Die Rückkehr des Ersatzkaffees

Erstmal eine Tasse Kaffee! Sie gehört für viele zum Tag dazu. Im Schnitt trinkt jede und jeder in Deutschland 163 Liter Kaffee im Jahr. Das rechnet der Deutsche Kaffeeverband vor. Kaffee ist das Lieblingsgetränk der Deutschen, liegt noch vor Mineralwasser und Bier. Nur: Der Preis für Kaffeebohnen kennt derzeit kaum eine andere Richtung als nach oben. Tchibo, größter Kaffeeröster Deutschlands, steigt nun in das Geschäft mit Lupinen ein, andere ersetzen die Bohnen durch Getreide oder Zichorie. Was steckt dahinter?

Die Ware ist heiß begehrt, aber kostspielig: Der Import von nicht gerösteten Kaffeebohnen verteuerte sich von 2021 bis 2025 laut dem Statistischen Bundesamt um knapp 150 Prozent. Längst macht sich das im Supermarktregal bemerkbar.

Die Verbraucherzentrale Hamburg zum Beispiel listet derzeit „Jacobs Espresso Sticks“ als „Mogelpackung“. Als Kunden die Packungen der Sorten Crema und Espresso im Januar 2026 bei einem Rossmann-Drogeriemarkt kauften, enthielten diese statt zuvor 25 Sticks nur noch 20. Der Preis aber war derselbe: 2,29 Euro. Das entspricht einem Preisanstieg von 25 Prozent.

Den hatte Hersteller Jacobs Douwe Egberts DE GmbH im November 2025 erklärt mit den „erheblich“ höheren Rohkaffeepreisen, die „vor allem auf die extremen Witterungsbedingungen in den wichtigsten Kaffeeanbauländern zurückzuführen“ seien – und schlechtere Ernten.

In den Top-5-Kaffeeanbauländern – Brasilien, Vietnam, Kolumbien, Äthiopien und Indonesien – treten nach einer neuen Analyse der gemeinnützigen US-Organisation Climate Central zum Beispiel öfter Tage mit mehr als 30 °C auf. Das schadet besonders Arabica-Kaffeepflanzen. Neben Robusta ist Arabica die am häufigsten genutzte Art.

Mit Kaffee wird wie mit vielen anderen Rohstoffen spekuliert. Preisschwankungen gehören darum immer dazu. Doch die Bohnen legen per Schiff einen weiten Weg zurück, und Treibstoff wird teurer. Zugleich steigt die Nachfrage, wird etwa in Asien das Kaffeetrinken beliebter. Das alles treibt die Preise derzeit besonders. Der Klimawandel verschärft diese Lage nun noch. Auch Tchibo verlangt seit Mitte Februar mehr Geld für seine Klassiker, 500 Gramm „Feine Milde“ kosten zum Beispiel statt 8,99 Euro nun 9,99 Euro.

Kaffeebohnen sind noch keine Mangelware, an ihrem Ersatz wird aber längst gedacht. Ganz neu ist das alles nicht. Berühmt: der Caro-Kaffee. Er kam 1954 in Deutschland auf den Markt als lösliches Kaffee-Ersatzgetränk aus Gerste, Roggen, der Wurzel der Zichorie, auch Wegwarte genannt. In der Nachkriegszeit gab es nur wenig klassischen Kaffee. Das Alternativ-Produkt, auch gern als Muckefuck oder Malzkaffee bezeichnet, kam gerade recht. Körner zu einem Getränk aufzubrühen, das hatten aber auch schon die alten Ägypter gemacht.

Heute erlebt der Ersatz-Kaffee ein Comeback – aus Zutaten, die sich hierzulande anbauen lassen. Darunter Getreide wie Gerste, Roggen oder auch Dinkel. Auch Zichorie, Löwenzahn oder Lupine werden genutzt. Immer gilt: Die klassischen Bohnen sind raus und damit ist es auch ihr Koffein.

Woher der Trend kommt: unklar. Koffein-Verzicht, um etwa den Magen zu schonen, mag eine Rolle spielen. Tchibo hingegen will den genau nicht, sondern ganz das Gegenteil: Das Hamburger Traditionsunternehmen will den Kaffee mit Koffein retten.

Monika Heyn ist dort Produktentwicklerin. Sie sagt: „Es gibt Berichte, nach denen könnten sich die für den Kaffeeanbau bisher geeigneten Fläche wegen des Klimawandels möglicherweise halbieren.“ Darum suchten sie nach Alternativen, „nach einer neuen Richtung für den Kaffeegenuss der Zukunft“, hätten etwa zwei Jahre getüftelt, dabei die Lupine entdeckt.

Diese könne die klassische Bohne aber nicht zu 100 Prozent ersetzen. Für den Kaffeegeschmack sei deren Koffein entscheidend. So mische Tchibo nun die klassischen Bohnen mit Samen der Süßlupine, die sie aus Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern beziehen. Diese ließen sich ähnlich wie Kaffee rösten, schmeckten leicht süßlich und hätten nussige Noten.

Die genaue Zusammensetzung: 51 % Süßlupinen und 49 % Robusta-Bohnen. Im Vergleich zu Arabica enthalte Robusta mehr Koffein, am Ende sei der Koffeingehalt „nur etwas geringer“ als bei gewöhnlichem Kaffee, meint Heyn. Der Preis für die 250-Gramm-Packung „Kaffee & Lupine“ gemahlen: 3,99 Euro.

„Wer auf Erdnüsse allergisch ist, sollte bei Kaffee mit Lupinen allerdings vorsichtig sein, dann reagiert man womöglich auch auf sie“, sagt Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. „Ansonsten ist das“, beobachtet er, „eine Entwicklung wie beim Kakao.“

Auch die Preise für Kakao stiegen weltweit wegen sinkender Ernten. Darum werde längst mit Schokolade ohne Kakao experimentiert. Rewe setze als erster großer deutscher Lebensmitteleinzelhändler in einigen Produkten seiner Eigenmarken diese bereits ein: Choviva, hauptsächlich bestehend aus gemahlenen Sonnenblumenkernen, pflanzlichem Fett, Zucker.

„Gegen solche Alternativprodukte spricht nichts, wenn vorne auf der Verpackung klar und deutlich steht, was drin ist“, sagt der Verbraucherschützer. Trotz geringerer Rohstoffkosten seien die Ersatzprodukte meist nicht günstiger, zumal die Mengen noch klein seien, es auch an Konkurrenz fehle. „Außerdem“, so Valet, „wollen Hersteller und Händler das Preisniveau ihrer Produkte aus eigenem Interesse heraus hoch halten.“ Die Tasse Kaffee wird dem Mensch wohl teuer bleiben.