Natürlich, jeder und jede kann beim Einkauf selbst etwas tun: Nur Pfannen oder Outdoorjacken kaufen, auf denen „PFAS-frei“ steht. Camping- und Kindergeschirr aus Melaminharz stehen lassen und Geschirrspülmittel und Tabs mit Benzotriazolen vermeiden.
PFAS, Melamin, Benzotriazole – es sind langlebige Chemikalien, die besser nicht in die Umwelt gelangen sollten, da sie den Menschen gefährlich werden können, Boden und Grundwasser dauerhaft verschmutzen. Nur: Wer nimmt sich die Zeit und alle Produkte im Laden genau unter die Lupe? Bleiben wie es ist, kann es aber nicht. Sonst wird es teuer, könnten die Preise für Trinkwasser steigen, das immer aufwändiger gereinigt werden muss.
Derzeit habe die Chemieindustrie eine „Lizenz zur Verschmutzung“, sagt Martin Weyand, es gebe keinen Anreiz, die giftigen Stoffe zu vermeiden. Weyand ist der für Wasser und Abwasser zuständige Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes für Energie und Wasserwirtschaft BDEW. Er fordert: „Hersteller müssen zahlen.“
Wasserwerker mahnen schon seit Jahren, dass sich in den Wasserressourcen, aus denen das Trinkwasser gewonnen wird, zu viele Rückstände von Medikamenten, von Düngemitteln, von Pestiziden, auch von Wasch- und Pflegemitteln. Neuerdings machen ihnen nun auch noch die PFAS Sorgen, kurz für per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen. PFAS werden mit Nieren- und Hodenkrebs, Schilddrüsenerkrankungen, Leberschäden, Unfruchtbarkeit des Menschen Verbindung gebracht.
Das Trinkwasser sei „sicher“, sagt Weyand, alle vorgegebenen Grenzwerte würden eingehalten. Leitungswasser ist in Deutschland deutlich strenger reguliert als Mineralwasser aus dem Supermarkt oder Discounter. Aber, so der Experte: „Zunehmende Schadstoffeinträge belasten die Rohwasserressourcen, was die Trinkwasseraufbereitung immer teurer machen wird.“ Zum Beispiel müssen Aktivkohlefilter eingebaut werden.
Im Landkreis Rastatt in Baden-Württemberg seien die Trinkwasserpreise bereits um rund 20 Prozent gestiegen, erklärt Weyand, weil im Grundwasser auf einer Fläche in der Größe des Starnberger Sees PFAS in hohen Konzentrationen auftauchten. Der Grund: Vermutlich wurden mit den Chemikalien belastete Rückstände aus der Papierproduktion mit Kompost vermischt als Dünger auf den Äckern ausgebracht. Die nun notwendigen Investitionen der Stadtwerke: 15 Millionen Euro.
Es ist ein besonders extremer Fall. Doch tauchen PFAS selbst in den entlegensten Gebieten der Welt wieder auf, sogar in Fisch und Muscheln, in Fleisch und Eiern. So steigen die Anforderungen an die Reinigung des Wassers allerorten – und damit die Kosten, die bisher alleine den Verbrauchern angelastet werden.
Weyand will das ändern. Er fordert, dass Hersteller und Importeure von PFAS in einen Fonds einzahlen, um „volkswirtschaftliche Kosten der PFAS-Verschmutzung zu übernehmen“. Und für die Zukunft will er ein Verbot: „An einer Vermeidung führt kein Weg vorbei, wir sind kein Reparaturbetrieb“.
Deutschland hat unlängst auf ein Verbot in der EU gedrängt, zusammen mit Dänemark, den Niederlanden, Norwegen und Schweden. Derzeit erarbeitet die Europäische Chemikalienagentur ECHA einen Vorschlag dazu. Wie das ausgeht: offen.
Die Chemieindustrie warnt immer wieder vor „drastischen Folgen“ eines umfassenden Verbots. Es geht um eine Menge. Zur Gruppe der PFAS gehören bis zu 10.000 industriell hergestellte Chemikalien für Alltagsdinge, Automobilindustrie, Klimatechnik, Löschschaum und und und.
Weyand weiß dafür die Umweltschützer an seiner Seite. Der Umweltverband BUND hat aktuell Mineral- und Leitungswasser getestet auf die Stoffe: Trifluoressigsäure. Sie zu den PFAS. Auf Melamin, das in Verdacht steht Krebs auszulösen. Und auf Benzotriazole, die möglicherweise den Hormonhaushalt ändern. Zwar fanden sich keine Überschreitungen von Grenzwerten. Aber in neun von zehn Leitungswasserproben und drei von fünf Mineralwässern tauchte mindestens einer der drei Stoffe auf. „Wenn jetzt nicht die Emissionen gestoppt werden, werden auch die Werte in unseren Wasserressourcen steigen“, sagt der BUND-Vorsitzender Olaf Bandt. Auch er fordert: „Schäden müssen die zahlen, die sie verursacht haben.“
Der Verband der Chemischen Industrie VCI wollte sich zur Frage der Zahlungen nicht äußern, erklärte dieser Zeitung aber, dass die chemisch-pharmazeutische Industrie „zu ihrer Verantwortung steht und die Maßnahmen zur Reduktion von schädlichen Einträgen relevanter Stoffe in die Umwelt begrüßt“.
Umweltschützer Bandt ruft die Verbraucher auf mitzuhelfen, Druck auf die Chemieindustrie aufzubauen. Der BUND hat die entsprechende App Tox-Fox entwickelt – auf das Handy laden, den Barcode auf einem alltäglichen Produkt scannen und eine Anfrage an den Hersteller zu Schadstoffen verlangen. „Damit zeigen Sie, dass Sie die Stoffe nicht wollen“, sagt Bandt.