Waschmaschinen sollen vor allem Socken, T-Shirts und Hosen reinigen. Nur die wenigsten betrachten die Geräte als wichtigen Teil der Energiewende in Deutschland. Doch wann sie waschen, kann entscheidend dafür sein, ob das Stromnetz stabil läuft – und Verbraucher können sogar Geld sparen. Das gilt auch für Trockner und Spülmaschinen, Wärmepumpen und Elektroautos. Erstmals gibt es dazu jetzt belastbare Zahlen.
Vor 30 Jahren war die Energiewelt klar und übersichtlich. Große Kraftwerke erzeugten aus Gas, Kohle und Uran zentral Strom und lieferten ihn an die Haushalte, die ihn verbrauchten, wann sie wollten. War weniger Strom nötig, produzierte ein Kraftwerk weniger. Inzwischen kommen rund 60 Prozent des Stroms aus Wind- und Sonnenenergie. Die Anlagen sind deutlich kleiner als die alten Kraftwerke und verteilt über das Land. Und sie liefern nicht so gleichmäßig Energie.
Wenn es weht und die Sonne strahlt, Hellbrise genannt, gibt es viel Energie, entsprechend niedrig sind die Preise. Teilweise gibt es sogar Geld dafür, Strom zu verbrauchen. Oder Windanlagen werden abgeschaltet, damit das Netz nicht zusammenbricht. Bei Windstille und bedecktem Himmel, Dunkelflaute, ist Strom knapp und teuer. Das Problem lässt sich mit Kraftwerken lösen, die im Notfall schnell anspringen. Die Bundesregierung will deshalb Gaskraftwerke mit einer Leistung von bis zu 20 Gigawatt bauen lassen.
Für den Ernstfall ist das offenbar nicht genug. „Das reicht nicht, um die Lücke zu schließen“, sagt Filip Thon, Chef von Eon Deutschland. Warum also nicht dann Strom verbrauchen, wenn er günstig ist? Nur, wie viel Verbrauch lässt sich in solche Zeiten verschieben? Und welche Geräte eignen sich? Eine Studie von Eon mit der Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) sieht nennenswerte Chancen bei Hausgeräten wie Trocknern, Spül- und Waschmaschinen, bei privaten Solaranlagen, die mit einer Batterie ausgestattet sind, bei Elektroautos und bei Wärmepumpen.
Insgesamt können demnach theoretisch in diesem Jahr 15,6 Terawattstunden Strom in Zeiten verbraucht werden, wenn es viel Angebot gibt und die Preise niedrig sind. Das entspricht etwa 3,6 Prozent des in Deutschland ins Netz eingespeisten Stroms (431,5 Terawattstunden 2024) oder etwa zweimal dem Jahresverbrauch Münchens, wie Filip Thon sagt. Mehr als die Hälfte kommt über Hausgeräte zustande.
Bis 2030 sollen es 30,9 Terawattstunden sein, getrieben vor allem von mehr E-Autos, die in Deutschland gefahren werden. Gleichzeitig werde auch der Anteil der erneuerbaren Energien weiter steigen, sagt FfE-Geschäftsführer Serafin von Roon. „Wenn wir die Chancen der Flexibilität nicht nutzen, wird es sehr teuer.“ Zum Beispiel, weil mehr Gaskraftwerke nötig sind, die nur selten laufen.
Theoretisch ist der Wert für 2025, weil ein Haushalt wissen muss, wann Strom günstig ist, um genau dann zu waschen, das E-Auto zu laden oder die Batterie der Solaranlage aus dem Netz zu füllen. Mit klassischen Stromzählern, wie sie in den meisten Häusern und Wohnungen eingebaut sind, ist das nicht möglich. Denn die messen nur den Verbrauch. Nötig sind sogenannte Smart Meter, intelligente Zähler, die zusätzlich auch Daten per Mobilnetz senden und aus der Ferne gesteuert werden können. Während die Geräte in vielen Ländern Europas bereits flächendeckend eingebaut sind, fehlen sie in Deutschland weitgehend.
Seit Jahresbeginn gilt eine Pflicht für Anschlüsse mit einem Verbrauch von mehr als 6000 Kilowattstunden. Auch wer seit 2024 eine Wallbox oder Wärmepumpe betreibt oder eine Photovoltaikanlage mit mehr als sieben Kilowatt braucht einen solchen Zähler. Bei anderen ist er freiwillig. Bisher wirkt das Gesetz nicht recht: „Der Pflicht-Rollout läuft schleppend“, sagt Thon. Und ohne Smart Meter keine intelligente Verbrauchssteuerung etwa der Waschmaschine, die anspringt, wenn ein Versorger sogar dafür zahlt, dass jemand Strom abnimmt.
Im Mai war das an mehreren Tagen der Fall, meist zur Mittagszeit, wenn die Sonne hoch am Himmel steht und gleichzeitig Wind weht. Dann ist das Angebot so hoch, dass der Strompreis an der Börse negativ wird – wer verbraucht, bekommt Geld. Abends und nachts ist der Anteil der erneuerbaren Energiequellen gering, das Stromangebot damit auch, der Preis hoch.
Damit die Verbraucher etwas davon haben, brauchen sie neben dem Smart Meter einen besonderen Tarif. Zwei Arten gibt es: dynamisch und flexibel. Beim dynamischen Tarif schlägt der Preis an der Strombörse voll durch. Dann gibt es mittags Geld, wenn der Geschirrspüler wegen der niedrigen Preise automatisch gestartet wird, abends kann die Kilowattstunde aber auch sehr teuer sein. Im Schnitt übers Jahr kann der Preis aber niedriger liegen als mit einem klassischen Festvertrag.
Um Schwankungen zu puffern, gibt es Flextarife. Der Stromanbieter verlangt einen festen Preis je Kilowattstunde und zahlt Geld zurück, wenn die Kunden zum Beispiel das E-Auto automatisch zu günstigen Zeiten laden lassen.
Ob alles so kommt, wie in der Studie vorhergesagt, ist unklar. Die Hochrechnung ist vereinfacht, um überhaupt Zahlen zu bekommen. Netzeffekte, Preise für Smartmeter und ähnliches sind nicht berücksichtigt. Und das neue dynamische System hat Tücken: Wenn alle solche Tarif haben, werden bundesweit alle Waschmaschinen anspringen, wenn Strom sehr billig ist – das würde das Netz dann trotz sauberer Socken doch schwer belasten.