Wie jedes Jahr im Sommer heißt es warten – beim Check-in oder vor den Sicherheitskontrollen. Urlaubszeit! Doch dass es vor allem an den Wochenenden voll ist in Berlin, Frankfurt, Köln-Bonn, Hamburg oder München, täuscht: Insgesamt ist es an deutschen Flughäfen leerer geworden. Zumindest im Vergleich zu der Zeit vor Corona. Während die Fliegerei im Rest Europas durchstartet, können viele deutsche Flughäfen und Anbieter nur zusehen.
„Wir erleben in Europa einen Boom der Luftfahrt“, sagt Jens Bischoff, Präsident des Luftverkehrsverbands BDL. „Die Nachfrage ist größer als je zuvor.“ Fast jedes Land habe die Pandemie längst abgehakt. „In Deutschland hängen wir zurück.“ Das Wachstum sei gering, sogar fast zum Erliegen gekommen.
Die Zahl der Passagiere ist im ersten Halbjahr 2025 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 2,8 Prozent auf 99,4 Millionen gestiegen. „In früheren Zeiten hätten wir uns gefreut“, sagt Bischoff. Angesichts eines Plus von 4,5 Prozent im Rest von Europa von einem höheren Niveau ist die Stimmung eher mau.
Den Aufschwung bremst aus Sicht des BDL vor allem die Bundesregierung. Die staatlich veranlassten Kosten seien in diesem Jahr erneut gestiegen. Da ist zum einen die Luftverkehrssteuer, die pro Flug von und zu einem deutschen Flughafen anfällt. Hinzu kommen Luftsicherungsgebühren und die Kosten der Flugsicherung. Insgesamt sind das Bischoff zufolge für 2015 rund 4,4 Milliarden Euro, 1,1 Milliarden Euro mehr als 2024.
Eine Luftverkehrssteuer erheben viele europäische Staaten nicht, die Sicherheitsgebühren sind teils deutlich geringer. In einer Übersicht des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums DLR fallen für einen Flug in Frankfurt 4843 Euro an, in Berlin 4233 Euro, in Paris 3416 Euro in Brüssel 3206 Euro, in Madrid 622 Euro und in Istanbul 522 Euro. Die Gefahr aus Sicht des BDL: Ausländische Fluggesellschaften ziehen den deutschen davon. Und der Wirtschaftsstandort D leidet, weil er nicht mehr wie gewohnt mit der Welt verknüpft ist.
Die Bundesregierung könnte recht einfach einen Boom auslösen, ist Bischoff sicher. Sie müsste die Luftverkehrssteuer abschaffen oder die anderen Gebühren halbieren. „Da lässt sich mit geringen Mitteln Wirtschaftswachstum entfesseln“, sagt der BDL-Präsident. Im Koalitionsvertrag hat Schwarz-Rot einen Schub für die Luftverkehrsbranche festgeschrieben. Bisher ist nichts vorgesehen. „Wir hatten uns große Hoffnungen gemacht“, sagt Bischoff. „Der Luftverkehr finanziert sich komplett selbst über die Ticketpreise. Wir wollen nichts haben, sondern weniger abgeben.“
Die Branche kalkuliert knapp. Von 100 Euro Umsatz bleiben deutlich weniger als zehn Euro als Gewinn. Die Preise lassen sich anheben, doch die Kunden sind nicht bereit, jeden Preis zu bezahlen. Und so sind viele Flüge aus Sicht der Fluggesellschaften nicht mehr wirtschaftlich. „Mittelgroße Flughäfen sind überproportional betroffen“, sagt Bischoff – Berlin, Düsseldorf, Hannover, Köln, Stuttgart etwa. Und es trifft kleine Flughäfen wie Dresden, Erfurt, Leipzig, die auch vor Corona schon zu kämpfen hatten. Geschäftskunden fahren Bahn oder Auto, der Anteil an allen Flügen ist von 25 auf 20 Prozent gesunken.
Vor allem die Billigflieger, die zwischen einzelnen Städten fliegen und keine aufwändigen Umsteigeverbindungen anbieten, haben ihre Flugzeuge aus Deutschland abgezogen. Waren 2019 noch 190 Maschinen hierzulande stationiert, sind es 2025 nur noch 130. Die Folgen für die Wirtschaft sind groß. „Jedes Flugzeug ist ein mittelständischer Betrieb“, sagt Bischoff. Es sichere 170 Arbeitsplätze und stehe für eine Wertschöpfung von 70 Millionen Euro. Entsprechend habe Deutschland mehr als 10.000 Arbeitsplätze und mehr als vier Milliarden Euro Wertschöpfung verloren.
Fluggesellschaften wie Ryanair und Easyjet, die besonders knapp kalkulieren, setzen die Flugzeuge jetzt auf Strecken ein, auf denen sie mehr Geld verdienen können – aber nicht in Deutschland. Beide Unternehmen haben sich aus dem innerdeutschen Geschäft verabschiedet, etwa zwischen Berlin und Stuttgart oder Berlin und Köln-Bonn.
Wer innerdeutsch fliegen möchte, kann nur noch unter 19 Prozent des Angebots von 2019 wählen. Manche Standorte wie Friedrichshafen am Bodensee sind trotz großer Wirtschaftskraft und zahlreicher Firmen weitgehend abgehängt. Für das erste Halbjahr 2015 ermittelte der BDL gut 120.000 innerdeutsche Flüge, 2019 vor Corona waren es im selben Zeitraum rund 240.000. In Frankreich erreichte der Binnenflugverkehr 73 Prozent des Vor-Corona-Werts, in Großbritannien 87 Prozent, Italien und Spanien liegen deutlich über 100 Prozent.
Insgesamt boten Fluggesellschaften im ersten Halbjahr in Deutschland 87 Prozent der Sitzplatzzahl an, die im gleichen Zeitraum 2019 gebucht werden konnte. Im Rest von Europa waren es 107 Prozent.
Auf den Tourismus in Deutschland schlägt die Lage der Luftfahrtindustrie kaum durch. Im ersten Halbjahr jedenfalls buchten Gäste rund 223,3 Millionen Übernachtungen in Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen oder auf Campingplätzen, 0,1 Prozent mehr als im selben Zeitraum 2024 und ein Rekordwert, wie das Statistische Bundesamt berichtet. Vor allem die Bundesbürger selbst reisen vermehrt im eigenen Land. Die Zahl der ausländischen Gäste sank etwas. Im vergangenen Jahr hatte die Fußball-Europameisterschaft zahlreiche Fans nach Deutschland gelockt.