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  • Suche nach Verantwortung

    World Economic Forum Davos 2008: Systemkritik und die Gunst der "politischen Konsumenten"

    Der große Globalisierungs-Streit wird nicht stattfinden. Selbstsicher und ziemlich unbehelligt versammeln sich von morgen, Mittwoch, an rund 1.000 Chefs transnationaler Unternehmen, 27 Staats- und Regierungschefs und 113 Minister im Schweizer Skiort Davos zum World Economic Forum (WEF). Wie fast jedes Jahr seit 1971 kommt die globale Wirtschafts- und Politikelite, um Geschäfte zu tätigen, Bildungsurlaub auf hohem Niveau zu betreiben und dem Ziel nachzueifern, das WEF-Gründer und Chef Klaus Schwab so formuliert: "den Zustand der Welt verbessern". Dieser Anspruch war in den vergangenen Jahren umkämpfter, als er es heute ist. Erstmals 2001 organisierten Globalisierungskritiker in der südbrasilianischen Stadt Porto Alegre den Gegengipfel zu Davos. "Weltsozialforum" tauften sie ihre Veranstaltung in klarer Abgrenzung zum Wirtschaftsforum in der Schweiz. Zehntausende junge, linke Leute lauschten 2002 dem philippinischen Soziologen Walden Balden, als der in Porto Alegre das Zeitalter der "Deglobalisierung" ausrief. Wenn in Davos die segensreiche Wirkung des freien Weltmarktes gefeiert wurde, kam aus Brasilien ein lautes "Eine andere Welt ist möglich".
    Davon ist kaum noch etwas zu bemerken. 2008 fällt der Gegengipfel zu Davos aus. Am kommenden Samstag gibt es als Ersatz einen so genannten weltweiten Aktionstag. Deutsche Davos-Kritiker haben – nach gegenwärtigem Stand – drei Dutzend lokaler Veranstaltungen organisiert. "Besonders herausgefordert wird sich das WEF in diesem Jahr wohl nicht fühlen", resümiert Rainer Falk, der den kritischen Informationsdienst Weltwirtschaft & Entwicklung herausgibt.
    Davos lebt, und die globalisierungskritische Bewegung verabschiedet sich allmählich? "Nein, das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine kreative Atempause", sagt Oliver Classen, Sprecher der Davos-kritischen Schweizer Organisation "Erklärung von Bern". Für seine These sprechen zwei Tatsachen: Mit ihren Aktionen zum G-8-Gipfel der mächtigsten Staaten haben die europäischen Globalisierungskritiker 2007 für große Aufmerksamkeit gesorgt. Und 2009 soll auch wieder ein Weltsozialforum stattfinden – in der Stadt Belém im Norden Brasiliens.
    Eine gewisse Erschöpfung ist den Umweltverbänden, Netzwerken und Menschenrechtsorganisationen trotzdem anzumerken. Es fällt ihnen schwer, jedes Jahr einen Riesenkongress zu organisieren, der in der globalen Öffentlichkeit als Gegenstück zum Weltwirtschaftsforum wahrgenommen wird. Und es ist auch ermüdend, jedes Jahr aufs Neue dieselbe Megadiskussion über die gute oder schlechte Globalisierung zu führen.
    Klaus Schwab und seine Crew vom WEF haben es da leichter. Mehr als 250 Mitarbeiter halten den Apparat das ganze Jahr über am Laufen. An Geld mangelt es ihnen nicht: Mehr als 1.000 der einflussreichsten Unternehmen der Welt sind Mitglieder des Forums. Sie zahlen jeweils 42.500 Schweizer Franken (26.300 Euro) Jahresbeitrag. Hinzu kommt, dass jeder Manager, der in Davos mal mit Tony Blair persönlich reden möchte, 11.000 Euro Teilnahmegebühr hinlegt.
    Der intensive Streit der vergangenen Jahre ist im Übrigen nicht spurlos an den Kontrahenten vorbeigegangen. Beide Seiten teilen die Welt nicht mehr strikt in Schwarz und Weiß, wie es nach den großen Straßenschlachten in Seattle 1999 noch üblich war. "Die Zeit der Systemkritik ist erst einmal vorbei", sagt Kritiker-Sprecher Oliver Classen. Statt des ganz großen Themas haben sich kleinere in den Vordergrund geschoben. Eines davon heißt "Unternehmensverantwortung".
    "Die großen Firmen nehmen das sehr wichtig", sagt André Schneider, einer der engsten Mitarbeiter von WEF-Chef Klaus Schwab. Tatsächlich kommt heute kaum eines der bekannten Großunternehmen ohne Bekenntnisse und Aktivitäten aus, die gegenüber der Öffentlichkeit und Politik unterstreichen, dass es nicht nur um den Profit geht. Hohe Gewinne sind zwar nach wie vor das alles beherrschende Ziel, aber man will sie in Einklang mit der Gesellschaft und nicht gegen sie erwirtschaften. Dutzende Referenten werden in Davos ausleuchten, wie Firmen ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen können: indem sie beispielsweise auf die Zahlung von Schmiergeld verzichten, die Vorstandsgehälter im Rahmen bleiben und die Bezahlung den Beschäftigten, auch wenn diese in China oder Kambodscha leben, ein angemessenes Auskommen ermöglicht.
    Und auch die Kritiker haben sich auf dieses Feld begeben. Classen: "Wir beobachten, wie sich Konzerne im konkreten Einzelfall verhalten." Die Ergebnisse dieser Überprüfung werden am kommenden Mittwoch veröffentlicht. Dann verleiht die Kritiker-Organisation "Public Eye" ihre diesjährigen Firmen-Auszeichnungen. Ganz oben auf der Kandidatenliste für die "Hall of Shame", die Halle der Schande, steht auch ein in Deutschland ansässiges Unternehmen: Bayer CropScience, ein Teilkonzern der Bayer AG, der Pflanzenschutzmittel herstellt (siehe rechts).
    Aktionen wie des Public Eye werden auch bei den offiziellen Veranstaltungen des WEF im Kongresszentrum von Davos sehr genau registriert. Geht es doch um das Image einzelner Unternehmen in der Öffentlichkeit. Der Ruf seiner Firma, das weiß jeder Vertriebsmanager, ist mitentscheidend für den Verkauf der Produkte. Dieser Zusammenhang mag bei einem Unternehmen wie Bayer CropScience, dessen Waren nicht im Supermarktregal stehen, nicht so offensichtlich sein. Siemens oder Nokia sind da schon in einer anderen Lage. Die Konzerne und ihre Kritiker sind näher zusammengerückt. Sie kämpfen nicht mehr ums System, sondern um die Gunst der politischen Konsumenten.

