Dieses Jahr war es am 11. Februar. Da meldete bereits einer der rund 1100 Ehrenamtlichen, die für den Deutschen Wetterdienst die Entwicklungen in der Pflanzenwelt das ganze Jahr über dokumentieren: erste Forsythien-Blüte geöffnet. Mittlerweile leuchten die Sträucher in Deutschland fast überall gelb. Endlich Frühling, endlich Schluss mit Wintergrau. Nur: Es kommt einem früher vor als früher, ja: zu früh. Ist das also noch normal?
Anja Engels geht dieser Frage beim Deutschen Wetterdienst nach. Sie betreut die Ehrenamtlichen, die die jährlichen Veränderungen der Natur beobachten, und geht auch selbst raus. Sie sagt: „Im Vergleich zu den Jahren vor 1990 werden die Winter immer kürzer, denn der Frühling beginnt früher und der Herbst endet später. Pflanzen blühen damit früher und länger.“
Erst der Februar dieses Jahr war beispiellos mild, mit einer Durchschnittstemperatur von 6,6 Grad Celsius. Das ändert etwas, auch in der Natur. Engels und ihre Kollegen beobachten ausgewählte Pflanzen schon seit Jahren, tragen ihre Blühdaten in einen phänologischen Kalender ein, den Kalender der Natur.
Blühte die Forsythie in den Jahren zwischen 1960 und 1990 meist Anfang April, rückte der Termin zwischen 1990 und 2020 schon nach vorne, auf Ende März, und nun mitunter schon in den Februar. Aber warum gilt die Forsythie, nicht der Krokus, der derzeit für lila und gelbe Farbtupfer in Gärten und Parks sorgt, als Zeiger für das Frühlingserwachen, den sogenannten Erstfrühling?
Engels sagt: „Wir brauchen eine Pflanze, die möglichst überall in Deutschland wächst. Der Krokus ist zwar weit verbreitet. Aber er hat eine Knolle, die schon auf die ersten wärmenden Sonnenstrahlen am Boden reagieren. Die Forsythie hingegen, ein Strauch, braucht schon etwas mehr Wärme und Licht, reagiert nicht sofort. Das erhöht die Aussagekraft. Es sollten also Gewächse sein, die nicht zu sensibel sind.“
Als erstes Anzeichen von Frühling gilt übrigens die Blüte der Haselnuss, vor 1990 war ihre Zeit um den 3. März, dann lag sie um den 14. Februar, und nun kann es schon der Januar sein. Auch die Blüte des Apfels mitten im Frühling verschiebt sich, von Anfang Mai auf Ende April.
Mit der Blüte der Sommer-Linde im Juni beginnt dann der Hochsommer, aber auch diese tritt nun zehn Tage früher ein. Der Winter startet mit dem Blattfall der Stiel-Eiche Anfang November – der tritt mittlerweile zwei Tage später ein als noch in den 1980 Jahren.
Das Klima wandelt sich. Die Natur bekommt einen neuen Takt. Manches gerät dabei völlig durcheinander. Berühmt das Beispiel vom Kuckuck, der zu spät kommt. Denn nach wie vor kehrt er erst Ende April, Anfang Mai aus seinem Winterquartier südlich der Sahara zurück. Dann versucht er, seine Eier in fremde Nester zu legen, so dass andere Vögel die Arbeit des Ausbrüten übernehmen. Doch mittlerweile sind die anderen Vögel früher, ihre Jungen schon geschlüpft. Das fremde Kuckucksei fällt sofort auf, es lässt sich nicht mehr so einfach unterjubeln.
Auch für den Menschen wird es nicht einfach nur grüner und schöner. Die Pollensaison wird immer länger, zieht sich fast über das ganze Jahr. Allergiker merken es längst. Das frühe Erblühen birgt zudem für Apfel-, Kirschbäume oder Weinreben Risiken und damit für die Bauern und Winzer.
Expertin Engels sagt: „Es kann immer noch zu Spätfrösten kommen, die die Blüten zerstören, so dass es keine Früchte geben wird.“ Sie wird das alles weiter beobachten. Ehrenamtliche Helfer seien herzlich willkommen, sagt sie: „Wer gerne draußen in der Natur ist, kann sich gerne bei mir per E-Mail melden an phaenologie@dwd.de. Etwa 200 Stunden im Jahr muss man für die Beobachtungen einrechnen, im Frühjahr zum Beispiel zwei- bis dreimal in der Woche rausgehen.“ Und das Frühjahr beginnt mittlerweile oft schon im Februar. „Das scheint einem inzwischen normal“, so Engels.