Ein kleines Signal kann große Gefühle auslösen. Am 20. Januar 2014 ist so ein Moment. Paul Ferri sitzt im European Space Operation Center (Esoc) in Darmstadt und wartet. Vor zweieinhalb Jahren haben er und sein Team die Systeme der Raumsonde Rosetta in Tiefschlaf versetzt – die Flugbahn führte so weit von der Sonne weg, dass die Solarpanels nicht mehr genug Strom lieferten. Mehrere „Wecker“ haben sie gestellt, die Rosetta wieder einschalten sollen. Und tatsächlich meldet sich die Sonde an diesem Montag aus den Weiten des Alls. „Der aufregendste Moment meines Lebens“, sagt Ferri.
Rosetta ist da schon fast zehn Jahre unterwegs. Es ist die bis dahin spektakulärste Mission der Europäischen Raumfahrtagentur Esa, die jetzt 50 Jahre alt wird. „Die Agentur begann in die Tiefen des Raums zu fliegen“, erinnert sich Ferri heute, der damals Leiter des Missionsbetriebs in Darmstadt war, wo sie Sonden und Satelliten steuern. Rosetta sollte den Kometen Tschurjumow-Gerassimenko in fast 190 Millionen Kilometer Entfernung ansteuern, und eine Sonde absetzen, was später auch gelingt.
„Wir sind die Piloten“, sagt Simon Plum, heute Leiter des Missionsbetriebs beim Esoc. Steuerknüppel oder Joysticks sind allerdings nirgendwo in den Büros zu sehen – zu unpräzise. Bis das Signal einen Satelliten oder eine Sonde erreicht, dauert es. „Die Daten benötigen zum Beispiel zum Jupiter 45 Minuten hin und 45 Minuten zurück“, sagt Ferri – zu lang, um direkte Manöver zu fliegen. Und so schicken sie täglich Steuerdaten für die nächsten sieben Tage an derzeit 29 Satelliten im Wert von rund zwölf Milliarden Euro. Insgesamt waren es bisher gut 100 solcher Missionen.
Das Esoc ist der wichtigste Standort der Esa in Deutschland – neben dem Astronautenausbildungszentrum in Köln. Dort hat die Agentur auch gemeinsam mit dem Deutschen Luft-und Raumfahrtzentrum DLR in einer Halle ein Stück Mond nachgebaut. Denn in wenigen Jahren soll der erste Europäer dank eines gemeinsamen Programms von Esa und US-Raumfahrtbehörde Nasa dort stehen.
1975 zeichnete sich das noch nicht ab. Zehn Staaten – Belgien, Dänemark, Frankreich, die Bundesrepublik, Italien, die Niederlande, Spanien Schweden, Schweiz und Großbritannien – gründeten am 30. Mai die Esa, genauer, sie legten zwei ältere europäische Organisationen zusammen: Einer, die Raketen entwickelte, und einer, die Forschung bündelte. Inzwischen wird die Esa von 23 Staaten getragen. Die Grundidee: Gemeinsam sind wir stärker.
Inzwischen arbeitet die Esa eng mit der Nasa zusammen, ebenso mit der japanischen Raunfahrtagentur Jaxa und neuerdings auch mit den Afrikanern. Denn das All wird wichtiger. Der Wetterbericht lässt sich besser vorhersagen und vor Extremereignissen schneller warnen. Navigationsdaten sind für autonomes Fahren und präzise Landwirtschaft nötig. Satelliten liefern Internet in entlegene Winkel. Im All könnten Reinraumfabriken entstehen, der Mond besiedelt und als Startpunkt für Flüge zum Mars genutzt werden. Und das Militär hat Interesse.
„Die Esa hat jahrzehntelang zentral den europäischen unabhängigen Zugang zum All sichergestellt“, sagt Walther Pelzer, Generaldirektor der Deutschen Raumfahrtagentur im DLR. „Vor allem mit den wissenschaftlichen Missionen der Esa spielt die europäische Raumfahrt in der Champions League. Deutschland ist stolz, Teil der Esa-Familie zu sein.“
Alle drei Jahre treffen sich Vertreter der Familienmitglieder und bestimmen, was angeschoben und wofür wie viel Geld ausgegeben werden soll. 2025 beträgt der Etat 7,68 Milliarden Euro. Rund 5,1 Milliarden zahlen die Mitgliedstaaten. Weiteres Geld stammt von der EU. Frankreich ist mit gut 1,08 Milliarden Euro größter Geldgeber, Deutschland folgt mit rund 952 Millionen Euro. Danach, wie viel Geld ein Land bereitstellt, entscheidet sich, wie viel bei Unternehmen dort bestellt wird.
