Das ist keine schöne Erfahrung: Eine Radtour mit dem E-Bike, ein- oder zweimal falsch abgebogen, die Strecke wird länger als angenommen, der Akku leert sich bedenklich. Aber es kommt eine Gastwirtschaft, eine Ladestation vor der Tür. Glück gehabt? Von wegen, das eigene Ladekabel passt nicht in die Steckdose. Das müsse anders werden, sagt Umwelt- und Verkehrsexperte Axel Friedrich dieser Zeitung und fordert: „Ein einheitlicher Standard für die Ladesysteme muss endlich Pflicht werden.“ Er hat Verbündete – und Gegner.
An der Seite von Friedrich, einst Abteilungsleiter für die Bereiche Verkehr und Lärm im Umweltbundesamt, heute unterwegs als Berater für Regierungen und Verbände wie die Deutsche Umwelthilfe steht in diesem Fall etwa der ADAC: Nach Ansicht des Allgemeinen Deutschen Automobilclubs sollte für „Akkus von Leicht-Elektrofahrzeugen wie Pedelecs, E-Bikes oder E-Scootern eine Vereinheitlichung der Ladestecker gesetzlich vorgeschrieben werden.“ Auch der ADFC, der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club, macht sich für eine Regulierung stark.
Mehr als jedes zweite Fahrrad, das in Deutschland verkauft wird, ist ein E-Bike, auch wenn sie meist deutlich teurer sind als klassische Räder. Die Ladegeräte, Kabel und Stecker der Akkus können je nach Marke, Modell und Generation des Rads variieren. „Firmen wie Bosch oder Shimano entwickeln immer neue Ladegeräte, auf dem Markt sind hunderte“, erklärt Friedrich, „das ist so ärgerlich wie früher bei Handys, E-Readern, Kopfhörern.“
In der Schublade häuften sich einst deren Kabel, weil jedes Gerät ein spezielles brauchte. Dann wurden die Ladebuchsen für Mobilgeräte von der EU vereinheitlicht – mit dem USB-C-Anschluss. Nur für Laptops gilt noch eine Übergangsfrist bis Ende April dieses Jahres. Das macht es für Verbraucher bequemer, es sammelt sich auch weniger Elektroschrott an. Allerdings waren Elektronikfirmen von den EU-Vorgaben wenig begeistert, allen voran stemmte sich der Apple-Konzern dagegen. Der Richtlinie – gern Anti-Apple-Gesetz genannt – ging eine jahrelange Diskussion voraus. Die fürchtet Friedrich nun wieder.
Eigentlich sollte die EU-Kommission schon bis Anfang 2025 geprüft haben, wie ein harmonisiertes Ladesystem eingeführt werden kann. Das sieht die EU-Batterieverordnung vor. „Aber nichts ist passiert“, sagt Friedrich. Darum hat er vor wenigen Wochen einen Brief an EU-Umweltkommissarin Jessika Roswall formuliert. Unterschrieben haben ihn Umwelt-, Mobilitäts- und Tourismusorganisationen wie etwa der Deutsche Tourismusverband. Darin die Bitte „rasch einen gemeinsamen Ladestecker für Elektrofahrräder und andere leichte Fortbewegungsmittel festzulegen.“
Gastwirte, Hoteliers, Campinplatzbesitzer wollen Lademöglichkeiten anbieten. Das zieht Kunden an. Allerdings macht es auch für sie alle einen Unterschied, ob die Ladestecker standardisiert sind oder nicht. Letzteres heißt: Die Ladestation muss für eine Vielzahl von Systemen ausgerüstet werden. Das mache es, „beachtlich“ teurer, heißt es in dem Brief. Die Hersteller hätten es jedoch „versäumt, einen gemeinsamen Ladestecker zu etablieren; daher ist eine gesetzliche Regelung erforderlich.“
Nur: Das sehen Hersteller anders. Man spreche sich „nicht grundsätzlich gegen ein einheitliches Ladesystem aus“, erklärt der Fahrradindustrieverband ZIV in einem Positionspapier, arbeite daran auch mit. Der ZIV vertritt rund 140 Unternehmen, darunter zum Beispiel Bosch. „In spezifischen Anwendungsfällen – insbesondere im touristischen Umfeld oder bei gewerblichen Flotten – kann ein einheitliches und genormtes Ladesystem sinnvoll sein.“ Bedeutet umgekehrt: Sonst eher nicht.
„Alltagswege sind kurz und am Ende steht die private Lademöglichkeit“, schreibt der ZIV. Und wer eine Ein-Tages-Radtour mache, lege im Schnitt 44 Kilometer zurück, wer mehrere Tage unterwegs sei 62 Kilometer pro Tag. Das sei ohne einen Ladestopp machbar, zumal Akkus besser würden.
Der Verband rechnet vor: „Über 90 Prozent aller Ladevorgänge finden im privaten Umfeld oder am Arbeitsplatz statt, wo Nutzer ihr eigenes, auf die Batterie abgestimmtes Ladegerät verwenden.“ Und die Ladesysteme seien für ein Lastenrad anders als für ein Tourenrad „optimiert gestaltet“.
Die Fahrradindustrie lehnt die „Übertragung regulatorischer Konzepte aus der Unterhaltungselektronik auf sicherheitskritische Batteriesystem im Fahrradbereich“– das ist die entscheidende Aussage am Ende des Papiers – „entschieden ab“. Sie stellt sich gegen ein Gesetz.
Laden die meisten Radfahrer zu Hause? Friedrich: „Im Urlaub zum Beispiel nicht, und da fahren viele am Tag auch mehr als 100 Kilometer, Durchschnittswerte hin oder her.“ Radler, die lange Strecken machen, könnten einen Ersatz-Akkus mitnehmen? Friedrich: „Der kostet extra Geld.“
Letzte Frage: Technisch wäre eine Vereinheitlichung machbar? Friedrich: „Natürlich, es wäre selbst eine spezielle Version des USB-C-Ladesteckers auch zum Laden von Elektrofahrrädern denkbar.“ Heute fehlten manchmal Ersatzteile, weil Hersteller ihre Ladegeräte und zugehörige Komponenten geändert und die alten aus dem Angebot genommen hätten oder weil ein Anbieter insolvent geworden sei. Denkbar schlimmste Folge laut Friedrich: „Auch wenn sonst noch alles in Ordnung ist, müssen Kunden ein neues E-Bike kaufen.“
Eine Antwort der EU-Kommissarin auf den Brief steht noch aus.