Ran an die Balkonkästen, rauf aufs Beet – los geht es, Zeit, dass die Welt bunt aufblüht. Viele zieht es jetzt raus zum Gärtnern und vorher rein in die Bau- uns Supermärkte, um die nötige Blumenerde zu kaufen. Dort stapeln sich die Säcke mit Erdmischungen. Nur: Enthalten sie Torf, gibt es ein großes Klimaproblem. Denn Torf kommt aus Mooren – und die sind für den Kampf gegen die Erderhitzung entscheidend. Was tun?
Moore bedecken auf der Welt nur drei Prozent der Landfläche, speichern dem Bundesamt für Naturschutz zufolge aber doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder der Erde zusammen. Über Jahrzehnte sind sie trockengelegt worden, um Straßen und Häuser zu bauen, Felder, Wiesen und Weiden anzulegen. Für den Abbau von Torf werden sie weiter zerstört. Damit entscheidet sich auch im Blumentopf, ob die Welt den Klimawandel in den Griff bekommt.
Moorwissenschaftler wie Matthias Krebs von der Universität Greifwald arbeiten längst an Lösungen. „Torf ist fürs Gärtnern das beste Ausgangsmaterial, das es derzeit in benötigter Menge und Qualität gibt“, sagt er. Torf habe viele Poren, kann so Wasser und Luft speichern. Er enthalte so gut wie keine Nährstoffe, keine Schadstoffe, keine Krankheitserreger. Das mache Torf zur „zuverlässigen Substrat-Grundlage vor allem für die Gärtnereien oder Gemüseerzeuger, die termingenau ihre Früchte und Topfpflanzen produzieren und millionenfach an Supermärkte liefern müssen“. Das Substrat kann ganz nach Bedarf der Pflanze gedüngt oder gekalkt werden – perfekt für die hochindustrialisierten Gewächshäuser.
Torf besteht aus Torfmoosen. Die oberen Teile wachsen auf einem Moor stetig in die Höhe, drücken die unteren mit ihrem Gewicht nach unten, dort sterben sie im Moorwasser ab und werden unter Sauerstoffabschluss nicht vollständig zersetzt. Das braucht alles viel Zeit, eine 1-Meter-Torfschicht etwa 1000 Jahre. „Unsere Idee: Wir bauen Torfmoos an“, sagt Krebs.
Geht es nach ihm, liegt die Zukunft auf einem Feld nördlich von Oldenburg, nicht weit entfernt von der Nordseeküste. Dort, im Hankhauser Moor, pflanzen er und seine Mitstreitenden nun Torfmoose an, lateinisch Sphagnum, und damit so etwas wie die oberste Schicht eines Moores. „Jetzt im April werden die Moose wieder richtig schön grün, im Winter sind sie so ein wenig blass“, sagt Krebs.
Die Torfmooskultur wächst dort, wo vor rund 15 Jahren noch eine Weide war, hier schwarz-bunte Kühe liefen, dort Rinder. Das Vieh konnte grasen, weil unzählige Gräben und Rohre durch das einstige Hochmoor gezogen worden waren, die das Wasser weg leiteten. Nun ist das Wasser im Hankhauser Moor zurück, es wird jetzt über die Gräben wieder reingepumpt.
Zusammen mit dem örtlichen Torfwerk Moorkultur Ramsloh bearbeiten die Wissenschaftler mittlerweile 20 Hektar: Sie testeten welche Moos-Art sich besonders eignet, welche Maschinen mit dem nassen Boden zurechtkommen, wie der Ertrag erhöht werden kann. Derzeit tüfteln sie noch an der besten Erntetechnik, auch an der Produktion des Saatgutes.
Krebs: „Im Schnitt können wir alle fünf Jahre ernten.“ Die Moose können genauso verarbeitet werden wie Torf und so die klimafreundliche Alternative im Pflanzentopf sein. Theoretisch. Praktisch werden sie derzeit etwa für die Orchideenzucht schon eingesetzt. Noch ist diese Paludikultur – lateinisch abgeleitet vom palus für Sumpf – aber teurer als Torf. Und der Bedarf enorm.
„Deutschland ist neben den Niederlanden weltweit der größte Hersteller und Endverbraucher von Torf-Substraten“, erklärt Krebs. Torf wird in der Bundesrepublik nur noch auf wenigen Flächen Niedersachsens abgebaut, die letzten Genehmigungen dafür liefen auch aus, neue gebe es nicht. Trotzdem werden bis zu 9 Millionen Kubikmeter Torf in Deutschland jedes Jahr verarbeitet – geliefert vor allem aus dem Baltikum und Skandinavien.
„Fingen wir mit dem Ersatz von 3 Millionen Kubikmetern Torf an, müssten bis zu 35.000 Hektar Torfmoos auf bisherigem Hochmoorgrünland gepflanzt werden“, sagt Krebs. Allein: Für die Wiesen und Weiden erhielten Bauern EU-Agrarsubventionen, aber nicht für die klimafreundlichen Paludikulturen. Das mache den Moorschutz wenig „attraktiv“, meint Krebs: „Die Politik muss Bauern Anreize geben und dies ändern.“ Zeit wird es.
Deutschland hatte vor vier Jahren eine Torfminderungsstrategie beschlossen: Seit diesem Jahr soll auf Torf im Hobby-Gartenbau verzichtet werden. Dennoch liegen in Bau-, Supermärkten und Gartencentern immer noch Erden mit Torf. Verbraucher können trotzdem vorangehen: Meist gibt es auch Erden ohne. Das zeigt zum Beispiel der „BUND-Einkaufsführer für torffreie Erden 2026“. Darin eine Liste mit mehr als 350 Produkten von 27 Herstellern und 16 große Gartencenter und Baumärkte mit den jeweils dort verfügbaren torffreien Produkten.
In denen steckt nicht Torfmoos. Das habe „großes Potenzial“, sagt Krebs, gebe es bisher aber nur in kleinen Mengen, etwa direkt beim Moorwerk Ramsloh. In den Säcken sei Torf ersetzt durch Holzfasern oder Kompost, die sich für das Gartenbeet oder den Balkonkasten auch gut eigneten, nur etwas öfter und in kleineren Mengen gewässert werden müssten.
Kasten: Torffrei gärtnern
Der Umweltverband BUND rät: „Achten Sie beim Kauf auf die Kennzeichnung „torffrei“ oder „ohne Torf“. „Bio“ kann auch auf torfhaltigen Erden stehen.“ Den Einkaufsführer finden Sie unter:
https://www.bund.net/service/publikationen/detail/publication/bund-einkaufsfuehrer-fuer-torffreie-erden/
Auch das Bundeslandwirtschaftsministerium hat unter https://www.torffrei.info/ Tipps zusammengestellt.