Auf Autos aus den USA fallen bald keine Zölle mehr an. Dieser Teil des Handelsabkommens zwischen EU und den Vereinigten Staaten könnte vor allem die deutsche Autoindustrie treffen, immer noch die wichtigste Branche der Bundesrepublik. Sie feiert sich gerade bei der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in München. Wird Europa jetzt nicht nur von billigen chinesischen E-Autos, sondern auch von US-Fahrzeugen überschwemmt? Wer kauft sie? Und warum?
Im Automarkt bestimmen Angebot und Nachfrage das Geschäft. Das haben auch chinesische Marken wie Nio und GWM gemerkt, deren deutsche Absatzzahlen übersichtlich sind. Und US-Marken? Ein Viertel aller Deutschen kann sich nicht vorstellen, ein solches Auto zu fahren, wie eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Online-Brokers XTB ergab. 33 Prozent halten den Spritverbrauch der Fahrzeuge für zu groß. 25 Prozent lehnen die bullige, US-zentrierte Politik von Präsident Donald Trump ab und meiden deshalb Autos aus Amerika. 21 Prozent kaufen lieber europäisch.
Fast die Hälfte der Befragten stiege aber ein, vor allem, wenn das US-Fahrzeug signifikant günstiger wäre als eines aus Deutschland oder Asien. Unklar ist, was das bedeutet. Künftig entfällt der Zoll von zehn Prozent, bei Preisen von 100.000 Euro und mehr etwa für einen Cadillac Vistiq betrüge die Ersparnis 10.000 Euro. Das Fahrzeug bleibt recht teuer. Vielleicht können die US-Hersteller anders punkten, wie die Umfrage andeutet: Wenn sie sich auf die deutschen (und europäischen) Wünsche einstellen. Da haperte es bisher.
US-Autobauer und Europa kamen nie so richtig zusammen. Selbst die „Hochzeit im Himmel“, von der Daimler-Chef Jürgen Schrempp 1998 schwärmte, als das deutsche Unternehmen den US-Konkurrenten Chrysler übernahm, scheiterte – zu unterschiedlich die Märkte und Ideen. Auch General Motors kämpfte mit Europa. Der Konzern hatte über die Jahrzehnte zahlreiche Marken zusammengekauft, viele wie Simca und Talbot in Frankreich oder Saab in Schweden gibt es nicht mehr. Opel ging nach langem Schrumpf-Kurs an den europäischen Konzern Stellantis (Chrysler, Citroën, Fiat, Peugeot). Es war GMs Abschied aus Europa.
Kommt jetzt die Rückkehr? „Ich denke, dass wir uns wegen der amerikanischen Autos keine allzu großen Sorgen machen müssen“, sagt Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management in Bergisch-Gladbach. „Nach derzeitigem Stand ist nicht zu erwarten, dass sie auch bei 0 Prozent Zoll große Marktanteile gewinnen, weil sie meist nicht den Geschmack europäischer Kunden treffen. Eine Ausnahme war Tesla.“
Das Design des Herstellers ähnelt dem europäischen. Er setzte als erster auf reine E-Autos, auf schlichtes, funktionales Inneres. Und vermarktete sich geschickt als modern und der Zukunft zugewandt. Bei den deutschen Neuzulassungen schaffte Tesla von Januar bis August 2025 einen Anteil von 0,6 Prozent. Tendenz fallend, unter anderem weil den Bundesbürgern das politische Gebaren des Konzernchefs Elon Musk missfällt.
Alle anderen US-Marken außer Jeep (0,5 Prozent bei Neuzulassungen) lassen sich auf deutschen Straßen nur sehr selten sehen. Cadillac etwa kommt auf 0,003 Prozent Marktanteil bei Neuzulassungen. Das waren 65 von rund 1,875 Millionen Fahrzeugen seit Jahresbeginn.
Noch sind die USA für die deutschen Autohersteller wesentlich wichtiger als Deutschland für die amerikanischen. Im ersten Halbjahr lieferten Fahrzeuge im Wert von 15,51 Milliarden Euro von Deutschland in die USA, umgekehrt waren es Autos im Wert von 3,1 Milliarden Euro. Insgesamt exportierte die Bundesrepublik in dem Zeitraum Kfz und Teile im Wert von 131,8 Milliarden Euro in alle Welt, der Einfuhrwert betrug 73,2 Milliarden Euro.
Bleibt die Frage, was ein US-Auto ist. Die meisten Bundesbürger denken vermutlich sofort an ausladende Fahrzeuge mit weicher Federung und hohem Spritverbrauch oder an überdimensionierte Straßenmonster wie den Hummer oder Teslas kantigen Cybertruck. Für den Zoll ist aber wichtig, wo das Auto hergestellt wird, nicht wer hinter der Marke steht. Bisher waren für ein solches Fahrzeug zehn Prozent Zoll fällig, künftig ist es zollfrei.
Tesla entwickelt seine Modelle vielleicht in den USA, fertigt aber weltweit, etwa in Shanghai. Und in Grünheide bei Berlin läuft das Model Y vom Band. Wird es innerhalb der EU verkauft, war bisher schon kein Zoll fällig. Die Marke Jeep gehört zum europäischen Hersteller Stellantis. Gefertigt wird an mehreren Standorten weltweit.
Und dann sind da deutsche Hersteller mit Werken in den USA. Autoexperte Bratzel sagt, es werde günstiger für die BMW- oder Mercedes-Modelle, die in den USA produziert würden. BMW baut dort zum Beispiel die X-Serie, Mercedes die SUV GLS und GLE. Profitiert der europäische Kunde dann von wegfallenden Zöllen? Bratzel ist skeptisch: „Ob die Hersteller die geringeren Kosten weitergeben, ist jedoch fraglich.“
Dafür könnte etwas anderes eintreten. „Falls das für die EU ungünstige Zollregime längerfristig Bestand hat, könnte sich in den USA ein Export-Geschäftsmodell entwickeln mit negativen Effekten für den europäischen Autostandort“, sagt der Autoexperte. So etwas wie Fertigung der Europäer in den USA und zollfreie Lieferung nach Europa. Er geht allerdings nicht davon aus, dass die für die EU ungünstigen Regeln dauerhaft gelten werden.