Chinesische Übermacht? In Weimar schickt sich ein kleines Unternehmen an, Deutschland bei Batterien für E-Autos ein bisschen unabhängiger zu machen. Dahinter steckt der Mut eines Unternehmers, reichlich Ingenieurswissen und der VW-Konzern, der trotz Sparprogramm eine größere Investition wagt. Es geht um ein schwarzes Pulver und ein besonderes Herstellungsverfahren.
Ehringsdorf ist von Peking mehr als 7500 Kilometer Luftlinie entfernt. Der beschauliche Vorort sieht nicht aus, als könnte von hier aus eine Revolution ausgehen. In den Räumen von Ibu-Tec Advanced Materials arbeiten sie aber dran. „Die Abhängigkeit des Westens von China, zum Beispiel bei Akkus jeder Art – Autos, Telefone, Staubsauger – ist riesig“, sagt Ulrich Weitz, Produktvorstand und Großaktionär des Unternehmens.
Vor allem bei E-Autos müssen die Europäer eigenständiger werden. Ibu-Tec geht es nicht so sehr um die Autobatterien selbst als um einen kleinen, aber teuren und wichtigen Teil, die Kathode – der Minuspol –, genauer, das Material dafür. „Bisher wird, vor allem für hohe Reichweiten und Fahrzeuge der gehobenen Preisklasse, Kathodenmaterial aus Nickel, Mangan und Kobalt, kurz: NMC, verwendet“, sagt Weitz. „Die Bestandteile sind zum Teil selten, teuer und nicht nachhaltig.“
Anders ist das bei LFP, Lithium-Ferrit-(Eisen)-Phosphat. Lithium und Eisen ist deutlich günstiger und weniger giftig als NMC. Könnte Europa hier punkten? Es wird schwer. „Die chinesischen Hersteller haben schnell erkannt, dass es nicht nur auf Reichweite ankommt, und auf LFP gesetzt“, sagt Firmenchef Jörg Leinenbach. „Sie sind das Thema strategisch angegangen bis hin zur Rohstoffbeschaffung. Selbst beim Vorprodukt Eisenphosphat kommt man an China nicht vorbei.“ Das soll sich jetzt ändern. Ibu-Tec hat die Technologie, LFP in großen Mengen herzustellen.
Dafür wird das senfgelbe Eisenphosphat in einem Drehrohrofen, einer Art rotierendem Backofen, zu schwarzem Pulver gebrannt. Das darf nicht mit Sauerstoff zusammenkommen, was die Fertigung kompliziert macht. Das Wissen um LFP sammelte Ibu-Tec über Jahre. Von 2010 bis 2018 entwickelte und produzierte das Unternehmen das schwarze Pulver im Auftrag des Chemiekonzerns BASF. Das Kathodenmaterial wurde in Batterien für Smart und Mercedes verbaut. Seit dem Auslaufen der BASF-Patente 2021 stellt Ibu-Tec im Drehrohrofen in Ehringsdorf eigenes Material her.
Der Markt für LFP-Batterien ist riesig: Für 2025 schätzten ihn die Marktforscher von Precedence Research auf 19,6 Milliarden Dollar (16,5 Milliarden Euro). 2030 soll er bei rund 40,6 Milliarden Dollar liegen, 2034 sogar bei 72,8 Milliarden Dollar. Und Ibu-Tec will davon profitieren.
Bis 2025 fehlte den Weimarern noch ein großer Abnehmer. Im Oktober konnte das Unternehmen dann einen Vertrag mit der Batterietochter des Volkswagen-Konzerns unterzeichnen. „Wir haben sehr große Konkurrenten in China bei LFP“, sagt Weitz stolz. „Powerco hat sich dennoch für uns entschieden als einzigem europäischen LFP-Produzent.“
Seither ist alles etwas anders bei Ibu-Tec. Kein Wunder, es ist der größte Auftrag der Firmengeschichte. Das Unternehmen baut jetzt eigens eine neue Fabrik im sachsen-anhaltinischen Bitterfeld, weil in Ehringsdorf im Stammwerk nicht genug Platz ist. Kern der neuen Anlage im Chemiepark wird ein Drehrohrofen ähnlich dem in Ehringsdorf, allerdings ist er mit 40 Metern Länge und zwei Metern Durchmesser deutlich größer. Das entspricht etwa acht VW-Bussen hintereinander.
Die Anlage, ohne Milliardensubventionen komplett durchfinanziert, soll 2027 fertig sein. Wenn alles nach Plan läuft, brennt der Ofen im dritten Vierteljahr 2028 das erste schwarze Pulver. Gut 15.000 Tonnen kann die Anlage jährlich liefern, fast das Fünffache der alten Anlage. Sollte mehr nötig sein, hat Ibu-Tec noch Platz auf dem Gelände. Gleich größer zu bauen, hält Firmenchef Leinenbach nicht für sinnvoll. „Der Drehrohrofen ist mit gut 40 Metern Länge optimal für die Produktion.“
Die Liefermenge klingt groß, ist im internationalen Maßstab aber noch klein. Powerco hat andere Zulieferer, um die geplanten Mengen von E-Autos im VW-Konzern mit Batterien versorgen zu können. Das Unternehmen baut gerade in Salzgitter, bei Valencia und in Kanada Batteriefabriken, will bis 2030 die Hälfte der VW-Nachfrage mit standardisierten und dadurch günstigen Produkten bedienen. Der deutsche Autobauer will so weniger abhängig von den meist chinesischen Zulieferern werden. Neben LFP setzt der Konzern auch auf andere Technologien wie MNC.
Die Anfänge von Ibu-Tec gehen bis 1885 zurück. Damals wurde in Ehringsdorf Travertin abgebaut. Später wurde Kalk gebrannt. In den Siebzigerjahren wandelte sich der Standort zum Technikum, nach der Wende startete man als Forschungsinstitut für thermische Verfahren – alles rund ums Erhitzen – neu. 2000 stand das Unternehmen mit 13 Mitarbeitern vor dem Aus. Weitz sah das Potenzial der zahlreichen Patente und kaufte den Betrieb. Seit 2017 ist Ibu-Tec an der Börse.
Das Unternehmen forscht und produziert im industriellen Maßstab jeweils im Auftrag. Die Kunden kommen aus aller Welt. Unter anderem hat Ibu-Tec Stützgranulat für Fracking, Pulverwerkstoffe für die Autoindustrie, CO2-armen Zement und Farbpartikel für selbstreinigende Fassadenfarben. Heute arbeiten 230 Beschäftigte für die Firma, in Bitterfeld sollen es bis zu 135 werden.