Auch auf der 7.000 Kilometer von Paris entfernten Karibikinsel Martinique finden die französischen Kommunalwahlen statt. Was hält die dortige Bevölkerung von Frankreich und Europa?
Bei vollem Tank verspricht das digitale Armaturenbrett des Peugeot „520 Kilometer Autonomie“. Von diesem Lebensgefühl kann aber keine Rede sein, wenn man im alltäglichen Morgen-, Mittag- oder Nachmittagsstau auf der dreispurigen Autobahn zwischen Fort-de-France und Le Lamentin in der Sonne brütet.
Mehr politische Autonomie ist für viele Bewohner:innen Martiniques ein wichtiges Thema – auch jetzt im Wahlkampf. In Strasbourg, Lyon, Paris, in tausenden französischen Dörfern werden die Bürgermeister:innen gewählt, auf Martinique in der Karibik ebenfalls. Denn die Antilleninsel gehört zu Frankreich. Sie ist ein Übersee-Departement vor der Küste Venezuelas, ein 7.000 Kilometer von der Hautpstadt entfernter Außenposten. Wie stehen die Bewohner:innen zu Frankreich, und welche Rolle spielt Europa für sie?
„Wir wissen, dass wir Französ:innen sind, aber…“, sagt Jiovanny William, einer der vier auf Martinique gewählten Abgeordneten der franzöischen Nationalversammlung, „aber die Insel braucht mehr Autonomie“. Darunter versteht der 40-jährige Rechtsanwalt, dass die örtlichen Verwaltungen und Gemeinderäte mehr Befugnisse erhalten sollten, um regionale Lösungen für regionale Probleme zu finden. Als ein Beispiel nennt er, dass Fahrzeuge auf der Insel bisher offiziell keine getönten Fensterscheiben haben dürfen. Denn die Vorschriften orientierten sich an der schwächeren Sonneneinstrahlung in Frankreich, nicht an der starken in der Karibik.
Außerdem solle der Zentralstaat es seinem karibischen Departement einfacher machen, direkten Handel mit den süd- und zentralamerikanischen Nachbarn zu treiben, erklärt William. „Heute wird Holz aus Franzöisch-Guyana erst nach Le Havre in Frankreich verschifft, bevor man es von dort zurück nach Martinique liefert – ein teurer Umweg.“ Möglicherweise ist das einer der von vielen Gründen, warum Importprodukte auf der Insel unnötig teuer sind, worunter der Lebensstandard der Bevölkerung leidet.
In einem einstöckigen, weißen Gebäude unweit der Strandpromenade der Kleinstadt Le Robert betreibt William sein Heimatbüro. Er stammt von der Insel, hat in Frankreich studiert und wurde 2022 in die Nationalversammlung gewählt. Nun fliegt er ständig hin und her, mindestens zwei Arbeitswochen monatlich verbringt er in Paris. Dort gehört er der Demokratischen Linken an, einer Parlamentsgruppe, die mit den Sozialisten kooperiert.
Jetzt im Kommunal-Wahlkampf steht William nicht selbst zur Wahl, unterstützt aber einen Bürgermeister-Kandidaten. Bei der vergangenen Wahl 2020 eroberten linksgerichtete Parteien zwei Drittel der Rathäuser auf Martinique. Nun, in der ersten Runde der aktuellen Kommunalwahl am 15. März, bekamen linke Listen in 16 von 34 Wahlbezirken die meisten Stimmen. Kandidat:innen des Zentrums lagen in fünf Gemeinden vorne. Rechte Wahllisten gewannen vorläufig in nur drei Bezirken, wobei sich darunter keine eigene des rechtsextremen Rassemblement National fand. In den übrigen Gemeinden standen unabhängige Politiker:innen auf Platz Eins.
Bei den örtlichen Wahlen spielen vor allem lokale Fragen wie zusätzliche Plätze in Altenheimen, Absenkungen von Bordsteigkanten für Rollstühle, Sportplätze, Sicherheit an Schulen oder die Algenplage im Meer eine Rolle. Ein besonderer Aufreger aber ist „la vie chère“, das teure Leben, denn viele Produkte, die aus Frankreich importiert werden, haben hier deutlich höhere Preise als dort.
Größere Fragen wie die Autonomie sind damit verwoben. Das ist eher kein Thema, das bei Rechten und Rechtsextremen einzahlt, denn diese werden als Vertreter eines starken Pariser Zentralstaates betrachtet und dafür kritisiert. Dabei ist auf Martinique interessant, dass es selten um die komplette Unabhängigkeit geht, sondern eher um mehr Entscheidungsspielraum im Rahmen der französischen Politik. Für diese Linie sprach sich schon Aimé Césaire aus, der wichtigste Politiker der Insel im 20. Jahrhundert. Während Frankreich etwa in Westafrika mittlerweile deutlich an Einfluss einbüßt und im pazifischen Übersee-Territorium Neu-Kaledonien eine starke Unabhängigkeitsbewegung der Regierung keine Ruhe lässt, scheint die Bevölkerung Martiniques mit der Zugehörigkeit zum Mutterland mehrheitlich einverstanden zu sein. Warum?
Martinique, c’est très francaise. Vieles funktioniert wie in der fernen Metropole: die Autokennzeichen, das Warenangebot in den riesigen Leclerc-Supermärkten, das Schulsystem, die Verwaltung und Justiz. Und alle sprechen die Amtssprache Französisch.
Das karibische Departement ist im Durchschnitt relativ wohlhabend. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf erreicht knapp zwei Drittel der französischen – ein Niveau, von dem Millionen Menschen in Mittel- und Südamerika nur träumen. Das funktioniert auch wegen der Milliarden Euro, die Paris Jahr für Jahr auf die Insel überweist – unter anderem, um das Handelsdefizit auszugleichen. Denn Martinique importiert viel mehr Waren als es exportiert. Die Insel stellt zu wenige Produkte her, um ihre 350.000 Einwohner:innen annähernd selbst zu versorgen.
Wie in Frankreich weht an jedem Rathaus die französische Fahne – neben der europäischen. Trotzdem interessierten sich 85 Prozent der Einheimischen nicht für Europa, vermutet Jiovanny William, der Abgeordnete. Farell Francois-Haugrin dagegen, der mit Williams Unterstützung als Bürgermeister für Le Robert kandidiert, betrachtet die Sache differenzierter: „Ohne Geld aus Frankreich und anderen EU-Ländern könnten wir hier manches nicht bezahlen.“
Francois-Haugrin sieht müder aus als auf den Plakaten, die überall hängen. Gerade kommt er im grünen T-Shirt mit dem aufgedruckten Logo seiner Kampagne zurück ins Büro – nachdem er einen samstäglichen Autokorso durch die Dörfer seines Wahlbezirks absolviert hat. Bei solchen Fahrten sieht man nicht selten große Hinweistafeln, die darüber informieren, dass dieses oder jenes Projekt aus europäischen Mitteln mitfinanziert wurde – Straßenbeleuchtung, die Renovierung einer Kirche, Glasfaserleitungen fürs Internet, der Ausbau einer Schule. Der Preis: Wirtschaftliche führt zu politischer Abhängigkeit. Der Kampf für mehr Autonomie ist kein Selbstläufer.