Haut die EU das vegane Schnitzel in die Pfanne?

In den Kühlregalen von Supermärkten und Discountern sind sie mittlerweile überall zu finden: Fleischalternativen. Wer einkauft, greift dann womöglich zu „Soja-Schnitzel“, „Veggie-Salami“, „veganem Steak“ oder „Tofu-Burger“. Noch. Denn die Fleischnamen für die Produkte aus Pflanzen, wie etwa Soja oder Weizeneiweiß, Erbsen oder Lupinen, stehen vor dem Aus. Sie sollen für die tierische Kost vorbehalten werden.

Am Mittwoch, den 8. Oktober, stimmt darüber das EU-Parlament ab, eine Mehrheit dafür zeichnet sich ab: Der EU-Agrarausschuss hat bereits zugestimmt. Die christlich-konservative Europäische Volkspartei EVP, zu der auch CDU und CSU gehören, hatte den entsprechenden Antrag eingebracht. Darin heißt es, dass Fleisch-Begriffe „ausschließlich den zum Verzehr geeigneten Teilen von Tieren vorbehalten“ werden sollten.

Die französische EVP-Abgeordnete Céline Imart, die den Antrag vorantrieb, erklärte es so: „Ein Steak ist aus Fleisch gemacht – Punkt.“ Das garantiere eine ehrliche Etikettierung, schützte die Landwirte und bewahre die kulinarischen Traditionen Europas. Allerdings stemmen sich nun namhafte Unternehmen in einem Bündnis mit Verbänden und Nichtregierungsorganisationen dagegen.

Darunter: die Handelskonzerne Lidl und Aldi Süd, Produzenten wie Rügenwalder Mühle oder die Fast-Food-Kette Burger King Deutschland. In einem gemeinsamen Brief an die EU-Abgeorndeten warnen sie, dass zum Beispiel eine pflanzliche Wurst künftig mit „alltagsfernen Kunstbegriffen“ beworben werden müsse. Dabei seien Burger, Wurst, Schnitzel vertraute Begriffe. Sie würden den Menschen helfen „einzuschätzen, was sie im Hinblick auf Geschmack und Textur von einem Lebensmittel erwarten können“.

Sie wehren sich auch gegen das Argument, Verbraucher verwirre, dass die Pflanzenprodukte Fleischnamen trügen: Kunden seien „sehr wohl in der Lage sind, zwischen pflanzlichen und tierischen Produkten zu unterscheiden“, heißt es in dem Schreiben. Dann kommen sie zum Kern ihres Anliegens:

„Ein Verbot von vertrauten Begriffen würde es Unternehmen deutlich erschweren, ihre Produkte zu verkaufen, insbesondere für die Zielgruppe der Flexitarier, die bewusst nach pflanzlichen Alternativen suchen, die ähnlich wie ihre tierischen Pendants zubereitet und verwendet werden können.“ Und weiter: „Von dem drohenden wirtschaftlichen Schaden wäre Deutschland besonders betroffen.“

Denn: Deutschland sei der größte Markt für pflanzliche Fleischalternativen in Europa. Im vergangenen Jahr habe der Umsatz im deutschen Einzelhandel bei 759 Millionen Euro gelegen. Nicht eingerechnet seien dabei die Umsätze mit Fleischalternativen in der Gastronomie. Zudem würden die deutschen Unternehmen für den Export in andere EU-Länder produzieren.

Godo Röben hat den Markt gut im Blick. Er berät Lidl und andere Konzerne in Veggie-Fragen. Er hat einen Ruf in der Branche, weil er vor gut zehn Jahren noch Manager beim Fleisch-Riesen Rügenwalder Mühle im niedersächsischen Bad Zwischenahn war und ihn damals auf den heutigen Veggie-Kurs brachte. Er meint: „Da droht ein Zukunftsmarkt kaputt gemacht zu werden, weil Lobbygruppen von Landwirtschaft, Fleisch- und Schlachtbranche ihr altes Geschäftsmodell retten wollen und dafür bei den Konservativen Gehör finden.“

Anders gesagt: Für Röben steckt hinter dem Namensstreit ein Kampf von Produzenten tierischer gegen die pflanzlicher Kost. Denn Konsumgewohnheiten haben sich längst verschoben. Rein rechnerisch aß im vergangenen Jahr jede und jeder in Deutschland 53 Kilo Fleisch, fünf Jahre zuvor waren es 59.

Und Röben meint: „Ein Pflanzenschnitzel soll es nicht geben. Aber als das Putenschnitzel auf den Markt kam, hat sich keiner beschwert, nicht von Verbrauchertäuschung gesprochen?“ Dabei seien Schnitzel in Deutschland traditionell aus Schweinefleisch.

Die Marketingleute der Unternehmen, die pflanzlichen Fleischersatz anbieten, müssen sich nun womöglich neue Namen und Designs für ihre Verpackungen ausdenken. Die Debatten sind allerdings nicht ganz neu. Auch pflanzliche Milchalternativen etwa aus Hafer, Mandel, Soja, Reis dürfen nach EU-Recht nicht mit dem Namen Pflanzen-Milch angeboten werden. Einzige Ausnahme: Koskosmilch, weil ihre Verwendung Tradition hat. Sonst steht auf den Verpackungen heute üblicherweise: „Drink“. Nur sagt Röben: „Auf den Einkaufszettel schreibt man immer noch Hafermilch.“

Soll heißen: Auch wenn die EU nun Namen wie Pflanzen-Salami verbietet, in den Köpfen bleibe er. Einen Begriff wie „Planzen-Scheibe“, sagt er, notiere sich auch künftig wohl niemand vor dem Besuch des Supermarktes.