„Wir werden unterm Strich wieder mehr arbeiten müssen“

2025 ist zu Ende, der Herbst der Reformen, wie ihn die schwarz-rote Bundesregierung von Kanzler Friedrich Merz (CDU) verkündet hat, ist vorbei. So richtig gegriffen haben sie noch nicht. Aber aus Sicht von Christian Sewing, Präsident des Bundesverbands Deutscher Banken, in dem die Geschäftsbanken organisiert sind, wird es besser. „Die deutsche Wirtschaft kommt 2025 nur langsam voran, in den nächsten zwei Jahren sollte sich das Wachstum aber beschleunigen.“ Sewing, auch Chef der Deutschen Bank, mahnt weitere Reformen an.

Wirtschaftspolitik

Der Bankenpräsident erwartet von der Bundesregierung, mehr für die deutsche Wirtschaft zu tun. Die Regierung habe einiges auf den Weg gebracht: das Fiskalpaket, den Haushalt, den Wachstumsbooster mit verbesserten Abschreibungsbedingungen, die Anpassungen bei der Körperschaftssteuer, den Industriestrompreis – auch die Bürgergeldreform sei ein wichtiges Signal. „Aber das reicht noch nicht, um das Wachstum langfristig deutlich zu erhöhen“, sagt Sewing. Weitere Strukturreformen seien unverzichtbar.

Die Bundesregierung müsse den eingeschlagenen Reformkurs daher entschlossen fortführen und dabei das Tempo erhöhen, empfiehlt der Bankmanager. „Jede wirtschafts- und sozialpolitische Entscheidung muss daran gemessen werden, wie sie sich auf Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit auswirkt.“

Für den Bankenpräsidenten ist klar, was Schwarz-Rot anpacken muss: „Vorneweg brauchen wir deutlich schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren. Sonst kommen etwa wichtige Infrastruktur-Projekte nicht voran, obwohl die Mittel bereitstehen. Das würden die Menschen in unserem Land nicht verstehen.“ Er nennt zudem weniger Bürokratie, eine effizientere Verwaltung, niedrigere Energiepreise und mehr Fachkräfte sowie, dass die sozialen Sicherungssysteme so weiterentwickelt werden, „dass sie tragfähig bleiben und auch für künftige Generationen noch zu stemmen sind.“

Wichtig: „Wir müssen uns bewusst sein, dass eine Transformation nicht ohne unangenehme Entscheidungen gelingt, das ist in einer Volkswirtschaft ähnlich wie in einem Unternehmen: Damit wir auf Dauer wettbewerbsfähig bleiben, müssen wir auch an der einen oder andere Stelle Abstriche hinnehmen – und wir werden unterm Strich wieder mehr arbeiten müssen.“

Wirtschaftliche Lage

2023 und 2024 schrumpfte Deutschlands Wirtschaftsleistung, 2025 dürfte sie nur minimal gewachsen sein. 2026 geht es Sewing zufolge endlich wieder aufwärts. „Wir erwarten 2026 ein Wachstum von bis zu eineinhalb Prozent“, sagt der Bankenpräsident. „Die Investitionsprogramme der Bundesregierung geben dafür einen spürbaren Impuls. Entscheidend wird sein, dass die Politik diese Programme mit Reformen verbindet, die privatwirtschaftliche Investitionen erleichtern. Dann kann die Wirtschaft mehr Schwung entwickeln.“

Sewing und der Bankenverband gehören eher zu den Optimisten. Nur das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin ist mit einem Plus von 1,7 Prozent noch zuversichtlicher. Die EU-Kommission erwartete zuletzt 1,2 Prozent, die Wirtschaftsweisen 0,9 Prozent und die Bundesbank sogar nur 0,6 Prozent Plus. Die Bundesregierung selbst rechnete zuletzt mit 1,3 Prozent.

Sewing beruhigt all jene, die Sorge um ihre Arbeit haben, weil auch große Unternehmen tausende Stellen streichen wollen. „Für 2026 rechnen wir im Zuge des höheren Wachstums mit einer gewissen Entspannung. Die Zahl der Arbeitslosen, die im Jahresdurchschnitt 2025 bei etwas unter drei Millionen liegen wird, dürfte unseren Ökonomen zufolge im kommenden Jahr um etwa 100.000 Personen sinken.“ Der Bankenpräsident erwartet aber, dass es erhebliche Unterschiede von Branche zu Branche gibt. Allerdings: „Ich bin sicher: Gut qualifizierte Fachkräfte bleiben sehr gefragt.“

