Warum sich Busse und Bahnen lohnen

In Deutschlands städtischen Regionen ist Nahverkehr unerlässlich, in ländlichen Gebieten ist das Angebot eher übersichtlich. Kommunen und Bundesländer, die Busse und Bahnen bezahlen müssen, schauen meist auf die Kosten. Konkrete Zahlen zum Nutzen fehlten bisher. Erstmals haben jetzt Experten versucht, den volkswirtschaftlichen Wert des Nahverkehrs zu berechnen. Was bringt er für Industrie, Einzelhandel, Tourismus, Klima?

Die Summe ist beachtlich. Rund 75 Milliarden Euro jährlich bringt der öffentliche Personennahverkehr der Bundesrepublik. „Bei 25 Milliarden Euro Ausgaben ist das eine Investition, die sich lohnt“, findet Oliver May-Beckmann, Mitautor der Studie und Geschäftsführer des MCube. Ein investierter Euro bringt demnach drei Euro Nutzen. Angesiedelt an der Technischen Universität München beschäftigt sich MCube mit der Zukunft der Mobilität – von autonomem Fahren bis Stadtumbau.

Die Zahlen sind ein Mittelwert zwischen konservativen und progressiven Annahmen zum Effekt des Nahverkehrs. Konservativ beträgt die Wertschöpfung nur 38,3 Milliarden Euro, progressiv 109 Milliarden Euro. Die Studie betrachtet May-Beckmann zufolge ausdrücklich den aktuellen Stand. Dennoch wagen die Studienautoren einen Ausblick: Würden von 2020 bis 2030 insgesamt 100 Milliarden Euro investiert, betrüge der zusätzliche Nutzen 479 Milliarden Euro – vor allem, wenn in Städten ausgebaut würde.

„Der öffentliche Personennahverkehr ist nicht nur Fortbewegungsmittel, Klimaschützer und Teil der Daseinsvorsorge, sondern auch ein Wirtschaftstreiber“, sagt Jan Schilling, Vorstandsmitglied von DB Regio, der Nahverkehrssparte der Deutschen Bahn. Sie hat auch die Initiative Zukunft Nahverkehr gestartet, die die Studie beauftragte. Rein rechnerisch kommt der öffentliche Nahverkehr mit seiner Wertschöpfung auf Rang sieben der wichtigsten deutschen Branchen – nach Chemie und vor elektrischen Ausstattungen.

Schilling hofft, dass die Studie hilft, künftig wieder auf Basis von Fakten über den Nahverkehr zu sprechen. „In den vergangenen Jahren hat sich das Thema eher zu einer Glaubensfrage entwickelt“, sagt der DB-Regio-Manager. „Man sieht jetzt, wie wertvoll das System ist. Viele Kunden vor allem auf dem Land werden womöglich den Kopf schütteln. Wenn der Bus nur viermal am Tag fährt, ist ein Wert nur schwer zu erkennen. In solchen Gebieten ist das Auto das Fahrzeug der Wahl. Hier mehr Geld auszugeben, könnte allerdings auch hohen Nutzen haben.

Länder, Kommunen und die Verantwortlichen für Klimapolitik beim Bund müssten sich zusammensetzen und gemeinsam überlegen, wo investiert werden, um den größtmöglichen Effekt zu haben, sagt Schilling. Er sieht aber auch die Nahverkehrsunternehmen in der Pflicht. „Die Branche muss die Effizienz steigern.“ Geld zum Beispiel statt in Fahrkartenautomaten, die durch das Deutschland-Ticket weniger wichtig sind, in mehr Angebot stecken.

Wie sind die Experten für die Studie vorgegangen? Die Investitionen in Nahverkehr sind recht leicht zu erfassen, schließlich ist das die Summe, die dafür ausgegeben wird, das Busse und Bahnen fahren, Personal bereitsteht. Kurz: die Betriebskosten. Beim Nutzen wird es komplizierter. Die Experten haben drei Bereiche betrachtet: direkte und indirekte Effekte, Folgen für andere Branchen und sogenannte externe Kosten.

Die Verkehrsbetriebe beschäftigen zahlen Lohn, befördern Fahrgäste, erwirtschaften Umsatz. Und sie kaufen Fahrzeuge und Ersatzteile. Diese direkte und indirekte Wertschöpfung lässt sich recht sicher berechnen. Sie beläuft sich der Studie zufolge im Mittel auf 21 Milliarden Euro pro Jahr.

Dann beeinflusst der Nahverkehr auch andere Branchen: Einzelhandel und Tourismus profitieren, wenn Zentren und Sehenswürdigkeiten gut erreichbar mit Bus und Bahn sind. Zu Großveranstaltungen etwa geht ohne Nahverkehr meist nur sehr wenig. Gute angebunden zu sein, erhöht den Wert von Immobilien. Bus und Bahnen ermöglichen vielen, im großen Umfang zur Arbeit zu pendeln. Hier kommen die Studienautoren auf einen Nutzen im Wert von durchschnittlich 45 Milliarden Euro jährlich.

Und dann sind da jene Dinge, die sich nur schwer in Geld ausdrücken oder erfassen lassen: Luftverschmutzung, Lärm, Zeitverlust durch Stau, Unfälle, Flächenverbrauch, Umwege durch breite Schnellstraßen. Meist entstehen Kosten, die die Allgemeinheit trägt. Wer wegen schlechter Luft krank wird, kann nicht arbeiten, belastet das Gesundheitssystem. Wer im Stau steht, verliert wertvolle Zeit für Arbeit oder um sich zu erholen. Oft werde nicht gesehen, was eine Kommune an anderer Stelle sparen könne, wenn sie in Nahverkehr investiere, sagt MCube-Chef May-Beckmann. Insgesamt vermeidet der Nahverkehr der Studie zufolge im Schnitt rund 9,1 Milliarden Euro externer Kosten jährlich.

Die Zahlen sind belastbar, haben aber einige Tücken. So gibt es aus großen Städten mehr Daten als aus der Fläche. Und die Experten beziehen sich in Teilen auf 2019, damit die Pandemie nicht die Zahlen verzerrt. Eingeflossen sind unter anderem zahlreiche Studien rund um den Nahverkehr, Daten des Verbands der Verkehrsunternehmen und Informationen des Verkehrsministeriums sowie des Statistischen Bundesamtes.