Eine erste Frage taucht beim Spazierengehen auf. An einem lauen Sommerabend in England zum Beispiel, als die Windräder stillstehen. Wo weht es dauerhaft? Inzwischen ist die Idee gereift. Ben Medland will jetzt sehr viele Hightech-Segelschiffe ohne Besatzung über die Weltmeere fahren lassen. Sie sollen in großen Mengen Wasserstoff erzeugen und das Gas alle fünf bis zehn Tage in einem Hafen abliefern.
Verrückt? Nur auf den ersten Blick. Medland wirkt nicht wie jemand, der sich mit utopischen Ideen beschäftigt. Der Verfahrensingenieur arbeitete am Eurofighter-Programm mit und war lange Jahre in der Beratungsfirma Accenture tätig. Jetzt leitet der Brite das eigene Unternehmen Drift Energy im westenglischen Bath. „Wir haben nach einer Technologie gesucht, die auf natürliche Weise die Energie der Ozeane nutzen kann“, sagt er. Und die sich rechnet. Möglich ist das dank Geräten aus Deutschland.
Wagniskapitalfirmen ließen sich schon überzeugen. Sie gaben bisher 4,6 Millionen Pfund (5,2 Millionen Euro). Dazu kam eine Million Pfund von der britischen Regierung. Medland berichtet von Kundeninteresse an Verträgen über mehr als 800 Millionen Euro, was mehr als 50 Schiffen entspricht.
Wasserstoff ist wichtig, um sich von fossilen Energien zu verabschieden. Er verbrennt zu Wasser, kann zum Beispiel Wohnungen heizen, Fahrzeuge antreiben oder Stahlwerke mit Energie versorgen. Deutschland will deshalb bis 2030 Elektrolyseurleistung von 30 Gigawatt installieren. Derzeit sind es weniger als 200 Megawatt.
Wasserstoff löst auch ein Problem der erneuerbaren Energien aus Sonne und Wind: Sie sind nicht dauerhaft und nicht gleichmäßig verfügbar. Der Strom muss gespeichert werden, damit er auch nachts und bei Flaute genutzt werden kann. Eine Möglichkeit: Mit dem Strom Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff spalten und den Wasserstoff lagern, um ihn später zu nutzen. Drift bringt das Konzept aufs Wasser.
Das Meer hat mehrere Vorteile. Wind ist immer irgendwo verfügbar. Die Flächen sind riesig. Und: „Keine Genehmigungen, keine Landnutzung, keine Einschränkungen“, sagt Medland. Den Wind braucht Drift als Antrieb für die Schiffe. Strom erzeugt eine Turbine unter dem Schiff, die wie ein Propeller aussieht. Dass das funktioniert, hat Drift 2022 mit einem kleinen Schiff im Hafen des südenglischen Plymouth nachgewiesen. Für die Weltmeere denkt die Firma deutlich größer.
„Wir haben uns für eine Ein-Megawatt-Turbine entschieden“, sagt Medland. Das Schiff haben sie dann kleinstmöglich drumherum gestaltet. „Es ist standardisiert. Die meisten Teile sind ebenfalls serienmäßig.“ Denn die Ernteschiffe sind auf Massenproduktion ausgelegt. „Wir wollen Hunderte von Schiffen bestellen. Es könnten sogar Tausende sein.“
Das erste Schiff soll noch in diesem Jahr auf Kiel gelegt werden. Derzeit sucht Drift die Werft aus, womöglich eine deutsche. Der Katamaran wird aus Aluminium sein, 60 Meter lang, 20 Meter breit. Die vier Segel, jeweils zwei pro Seite, werden 40 bis 50 Meter in den Himmel ragen. In den Rümpfen verstaut sind die Elektrolyseure, Wasserstofftanks und die Seewasseraufbereitung. Medland hofft auf einen Start 2028. Zunächst wird eine Crew an Bord sein, um Daten und Erfahrungen zu sammeln. Die größere Flotte – entworfen werden Schiffe mit bis zu 300 Metern Länge und 30 Metern Breite – soll Anfang des Jahrzehnts einsatzbereit sein, dann auch ohne Besatzung.
„Das wirklich Schöne an Drift ist der Algorithmus. Wir nennen ihn Goldilocks“, sagt der Drift-Chef – nach einem britischen Märchen. Goldlöckchen ist eine KI-Software, die Medlands Team gemeinsam mit Experten in London entwickelt hat. Sie verbindet Wetter- und Strömungsdaten, dazu sämtliche Schiffsdaten. „Goldilocks optimiert die Route für eine maximale und konstante Energiegewinnung“, sagt Medland. „Die Software hält das Schiff von rauem Wetter oder Hurrikanen fern.“
Entsprechend sehe die Route ein bisschen aus, als fliege ein Schmetterling: chaotisch. „Aber die Route ist nicht wichtig, solange das Schiff Energie gewinnt“, erklärt der Drift-Chef. Um den Wasserstoff optimal verkaufen zu können, berücksichtigt Goldilocks auch Daten der Terminmärkte. Die Route kann also in den USA statt in Europa enden, wenn dort höhere Preise zu erzielen sind. „Die Schiffe können die Energie in Häfen bringen, abgelegene Inseln mit Wasserstoff versorgen und sogar Schiffe auf hoher See betanken.“
Ohne Technik von Enapter wäre das alles nicht möglich. Das börsennotierte Unternehmen aus Hamburg baut Elektrolyseure in vergleichsweise handlicher Größe. Die achteckigen Geräte sind etwa 24 Zentimeter hoch und haben gut 20 Zentimeter Durchmesser. Für größere Leistungen werden einfach viele zusammengeschaltet. Auf dem ersten Schiff von Drift sind 400 bis 420 vorgesehen.
Drift profitiert vom modularen System. „Wir können auch dann Energie gewinnen, wenn einer der Elektrolyseure ausfällt“, sagt Medland. Defekte Geräte könne eine Person leicht austauschen. Gewartet werde an Land. Das Schiff liegt so nur kurz im Hafen und kann nach fünf bis sieben Stunden wieder auf Energiefischerei gehen.
„Drift ist einzigartig in seinem Ansatz zu Dekarbonisierung“, schwärmt Enapter-Chef Jürgen Laakmann. „Die Energie wird direkt aus dem Meer gewonnen, es gibt keinen Eingriff in die Umwelt, keine Flächenversiegelung, keine Bauwerke.“ Medland sagt es so: „Wir hinterlassen nichts als Sauerstoff.“