  • Künftig mehr Biosprit im Tank

    Wirtschaft und Politik verständigen sich über höheren Anteil an Biokraftstoff / Für 375.000 Autofahrer wird tanken dann teuer

    Benzin und Diesel soll bald mehr Biosprit beigemischt werden. Darauf haben sie Industrie, Landwirtschaft und Bundesregierung verständigt. Erstmals haben alle Beteiligten konkrete Ziele vereinbart und in einer „Roadmap Biokraftstoffe“ festgelegt. Danach wird der Anteil von Bio-Ethanol im Benzin in den nächsten drei Jahren auf zehn Prozent verdoppelt. Das sei technisch problemlos machbar, teilte das Bundesumweltministerium am Mittwoch in Berlin mit. Beim Diesel ist die Marke von zehn Prozent schwerer zu erreichen. Für die Fahrzeughersteller seien sieben Prozent Biodieselanteil das äußerste, sagte der Chef des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Matthias Wissmann. Derzeit dürfen nur fünf Prozent Biosprit im Treibstoff enthalten sein. Um trotzdem das Ziel zu erreichen, werden zusätzlich zum Biodiesel verwendbare Pflanzenöle eingesetzt. Im kommenden Jahrzehnt soll der Anteil von Pflanzenenergie im Tank noch einmal verdoppelt werden.

