Janek Smalla ist sichtlich aufgeregt. Und begeistert. Premiere! Der Geschäftsführer von Nox Mobility und sein Team zeigen erstmals, wie sie sich vom nächsten Jahr an den Nachtzug vorstellen – bequemer, luxuriöser. Und er erinnert ein bisschen an ein Flugzeug. Großzügiger Platz, Schiebetüren, persönliche Stehlampe – harte Liegen im Sechserabteil sind nirgendwo zu sehen. Start soll bereits im März 2027 sein.
Smalla hat mehrere Jahre bei Flix gearbeitet, jenem Münchener Unternehmen, das binnen weniger Jahre den Busmarkt Deutschlands und Europas aufrollte. Seit 2017 schickt es eigene Züge durch Deutschland. Jetzt also will Smalla mit Gleichgesinnten von Berlin aus den Nachtzugmarkt aufrollen. Bis 2035 ist ein Netz mit 100 Städten in Europa vorgesehen.
Jahrelang galten Nachtzüge als veraltet. Zu teuer, zu schmuddelig, zu langsam, dem Flugzeug unterlegen. Die Deutsche Bahn stellte den Nachtzugverkehr Ende 2016 ein. Nur die Österreichische Bundesbahn (ÖBB) glaubte an das Konzept und fuhr weiter – auch in Deutschland. Inzwischen wächst der Markt wieder. Auch andere Anbieter wittern gutes Geschäft.
Private Konkurrenten wie RDC (Hamburg) und Snälltåget (Malmö) verbinden etwa Berlin und Hamburg über Nacht mit Stockholm. European Sleeper aus Utrecht lässt Züge zwischen Paris und Berlin, zwischen Brüssel und Prag über Köln und Berlin rollen, verknüpft Brüssel und Mailand.
Meist sind es umgebaute alte D-Zug- und Intercitywagen, aufgearbeitet, aber insgesamt etwas schlichter ausgestattet. Die Zukunft könnte deutlich luxuriöser ausfallen – in der zweiten wie ersten Klasse. Zumindest deuten die Modelle auf der Bahntechnikmesse Innotrans in Berlin daraufhin.
Was sich kaum verändern lässt, ist die Form der Wagen – ein Kasten. Doch bei Höhe und Breite geht einiges. Auch innen stellen sich Entwickler der neuen Nachtzüge etwas anderes vor als Sitzplätze links und rechts von einem Gang oder klassische Abteile.
Drei Jahre lang haben Experten des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums, Ingenieure von K+V, Badexperten von Satek sowie Innenraumgestalter von Geta und Designer von Tricon den Nachtzug grundsätzlich neu gedacht. Projekt Alisa hat immer noch Waggons, aber mit zwei Ebenen und neun verschiedenen Modulen – von normalen Sitzreihen über Einzel- und Doppelkabinen bis zu großzügigen Familien- und VIP-Abteilen, die die volle Breite des Zuges einnehmen und mehrere „Zimmer“ haben.
Die Scheiben lassen sich per Fernbedienung verdunkeln. Aus Sofas werden Doppelbetten und in den Bädern ist der Duschkopf in die Decke eingebaut, der Boden ist gleichzeitig Ablauf. Indirekte Beleuchtung überall. Wer in den Mustermodulen testsitzt und liegt, möchte gern sofort gen Neapel oder Bordeaux aufbrechen.
Die Idee dahinter: Mehr Passagiere als normale Nachtzüge transportieren, einen Zug bauen, der Tag und Nacht fahren kann und das perfekte Reiseerlebnis bietet, wie Alisa Projektleiter Dieter Kobel von Tricon. Deshalb gibt es im Zug zwei Etagen und kürzere Wagen, statt der üblichen 26,5 Metern knapp 15 Meter. Auch sind immer drei zu einem Block verbunden. Der Zug kommt so einfacher durch die Kurven, was mehr Breite erlaubt und damit mehr Platz.
Damit das alles nicht zu schwer wird, sollen die Wagen in Leichtbauweise entstehen. Dafür rechneten die DLR-Experten aus, welche Struktur nötig ist, damit die Waggons stabil und steif genug sind, aber dennoch wenig wiegen. Das Gerüst ähnelt Adern auf einem Blatt. Deswegen verlaufen schräg durch manche Fenster jetzt Stützen. Ob Alisa jemals fahren wird, ist unklar. „Wir zeigen, was möglich ist“, sagt Kobel. Jetzt müssen Hersteller oder Bahnbetreiber die Ideen gut finden.
Luna Train aus Berlin arbeitet an Einzelkabinen mit Bett oder Sitz auf zwei Ebenen, der Zug würde nachts zum rollenden Hotel, tagsüber zum rollenden Büro. Auch Luna arbeitet an Waggons mit zwei Etagen. Bisher ist das alles noch Konzept.
Nox ist da deutlich weiter. Das Unternehmen aus Berlin hat neu entwickelte Sitze, alte IC-Wagen, in die sie eingebaut werden und ein Markenkonzept. Auf die Strecke bringt TRI Train Rental aus Köln den Zug. Nox stellt Servicepersonal und verkauft Fahrkarten. Losgehen soll es im kommenden Jahr auf der Strecke Hamburg–München, Zwischenstopps sind in Bremen und Augsburg vorgesehen. „Wir starten in Deutschland, um die Komplexität niedrig zu halten“, sagt Geschäftsführer Smalla.
Die eigens entwickelten Sitze erinnern stark an die aus der Businessclass in Flugzeugen. Nox will vor allem Geschäftsreisende gewinnen, die lieber von Bahnhof zu Bahnhof fahren und dabei eine Hotelübernachtung sparen, als sich mit Flughafenzubringer, Check-in und Sicherheitskontrollen herumzuschlagen. Um den Sitz in eine Liegefläche zu ändern, muss nur die Lehne umgeklappt werden. Fernbedienungen wie im Flieger gibt es nicht.
Das alles ist ein Zwischenschritt. Den großen Wurf plant Nox 2029. Dann sollen neue Schlafwagen unterwegs sein. In diesen Zügen wird es ausschließlich Kabinen für ein und zwei Personen geben. Auf einer Seite des Mittelgangs sind Zweierkabinen mit Sitzen geplant, die zu einem Bett werden. Das zweite kommt von oben herab.
Der Clou sind die Abteile auf der anderen Seite: Das Bett liegt über die komplette Wagenbreite unter dem Dach. So lassen sich mehr Personen im Waggon unterbringen als etwa im klassischen Nachtzug der ÖBB. Dennoch, so hofft Smalla, werden sie sich wohler fühlen.