Einmal alles mit Huhn, bitte!

Neue Liebe zu Grillhähnchen und sonstigen Geflügelgerichten in Deutschland? Was ist wirklich dran am Chicken-Hype – eine Klärung.

Kinder und Jugendliche, Eltern und Großeltern stellen sich an, um ein halbes Hähnchen vom Grill zu essen, bei Nhas City Chicken in der Hauptstadt zum Beispiel. Viele davon sind Touristen. Nicht nur in Berlin, wo der Legende nach der Döner erfunden wurde, sondern bundesweit lässt sich Huhn auch in dünne Streifen geschnitten im Brot mit Soße essen. Andere servieren Hähnchenfleisch in Stücken paniert als Chicken-Nuggets. Was ist dran am Hype ums Huhn? – Das Viererlei der Antworten.

Chicken 1: Ist der Hype echt?

Die Hühnersuppe hatte schon immer einen guten Ruf, mit ihr tut man Liebsten Gutes, wenn sie erkältet sind, ihre Seele Trost braucht. Aber sonst landet eher Fleisch von Rind und Schwein auf dem Teller. Noch. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung meldete jüngst einen Rekord: In Deutschland hat jede und jeder im vergangenen Jahr im Schnitt fast 15 Kilogramm Hähnchen und Pute gegessen – das sind 1 Kilo mehr als noch ein Jahr zuvor. Der Fleischkonsum hierzulande steigt seit drei Jahren insgesamt wieder leicht an, er liegt derzeit bei 54,9 Kilo pro Person. Das sind nicht die vor zehn Jahren üblichen 60 Kilo, aber doch 1,4 Kilo mehr als im Jahr 2024. Die Rechnung zeigt: Der Trend zu mehr Fleisch wird vor allem vom Appetit auf Geflügel gemacht.

Chicken 2: Woher kommt der Appetit?

Achim Spiller, Professor an der Universität Göttingen für „Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte“ macht fünf Gründe aus. Erstens, sagt er: „Es ist das preiswerteste Fleisch“. Ein Masthähnchen sei in etwa 40 Tagen schlachtreif, verwerte Futter besonders gut, „um sich 1 Kilo zuzulegen, braucht es nur 1,6 Kilo Futter“. Zweitens setzten viele auf die Kraft der Proteine, also Eiweiß. Und davon haben Hähnchen viel. Spiller: „Die Bodybuilder-Szene hat schon vor langem das Huhn für sich entdeckt, doch nun wollen viele ihren Muskelaufbau pushen.“ Drittens sei das Huhn „convenience-freundlich“. Heißt: Es taugt für Fertiggerichte etwa aus dem Tiefkühregal im Supermarkt, die sich schnell zuhause zubereiten lassen. „Das Huhn hat wenig Eigengeschmack“, sagt der Experte, „mit Gewürzen lässt sich industriell eine gleichbleibende Qualität herstellen.“ Viertens könnten es Menschen jeder Religion – Christen, Hindus, Juden, Muslime – essen. Es sei oft halal, also nach den Regeln des Islam hergestellt. Zu guter Letzt gelte Huhn als gesund, weil es magerer sei als Rind und Schwein.

Chicken 3: Wieviel Huhn ist gesund?

Tatsächlich könne eine reine Hühnerbrust „bis zu 30 Prozent aus Proteinen bestehen“, sagt Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Zwar könne auch Rind- oder Schweinefleisch helfen, Muskeln aufzubauen, habe aber mehr Kalorien. In Zahlen: In 100 Gramm Hühnerbrust stecken rund 1,2 Gramm Fett, in derselben Menge Rinderfilet etwa 3,9 Gramm. Die roten Fleischsorten, wozu Rind, aber auch Lamm, Schwein, Wild zählen, enthielten zudem mehr Cholesterin. Das erhöhe unter anderem das Risiko von Arterien-Verstopfungen. So sei weißes Fleisch, also das von Geflügel, auch wenn es weniger Nährstoffe habe als rotes, gesünder. Gahl meint: „Wer viel rotes Fleisch und insbesondere Wurst isst, hat ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Dickdarmkrebs. Bei weißem Fleisch besteht, soweit wir derzeit wissen, keine Verbindung zu Krebs.“ Sie sagt aber auch: „Wer nicht mehr als 300 Gramm Fleisch und Wurst in der Woche isst, muss sich keine Sorgen machen, egal ob rot oder weiß.“ Das sind allerdings nur eine mittlere bis große Portion von 9 bis maximal 20 Nuggets oder eine bis anderthalb Hähnchenbrüste und auf das Jahr gerechnet nur 16 Kilo Fleisch.

Chicken 4: Wer liefert das Fleisch?

Die auf Geflügel spezialisierte Imbiss-Kette Kentucky Fried Chicken, KFC, will mehr Läden öffnen, die Fast-Food-Kette Mc Donalds das Geflügel-Angebot ausweiten. Es ändere aber nicht gleich jedes Restaurant seine Speisekarte, sagt Stephan Rüschen, Professor für Lebensmittelhandel an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg: „Bisher standen da vielleicht zweimal Gerichte aus Rind, dreimal aus Schwein, einmal aus Huhn. Da wird nun nicht alles auf Chicken umgestellt, vielleicht aber die Gewichtung geändert.“ Zumal: Der Preis für Gastronomen und Verbraucher „in der letzten Zeit eine besondere Rolle spielt.“ So wurden 2025 in Deutschland 640 Millionen Masthühner geschlachtet, 2020 waren es noch 623 Millionen. Es sind meist große Ställe, aus denen sie kommen: Laut dem Braunschweiger Thünen-Institut, einer Forschungseinrichtung des Bundesagrarministeriums, werden bundesweit rund 81 Prozent aller Masthühner in Beständen mit mehr als 50.000 Tieren gehalten. Die meisten Betriebe sind in Niedersachsen. Ökologisch gehalten werden nur die wenigsten: keine 2 Prozent der bundesweit aufgezogenen Masthühner. Nicht ihr gesamtes Fleisch lande auch hierzulande auf dem Tisch, sagt Agrarexperte Spiller, Füße oder Innereien seien weniger gefragt, sie würden exportiert. Im Gegenzug kämen Filets etwa aus den Niederlanden und Polen, auch aus der Ukraine, Thailand oder Brasilien in die Läden Deutschlands.

Ernährungstrends sind oft schnelllebig. Doch Spiller geht davon aus, dass der zum Huhn bleibt und die Mast hierzulande zunimmt. Er prognostiziert: „Spätestens Ende der 2030er Jahre wird die Nachfrage nach Fleisch vom Huhn die vom derzeitigen Spitzenreiter Schwein übersteigen.“