    Zum großen Hoffnungsträger werden dabei Produkte, die es noch gar nicht gibt. Die so genannte zweite Generation der Biokraftstoffe wird nach Angaben von Umweltminister Sigmar Gabriel Mitte des nächsten Jahrzehnts einsatzfähig sein. Bei dieser Technologie werden Pflanzenreste, zum Beispiel Stroh, in Raffinerien zu Kraftstoff umgewandelt. Experten versprechen sich viel von dieser Entwicklung. Laut VDA weist der synthetische Sprit viel bessere Eigenschaften auf als herkömmliche Biokraftstoffe. Außerdem wird ein großes Problem gemindert. Durch die hohen Ölpreise angetrieben werden immer mehr Felder mit Energiepflanzen bewirtschaftet. Fachleute befürchten daher eine zunehmende Konkurrenz zwischen der Produktion von Nahrungsmitteln und der von Biokraftstoffen. Da bei der zweiten Generation des klimaschonenden Sprits nur Pflanzenreste verwendet werden, erschließt sich eine beträchtliche Menge am benötigten Rohstoff, ohne dass dafür extra Flächen reserviert werden müssen. Landwirtschaftsminister Horst Seehofer hält die Sorgen vor einer Verknappung von Lebensmitteln und damit steigenden Preisen für unbegründet, weil die Erträge auf den genutzten Flächen ständig anwachsen. „Im kaum einem anderen Bereich schreitet die Produktivität so schnell voran wie in der Landwirtschaft“, betonte der Minister. Derzeit werden 13 Prozent der Anbaufläche für Energiepflanzen genutzt. Bis 2020 erwartet der Minister eine Steigerung auf rund ein Drittel der Fläche.

    Zumindest die Besitzer älterer Autos sehen die Biooffensive für das Klima mit gemischten Gefühlen. Laut VDA vertragen rund 375.000 Autos in Deutschland die geplante Erhöhung der Beimischung nicht. Den Besitzern bleibt an der Zapfsäule nur der Griff zum teuren SuperPlus.

    Bis die nächste Generation der Biokraftstoffe eingesetzt werden kann, setzt die Bundesregierung auf Bio-thanol und Biodieseln. Seehofer will die steuerliche Förderung für die Kraftstoffe gerne beibehalten, während das Finanzministerium den Steuernachlass um sechs Cent pro Liter kürzen will. Darum streiten beide Ministerien gerade. „Ich kämpfe darum, dass der Biokraftstoff wettbewerbsfähig bleibt“, betonte Seehofer. Vor allem pocht der Minister darauf, dass auch kleine und mittlere Produktionsanlagen in der Förderung bleiben. Sonst drohe die Gefahr von einigen wenigen Großanbietern, die sich keinen Wettbewerb leisten müssen.

    Die Vereinbarung ist Teil der Strategie zum Klimaschutz. Die Bundesregierung will künftig auch für mehr Ehrlichkeit im Umgang mit den Zahlen zur CO2-Einsparung sorgen. Importe, etwa von Palmöl als Energieträger, sollen nur dann als emissionsmindernd gewertet werden, wenn die Pflanzen aus nachhaltigem Anbau stammen. Dazu sollen zum Beispiel Plantagen international zertifiziert werden. Zoff mit der Welthandelsorganisation nimmt Gabriel dafür in Kauf. „Wir wollen im Zweifel diesen Konflikt auch“, stellte der Minister klar.

  • Fragen und Antworten Ölpreis

    Service

    Steigt der Ölpreis weiter?

    Das weiß niemand. Dem steilen Anstieg des Ölpreises kann jederzeit auch wieder ein schneller Absturz folgen. Auf lange Sicht wird das schwarze Gold aber nie wieder so billig zu haben sein wie in den letzten Jahrzehnten. Denn die leicht und damit preiswert erreichbaren Quellen versiegen nach und nach. Zugleich steigt die Nachfrage aus den riesigen Schwellenländern Indien und China.

    Warum explodiert der Ölpreis gerade jetzt?

