Radikal denken

In Berlins Zentrum sollen bald keine Autos mehr fahren. Der Ansatz eines Volksbegehrens ist radikal und genau deshalb richtig. Gerade wenn es um Verkehr geht, helfen in Deutschland nur drastische Konzepte. Denn es geht nicht nur um einzelne neue Fußgängerzonen, sondern um weniger Lärm, mehr Lebensqualität und eine attraktive Innenstadt, nicht nur in Berlin.

Das Auto hat in Deutschland eine besondere Stellung, für manche Politiker scheint es geradezu ein Fetisch zu sein, das ja nicht angerührt werden darf. Genauer: Die Privilegien, die die Fahrzeuge und ihre Fahrer seit Jahrzehnten genießen. Vor allem in Städten soll mit dem Auto möglichst alles erreicht werden können, Parkplätze sind billig. Das Ergebnis sind oft verstopfte Straßen, Lärm, schlechte Luft und der dringende Wunsch der Anwohner, dass sich etwas ändert.

„Freie Fahrt für freie Bürger“ forderte der ADAC vor mehr als 50 Jahren. Nur möchten die freien Bürger heute vielleicht auch in Ruhe und ohne Abgasschwaden einen Kuchen vor einem Straßencafe genießen. Oder gar in angenehmer Atmosphäre an Geschäften entlangflanieren. In anderen Ländern haben die Stadtverwaltungen das erkannt und steuern um, verdrängen Autos, in Deutschland bewegt sich kaum etwas.

Es gibt kein Recht darauf, vom Haus vor der Stadt auf direktem Weg bis zum Kinosessel im eigenen Wagen fahren zu können. Doch das scheint immer noch die Maßgabe zu sein. Um diese Bequemlichkeit einzelner zugunsten des Gemeinwohls zu verändern, ist ein Kracher wie das Volksbegehren in Berlin nötig. Nur wenn klar ist, dass Autos womöglich ganz draußen bleiben müssen, wird die Politik die Innenstädte lebenswerter gestalten, den Nahverkehr ausbauen. Und alle profitieren.