Katherina Reiche spielt ein gewagtes Spiel. Tatenlos nimmt die Bundeswirtschaftsministerin hin, dass die unterirdischen Erdgas-Speicher hierzulande nicht so voll sind, wie sie sein sollten. Das könnte sich im Winter rächen – mit stark steigenden Preisen.
Schon jetzt klettern die Kosten für den Brennstoff wieder. Die Privathaushalte und Firmen merken das bereits. So rät Klaus Müller, der Chef der Bundesnetzagentur, sich auf höhere Rechnungen einzustellen. Gleichzeitig fordert er die Gashändler auf, mehr Gas einzuspeichern.
Gegenwärtig tun die Unternehmen das aber nicht. Denn der Rohstoff ist ihnen augenblicklich zu teuer, um beim Verkauf im Winter schöne Gewinne zu ermöglichen. An diesem ökonomischen Kalkül ändert sich auch nichts durch Appelle des Netzagenturchefs oder Beruhigungsbotschaften seiner Vorgesetzten, der Wirtschaftsminsterin. Im Gegenteil ist festzustellen, dass Reiche eine Zielmarke ignoriert oder zumindest fahrlässig interpretiert, die sich die Bundesregierung selbst gesetzt hat. Die sogenannte Gasfüllstandsverordnung bestimmt, dass die Speicher bis November, wenn es normalerweise kalt wird, zu durchschnittlich 70 Prozent gefüllt sein müssen. Momentan sind sie jedoch halb leer. Die Lücke zu schließen, könnte zeitlich knapp werden.
Warum weigert sich nun die Wirtschaftsministerin, die Unternehmen anzuweisen, mehr Gas einzulagern, was die Verordnung ermöglicht? Sie will vermeiden, dass die schlagartig höhere Nachfrage die Preise treibt, und der Bund oder die Verbraucher Milliarden Euro zusätzliche Kosten tragen müssen. Andererseits leisten zu leere Speicher einer Kostenexplosion im Winter Vorschub, wenn beispielsweise durch außergewöhnlich kalte Temperaturen der Bedarf stark zunähme. Eine solche Situation soll die Speicherverordnung gerade verhindern. Der Fairness halber ist aber einzuräumen: Ob die Vorsorge mehr Geld kostet oder der Verzicht darauf, weiß momentan niemand. Katherina Reiche wettet auf die erste Option.