    Die Weltwirtschaft brummt und verbraucht daher viel Öl. Vor allem China und Indien kaufen so viel ein wie noch nie. Die hohe Nachfrage treibt den Preis in die Höhe. Teurer wird es auch, weil der Irak und andere Förderländer unsicher sind. Das gibt einen Risikoaufschlag. Schließlich sind Spekulanten am Werk, die für etwa 20 Prozent des derzeitigen Preises verantwortlich sind. Wenn die Ölländer mehr fördern oder die Spekulationsblase platzt, kann der Preis schnell stark sinken.

    Welche Folgen hat das für Benzin?

    Der Benzinpreis steigt weiter an, solange der Ölpreis in die Höhe schießt. Nur der starke Euro bringt den Autofahrern hier etwas Entlastung, weil der Preisanstieg dadurch nicht so stark ausfällt. Sollte sich das Blatt an den internationalen Märkten wandeln, könnte auch der Benzinpreis wieder sinken. Ansonsten werden die Autofahrer bald 1,50 Euro für den Liter Sprit bezahlen müssen.

    Warum wird Diesel immer teurer?

    Weltweit können die Raffinerien nicht genug Diesel herstellen, um die Nachfrage zu decken. Für die Autos würde die Produktion reichen. Aber der Kraftstoff wird auch als Heizöl eingesetzt. Da jetzt viele Amerikaner Heizöl aus Europa kaufen, explodiert der Dieselpreis.

    Sollte man jetzt Heizöl kaufen?

    Wer sich jetzt nicht unbedingt mit Heizöl eindecken muss, sollte noch abwarten. Denn die momentan hohe Nachfrage treibt den Heizölpreis nach oben. Experten rechnen mit einer deutlichen Entspannung der Situation im Januar. Eine Möglichkeit ist auch, jetzt den halben Tank zu füllen und später zu hoffentlich günstigeren Preisen nachzukaufen. Sichere Prognosen sind aber unmöglich.

    Was ist mit dem Gaspreis?

    Der Gaspreis ist an den Ölpreis gekoppelt. Unabhängig vom tatsächlichen Verbrauch wird Gas teurer oder billiger, wenn sich der Ölpreis bewegt. Mit einer Verzögerung von sechs Monaten kommen die veränderten Preise dann beim Verbraucher an. Das Gas wird folglich auch bald sehr viel teurer.

    Wird jetzt weniger gefahren?

    Früher hat der steigende Spritpreis das Verhalten der Autofahrer kaum verändert. Aber 2006 ging die Fahrleistung schon geringfügig zurück. In diesem Jahr werden viele Autofahrer auf Fahrten verzichten, die nicht notwendig sind. Das glauben zumindest Experten.

    Welchen Folgen hat der Preisanstieg für die Wirtschaft?

    Bisher kommt die deutsche Wirtschaft ganz gut mit dem hohen Ölpreis zurecht. Dafür sorgt auch der starke Euro, der die Preissteigerung beim Öl abmildert. Aber auch die Investitionen in energiesparende Anlagen in den letzten Jahrzehnten machen sich nun bezahlt. Die Industrie ist nicht mehr so abhängig vom Öl. Steigt der Preis aber ungebremst weiter, droht ein weltweiter Konjunkturdämpfer.

    Kann die Politik eingreifen?

    Politiker haben nur wenig Einfluss auf den Ölpreis. Internationale Abkommen könnten für mehr Transparenz bei der Preisbildung sorgen. Dann hätten Abzocker und Spekulanten es schwerer. Solche Regelungen sind aber schwer durchzusetzen. In Deutschland könnten die Politiker handeln und die Mineralölsteuer senken. Dann wird der Sprit schnell billiger, denn die Steuer macht den größten Teil des Benzinpreises aus.