Geopolitik

2025 beeinflussten die bisweilen erratische Zollpolitik und teils offene Drohungen des US-Präsidenten Donald Trump die Weltwirtschaft. Bankenpräsident Sewing sieht auch Chancen. „Natürlich belasten höhere Zölle unsere exportorientierte deutsche Wirtschaft spürbar“, sagt er. „Weil sich Handelsströme neu ordnen, wächst aber gleichzeitig das Interesse an Europa. Internationale Investoren und Unternehmen suchen nach Alternativen. Das sollten wir nutzen – und dafür sollten wir weniger auf die USA, als auf uns selbst schauen.“ Europa könne unter dem äußeren Druck stärker werden, aber nur wenn es an seiner Wettbewerbsfähigkeit arbeite, innere Hürden beseitige und eine Politik betreibe, die vor allem Investitionen und wirtschaftliche Dynamik fördere. „Dafür muss die EU geeint handeln – vor allem bei Handel, Rohstoffen, Energie und Verteidigung.“

Zuletzt zeigte auch Chinas härtere Wirtschaftspolitik etwa bei wichtigen Seltenen Erden, wie abhängig die EU ist. Sewing setzt zum Beispiel darauf, mehr wiederzuverwerten. „Bei Rohstoffen gilt: Mehr Diversifizierung und mehr Kreislaufwirtschaft.“ Gleichzeitig solle Europa auf mehr bilaterale Handelsabkommen mit verschiedenen anderen Ländern und Regionen setzen. „Diese Schritte dauern zwar, machen uns aber langfristig weniger abhängig.“

Zinsen

Die Zeiten kräftig steigender Preise sind wohl zu Ende. „Die Inflation dürfte sich 2026 bei rund zwei Prozent einpendeln“, sagt der Bankenpräsident. „Kurzzeitig kann sie Anfang kommenden Jahres etwas darunter liegen.“ Eine längere Phase mit Inflationsraten unterhalb der Zwei-Prozent-Marke, die die Europäische Zentralbank als ideal ansieht, hält der Bankenpräsident derzeit für eher unwahrscheinlich – unter anderem, weil die globalen Produktions- und Lieferketten neu eingerichtet werden, was  höhere Kosten bedeutet.

Das bedeutet: „Wir rechnen 2026 mit weitgehend unveränderten Leitzinsen“, sagt Sewing. „Die EZB hat signalisiert, dass sie das aktuelle Niveau für angemessen hält. Weitere Schritte hängen davon ab, wie sich Wachstum und Inflation entwickeln.“ Das hat auch Folgen für die Zinsen zum Beispiel auf Tagesgeldkonten, die bei den Deutschen so beliebt sind. Sie richten sich meist nach den Leitzinsen. Der wichtige Einlagenzinssatz der Zentralbank liegt derzeit bei 2,0 Prozent. „Grundsätzlich zeigt die Erfahrung, dass bei stabilen Leitzinsen der EZB auch die durchschnittlichen Guthabenzinsen in etwa stabil bleiben.“, sagt Sewing. Aber: „Die Zinsen für Termingeld- und Sparkonten sind stark vom Geschäftsmodell der einzelnen Institute abhängig.“

Altersvorsorge

Die Pläne der Bundesregierung, die Altersvorsorge neu aufzustellen, gehen dem Bankenpräsidenten nicht weit genug. Etwa die Frühstartrente, bei der jedem Kind ab sechs Jahren monatlich zehn Euro für Altersvorsorge geschenkt werden sollen. „Die Frühstart-Rente bleibt aufgrund der geringen Beträge nur ein kleiner Baustein“, sagt Sewing. Auch werde sie erst in mehreren Jahrzehnten wirklich wirken. „Dass das nicht reicht, sollte jedem klar sein.“ Deshalb sollte es zum Beispiel möglich sein, freiwillig einzuzahlen. Das sieht der Kabinettsentwurf für die Frühstartrente vor. das Gesetz soll 2026 kommen.

Gleichzeitig seien weitere Maßnahmen nötig, um die Kapitaldeckung in der Altersvorsorge zu erhöhen. „Ich bin zum Beispiel ein großer Befürworter des Vorschlags der Deutschen Börse, dass der Staat für jedes Kind einen Einmalbetrag zur Verfügung stellt, der am Kapitalmarkt investiert wird“, sagt der Bankenpräsident. „Daraus würde dann durch den Anlagehorizont von mehreren Jahrzehnten ein substanzieller Baustein für die Altersvorsorge.“