Wo das zweite Leben der Laptops beginnt

Sofort zieht dieser scharfe Geruch in die Nase. Lack? In einer schwer gesicherten Halle voller zehntausender Bildschirme, Drucker, Laptops und Mobiltelefone scheint das eher unwahrscheinlich. Schließlich will CHG-Meridian die gebrauchten Geräte hier weiterverkaufen. Das deutsche Unternehmen stattet Firmen weltweit mit neuer IT aus und vermarktet die alte – ein international wachsender Markt.

„Wir stellen hier sicher, dass gebrauchte Geräte einen zweiten oder dritten Lebenszyklus haben“, sagt Christan Brakensiek, Vertriebschef des Unternehmens für den deutschsprachigen Raum. Er steht neben einigen Paletten mit Altgeräten am Wareneingang der Halle, Technologiezentrum genannt. Ein Gabelstapler surrt neben ihm vorbei. Hinter hunderten in Fischgrätformation aufgestellten Bildschirmen dann die Quelle des Geruchs: große Sprühflaschen der Marke Label-Ex. Vier Frauen entfernen  Aufkleber von Gebrauchtgeräten.

Die Berater von Credence Research schätzten den Weltmarkt für gebrauchte IT 2024 auf 271 Milliarden Dollar (233 Milliarden Euro), 2032 sollen es dann 475 Milliarden Dollar sein. Viele Unternehmen brauchen nicht unbedingt die superschnellen neuesten Laptops, sondern zuverlässige solide Arbeitsgeräte. Und natürlich geht es um Geld. „Gebrauchtware ist typischerweise 20 bis 50 Prozent günstiger als Neugeräte“, sagt Brakensiek. Die Halle hier im Gewerbegebiet von Groß-Gerau südlich Frankfurts ist eine der größten ihrer Art. Die gebrauchten Geräte stehen über zwei Ebenen auf einer Fläche von etwa zwei Fußballfeldern.

Im Markt mithalten kann, wer günstig ist. „Wir haben Refurbishing industrialisiert“, sagt Brakensiek, für ihn ein großer Wettbewerbsvorteil. Alles läuft immer gleich ab: anliefern per Lkw, erfassen der Geräte, eigenes Label mit Barcode aufkleben, reinigen, Sichtkontrolle, Daten sicher löschen, technische Prüfung, verpacken. „Das ist ein eng getakteter Prozess“, ergänzt Csaba Kallai, der das Technologiezentrum leitet. „Wir müssen schnell sein. Die Preise für Gebrauchtgeräte fallen auch schnell.“

2024 haben die 140 Mitarbeiter hier rund 816.000 Geräte bearbeitet. An diesem Tag lagern gut 54.000 Notebooks in der Halle, wie Kallai auf seinem Tablet zeigt, 23.000 Mobiltelefone, 17.000 Monitore und 2700 Drucker – vom Tischgerät bis zur schrankgroßen Maschine mit Sortiereinheit. Dazu Standrechner und Berge von Netzteilen.

Zum Piepen der Barcodescanner unten am Wareneingang gehen Brakensiek und Kallai auf der oberen Ebene vorbei an Reihen von Notebooks, deren Bildschirme während des Löschvorgangs rot leuchten. An der Mobilfunkstation stapeln sich Kartons mit Telefonen und Tablets überwiegend des US-Anbieters Apple. Sechs Mitarbeiterinnen versuchen, die Geräte zu reinigen und für den Weiterverkauf vorzubereiten.

Hier zeigen sich auch die Grenzen der Wiederverwertung. „Wenn wir die Mobiltelefone und Tablets nicht entsperren können, gehen sie in den Schredder“, sagt Kallai. Und bei vielen Geräten fehlt der Zugangscode, wenn sie hier in Groß-Gerau ankommen. Schrott, obwohl sie noch hervorragend aussehen.

CHG-Meridian startete 1979 im Landkreis Ravensburg als Computerhändler. Über die Jahre wandelte sich das Unternehmen zum internationalen IT-Leasinganbieter mit 1600 Beschäftigten. Die Baden-Württemberger kaufen die Geräte, finanzieren sie mit Banken, verleasen sie an die Firmenkunden, die einen monatlichen Betrag zahlen. Nach einigen Jahren kommen die Geräte dann zurück zu CHG – nach Groß-Gerau aus zehn europäischen Ländern.

Die aufgearbeiteten Geräte gehen direkt oder über eine Auktion an Unternehmen, die sie vielleicht einzeln an Privatpersonen weiterverkaufen oder, wie die CHG-Tochter Circulee, in großem Umfang an Firmenkunden, die ihre Büros ausstatten. Brakensiek und Kallai sprechen viel von Assets statt Mobiltelefonen oder Bildschirmen und Brokern statt gewerblichen Kunden. Und tatsächlich hat das Geschäft auch etwas von Börse. „Die Preise sind zum Beispiel im Sommer niedriger“, sagt Brakensiek. Eine eigene Einheit bei CHG kümmert sich um den richtigen Zeitpunkt für den Verkauf. Denn die Erlöse kommen dem Unternehmen zugute.

Das hat mit dem Geschäftsmodell zu tun. CHG-Meridian verdient an den Leasinggebühren für Neuware. Einkalkuliert ist da bereits, dass die Geräte später zu einem bestimmten Restwert verkauft werden. Das drückt die Leasingraten für die Kunden. Wenn gebrauchte Laptops, Monitore und Telefone dann teurer weiterverkauft werden können, als ursprünglich geplant, verdient CHG zusätzlich.

Und wie schätzt das Unternehmen den Restwert von tausenden Rechnern fünf Jahre im Voraus? „Wir haben 40 Jahre Erfahrung damit, in die Glaskugel zu sehen und vorherzusagen, welcher Markt sich wie entwickelt“, sagt Brakensiek. Offenbar erfolgreich. CHG-Meridian ist in 32 Ländern direkt tätig, auch in Indien und Australien, den USA, Kanada und Brasilien. Über Partner wird IT in 190 Ländern angeboten.

Unter den rund 5000 Kunden in Deutschland und etwa 1500 weiteren global sind oft das große Konzerne mit Standorten weltweit. Bis Ende 2024 hat das Unternehmen technische Geräte im Wert von 11,73 Milliarden Euro finanziert. Das Neugeschäft 2024 beziffert Brakensiek auf 2,83 Milliarden Euro.

94 Prozent der Geräte, die vorn an der Halle angeliefert werden, landen am Ende der Halle sauber verpackt in der Auslieferung. Hier können die gewerblichen Kunden sie dann abholen – gegen Vorkasse.