Auf den ersten Blick sieht die Druckertinte echt aus. Originalflasche des Herstellers, Sicherheitshologramm auf der Verpackung, gekauft von einem Händler über Amazon. Tatsächlich ist die Tinte minderwertig und gefälscht. Ermittler nehmen die verdächtigen Täter bei Razzien Anfang 2024 fest – in Berlin. Hinweise kamen von Amazon selbst, genauer der konzerneigenen Ermittlergruppe CCU, die Produktfälschern auf der Spur ist – inzwischen auch mit künstlicher Intelligenz.
Die CCU (Counterfeit Crimes Unit) startete vor fünf Jahren mit einem kleinen Team. Inzwischen sind bei Amazon mehrere tausend Mitarbeiter mit dem Thema beschäftigt, gesteuert von der CCU und Kebharu Smith, der sie leitet. Er hat das Team aufgebaut. Mit dabei sind ehemalige Staatsanwälte, Geheimdienstmitarbeiter und Polizeibeamte sowie Ermittler und Datenanalysten. Smith selbst arbeitete zuvor unter anderem gut 20 Jahre im US-Justizministerium im Bereich Computerkriminalität und geistiges Eigentum.
Die Einheit startete in zwei Ländern und ist inzwischen in zwölf tätig, darunter den USA, China, Frankreich und Indien, aber eigentlich weltweit. „Unser Team ist weltweit aufgestellt, von Seattle bis Shanghai und überall dazwischen, sagt Smith. „Unser Auftrag ist, Produktfälscherringe zu zerstören – nicht nur die Verkäufer auf Amazon, sondern auch Hersteller und Vertrieb solcher Produkte.“ Die CCU arbeitet dafür inzwischen mit mehr als 50 staatlichen Behörden wie Europol, der US Homeland Security und der US-Bundespolizei FBI zusammen. Im Druckertinten-Fall war das Landeskriminalamt Berlin eingebunden. Die Spuren führten damals auch in die Türkei.
„Produktfälscher gibt es überall auf der Welt. Sehr viel unserer Arbeit beschäftigt sich mit Herstellern und Lieferanten von Fälschungen in China“, sagt Smith. Aber es gehe nicht nur um China. In der Türkei sei die Zahl von Fälschern gestiegen. „Wir finden solche Personen auch in Vietnam. Einige Razzien waren aber auch in Großbritannien und den USA.“
In den vergangenen fünf Jahren hat die CCU mehr als 200 Zivilklagen gegen Akteure mit schlechten Absichten eingereicht, wie es beim Konzern heißt. Gerichte ordneten mehr als 180 Millionen Dollar (rund 155 Millionen Euro) Entschädigungen an. Die Arbeit habe auch zahlreiche strafrechtliche Verfahren ausgelöst. Mehr als 65 Personen mussten demnach in Haft, eine sogar für sechseinhalb Jahre.
Amazon versuche, immer einen Schritt schneller zu sein als die Wünsche der Kunden, sagt Smith, „und auch einen Schritt schneller als die Fälscher.“ Das kostet. „Wir haben allein 2024 mehr als eine Milliarde Dollar investiert, um unsere Kunden vor Fälschungen, Betrug und anderen illegalen Machenschaften zu schützen“, sagt der CCU-Chef. Ein großer Teil des Geldes sei verwendet worden, um KI-Modelle zu entwickeln, die im Hintergrund arbeiteten und von denen viele Kunden wohl niemals etwas bemerken würden. Smith spricht von „modernsten Instrumenten zum Schutz des Geschäfts“.
„Von dem Moment an, von dem Sie ein Amazon-Konto einrichtet, gleicht unser System Ihre Daten ab“, sagt Smith. „Wir überprüfen, ob Sie die Person sind, für die Sie sich ausgeben. Wir überprüfen IP-Adressen und Bankdaten.“ Das System erkenne gefälschte Logos und Marken, so dass Amazon solche Angebote sofort entfernen könne. „Es prüft sogar, wenn Sie versuchen, einen Shop mit der gefälschten Rechnung einer Luxusmarke einzurichten, die beweisen soll, dass Sie Partner der Marke sind.“ Geprüft werden mehrere hundert Datenpunkte.
CCU arbeitet vor allem vorbeugend. Mehr als 99 Prozent aller Fälschungen finden gar nicht erst den Weg auf die Webseite. „Allein vergangenes Jahr entdeckten wir mehr als 15 Millionen gefälschte Produkte, bevor sie in die Zielländer und zu den Kunden kommen konnten“, berichtet Smith. Er nennt täglich Milliarden Täuschungsversuche. Insgesamt gibt es mehrere hundert Millionen Artikel auf Amazon.com zu kaufen.
Gefälscht wird praktisch alles: Neben Druckertinte auch Zahnbürsten, Schuhe, Autoersatzteile, hochwertiger Modeschmuck, überhaupt Luxusartikel. Manche Täter versuchen auch, den Zoll eines Landes zu umgehen. In den USA ließ sich eine Tätergruppe deshalb Kühlergrille für Autos ohne die entsprechenden Firmenlogos liefern. Die sollten dann nachträglich montiert werden. Dank CCU flog das auf.
In fünf Jahren ist einiges geschehen. „Unsere Arbeit ändert sich ununterbrochen, weil sich das Vorgehen der Täter ununterbrochen ändert“, sagt Smith. Neuester Trend sind demnach versteckte Links bei Influencern auf Social Media. Sie schicken Fans in einer Privatnachricht einen Link, der auf eine Seite bei einem Onlinehändler führt. Dort ist ein offenbar echtes Luxusprodukt zu sehen, verkauft wird aber eine Kopie. So sollen Schutzmaßnahmen umgangen werden.
Für Smith ist diese Art der Trickserei interessant, aber nicht unbedingt erfolgreich. Wegen seiner Einheit. Obwohl Amazons Produktmenge sich seit 2020 deutlich vergrößert hat, ist die Zahl echter Verstöße um 35 Prozent gesunken, wie er sagt. „Das zeigt, wie robust unser Instrumente gebaut sind.“
Besonders stolz ist Smith auf die Zusammenarbeit mit chinesischen Behörden. „Allein im vergangenen Jahr gab es 60 Razzien, bei denen mehr als 100 kriminelle Akteure gefasst wurden“, sagt er. „Wir waren in der Lage, etwas zu tun, was viele von vornherein nicht erwartet hatten: an die Spitze der Lieferkette zu gehen und Täter in China zu verfolgen.