Einige halten es für das hässlichste Gebäude Berlins, vielleicht sogar Deutschlands, andere für das coolste. Für Gary Fleischer ist das raumschiffartige Internationale Congress Centrum ICC ein hervorragendes Vorbild für ein Modell aus Klemmbausteinen. Womöglich nicht ganz so ausgefallen wie der Star-Wars-Todesstern von Lego, aber für Fans der Klötze schon eine kuriose Herausforderung.
Fleischer leitet Bryx, ein noch junges Unternehmen, das dem dänischen Marktführer nacheifert, zumindest ein bisschen. Der Konzern aus Billund mit seinen Legosteinen bespielt schließlich den Weltmarkt, während Bryx aus Berlin eher Deutschland im Blick hat. Die Steinchen aber passen schon einmal zusammen. Und der Anspruch ist hoch.
„Bei der Gründung war mir wichtig, dass wir dieselbe Qualität wie Lego haben“, sagt Fleischer. „Wichtig sind unter anderem Material, Angusspunkte, Verformungsstabilität und wie gut die Steine zusammenhalten.“ Lego-Experten bemerken sofort, dass die Bryx-Blöcke etwas anders aussehen. Beim Bauen aber gibt es keinen Unterschied. „Alles ist kompatibel. Wir nutzen das gleiche Material, bieten Standardsteine mit Standardfarben, können aber auch alle anderen Farben, was Lego zum Beispiel nicht anbietet. Und wir haben einige Sondersteine im Programm.“
Das Lego-Patent auf die Klemmbausteine ist seit Jahren abgelaufen, inzwischen versuchen sich einige günstigere Konkurrenten auf dem Markt, Bluebrixx zum Beispiel oder Cobi. Manche Steinformen sind immer noch geschützt. Und die Dänen sind wenig zimperlich, wenn ihre Rechte verletzt werden, was manch Anbieter teuer bezahlen musste. Bryx blieb bisher verschont. „Wir halten uns an alle Lizenzen“, sagt Fleischer. „Bisher haben wir keine Probleme mit Lego.“
Ob es an den bunten Steinchen liegt oder am Erfolg seines Unternehmens, Fleischer verbreitet im Gespräch einfach gute Laune. Möglicherweise ist er auch ein grundsätzlich positiv gestimmter Mensch. Und einer, der vor etwas verrückten Aufgaben nicht zurückschreckt. Denn alles begann während der Corona-Zeit. Fleischer langweilte sich ein wenig und wettete mit einem Freund, dass er Berlin-Mitte komplett aus Lego nachbauen könne – deutlich verkleinert natürlich.
Mehrere hunderttausend Steine später war das Werk vollbracht. „Darüber kamen dann Anfragen von einem Immobilienentwickler. Ich merkte schnell: Das ist ein Markt“, erinnert sich Fleischer. 2023 gründete der Grafikdesigner gemeinsam mit Betriebswirt Michael Marston Bryx. Startkapital: 2000 Euro und jede Menge Begeisterung. Marston ist auch Experte, er betrieb in Karlsruhe bereits ein Geschäft für die kleinen bunten Steine.
„Wir sind mit der Agentur, der eigenen Marke und einem Einzelsteinverkauf gestartet, um nicht alles auf eine Karte zu setzen“, sagt Fleischer. „Agentur und Marke sind geradezu explodiert, was wir so nicht erwartet haben.“ Das zeigt sich auch bei der Belegschaft. Bis 2025 war Fleischer der einzige Angestellte, inzwischen arbeiten 18 Beschäftigte für Bryx, Ende des Jahres sind es vermutlich 50.
Die Agentur entwickelt Bausätze für Unternehmen. „Ein Messegeschenk aus Klemmbausteinen ist einfach netter als Schlüsselbänder mit Firmenaufdruck“, sagt Fleischer. „Klein, zum Bauen und hinterher stellt es der Kunde ins Regal und erinnert sich immer an den Messebesuch.“ Es gibt auch andere Ideen. Für RWE baut das Team zum Beispiel alle Kraftwerke nach, Tui verteilt an manche Urlauber Miniinseln als Andenken. Grenzen gibt es kaum: „Schiffe, Busse, technische Anlagen, ein Set zum 50. Bühnenjubiläum von Roland Kaiser – alles ist möglich.“
Im Endkundengeschäft ging es zum Start um Gebäude, natürlich. „Unsere Produkte sollen Emotionen wecken“, beschreibt Fleischer. „Und welche Gebäude wecken Emotionen? Fußballstadien.“ Mit 22 Vereinen der ersten bis dritten Liga, vereinbarte das Unternehmen Lizenzen, darunter Dortmund, Frankfurt, Kaiserslautern, St. Pauli, Stuttgart und Union Berlin. Bryx verhandelt aber gerade mit ähnlichen deutschen Legenden wie Roland Kaiser und den Eigentümern bekannter Kinderfiguren über neue Sets.
„Die Modelle werden am Rechner gestaltet und geplant. Da prüfen wir auch, ob das Modell so funktioniert und die Statik hält“, sagt Fleischer. „Dann bauen wir es noch physisch, bevor es in die Produktion geht.“ Bryx lässt mit eigenen Formen in China fertigen, in einer Fabrik, die die Ansprüche erfüllt. Eine Fertigung in Deutschland ist geplant, würde die Finanzen des Unternehmens aber übersteigen, auch wenn es Geld verdient.
Genaue Zahlen nennt Fleischer nicht, aber an Lego kommen die Berliner sicher nicht heran. Der Erfinder der Steine fertigt an sieben Standorten weltweit, setzte 2025 umgerechnet 11,2 Milliarden Euro um, ein sattes Plus von zwölf Prozent im Vergleich zu 2024. Der Gewinn des dänischen Familienunternehmens belief sich auf 2,2 Milliarden Euro – überwiegend gebaut auf Klemmbausteinen.
Bei Bryx liegt das Augenmerk auch auf Wachstum. Bisher verkauft das Unternehmen über seinen Onlineshop und einige ausgewählte Händler, jetzt soll der Vertrieb auf große Ketten erweitert werden. Preislich liegen die Berliner unter denen des großen Konkurrenten, aber über manch anderem Anbieter der Klötzchen. „Wir wollen nicht die günstigsten sein. Die Qualität muss stimmen“, sagt Fleischer. „Und wir stecken sehr viel Liebe in Details. In einem Stadionmodell sind dann auch für Fans wichtige Graffiti und die Bierbuden dabei.“