Mit der Erdnuss ist es so eine Sache, nicht weil die Tüte immer so schnell leer ist. Es fängt schon mit dem Namen an. Genau genommen ist sie keine Nuss, hat mit Mandeln oder Walnüssen nichts zu tun. Botanisch gesehen gehört sie zu den Hülsenfrüchten, also eher zur Erbse. Der englische Name „peanut“, Erbsennuss, weist darauf hin. Entscheidender: Sie liebt die Wärme – ihr Ursprungsgebiet liegt in Südamerika – und wird vor allem in China, Indien, Nigeria, Sudan und den USA angebaut. Nun sollen Erdnüsse auch aus Deutschland kommen. Kann das überhaupt klappen?
Steffen Alexander Meyer hat in Böhme, einem Ort in der Lüneburger Heide, einen Spargelhof. Die Böden sind sandig, die Sommer immer öfter extrem heiß. Der studierte Agrarwirtschaftsingenieur hat schon mit Wassermelonen experimentiert, sie wurden ihm vom Feld geklaut, mit Süßkartoffeln, das läuft. Er „probiere aus“, sagt er, was sich in Zukunft gut rechnen könne, denn: „Stillstand ist Tod“. Nun also Erdnüsse. Meyer kam darauf, weil eine Mitarbeiterin in Uganda in Afrika war und Saatgut mitbrachte.
Gut 480 Kilometer weiter südlich bei Fürth, bayerisches Knoblauchland, wachsen die Erdnusspflanzen von Jakob Zwingel. Auch er ist studierter Landwirt und sieht einen Markt: „Deutsche Erdnüsse gibt es sonst noch nicht.“ Mit seiner Frau Eva baut er auch Kartoffeln an, sie produzieren daraus Chips. Die beiden sind mit einem befreundeten anderen Landwirt extra nach Georgia zur einer Erdnuss-Messe geflogen. Der US-Bundesstaat ist berühmt für seine vielen Erdnussfarmer. Zwingels wollten von den Profis lernen.
In den vergangenen zehn Jahren ist der Verbrauch von Erdnüssen, Cashews, Mandeln, Haselnüssen, Walnüssen, Pistazien – Statistiker fassen alles als Schalenobst zusammen – in Deutschland um zwölf Prozent gestiegen 5,2 Kilo isst hierzulande mittlerweile jeder jährlich, davon allein etwa 1,4 Kilo Erdnüsse.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, jeden Tag 25 Gramm Schalenobst zu essen. Übers Jahr gerechnet wären das gut 9,1 Kilo, idealerweise ungesalzen und zum Beispiel im Müsli, im Salat, als Mus auf dem Brot oder zwischendurch als Snack. Darin sehen die Landwirte Zwingel und Meyer ihre Chance.
Zumal Helena Nareyka von der Verbraucherzentrale Bremen erklärt: „Erdnüsse haben einen hohen Proteingehalt – etwa 30 Gramm Eiweiß pro 100 Gramm. Sie eignen sich darum für vegetarische und vegane Gerichte.“ Darüber hinaus lieferten sie Folsäure, Magnesium, Niacin und Biotin. „Der hohe Fettgehalt macht sie zwar zu einem energiereichen Snack mit knapp 600 Kilokalorien pro 100 Gramm. In Maßen sind sie aber gut zu genießen.“
Im August stehen große grüne Büsche auf den Feldern von Zwingel und Meyer. Am 15. Mai, die Eisheiligen waren gerade vorbei, habe er 2000 im Gewächshaus vorgezogene Erdnuss-Pflänzchen in den Boden gesetzt, genauer: in kleine angehäufte Dämme wie beim Spargel auch, erzählt Meyer. „Tropfschlauch für die Bewässerung gelegt, ausgediente Spargelfolie drüber, Löcher reingeschnitten für die Erdnuss-Pflanzen.“ Wasser ist kostbar, zumal in Zeiten, in denen nennenswerte Niederschläge im Sommer auch in der Lüneburger Heide immer öfter ausbleiben. Die Pflänzchen werden punktuell versorgt. Nebeneffekt: Unkraut verkümmert.
„Die Erdnussfelder sehen derzeit aus, als wachse dort Klee“, sagt Zwingel – oberirdisch. Unterirdisch reifen die Erdnüsse ähnlich Kartoffeln heran. Mandeln oder Walnüsse wachsen an Bäumen. Erdnüsse nicht. Zwingel hat anders als Meyer Erdnusssamen ausgesät, er spart damit die Kosten fürs Treibhaus. Anfang Juli hätten die Pflanzen das erste Mal gelb geblüht, erzählt der süddeutsche Landwirt. Sie machten das mehrmals im Jahr. Die Stiele befruchteter Blüten senkten sich dann zum Boden, bohrten sich hinein und bildeten dort die Erdnüsse: pro Pflanze 20 bis 35 Schalen mit jeweils zwei bis drei Erdnüssen. Auch Zwingel muss bewässern. Das sei im Gemüseanbau immer so, sagt er.
Die Landwirte testen neue Wege, beide schon im dritten Jahr, Meyer auf 0,5 Hektar seines 140 Hektar großen Hofes, Zwingel auf 2,6 seines zwölf Hektar großen Betriebs. Ende September, Anfang Oktober werden beide ihre Ernte einfahren. Meyer hat dafür ein Gerät umgebaut, das sonst zum Roden von Tulpen, also dem Ausgraben ihrer Zwiebeln genutzt wird. Zwingel erntet seine Erdnuss mit einer Maschine aus den USA. Der Ertrag: „Nicht vergleichbar mit dem auf den etablierten Farmen etwa in den USA“, sagt Zwingel. Die ernteten etwa das Fünffache, das Klima eigne sich einfach besser dort.
Es hört mit der Ernte nicht auf. Die Erdnüsse müssen getrocknet werden. Andernorts geht das draußen, in Deutschland nicht. Meyer hat dafür einen beheizbaren Raum. Er verarbeitet die Erdnüsse dann zu Öl, hat sich eine etwa 18.000 Euro teure Öl-Mühle angeschafft. Sie steht in seiner Scheune. Das Öl will er künftig an „gehobene Gastronomie und Feinkostgeschäfte“ verkaufen, den Liter derzeit für etwa 100 Euro. Aus dem Mark, das übrig bleibt, wenn die Erdnüsse ausgepresst werden, macht eine Eisdiele in seiner Umgebung bereits Erdnusseis.
Zwingel knackt, sortiert, röstet und salzt seine Erdnüsse, er hat eine eigene Manufaktur aufgebaut und verkauft die 100 Gramm Tüte „Erdnüss“ für 6,90 Euro über seinen eigenen Hofladen, auch über den anderer Kollegen in der Umgebung sowie seinen Online-Shop. Regionale Erdnussprodukte haben ihren Preis, für Peanuts sind sie nicht zu haben.