Die Baumkuchen im Stromnetz

Bahadir Basdere steht etwas unter Strom. Den Chef des Berliner Unternehmens Trench beschäftigt unter anderem, wie er die ganze Nachfrage bedienen soll. Denn in seiner Branche, der Energiewirtschaft, boomt es – weltweit und unabhängig von Zollstreitereien oder geopolitischen Machtspielen. Alle wollen Strom, alle müssen in Überlandnetze investieren und ohne Teile von Trench bleiben die Steckdosen zu Hause tot.

Basderes Unternehmen hat zwei Jahre mit jeweils im Schnitt 30 Prozent Wachstum hinter sich. Im vergangenen Jahr hat er ein Fünftel mehr Mitarbeiter eingestellt. 2800 sind es jetzt. Es ginge wohl mehr, aber: „In der Energiewirtschaft begrenzt derzeit das fehlende Personal das Wachstum.“ Trench hat einen enormen Wettbewerbsvorteil. „Wir sind führend im Bereich der Höchstspannungs-Stromübertragung“, sagt Basdere. „Unsere Produkte findet man in jedem Umspannwerk und praktisch in jedem Stromnetz der Welt.“

Das Unternehmen verkauft an Netzbetreiber wie Tennet, 50Hertz oder Amprion und an Konzerne wie Hitachi (Japan), GE (USA) oder Siemens Energy, die Netze und Kraftwerke bauen. Privatleute werden die Teile, die in einem der acht Trench-Werke weltweit hergestellt werden, eher nicht bestellen. Da sind zum einen sogenannte Bushings. Sie verbinden das Überlandkabel mit einem Transformator und puffern den Strom.

„Sehr viele Menschen haben solche Durchführungen schon einmal gesehen“, sagt Basdere. „Ihre äußere Hülle ähnelt einem langen Baumkuchen.“ Die Teile können bis zu 15 Metern lang sein und einschließlich Isolator einen Durchmesser von einem Meter haben. Pro Stück kosten sie bis zu 1,5 Millionen Euro. Ohne Bushings dürfte ein Transformator durchbrennen, wenn Strom durchs Netz fließt – im Höchstspannungsbereich mit 380 und deutlich mehr Kilovolt. Aus der heimischen Steckdose kommen 240 Volt.

Dann baut Trench noch Messwandler, eine Art Stromzähler für Höchstspannungsleitungen. Hier ist das Unternehmen Technologieführer. Ein weiteres Produkt sind Luftspulen, die Schwankungen im Netz ausgleichen und recht unspektakulär tonnenförmig aussehen.

Das Wachstumstempo in der Branche wird nicht nachlassen. In den kommenden Jahren wird deutlich mehr Strom verbraucht als heute, etwa, weil die Zahl der Elektroautos kräftig steigt. 2030, so haben Experten für das EU-Parlament ausgerechnet, braucht die Staatengemeinschaft 60 Prozent mehr Strom als heute. Dafür müssen die Netze erneuert und erweitert werden. Die Kosten schätzt der Bericht auf mindestens 584 Milliarden Euro.

Und in den USA? Der Markt wachse enorm, sagt Basdere. „Das Stromnetz dort ist veraltet und muss erneuert werden. In der Vergangenheit wurde wenig investiert. Gleichzeitig steigt der Strombedarf durch E-Autos, künstlicher Intelligenz und Rechenzentren.“ Allein für letztere soll sich der Bedarf bis 2028 im Vergleich zu 2023 mehr als verdoppeln. Der Inflation Reduction Act von 2022 löste bereits Investitionen von rund 400 Milliarden Dollar (350 Milliarden Euro) aus.

Nicht nur die Strommenge weltweit steigt, auch die Anforderung an die Netze. „Je mehr erneuerbare Energie eingespeist wird, desto komplexer wird es“, sagt Basdere. Die Anlagen liefern zum einen nur ungleichmäßig Energie, je nach Wind und Sonneneinstrahlung. Zudem ist andere Technik nötig. „Weil der Strom heute über längere Strecken transportiert werden muss, etwa von der Küste nach Süddeutschland, werden neue Leitungen mit Gleichstrom gebaut“, sagt der Trench-Chef. „Dieser Strom kann auf Höchstspannungsniveau mit weniger Verlust transportiert werden als Wechselstrom. Es sind dafür aber mehr Transformatoren nötig und damit auch mehr unserer Produkte.“

Die stellt Trench in acht Werken weltweit her, in Kanada, in China, in Europa. In Deutschland fertigt das Unternehmen im bayerischen Bamberg und in Troisdorf südöstlich von Köln. Zuletzt haben die Berliner ein Werk in den USA gekauft, dass für 60 Millionen Dollar erweitert wird. Vor zwei Jahren setzte Trench noch rund 500 Millionen Euro um, im laufenden Geschäftsjahr sind es wohl rund 900 Millionen Euro. Bestellt sind bereits Teile für 1,3 bis 1,5 Milliarden Euro.

Da sollte ein ordentlicher Gewinn übrig bleiben. Genaue Zahlen nennt Basdere nicht. „Wir sind profitabel. Was wir verdienen, investieren wir direkt in unser Wachstum.“ Bis April 2024 gehörte Trench noch zu Siemens Energy. Damals trennte sich der Konzern von der Sparte mit mehr als , die Basdere da schon sechs Jahre leitete. Der deutsch-schwedische Finanzinvestor Triton übernahm.

Der ist für Tempo bekannt. Zuletzt brachte der Investor den Augsburger Panzergetriebeherstellers Renk Anfang 2024 an die Börse. Knapp vier Jahre zuvor hatte das Unternehmen noch zum VW-Konzern gehört, passte aber nicht mehr in die Unternehmensstrategie. Andere Branche, anderes Geschäft, aber auch Boom.

Basdere jedenfalls steuert Trench von seinem neuen Büro am Südkreuz in Berlin aus. Dort wird überall gebaut, ein neues Stadtviertel entsteht. Schon für Siemens Energy arbeitete er aus der deutschen Hauptstadt, damals allerdings in alten Büros im Stadtteil Wedding, knapp sechs Kilometer Luftlinie.

Und warum heißt das neue Unternehmen mit gut 125 Jahren Tradition Trench? Mit Trenchcoat oder dem englischen Begriff von Schützengräben hat der Name nichts zu tun. Benannt ist Trench nach dem Kanadier Toni Trench, der 1962 die Luftspule erfunden hat.