Die Schufa und die Nazis

Für viele Menschen, den deutschen Einzelhandel und die Banken ist die Schufa wichtig. Seit fast 100 Jahren sammelt sie Daten über Bundebürger und bewertet, wie kreditwürdig jemand ist. Über die Anfänge und vor allem die Zeit zwischen 1933 und 1945 war bisher wenig bekannt. Deutschlands wichtigste Auskunftei wollte es jetzt genauer wissen.

Experten von Die Firmenhistoriker arbeiteten sich unabhängig seit Oktober 2025 durch Akten, Briefe, Geschäftsberichte und Zeitungsartikel aus 74 deutschen und internationalen Archiven. Auf Daten der Schufa konnten die Historiker kaum zurückgreifen. Die Archive etwa der wichtigen Schufa Berlin waren 1945 bei einem Bombenangriff verbrannt. Ähnlich sah es in den großen Standorten Dortmund, Hamburg und Köln aus.

Die Ergebnisse sind überraschend. Vor allem, weil Informationen der Schufa schon wenige Jahre nach ihrer Gründung 1927 für viele Banken und Händler in Deutschland sehr wichtig waren. Die Nationalsozialisten, könnte man meinen, müssten ein besonderes Interesse an der Auskunftei gehabt haben.

„Die Schufa war in der NS-Zeit ein wirtschaftlich relevantes Unternehmen, das zunächst in einer Nische operierte und deshalb nicht im unmittelbaren Fokus der nationalsozialistischen Gleichschaltung stand“, fasst Rainer Lächle, Chef von Die Firmenhistoriker zusammen. „Nach allen derzeit verfügbaren Quellen lässt sich kein Missbrauch der Datenbestände der Berliner Schufa oder ihrer lokalen Ableger für die Zwecke des nationalsozialistischen Regimes nachweisen.“

Wer die gut 60 Seiten Analyse liest, erfährt, dass die Arbeit der Schufa zunächst sogar gut zu den Zielen der Nationalsozialisten passte. Sie wollten in den ersten Jahren nach 1933 unter anderem mit staatlich subventionierten Produkten wie Volkswagen, Volkskühlschränken und Volksempfängern den Wohlstand der Menschen steigern. Weil selbst der Volksempfänger noch teuer war, waren Ratenkredite praktisch – die entsprechende Auskunft zur Kreditwürdigkeit der Kunden wichtig.

Die Schufa blieb in den ersten Jahren des Dritten Reiches eher unter dem Radar, wie die Historiker schreiben. Anders als gewerbliche Auskunfteien arbeitete sie zum Selbstkostenpreis, erwirtschaftete keinen Gewinn. Zudem sammelte sie nur Daten, die für Kreditvergabe wichtig waren, aber nichts zu Religionszugehörigkeit, Vermögenssituation oder politischen Einstellungen – und den Nationalsozialisten nichts brachten.

Erstmals liefern die Historiker auch Informationen zu den drei Gründern der Schufa, alle aus dem jüdischen, liberal-demokratischen Bürgertum. Kurt Meyer und sein jüngerer Bruder Walter Gerhard gründeten sie gemeinsam mit Robert Kauffmann 1927 aus dem Umfeld des Berliner Energieversorgers Bewag. Dessen Tochter Elektrissima verkaufte zum Stromanschluss Elektrogeräte, die in Raten mit der monatlichen Stromrechnung abgezahlt werden konnten. Dazu sammelte das Unternehmen Daten der Kunden.

Daten zur Kreditwürdigkeit interessierten auch andere Handelshäuser und Kreditunternehmen – 17 gehörten zu den Gründungsunterstützern. Nach dem Vorbild der Berliner entstanden in vielen anderen deutschen Städten ähnliche „Schutzgemeinschaften für die Absatzfinanzierung“.

Walter Gerhard Meyer und Robert Kauffmann verloren 1933 ihre Stellen bei der Bewag, weil sie Juden waren und flohen aus Deutschland. Kurt Meyer blieb bis 1937 an der Schufa-Spitze, wurde dann aus dem Job gedrängt. Er reiste nach Argentinien aus. „Dass Meyer seine Tätigkeit fortführen durfte, war durchaus ungewöhnlich“, befinden die Historiker. Jüdische Führungskräfte und Unternehmer hatten nach 1933 Arbeit und Vermögen verloren.

Die Nachfolger an der Schufa-Spitze waren zum Teil NSDAP-Mitglieder aber ohne Parteiämter. Sie sollten nur noch verwalten. Anfragen zu Kreditwürdigkeit gab es kaum noch. Denn mit dem Angriff auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs hatte das Deutsche Reich auf Kriegswirtschaft umgestellt. Es gab schlicht wenig Konsumgüter zu kaufen.

Kauffmann hatte im britischen Exil Kontakt zu liberalen Widerstandsgruppen in Deutschland. Er starb 1942 bei einem Verkehrsunfall. Walter Gerhard Meyer arbeitet nach seiner Flucht in Argentinien bei der bei der Compañía Argentina de Electricidad in Buenos Aires. Er starb sehr wahrscheinlich 2003 in Wien. Kurt Meyer kehrte nach dem Krieg aus Argentinien zurück und half dabei, die neue zentrale Schufa aufzubauen. Sie wurde 1951 in Hannover neu gegründet.

Erstmals gibt es jetzt auch Informationen zu den jüdischen Mitgliedern des Schufa-Verwaltungsausschusse. Dort saßen Vertreter der Anteilseigner. Siegfried Katz wurde 1942 nach Riga deportiert und dort umgebracht. Ernst Leipziger floh 1933 über die Schweiz in die USA, änderte seinen Namen in Ernest Adolf Lester. Seine Spur verliert sich. Leon Zeitlin floh 1933 nach Großbritannien, arbeitete als Publizist und starb 1967.

Die Schufa sitzt heute in Wiesbaden. Die Wirtschaftsauskunftei gehört zu jeweils mehr als einem Viertel den Genossenschaftsbanken und den Sparkassen. Den Rest halten vor allem Geschäftsbanken. Sie hat Informationen von 6,4 Millionen Firmen und rund 68 Millionen Bundesbürgern gesammelt.

Täglich erreichen die Schufa rund 340.000 Anfragen von Firmen, die einschätzen wollen, ob sie Geschäft mit einer Kundin oder einem Kunden machen wollen. 1934, dem Spitzenjahr der Berliner Schufa nach der ersten Gründung, waren es insgesamt 464.135.