Deutschland braucht neue Bäume

Alles beim Alten. Normalerweise ist das keine Nachricht wert, beim Wald schon. Denn Herbst und Winter waren im vergangenen Jahr feuchter. Die Natur hatte nicht mehr mit Dürren zu kämpfen, mit den extrem trockenen Böden wie in den Jahren zuvor, vor allem in 2018, 2019 und 2020. Da sollte es dem Wald eigentlich besser gehen. So ist es aber nicht.

„Fichten und Buchen erholen sich nicht, allein der Kiefer geht es etwas besser, aber auch noch nicht so gut wie vor den Dürrejahren“, sagt Nicole Wellbrock. Expertin für Waldökosysteme am Thünen-Institut im Brandenburgischen Eberswalde. Sie koordiniert die Erhebungen zum Waldzustandsbericht. Es ist eine jährliche Bauminventur.

Am Montag hat der grüne Bundesagrarminister Cem Özdemir die neueste, die für 2023, offiziell vorgestellt. Er sagte: „Die Klimakrise hat unseren Wald fest im Griff.“

So schlimm? Die Absterberate ist bei der Fichte, lateinisch: Picea abies, im Jahr 2023 immerhin zurückgegangen – statt 4,4 Prozent aller Bäume dieser Art starben nur noch 1,2 Prozent? „Stimmt“, sagt Wellbrock, „das hängt aber damit zusammen, dass sie bereits großflächig abgestorben sind.“

Anders gesagt: Die Patienten sind bereits tot – zu sehr haben den Fichten in den Vorjahren Dürren und Hitze, Stürme und Waldbrände zu schaffen gemacht, obendrein der sogenannte Buchdrucker, das ist eine Borkenkäferart. Die durch den Trockenstress schon geschwächten Fichten sind sein Lieblingsfressen.

Er bohrt sich in die Bäume, legt dort verborgen zwischen Rinde und Stamm seine Gänge an. Dann schlüpfen die Larven, futtern. Das alles zerstört die Versorgungsleitungen des Baumes, in denen Wasser und Nährstoffe transportiert werden. Der Buchdrucker kann einen ganzen Fichtenwald flachlegen, wenn er in Massen auftritt. Das macht er in trockenen, warmen Sommern und milden Wintern infolge des Klimawandels immer öfter. Er fühlt sich dann wohl, bringt gleich mehrere Generationen hervor.

Aber nicht nur der Fichte setzen die Folgen der Erderhitzung zu, sagt Wellbrock, sondern dem Wald insgesamt. Da sind allein die höheren Durchschnittstemperaturen, die ihm zu schaffen machen. So habe sich die Lage im Vergleich zu 2022 kaum verändert. Vier von fünf Bäumen sind krank, stärker dabei Bäume über 60 Jahre. „Doch auch die jüngeren zeigen einen negativen Trend“, sagt Wellbrock.

Als Hinweis gilt die Kronenverlichtung. Je weniger Blätter oder Nadeln, umso schlechter steht es um den Baum. Und nur noch 17 Prozent der Fichten haben keine Kronenverlichtung. 2022 waren es noch 24 Prozent. Bei der Buche sind ohne Kronenschäden noch 15 Prozent (2022: 21), bei der Eiche 17 Prozent (2022: 19). Nur bei den Kiefern ist der Anteil von Bäumen ohne Kronenschäden von 13 Prozent in 2022 auf nun 23 Prozent gestiegen. Und nun?

Expertin Wellbrock meint, vom Borkenkäfer lasse sich lernen. Der frisst sich Fichte für Fichte durch, hat es in Monokulturen besonders leicht. Anders sei das in einem Mischwald. „Wir müssen die Wälder klimastabil umbauen“, sagt Wellbrock. In ihm sollten junge und alte Bäumen verschiedener Art stehen, die zudem mit Trockenheit besser zurecht kommen, widerstandsfähiger sind. Damit könne man die Waldbesitzer allerdings nicht alleine lassen. So ein Umbau koste Geld. Außerdem sei der Wald kein „Nice-to-have“, nicht irgendwas, was man gerne hat, aber nicht unbedingt braucht. Ganz im Gegenteil: Der Wald speichere klimaschädliche Treibhausgase, filtere Wasser, kühle die Landschaft. Zudem sei er Holzlieferant, auch Erholungssort für den Menschen und Lebensraum für Pflanzen und Tiere.

Bundesagrarminister Özdemir erklärte, für dieses Jahr seien 250 Millionen Euro zur Waldförderung eingeplant. Die Finanzierung für die Folgejahre ist noch nicht gesichert.