Wenn plötzlich ein Reh vor dem Auto auftaucht

War es überhöhte Geschwindigkeit? Ein abbiegender Traktor? Die zu enge Kurve? Ein Wildtier? Oft sind an Landstraßen Kreuze zu sehen, jemand ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Das zeigen sie – und mahnen zur Vorsicht. Allein im Jahr 2023 starben laut dem Statistischen Bundesamt 1635 Menschen auf einer Landstraße in Deutschland, innerorts waren es 902, auf Autobahnen 302.

Zwei Spuren, Verkehr in zwei Richtungen, kein Mittelstreifen, keine Leitplanken. So ist das oft auf den Straßen außerorts. Der Berliner Unfallforscher Siegfried Brockmann von der Björn-Steiger-Stiftung ist selbst leidenschaftlicher Motorradfahrer. Er macht vier große Risiken auf Landstraßen aus – und hat Tipps.

Risiko Nummer 1: Zu hohes Tempo. Brockmann spricht von „nicht angepasstem Fahrverhalten“. Landstraßen sind oft schmal, kurvig, Autos dürfen dort aber, gibt es keine weitere Beschilderung, 100 Kilometer pro Stunde fahren. Das ist oft viel zu viel. Tempo 80 mache da schon einen großen Unterschied, meint Brockmann. Wird langsamer gefahren, bleibt mehr Reaktionszeit. Zudem ist ein Aufprall meist stärker, je höher die Geschwindigkeit ist. Häufigste Todesursache: Das Auto rast gegen einen Baum am Straßenrand.

Brockmann fordert für Landstraßen eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Tempo 80. Damit steht er nicht allein. Der Deutsche Verkehrsgerichtstag und andere haben dies auch schon empfohlen. Und in anderen Ländern, etwa in Dänemark, Frankreich, den Niederlanden, gibt es das längst. Noch wagt sich die Politik hierzulande nur nicht daran. Brockmann meint: „Rechnen Sie mit dem Schlimmsten, fahren Sie langsamer.“ Eine Gefahr entstehe vor allem bei jenen, die sich überschätzten. „Das sind vielfach junge Männer, die meist noch von ihren Mitfahrern angestachelt werden. Dann ereignen sich die sogenannten Wochenendunfälle.“

Risiko Nummer 2: Es kracht beim Ausscheren. Anders als bei einer Autobahn teilen sich nicht nur PKW, Lkw und Motorradfahrer die Landstraße. Hinzu kommen Radfahrer, Fußgänger und landwirtschaftliche Fahrzeuge, zumeist Traktoren. Die fahren alle unterschiedlich schnell. Also wird hier und da überholt.

Das Problem, meint Brockmann: „Überholfverbotsschilder dürfen nach der Straßenverkehrsverordnung nur dort stehen, wo es nicht selbsterklärend ist.“ So stehen sie in der Regel zum Beispiel nicht vor einer Kurve. Einzige Ausnahme: Die Kurve hat sich schon als besonderer Unfallschwerpunkt herausgestellt. Im Zweifel sei es besser, hinter dem langsameren Gefährt zu bleiben – „Wenn Sie die Straße nicht überblicken können bis dorthin, wo der Überholvorgang endet, dann dürfen Sie auf keinen Fall überholen.“

Allerdings gebe es den „Überholdruck“, hinter einem drängelt einer, fährt dicht auf, hupt womöglich. Brockmanns Tipp: „Ordnen Sie sich am rechten Rand ein. So signalisieren Sie, `Ich will nicht überholen.’“ Diejenigen, die hinter einem vielleicht einen Pkw mit mehr PS hätten, könnten dann vorbei.

Risiko Nummer 3: Traktoren, Mähdrescher, andere Landmaschinen zuckeln vor einem her und bringen Erde, kleine Steinchen vom Feld mit auf die Straße. Ein Autofahrer komme da gut durch, meint Brockmann, selbst wenn der Dreck mit Regen schlammig und damit die Bahn rutschig werde. Ein Motorradfahrer nicht. Der müsse achtsam sein.

Das größte Problem aber: Ein Treckerfahrer biegt links ab und übersieht, dass ihn gerade ein Auto oder Motorrad überholen will. „Das ist dann lebensgefährlich“, so Brockmann. Er sieht die Landwirte in der Pflicht, sie müssten kontrollieren, ob ihre Blinker sauber und Rückspiegel sowie Seitenspiegel richtig eingestellt sind und die Beleuchtung gut zu sehen ist. Wer überholen wolle, müsse in jedem Fall die gesamte Verkehrslage gut im Blick haben, dürfe Länge und Breite von Traktorgespannen nicht unterschätzen.

Und für Radfahrer gelte: „Von seinem Sitz hoch oben, kann der Treckerfahrer einen Radfahrer kaum sehen, schon gar nicht wenn er noch einen Frontlader hat. Wenn sie also einen Trecker hören, stoppen Sie. Er will womöglich vom Feld auf die Straße und Ihren Radweg kreuzen.“

Risiko Nummer 4: Plötzlich taucht ein Reh auf. Wildtiere sind besonders in der Dämmerung aktiv. „Die Tiere wechseln immer wieder die Stellen, an denen sie die Straße überqueren. Und die blau schimmernden Reflektoren an Leitplanken, die die Tiere abschrecken sollen, erweisen sich auch nicht als wirksam“, meint Brockmann.

„Achten Sie darauf, ob Wild neben der Straße steht, werden Sie dann langsamer“, sagt er – und hofft, „dass bald Fahrassistenzsysteme mit Infrarot gekoppelt werden, die dann vor Rehen warnen können.“ Technisch ist das machbar, es gibt es aber noch nicht.

So kommt es so immer wieder zu Zusammenstößen. Immer ist dann auch die Polizei zu benachrichtigen. Rein rechnerisch kollidiere alle zwei Minuten ein kaskoversicherter PKW mit einem Wildtier, erklärt der Gesamtverband der Versicherer, denn 2022 seien 265.000 derartige Unfälle registriert worden.

Das Wild bleibt oft, geblendet von den Autoscheinwerfern auf der Straße stehen, statt fortzulaufen. „Weichen Sie auf keinen Fall aus, egal ob es ein großes oder kleines Tier ist“, so Brockmann. Denn wer das Lenkrad rumreiße, riskiere einen Wagen außer Kontrolle, also vor einem Baum zu landen, auf der Gegenfahrbahn, sonst wo. „Machen Sie stattdessen eine Vollbremsung, selbst wenn hinter ihnen noch Autos sind.“

Das führt zu seinem grundsätzlichen Tipp: „Halten Sie ausreichend Abstand. Die Faustformel heißt `Halber Tacho´“, ist man also mit 80 km/h unterwegs, ist es ratsam 40 Meter hinter dem Vordermann zu bleiben.