigte in Deutschland ist im vergangenen Jahr zweimal oder öfter krank in die Firma gegangen. Das ist ein Ergebnis des Index Gute Arbeit 2009 des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

Im ersten Quartal 2009 hat der DGB knapp 8.000 Beschäftigte aller Branchen befragen lassen. Sie konnten Punkte zwischen 0 und 100 für die Qualität ihrer Arbeitsplätze vergeben. Zwölf Prozent der Befragten schätzen ihre bezahlte Tätigkeit demnach als "gut" ein (80 Punkte und mehr), 55 Prozent finden sie mittelmäßig (50 bis 80 Punkte), 33 Prozent aber schlecht (unter 50 Punkte).

Die Bewertung setzte sich aus 15 Kriterien zusammen. Die besten Noten verliehen die Beschäftigten durchschnittlich für die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit ihrer Kollegen und den "Sinngehalt" der Arbeit. Weit oben lagen auch "Möglichkeiten für Kreativität" und der leidlich funktionierende "Informationsfluss" im Betrieb. Die schlechsten Bewertungen kamen dagegen hinsichtlich der Aufstiegsmöglichkeiten und der Einkommen zustande.

So würden beispielsweise in der Krankenpflege 40 Prozent aller Beschäftigten weniger als 2.000 Euro brutto monatlich verdienen, kritisierte Margret Mönig-Rahne, Vize-Chefin der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di. Ähnlich mager seien die Löhne in Altenpflege-Einrichtungen und Kinderstagesstätten -- ein Gegensatz zu den gerade dort steigenden Anforderungen an die Beschäftigten.

In der Bewertung nach Branchen schnitten Lehre, Wissenschaft, Banken, Versicherungen und kaufmännische Berufe mit höherer Ausbildung am besten ab. Dort waren durchschnittlich rund 80 Prozent der Beschäftigten gut oder mittelmäßig zufrieden. Soziale Berufe rangierten im Mittelfeld. Am unteren Ende der Skala stehen Fahrer, Beschäftigte der Telekommunikation, die häufig in Callcentern arbeiten, und Mitarbeiter von Wachdiensten.

Große Veränderungswünsche haben die Beschäftigten bezüglich ihrer Arbeitszeit. Frauen und Männer in Vollzeittätigkeiten würden ihre Stunden gerne reduzieren. Teilzeitarbeiter dagegen möchten ihre Arbeitszeiten eher aufstocken. Selten scheint der Mittelweg möglich zu sein, den sich die Arbeitnehmer erhoffen.

Ungefähr die Hälfte der Lohnabhängigen nimmt an, dass sie ihre Arbeit unter den augenblicklichen Bedingungen bis zur Rente fortsetzen kann. 50 Prozent sind dieser Ansicht nicht. Sie befürchten, dass ihre Gesundheit dies nicht erlaubt. Besonders hoch ist der Anteil der Skeptiker in der Altersgruppe unter 25 Jahre, bei den befristet und prekär Beschäftigten. Die Gewerkschaften erklären dies mit dem hohen Druck, der schlechten Bezahlung und den ungesunden Bedingungen, denen Niedriglohnarbeiter ausgesetzt seien. Der Anteil solcher Jobs liege bei jungen Leuten sehr hoch.

DGB-Chef Michael Sommer nimmt an, dass sich diese Bedingungen 2009 und 2010 zusätzlich verschärfen. Die Wirtschaftskrise werde die Unsicherheit für viele Arbeitnehmer erhöhen und die Zufriedenheit verringern. In den vergangenen zwei Jahren hatte sich die Bewertung der Arbeitsplätze durch die Beschäftigten dagegen kaum verändert. Die Befragung ließ der DGB erstmals 2007 durchführen.

Der Index Gute Arbeit soll dazu dienen, Druck auf die Unternehmen auszuüben, damit diese die Arbeitsbedingungen verbessern. Forderungen richten die Gewerkschaften aber auch an die Politik: Sie verlangen, die Rente mit 67 rückgängig zu machen und einen flächendeckenden Mindestlohn einzuführen, um die Bezahlung im Niedriglohnbereich anzuheben. http://www.dgb-index-gute-arbeit.de/http://www.dgb-index-gute-arbeit.de/

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