„Brechen die Rippen, war die Kraft richtig“

Nichts tun? „Das ist das Falscheste“, sagt der Verkehrs- und Unfallforscher Siegfried Brockmann. Liegt jemand mit einem Herzstillstand vor einem auf dem Boden, dann geht es um viel – um das Leben. In so einer Situation sei alles besser als keinen Wiederbelebungsversuch zu starten. Nur, meint Brockmann: „Wer weiß schon, wie eine Herzdruckmassage geht?“ Da will er ran und die, wie er dieser Zeitung sagte, „Erste Hilfe neu aufstellen“.


Brockmann hat sich früher als Leiter der Unfallforschung der Versicherer einen Namen gemacht, heute ist er Geschäftsführer Verkehrssicherheit und Unfallforschung der Björn-Steiger-Stiftung. Das Ehepaar Ute und Siegfried Steiger gründete diese 1969. Ihr achtjähriger Sohn Björn war nach einem Verkehrsunfall gestorben, der Krankenwagen erst nach einer Stunde gekommen. Seither setzt sich die Stiftung für ein besseres Rettungswesen ein.

Manchmal geht es nur um Minuten. Laut dem Deutschen Rat für Wiederbelebung erleiden in Deutschland jedes Jahr mehr als 70.000 Menschen einen plötzlichen Herz-Kreislauf­stillstand, und zwar außerhalb eines Krankenhauses. Davon überlebt nur jeder Zehnte.

Schon innerhalb von drei bis fünf Minuten nimmt das Gehirn unumkehrbaren Schaden, weil Sauerstoff fehlt. Das lässt sich nur vermeiden, wenn die Betroffenen schnell eine Herzdruckmassage bekommen. Doch benötigt der Rettungsdienst im Schnitt neun Minuten. Darum ist jede und jeder gefragt, wird eine Reanimation nötig.

Doch der Erste-Hilfe-Kurs? „Der liegt bei den meisten viele Jahre zurück“, sagt Brockmann. Es gibt in Deutschland keine Pflicht, regelmäßig einen solchen Kurs zu machen. Er ist bisher nur zwingend, wenn man den Führerschein macht. So hätten viele Angst, etwas falsch zu machen, trauten sich nicht. „Dabei darf es auch krachen“, meint Brockmann, „brechen die Rippen, war die Kraft richtig“ – und hilft.

Brockmann erklärt Schritt für Schritt, was zu tun ist. Bricht jemand zusammen, zuerst die Person ansprechen, dann an den Schultern rütteln. Reagiert die Person nicht, ist sie bewusstlos. Dann die Atmung prüfen. Bewegt sich der Brustkorb nicht, unbedingt 112 rufen. Es liegt ein Kreislaufstillstand vor. Sollten Passanten in der Nähe sein, bitten Sie diese darum, die Notrufnummer zu wählen. Sie beginnen dann sofort mit der Herzdruckmassage.


Brockmann weiter: „Der oder die Betroffene muss dafür auf einem harten Untergrund liegen. Knien Sie sich seitlich neben die Person. Legen Sie eine Hand über die andere, und drücken Sie dann fest mit den Handballen in der Mitte des Brustkorbes. Setzen Sie die ganze Kraft ihres Körpers ein, damit der Brustkorb etwa ein Drittel eingedrückt wird.“ Das sei sehr anstrengend. Darum solle man sich abwechseln, ist noch jemand anderes da.

Gedrückt werden solle etwa 100-mal pro Minute. Brockmann rät: „Auch wenn es ihnen nicht passend erscheint, summen Sie `Stayin´ Alive, den Disco Song der Bee Gees, oder den Helene-Fischer-Schlager `Atemlos durch die Nacht´. Das ist der perfekte Rhythmus.“ In dem Takt drücke man dann so lange, bis der Rettungsdienst eingetroffen ist.

In Firmen oder an öffentlichen Plätzen hänge allerdings oft auch ein automatischer Defilibrator, der dem Herzen einen Stromstoß versetzen kann, damit es zum alten Takt zurückfindet. Während einer die Herzdruck-Massage mache, könne ein anderer das Gerät holen und vorbereiten. Man müsse nur tun, was es einem sage. Das Gerät gebe Anweisungen, sobald es angeschaltet ist.

„Sind Puls und Atmung nach seinem Einsatz wieder da, wehrt sich der Patient womöglich sogar, dann erst einmal nichts weiter machen, aber sehr genau beobachten“, sagt Brockmann, „manchmal bricht der Kreislauf erneut zusammen, dann muss die Herzdruckmassage unbedingt fortgesetzt werden.“


Brockmann plant eine Tour durch Deutschland, er will in den nächsten Monaten bis in das Jahr 2025 hinein auf Marktplätzen mit Dummys, also Puppen in Menschengröße, mit Passanten die Herzdruckmassage testen und aufklären. Vielleicht merkt er dann, dass viel mehr Menschen als angenommen wissen, was im Notfall zu tun ist. Falls nicht, wird er fordern, dass die Herzdruckmassage in Deutschland schon Kindern beigebracht wird.

Zudem meint er: „Wer einen Führerschein hat, sollte die Erste-Hilfe-Schulung alle zwei Jahre wiederholen müssen. Dafür sollte sie auf die drei wirklich lebensrettenden Maßnahmen am Unfallort reduziert werden. Dazu gehören neben der Herzdruckmassage die stabile Seitenlage, die die Atemwege offen hält und vorm Ersticken schützt, und der Druckverband, der verhindert, das jemand mit einer stark blutenden Wunde zu viel Blut verliert.“

Hingegen sie es nicht entscheidend zu wissen, wie man einen gebrochenen Arm mit einer Armschlinge ruhig stelle. Das könne den Rettungskräften überlassen werden. Da gehe es nicht um Minuten. Aber alles andere, so der Fachmann für Verkehrssicherheit, „sollte sitzen, damit jeder weiß, was im Ernstfall zu tun ist.“