Rendezvous in 32.000 Kilometern Höhe

Für viele abergläubische Menschen ist Freitag, 13. April 2029, ein Tag der Vorsicht. Für die Wissenschaft ist er ein Glücksfall. Und für die Menschheit sehr wahrscheinlich auch. An jenem Tag fliegt ein Asteroid sehr nah an der Erde vorbei. Und die Europäer wollen ihn mit einem großen und zwei kleinen Satelliten begleiten. Die Erkenntnisse sollen helfen, Asteroiden abzuwehren, die die Erde bedrohen.

Einschläge können verheerend sein. Vor etwa 66 Millionen Jahren löste ein Asteroid von vermutlich etwa zehn Kilometern Durchmesser wohl das Aussterben der Dinosaurier aus. 2013 zerbrach ein Meteorit über Tscheljabinsk in Russland. Die Druckwelle zerstörte 3700 Häuser, verletzte fast 2000 Menschen. Er war zehn bis 20 Meter groß.

 „Die riskantesten Asteroiden für die Erde sind die mit einem Durchmesser von 50 Metern und mehr“ sagt Rolf Janovsky, Direktor Vorentwicklung und Raumfahrtsysteme beim Bremer Satellitenspezialisten OHB. Davon gebe es geschätzt 230.000, die aber bei weitem nicht alle bekannt seien.

„Es ist nicht die Frage, ob Asteroiden auf der Erde einschlagen, sondern wann“, sagt der Experte. Klingt erst einmal bedrohlich, aber: „Ein Asteroideneinschlag ist die einzige Naturkatastrophe, die die Menschen vorhersehen können, sagt der Experte. „Und im besten Fall können wir sie sogar verhindern, indem wir etwa die Bahn des Asteroiden ablenken.“

Das das funktioniert, hat die US-Raumfahrtbehörde Nasa 2022 bewiesen. Damals stürzte die Sonde Dart in rund 150 Millionen Kilometern Entfernung von der Erde gezielt auf den Asteroiden Didymos, um seine Bahn zu verändern. „Dart hat Didymos stärker abgelenkt als erwartet“, sagt Janovsky. „Wir haben jetzt mehr Fragen als vorher.“ Hinweise versprechen sich die Experten von Hera. Die Sonde ist seit Oktober 2024 unterwegs. Beauftragt von der europäischen Raumfahrtagentur Esa und federführend gebaut von OHB, soll sie nachsehen, was genau passiert ist.

„Die Dart-Mission hat uns gezeigt, dass unsere Modelle darüber, wie Asteroiden aufgebaut sind, noch schlecht und falsch sind“, sagt Andreas Griese. Er leitet bei OHB das Projekt Ramses, das mit Freitag, 13. April 2029, zu tun hat. Dann wird der Asteroid Apophis in 32.000 Kilometern Höhe an der Erde vorbeifliegen, was in All-Dimensionen sehr nah ist. Geostationäre Wettersatelliten befinden sich etwa 36.000 Kilometer entfernt.

Apophis wurde 2004 entdeckt. Er hat etwa 350 Meter Durchmesser und wäre eine enorme Gefahr. „Die Größe entfachte beim Aufschlag auf der Erde die Kraft von etwa 1000 Hiroshima-Bomben“, sagt Griese. „Ein echter Kontinentekiller.“ Weil er glücklicherweise vorbeifliegt, kann er wertvolle Informationen liefern.

Ramses besteht aus einem etwa würfelförmigen Satelliten mit 1,8 Meter Kantenlänge plus Solarpanel. Er soll im März 2028 starten, einmal um die Sonne fliegen, um Schwung zu holen, und auf die Flugbahn von Apophis einschwenken. Dann wird der große Satellit zwei kleine im Schuhkartonformat aussetzen. Sie sollen den Asteroiden umkreisen.

Ramses wird Apophis etwa vier Monate begleiten und Daten sammeln. „Wir erwarten, dass die Erdanziehung eine Art Asteroidenbeben verursacht“, sagt Griese. „Das liefert Informationen über den Aufbau.“ Und die sind wichtig. Denn: „Bevor wir einen Asteroiden ablenken, müssen wir wissen, ob er zum Beispiel ein Stein ist oder nur aus Geröll besteht, das die Gravitation zusammenhält“, erklärt Janovsky. „Bei der Abwehr müssen wir verhindern, dass sich der Asteroid in viele kleine Objekte zerlegt, die unkontrollierbar herumfliegen.“ Und womöglich doch großen Schaden anrichten.

Auch wenn der Starttermin in zweieinhalb Jahren weit entfernt scheint, für eine derartige Mission ist das kurz. „Der Zeitplan bis zum Start von Ramses ist sehr eng“, sagt Griese. „Wir können ihn nur halten, weil wir viel von Hera übernehmen.“ Schon für jene Sonde war das Team schnell: Es brauchte vier Jahre, um Hera zu entwickeln, zu bauen und unter Weltraumbedingungen zu testen. Üblich ist die doppelte Zeit.

Ramses basiert auf dem Hera, muss aber angepasst werden, um leichter und wendiger zu sein. Auch die Treibstofftanks sind größer. Was noch fehlt, ist die endgültige Zusage für die Finanzierung. Darüber entscheiden die Mitgliedsländer der Esa beim Ministerratstreffen im November in Bremen.

Ramses wird vermutlich zwischen 100 und 200 Millionen Euro kosten. Dazu kommen noch der Raketenstart, die Bodenstationen und der Betrieb. Im Vergleich zum dreiteiligen Satellitenset, das in der zweiten Hälfte der 30er Jahre Gravitationswellen im All messen soll, sind die Ausgaben niedrig. Das Lisa genannte Projekt kostet die Esa nach aktuellem Stand 839 Millionen Euro.

In Bremen arbeiten sie bereits an der geplanten Esa-Mission Neomir. Das Infrarotsystem soll in den 30er Jahren zwischen Sonne und Erde platziert werden und Asteroiden aus Richtung Sonne früher erkennen. So gäbe es mehr Vorwarnzeit.

Zwei UN-Organisationen kümmern sich bisher um das Thema Asteroiden, koordinieren, wenn ein gefährlicher Himmelskörper gesichtet wird, wie im Frühjahr 2024YR4. Er ist etwa 60 Meter groß und drohte, die Erde zu treffen. Inzwischen ist klar, dass er vorbeifliegt, vielleicht aber auf dem Mond einschlägt. Gewarnt wird also, die Abwehr ist bisher eher theoretisch. „Wir brauchen ein System, das entwickelt und getestet und für den Notfall schnell einsatzbereit ist“, sagt Janovsky. „So weit sind wir noch nicht.“