Windrad zu Surfbrett

Die Täter schmuggelten den aus Deutschland stammenden schadstoffbelasteten Müll, darunter die geschredderten Rotorblätter von Windkraftanlagen, über die Grenze nach Tschechien, und kippten ihn dort in der Ortschaft Jirikov ab. Die illegale Entsorgung flog auf. Die Spur führte zu einem bayerischer Recyclingunternehmer. Sein Fall wird derzeit vor dem Landesgericht Weiden in der Oberpfalz verhandelt.

Die drängende Frage derzeit: Was, wenn die Windräder in die Jahre kommen? Der Ausbau der Erneuerbaren Energien hat in den 1990er Jahren begonnen. Die Flügel einer Windkraftanlage halten nach gut 20 bis 30 Jahren aber dem Wind nicht mehr zuverlässig stand, das Material ermüdet. Laut der Fachagentur Wind und Sonne sind heute von den bundesweit gut 29.200 Windenergieanlagen auf dem Festland schon ein Drittel älter als 20 Jahre. Die Anlagen auf hoher See kommen noch dazu.

So werden zahlreiche Windräder in den nächsten Jahren ausrangiert, auch erneuert und durch größere ersetzt werden müssen. Heißt: Sie werden vom Netz getrennt, dann demontiert. Betreiber brauchen wie für den Neubau auch für den Abriss eine Genehmigung. Sie müssen die Baustelle anmelden und Regeln aus Baugesetzbuch und Kreislaufwirtschaftsgesetz beachten. Das Recycling beginnt dann oft schon vor Ort.

Der Beton aus Turm und Fundament wird zerkleinert, geht danach zum Beispiel in den Bau von Straßen. Der Stahl aus dem Stahlbeton wird aussortiert und später als Schrott verwertet. Metalle wie Kupfer aus den Stromkabeln sind auch gefragt. Somit lassen sich laut Umweltbundesamt gut 90 Prozent der Materialien für ein Windrad gut recyceln. Anders ist das beim Rest: die abmontierten und zersägten Rotorblätter sind kompliziert, zumindest noch.

Das Problem: Rotorblätter müssen leicht, biegsam-elastisch, aber strapazierfähig sein, weil sie Wind, Regen und UV-Strahlung ausgesetzt sind. Darum stecken in ihnen ähnlich wie in Flugzeugen technisch komplexe Materialien: in Kunstharzen eingebettete Glas- oder Kohlenstofffasern. Auch Holz, Schaum, Metalle sind in den Flügeln mit verarbeitet. Das lässt sich alles kaum wieder voneinander trennen und macht das Recycling aufwändig und teuer.

Lassen sich die Rotorblätter also einfach vergraben? Das wäre in Deutschland illegal, ihre Deponierung ist hierzulande seit 2005 verboten. Bisher werden sie meist zerkleinert und zum Beispiel in der Zementindustrie eingesetzt – als Brennstoff, Teile auch als Sandersatz. „Das ist aber nur eine Brückentechnologie“, sagt Fabian Rechsteiner.

Er forscht am Fraunhofer-Institut für Gießerei-, Composite- und Verarbeitungstechnik mit Sitz in Augsburg zu neuen innovativen Lösung. In Zeiten von Kriegen, politischen Spannungen, Exportzöllen sei das Recycling nicht nur aus Umweltgründen interessant, sagt er: „Recycling sichert Rohstoffe im rohstoffarmen Deutschland.“ So ein Rotorblatt sei ein „echtes Monstrum“, habe bei Anlagen auf dem Festland eine Länge von bis zu 80 Metern, auf hoher See sogar bis zu 120 und wiege zehn bis 30 Tonnen. Aus dem Material lässt sich einiges machen, schon heute.

Im niedersächsischen Diepholz lässt sich am Bahnhof seit Mai dieses Jahres auf einer Bank aus recycelten Rotorblättern sitzen. Dahinter steckt ein Forschungsprojekt der örtlichen Privaten Hochschule für Wirtschaft und Technik, PHWT. Das Dresdener Unternehmen „Wings for Living“ hat die Bank hergestellt. Es hat sich darauf spezialisiert, Outdoor-Möbel alten Windradflügeln zu designen. Sie sind aber nicht die einzigen, die einem Rotorblatt ein zweites Leben geben.

Das norwegische Start-Up Evi baut in Zusammenarbeit mit einer Recyclingfirma Skier aus alten Windradflügeln des Vattenfall-Konzerns. Der spanische Konzern Acciona, der nicht nur, aber auch im Erneuerbaren Energien-Geschäft ist, hat aus ausgemusterten Anlagen, Surfbretter formen lassen. Im dänischen Aalborg parken Radfahrer am Hafen in einem Unterstand aus ausgedienten Windradflügeln. Im schwedischen Lund fahren Autofahrer in ein Parkhaus mit einer aus ihnen gebauten Fassade. Und im niederländischen Rotterdam klettern und rutschen Kinder auf einem Spielplatz mit Gerüsten und Röhren, die einst Rotorblätter waren.

Aber Standard sei das alles nicht, werde auch nicht die Lösung für alle Rotorblätter sein, erklärt Recycling-Forscher Rechsteiner. Er und seine Kollegen haben jetzt ein Verfahren entwickelt, mit dem sich die Carbon- oder Glasfasern aus ausgedienten Rotorblättern zu einem hochwertigen Vliesstoff verarbeiten lassen. Ein Patent ist angemeldet. Geht alles gut, soll das Verfahren im großen Maßstab angewendet werden. Diese technischen Textilien können dann etwa Automobil-, Luftfahrt- oder Sportindustrie nutzen.

Gibt es eine Alternative? Rechsteiner sagt: „Würden Rotorblätter von Anfang an anders designt, also Materialien verwendet, die sich leichter recyceln ließen, würde es einfacher.“ Daran wird auch schon gearbeitet. In einem Windpark vor Helgoland drehen sich bereits seit 2023 solche neuartigen Rotorblätter. Siemens Gamesa hat sie dort erstmals installiert. Sie bestehen aus einem Kunstharz, der sich leichter wieder von den Glas- und Kohlenstofffasern lösen soll.

Kriminelle Machenschaften verhindert das wohl trotzdem nicht. Wie das Urteil gegen den Recyclinghändler aus der Oberpfalz ausfällt – offen. Den illegal abgelagerten Müll ließen die bayerischen Behörden mittlerweile zurückholen.