Brot, Tomaten, Mehl haben ihren Preis im Supermarkt, aber von dem, was die Kunden für Lebensmittel an der Kasse zahlen, kommt am Ende nur ein Viertel bei den Bauern, anders gesagt: von einem Euro bleiben ihnen magere 25 Cent. Das rechnet Achim Spiller vor. Der Göttinger Professor gilt als einer der führenden deutschen Agrarökonomen, er forscht zum Verhalten von Konsumenten, berät die Bundesregierung. Können Verbraucher die Bauern unterstützen, anders einkaufen, damit nicht Dreiviertel des Preises andere absahnen, die Lebensmittelindustrie und Handelskonzerne?
Seit die Bauern mit ihren Traktoren hupend durchs Land rollen hat die Frage neues Gewicht, was sie am Ende verdienen. Auch wenn sie in den vergangenen Monaten von den steigenden Lebensmittelpreisen profitiert haben, der Druck ist enorm. Höhere Kosten können Landwirte nur schwer weiterreichen. Die vier großen Handelskonzerne – Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe, zu der Lidl und Kaufland gehören – sind mächtig. Wer ihre Preise nicht akzeptiert, ist schnell raus, wird seine Ware nicht mehr los. Fair finden das die Landwirte nicht, Billig-Angebote mancher Discounter schon gar nicht – fünf Alternativen:
- Rauf auf den Hof
Nicht alle Bauern kämpften, sagt Experte Spiller. Wer auf seinen Äckern Windräder habe, auf Scheunen und Feldern Solarstrom erzeuge oder eine Biogasanlage betreibe, verdiene meistens gut. Wer Acker- und Gartenbau mache, habe es leichter als jene, die Milchvieh halten. Und Betriebe mit hunderten Hektar Fläche kämen gut über die Runden, jene mit nur einigen wenigen Hektar eher nicht. „Wenn, dann sind die Kleinen unterstützenswert“, so Spiller, „die Familienbetriebe, die vielleicht einen Hofladen haben.“ Sie finden sich allerorten in Deutschland, von Ostfriesland bis zum Bodensee, vom Münsterland bis zum Oderbruch. Bauern verkaufen dort ihre Äpfel und Salate, Brote und Kekse, ihr Eingemachtes und Grill-Fleisch – keiner der noch mit an ihren Produkten verdienen will. Und die Möhre darf auch mal schief und krumm sein, der Landwirt muss sie nicht aussortieren und vernichten, weil der Lebensmittelhandel sie ablehnt. Viele arbeiten ökologisch. - Milch am Automaten
Ein Hofladen kann die wirtschaftliche Lage entspannen. Nur: Er kostet Zeit. Das ist auch nicht anders, wenn die Bauern auf den Wochenmarkt fahren, Kisten auf dem Hof einpacken, auf dem Markt wieder auspacken, Stunden dort stehen, mehr oder weniger verkaufen. „Das ist viel Aufwand für die Landwirte, den wollen nicht alle auf sich nehmen“, sagt Spiller. Es sei auch nicht aller Bauerns Sache, den Kunden Abo-Gemüse-Kisten wöchentlich, 14-tägig oder einmal im Monat nach Hause zu liefern. Natürlich solle das niemanden abhalten, seinen Einkauf auf dem Markt zu machen oder eine Gemüsekiste zu bestellen – im Gegenteil. Immer noch komme per Produkt mehr Geld bei den Landwirten an als beim Verkauf mit Zwischenhändlern im Supermarkt. Viele Verbraucher schätzen auch die „Marktschwärmerei“ (https://marktschwaermer.de/de): Mit ein paar Klicks lassen sich im Internet Lebensmittel aus der Region bestellen und an einem bestimmten Tag in der nächst gelegenen Schwärmerei abholen. Landwirte entscheiden sich aber vielfach für eine Alternative – den Verkaufsautomaten auf dem Hof. Konnte man früher Zigaretten und Kaugummis an Automaten ziehen, lassen sich heute auch Eier, Milch, Fleisch so kaufen, 24 Stunden lang. Es ist aber eher ein „Zuverdienst“, so Spiller. - Das Regional-Regal
Selbst bei der Fleischerei vor Ort kann man sich laut Spiller nicht sicher sein, dass sich die Einnahmen nur Schlachter und Bauern teilen. Denn oft bezögen Metzger auch Schweinehälften von großen Schlachtunternehmen, etwa von Tönnies. Dem Produkt sähe man das nur nicht an. Da helfe die Frage: „Schlachten Sie selbst, und kommen die Tiere aus der Region, wie werden sie gehalten?“ Auskunftspflichtig ist der Metzger nicht, weicht er allerdings aus, ist das kein gutes Zeichen. Für die Landwirte zahlten sich direkte Verträge nicht nur mit dem Metzger aus, sagt der Agrarökonom, mittlerweile gebe es Supermärkte, die dies auch machten, Filialen von Edeka und Rewe etwa. In Regional-Regalen böten sie Produkte aus einem Umkreis von etwa 30 Kilometern. Zahlt der Kunde stark drauf? Laut der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung gaben die Deutschen 2022 im Schnitt nur 11,5 Prozent ihres Geldes für Lebensmittel aus, die Italiener indes 14,4, die Franzosen 13,3 Prozent. Die Deutschen gelten als besonders preissensibel. Spiller sagt, die Regional-Regal-Produkte seien meistens ein wenig, aber nicht viel teurer. - Ackern mit mehr Wert
Nicht nur für ein Produkt im Ladenregal zu zahlen, sondern für das Säen und Ernten, auch für das Aufziehen der Tiere und so Bauern mehr Sicherheit zu geben – das ist die Idee der solidarischen Landwirtschaft (https://www.solidarische-landwirtschaft.org/startseite). Dabei strecken mehrere Verbraucher zusammen das Geld für Saatgut, Löhne, landwirtschaftliche Geräte vor und erhalten im Gegenzug ihren Anteil an Obst und Gemüse, an Fleisch und Eiern. Dazu werden die Jahreskosten des Betriebes geschätzt, und dann wird ein meist monatlicher Betrag festgelegt, den die Verbraucher zahlen. Gut 470 Betriebe dieser Art gibt es in Deutschland. Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe hierzulande insgesamt derzeit: 255.000 – 7.800 weniger als noch 2020. - Politik und Platz machen
Ohne eine Neuausrichtung der Agrarpolitik werde es nicht gehen, meint Berit Thomsen von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Bauern bräuchten mehr Verhandlungsmacht gegenüber der Lebensmittelindustrie und dem Handel. Da sei der Rückhalt der Verbraucher wichtig – und mehr Wertschätzung. Die Bauern klagten nicht nur über ihre Finanzen, sondern auch darüber, dass ihre Arbeit nicht gesehen werde, da könne jeder sofort anfangen, meint zudem Agrarökonom Spiller: „Machen Sie Platz, wenn beim Spaziergang auf einem Feldweg ein Trecker kommt.“ Aber auch die Landwirte sollten Rücksicht nehmen.