Das macht die Aufträge oft kompliziert. Bei der Großrakete Ariane 6 sind neben dem Generalunternehmer Arianespace aus Frankreich weit mehr als 20 Unternehmen aus 13 Ländern beteiligt. Beim Satelliten Biomass sind es mehr als 50 Firmen aus 20 europäischen Ländern. Und mancher wünscht sich weniger Bürokratie und mehr Wettbewerb bei der Esa. Die Reform läuft. „Deutschland wird sich aktiv daran beteiligen, die Esa vor dem Hintergrund des sich rasant ändernden Raumfahrt Ökosystem zukunftsfähig aufzustellen“, sagt Pelzer.
Am Esoc planen sie bereits einen neuen Kontrollraum. Der alte verbirgt sich in einem schlichten grauen Flachbau. Plum öffnet eine Glastür, führt durch einen Gang, dann rechts in den Vorraum. Eine große Glasscheibe gibt den Blick frei auf den Mission Control Room, kurz MCR. Keine Fenster, Reihen von Bildschirmen an der Stirnwand und auf den Tischen. Die Lampen in der Decke liefern gedämpftes Licht und erinnern an den Sternenhimmel.
Es ist sehr ruhig, auch wenn 7544 Kilometer entfernt an diesem Tag eine Rakete mit einem Satelliten im Wert von rund 0,5 Milliarden Euro vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou aus in Französisch-Guyana startet. Plum starrt auf die Bildschirme. Er und sein Team übernehmen Biomass erst knapp 57 Minuten nach dem Start. „Angespannt sind alle, obwohl man nichts tun kann“, sagt Ferri. „Nur hoffen.“ Schließlich ist alles vorausberechnet. Der Prozess – vom Raketenstart bis zum Absetzen des Satelliten – läuft automatisch, an diesem Tag wie bei damals bei Rosetta sogar perfekt.
Ausgewählte Meilensteine der europäischen Raumfahrt
1983: Das wiederverwendbare Esa-Raumlabor Spacelab startet zur ersten von insgesamt 20 Missionen an Bord des US-Space-Shuttles. Mit dabei ist der Deutsche Ulf Merbold als erster Esa-Astronaut im All.
1985: Giotto startet. Die Sonde unter untersucht bis 1992 den Kometen Halley.
1990: Das gemeinsam mit der Nasa entwickelte Hubble-Weltraumteleskop fliegt ins All.
1996: Erststart der Ariane 5. Sie ist mit 117 Starts davon 113 ohne Probleme besonders erfolgreich. Seit 2024 ist Ariane 6 im Einsatz.
1997: Start der Sonde Huygens. Sie landet 2005 auf Titan, dem größten Saturn-Mond.
2005: Der erste Satellit der Galileo-Konstellation hebt ab. Galileo bietet Satellitennavigation wie das amerikanische GPS. Die Esa arbeitet hier mit der EU zusammen.
2008: Das Weltraumlabor Columbus der Europäer dockt an der internationalen Raumstation ISS an.
2014: Die Sonde Rosetta setzt nach zehnjährigem Flug einen Lander auf dem Kometen Tschurjumow-Gerassimenko ab.
2018: BepiColombo hebt ab. Die Sonde kartiert ab 2022 den Merkur.
2021: Nasa, Esa und Kanadas Raumfahrtagentur CAS schicken das James-Webb-Teleskop ins All.
2023: Juice startet. Die Sonde soll ab 2031 die drei Jupiter-Monde Europa, Ganymed und Kallisto erforschen
2024: Hera startet als Teil einer gemeinsamen Mission mit der Nasa. Die europäische Sonde soll nachsehen, wie erfolgreich die Nasa-Sonde Dart 2022 den Asteroiden Dimorphos abgelenkt hat. art