  • Der Motor Zeitarbeit kommt ins Stottern

    Firmen kämpfen mit Personalmangel / Gesetzliche Einschränkungen könnten weiteres Wachstum gefährden

    Jahrzehntelang hat Leiharbeit in Deutschland ein wenig rühmliches Schattendasein geführt. Das Image war lausig, der Beiname „Sklavenhändler“ war nur ein Ausdruck für den schlechten Ruf der Branche. Seit 2004 geht es jedoch aufwärts. Zeitarbeit wird für immer mehr Unternehmen und Beschäftigte attraktiv. Auch dabei spielen die nach dem früheren VW-Vorstand Peter Hartz benannten Gesetze eine wichtige Rolle. Hartz I regelte 2003 die Zeitarbeit neu. Dahinter stand der Wunsch nach einem flexibleren Arbeitsmarkt. In guten Zeiten sollten Firmen schneller und ohne Angst vor dem Kündigungsschutzrecht Beschäftigung anbieten. Die 1972 eingeführten gesetzlichen Regelungen für Zeitarbeit wurden deshalb gelockert. Das hatte Erfolg. Die Zahl der Beschäftigten bei den Personaldienstleistungsfirmen hat sich innerhalb weniger Jahre von 330.000 auf mittlerweile 630.000 fast verdoppelt. Das sind 1,6 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Das Potenzial ist noch längst nicht ausgereizt. Denn in anderen europäischen Ländern ist der Anteil deutlich höher.

    Es waren vergleichsweise einfache Änderungen, die für den Aufschwung der Branche sorgten. Aufgehoben wurde zum Beispiel die Regel, dass Leiharbeiter höchstens zwei Jahre an einen Betrieb ausgeliehen werden dürfen. Bei der Entlohnung verordnete die rotgrüne Koalition der Branche, dass Zeitarbeiter genau so bezahlt werden müssen wie das Stammpersonal, sofern in Tarifverträgen nichts anderes vereinbart wurde. Heute gibt es Tarifverträge, die von den großen Zeitarbeitsverbänden mit dem DGB und christlichen Gewerkschaften abgeschlossen wurden. Damit wurde das Gleichstellungsgebot praktisch unterminiert. Dies stößt bei der Linken und auch bei weiten Teilen der SPD und den Gewerkschaften auf Unmut. Die Kritiker setzen sich nun für neue Beschränkungen der gut 17.000 Verleihfirmen ein.

    Eine der Hauptsorgen der Gegner von Leiharbeit ist, dass immer mehr reguläre Beschäftigung in Leiharbeit umgewandelt wird. Verlässliche Statistiken gibt es dazu nicht. Nach Angaben der SPD zeigen jedoch Erhebungen in der Metallindustrie, dass Leiharbeit im Trend liegt. In der Automobilindustrie setzen danach 86 Prozent aller Betriebe Zeitarbeiter ein. Sieben Prozent der Facharbeiter und 17 Prozent der Hilfskräfte stehen auf der Gehaltsliste von Personaldienstleistern. In Einzelfällen, wie bei Daimler im Werk Ludwigsfelde, kommt laut SPD sogar jeder dritte Beschäftigte von einer Verleihfirma. Auch die Elektroindustrie bedient sich in starkem Umfang bei Zeitarbeitsfirmen. Bisweilen ist der Anteil der Leiharbeiter in dieser Branche sogar höher als der der Kernbelegschaft.

    Dem Trend will die kleinere Regierungspartei mit Hilfe der Gewerkschaften brechen. Die Branche soll wie auch die Postzusteller in das Arbeitsnehmer-Entsendegesetz aufgenommen werden. Damit würde ein flächendeckender Mindestlohn eingeführt. Schwerer wiegt indes der Vorschlag, per Gesetz Kernbelegschaft und Leiharbeiter beim Lohn gleichzustellen. Dann müssten Zeitarbeiter nach einer Einarbeitungszeit immer so gut bezahlt werden wie die Festangestellten eines Betriebes. Ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil der Leiharbeitsfirmen ginge so verloren.

    Die Branchenverbände sind über diesen Vorschlag verärgert. Vor allem bei höher qualifizierten Angestellten würde diese Einschränkung Arbeitsplätze vernichten, befürchtet der Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (IGZ). Der Bundesverband Zeitarbeit (BZA) stößt ins selbe Horn. „Einerseits will man die Branche durch einen Mindestlohn schützen, gleichzeitig aber soll sie totreguliert werden“, beschwert sich BZA-Präsident Volker Engerts. Die Dienstleistung werde so viel zu teuer und nicht mehr nachgefragt.

