Wenn die Mitbewohnerin nie vergisst

Schnell eine Geburtstagskarte entwerfen, einen Brief an die Krankenkasse oder ein Bild von Tante Clara vor dem Eiffelturm für einen Gutschein: Viele Menschen nutzen Künstliche Intelligenz bereits zu Hause. Bisher sind extra Programme auf Mobiltelefon oder Computer nötig, doch das ändert sich. Google baut die klassische Suche radikal um. Amazon bietet eine unsichtbare neue Mitbewohnerin an. KI wird noch alltäglicher, lernt aber auch mehr.

Seit dem Start der Google-Suche 1998 läuft sie weitgehend gleich: Stichworte eingeben, klicken und schon taucht eine Liste von Ergebnissen auf, die zu anderen Internetseiten führen. Zuletzt lieferte KI immer häufiger ausführliche Antworten, vereinzelt mit Links garniert. Das soll die Regel werden. Google, das zum US-Konzern Alphabet gehört, krempelt sein Angebot nach mehr als 25 Jahren tiefgreifend um.

Fragen können im Suchfeld eingetippt werden, die KI schlägt Ergänzungen vor. Wer mag, kann gleich ganze Videos, Tonaufnahmen, PDF hineinziehen, die die Technik im Hintergrund durchsucht, um dann Fragen beantworten zu können. Welches Kleid eine Schauspielerin in einer bestimmten Szene trägt, sollte dann kein Geheimnis mehr sein. Im Hintergrund läuft das Google KI-Modell Gemini 3.5 Flash. Das Angebot ist weltweit verfügbar und kostenlos, wie es auf der Entwicklerkonferenz des Unternehmens in Mountain View, Kalifornien hieß.

Vom Sommer an kann die KI Minihelfer, sogenannte Agenten, programmieren, die zum Beispiel rund um die Uhr nach Informationen zum Lieblingsfußballverein suchen oder die Wohnungsangebote überwachen. Es kann aber auch ein persönlicher Fitnessplaner sein. Wer solche Agenten einsetzen möchte, muss allerdings ein KI-Abo bei Google abschließen. Auch Einkäufe sollen über die Suche einfacher werden.

Google will verhindern, dass die reinen KI-Unternehmen wie OpenAI (ChatGPT) und Anthropic (Claude) der Suchmaschine, bisher die meistbesuchte Internetseite der Welt, Nutzer abziehen. Je mehr Nutzer, desto besser das Geschäft: Denn Google verdient vor allem mit Werbung Geld, angezeigt in den Suchergebnissen oder zum Beispiel als Spots bei der Videoplattform Youtube.

Noch etwas weiter geht der US-Technologieriese Amazon. Er hat seine Sprachassistentin Alexa mit einer KI-Kur umfassend verjüngt, zu erkennen am Pluszeichen im Namen und an der Stimme. Was bisher ein Chatbot war, der Fragen beantwortete oder Musik abspielte, ist jetzt eine persönliche Assistentin. Amazon verspricht, dass sie das Leben der Kunden einfacher macht. Für manchen kann das leicht übergriffig wirken.

Mit Claude lässt sich schon plauschen, mit ChatGPT auch, Alexa+ geht aber noch weiter. Was der Konzern kürzlich in Berlin vorführte, erinnert eher an eine virtuelle Butlerin oder ein zusätzliches Familienmitglied – allerdings rund um die Uhr verfügbar und mit einem schier unerschöpflichen Gedächtnis ausgestattet, das beim Amazon-Cloudservice AWS gespeichert wird.

Alexa+ schreibt E-Mails, berät in Kleiderfragen, merkt sich die Lieblingsspeisen der Familienmitglieder, schlägt Rezepte vor, ergänzt Einkaufslisten, führt den Terminkalender, dimmt Licht und steuert Jalousien, sollten Haus oder Wohnung vernetzt sein. Sogar den Ball im Garten findet die Assistentin, wenn entsprechende Überwachungskameras verbaut sind.

Nebenbei weiß sie, welches Kind wann Sport hat, kennt die Allergien der befreundeten Müllers und bucht Restaurants. Sie erklärt, wofür das „Plakat mit dem Raumfahrer drauf“ steht und schlägt vor, zwei Kinotickets zu buchen. Alexa+ zieht nur ein, wenn bestimmte Geräte von Amazon in Wohnung oder Haus vorhanden sind

Der Konzern startete mit Alexa vor gut zehn Jahren in Deutschland. Inzwischen sind rund 55 Millionen Geräte unterschiedlichen Alters hierzulande vernetzt. Der Konzern berichtet von Milliarden Anfragen. Alexa+ mischt in den USA bereits seit 2025 Haushalte auf. Und angeblich sind nur 24 Prozent klassische Suchanfragen wie an einen Chatbot, etwa „Alexa, spiel mal Highway to Hell.“ Auch in Großbritannien, Italien, Kanada, Mexiko und Spanien ist die persönliche Assistentin bereits greifbar.

Amazon verspricht, dass Alexa+ deutsche Eigenheiten kennt, Schrippe, Semmel, Brötchen unterscheidet. Und deutschen Humor versteht. So kann das Programm auch einschätzen, ob man für eine Party in Berlin, Hamburg oder München richtig gekleidet ist – dank Bilderkennungssoftware und Regionalwissen. Nicht, dass jemand im Jankerl versucht, ins Berliner Berghain zu kommen oder auf der Reeperbahn in Hamburg auszugehen.

Allerdings ist Alexa+ nur so gut wie die verknüpften Dienste. Ist das Lieblingsrestaurant nicht bei Opentable, könnte die Buchung scheitern. Mit dabei sind Amazons Musik- und Filmdatenbank, der schwedische Musikdienst Spotify, Smarthome-Lösungen von Bosch und Philips, Hausgeräte von Siemens. Radiosender und verschiedene Zeitungsverlage. Maildienste wie Web.de sollen folgen.

Alexa+ nutzt KI, aber nicht ein einziges Programm, sondern greift je nach Bedarf auf unterschiedliche zurück. Eingebunden sind KI-Modelle von Anthropic, Meta (Llama) und Mistral AI sowie das Amazon-eigene Titan. Zurzeit läuft ein kostenloses Frühbucher-Programm. Alexa-Nutzer können sich bei Amazon bewerben und erhalten eine Einladung. Nach der Testphase kostet das neue Familienmitglied, das nie vergisst, monatlich Geld. Werbung soll es übrigens immer noch geben.