Es riecht stechend metallisch, typisch, hier wird geschweißt und mit Trennschneidern gearbeitet. Irgendwo tackert gleichmäßig ein Kompressor, Druckluft zischt. An der rostroten Stahlwand verschwindet ein Rohr nach oben. Gut 70 Meter höher im Staubdunst ist gerade noch die runde Decke zu erkennen. Willkommen in der höchsten Thermoskanne Deutschlands, vermutlich Europas.
Der rund 80 Meter hohe Turm entsteht gerade auf dem Gelände der Fernwärme Ulm (FUG), wird offiziell ein Hitzespeicher. „Wir können mit ihm unsere Anlagen besser auslasten und optimieren“, sagt FUG-Projektleiter Axel Brettschneider. Sein Unternehmen betreibt mehrere Kraftwerke, 184 Kilometer Leitungsnetz und versorgt gut 30 Prozent der Ulmer mit Fernwärme.
Anlagenbauer Bilfinger aus Mannheim errichtet den Turm mit einer besonderen Technik. „Wir bauen von unten nach oben. Der Turm schraubt sich hoch“, sagt Projektleiter Wolfgang Niedrist. „Die Technik ist einmalig.“ Erst jetzt fällt auf, dass draußen keine Kräne stehen wie sonst bei Hochbauten. Stattdessen setzen die Bilfinger-Leute große Stahlplatten zu einem kontinuierlichen leicht angeschrägten Band zusammen, das langsam seitlich am Turm eingezogen und dann verschweißt wird.
Die Stahlteile sind jeweils 10,4 Meter lang und 3,25 Meter hoch. Insgesamt besteht der Turm aus 188 solcher Platten, die per Lkw aus dem Bilfinger-Werk im österreichischen Wels kommen. An diesem Dezember-Tag schweißt der Roboter gerade zwischen Nummer 139 und 147. Fertig sein soll der Turm im Sommer 2026. Dann werden rund 38 Millionen Liter bis zu 110 Grad heißes Wasser in ihm gespeichert.
Die riesige Thermoskanne hilft der FUG, sich von fossilen Brennstoffen zu trennen. Auf dem Gelände verbrennen zwei Biomasseanlagen allem Altholz, das nicht wiederverwertet werden kann. Zwei Blockheizkraftwerk laufen. Perspektivisch soll statt Gas Wasserstoff eingesetzt werden. Auch über Geothermie denkt die FUG nach. Das letzte der beiden Kohlekraftwerke hat das Unternehmen Anfang 2024 stillgelegt. Auf der ehemaligen Kohlehalde schraubt sich jetzt der Fernwärmespeicher in die Höhe.
Vor allem die Blockheizkraftwerke liefern neben Wärme auch Strom. Brettschneider hofft, sie besser nutzen zu können, wenn der Turm fertig ist. „Wir können dann auch auf den Strommarkt reagieren“, sagt er. Das bedeutet: Strom dann produzieren, wenn der Bedarf und damit der Preis hoch ist. Sollte die Wärme gerade nicht gebraucht werden, wird sie in der Thermoskanne gespeichert. „Wir müssen dann die Kraftwerke nicht anwerfen, wenn wir Wärme brauchen und der Strompreis niedrig ist“, erklärt Brettschneider.
Im August 2024 begann die FUG, das Fundament des Turms zu bauen, rund 40.000 Tonnen Stahl und Wasser sollen schließlich nicht im Ulmer Boden versacken. 80 Betonpfähle mit einem Durchmesser von je 90 Zentimetern sind bis zu 30 Meter tief im Boden versenkt und ruhen auf Gestein. Im März begann dann das Bilfinger-Team auf der neuen Bodenplatte.
15 bis 20 Millionen Euro lassen sich die Ulmer den Turm nebst Anschlüssen kosten. Auch wenn er das Netz stabilisiert, und sie die Anlagen besser fahren können, „ohne staatliche Förderung rechnet sich das nicht“, sagt Brettschneider. Der Bund gibt 45 Prozent als Zuschuss. Brettschneider erwartet, dass die Anlage nach rund zehn Jahren dann wirtschaftlich ist, also Geld verdient. „Vergleichbare Anlagen laufen schon 50 Jahre“, berichtet Niedrist.
„Sechs solcher Türme mit der Druckausgleichskammer an der Spitze haben wir bereits gebaut“, sagt der Bilfinger-Projektleiter. „Keiner ist von der Stange. Jedes Projekt wird einzeln für den jeweiligen Standort geplant.“ Zuletzt hat das Team einen Speicher in München fertig gestellt. „Der ist aber deutlich flacher.“
Das der Ulmer so hoch ausfällt, hat mit dem Stadtteil Böfingen zu tun, der mehr als 70 Meter oberhalb des Zentrums liegt. Auch dort soll das Wasser des Speichers noch ins Fernwärmenetz fließen. Entsprechend Druck muss auf den Leitungen liegen.
Die Schraubtechnik Bilfingers kommt bei diesem Turm an die Grenzen. „Das sind 1200 Tonnen Stahl einschließlich Spindeltreppe außen und aller Rohre“, sagt Niedrist. Die besondere Vorschubtechnik schafft nur 900 Tonnen, weshalb sie diesmal zwei Runden Stahl bereits auf dem Boden gebaut haben. „Wir beginnen mit dem Hochschrauben in etwas mehr als sieben Metern Höhe“, sagt der Projektleiter. Deshalb arbeiten Heber und Schweißgerät von einer Galerie aus, auf die eine Gerüstleiter führt.
Im Halbdunkel ist sehr gut die helle Linie zu sehen, die den angehobenen Turm von den unten fertig montierten Teilen trennt. Oben auf der Galerie lassen sich auch die hydraulischen Heber erkennen, die im Abstand von etwa einem halben Meter hintereinander angebracht sind. „Sie heben den Turm an und schieben ihn gleichzeitig vor“, erklärt Niedrist. „Dann setzen sie wieder ab und greifen hinten neu an.“ Der Turm schraubt sich maximal zehn Zentimeter pro Schritt vor. Unten tackert wieder der Kompressor los.
Im Januar soll der Stahlmantel fertig sein. Er ist dann halb so hoch wie das berühmte Ulmer Münster. Im März wird der Turm für letzte Tests mit Wasser gefüllt. Dann wird die riesige Thermoskanne noch mit einer 50 Zentimeter dicken Dämmschicht Mineralwolle ummantelt. Bleibt noch eine Frage: Kann der Turm platzen? Niedrist schaut etwas irritiert. „Er ist ausreichend dimensioniert, das passiert nicht.“