    Über mangelnde Nachfrage müssen sich die Verleihfirmen derzeit keine Sorgen machen. Alle IT-Berufe, Ingenieure und betriebswirtschaftliches Personal werden derzeit gesucht. Dabei steht die Branche inzwischen vor demselben Problem wie ihre Kunden. Bestimmte Fachleute sind auf dem Arbeitsmarkt nur noch selten zu finden. Unproblematisch ist nur noch die Vermittlung von Hilfsarbeitern.

    Interessenten haben daher gute Karten bei der Suche nach einem geeigneten Personaldienstleister. Experten raten dazu, bei der Auswahl auf ein paar Dinge zu achten, um unliebsame Überraschungen zu vermeiden. So sollte die Firma einem der Branchenverbände angehören und an einen Tarifvertrag gebunden sein. Dazu sollte in den Geschäftsräumen die Lizenz als Verleihfirma aushängen. Auch sollte der Blick auf Referenzen und die Einhaltung der gesetzlichen Arbeitsschutzbestimmungen gerichtet werden, bevor ein Arbeitsvertrag unterschrieben wird.

  • „EU sollte Ausnahmen bei Freizügigkeit akzeptieren“

    Nach dem Brexit plädiert Ulrich Hoppe, der Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer, für einen Kompromiss mit Großbritannien

    Hannes Koch: Sie vertreten die Interessen der deutschen Unternehmen in Großbritannien. Deshalb liegt Ihnen der Freihandel zwischen der EU und den Inseln am Herzen. Würden Sie dafür in Kauf nehmen, dass die Briten die Niederlassungsfreiheit für EU-Bürger einschränken?

    Ulrich Hoppe: Diese Entscheidung müssen die Politiker treffen. Für die Unternehmen ist es wichtig, dass alle Grundfreiheiten erhalten bleiben. Denn auch die deutschen Firmen, die in Großbritannien arbeiten, brauchen Talente aus aller Welt. Unter Umständen können sie aber mit vorübergehenden, kurzfristigen Beschränkungen leben. Langfristig müssen die Grundfreiheiten jedoch gelten.

    Koch: Die sogenannten vier Freiheiten stellen eine Grundlage der EU dar – Freizügigkeit für Waren, Dienstleistungen, Kapital und Bürger. Dabei dürfe man den Briten kein Rosinenpicken erlauben, sagt Kanzlerin Angela Merkel. Glauben Sie, dass die EU zu einem Kompromiss bereit sein wird?

    Hoppe: Die neue britische Regierung muss jetzt erst einmal ihre Verhandlungsposition festlegen. Anfangs wird immer viel gefordert. Schließlich trifft man sich dann meistens in der Mitte.

    Koch: Sie plädieren für einen sogenannten „Soft-Brexit“. Was verstehen Sie darunter?

    Hoppe: Die EU sollte akzeptieren, dass Großbritannien gewisse Ausnahmen bei der Freizügigkeit machen darf. Dieses Recht behielten sich Deutschland und die meisten anderen EU-Länder ebenfalls für einige Jahre nach der ersten EU-Osterweiterung vor, als unter anderem Polen und die baltischen Staaten der EU beitraten. Damals führte Großbritannien die Personenfreizügigkeit sofort ein. Das wäre ein Anlass, nun auch umgekehrt Verständnis zu zeigen.

    Koch: Bräuchten dann beispielsweise BMW-Ingenieure eine Arbeitserlaubnis, wenn sie im britischen Mini-Werk arbeiten wollen?

    Hoppe: Das glaube ich nicht. Das wäre für Unternehmen im Vereinigten Königreich, die auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen sind, sehr unpraktisch und fügte der Wirtschaft vor Ort ernsten Schaden zu. Eher sind Beschränkungen für EU-Bürger vorstellbar, die keinen Arbeitsvertrag in Großbritannien nachweisen können.

    Koch: Das beträfe vor allem Arbeitnehmer und Selbstständige aus Osteuropa, die sich künftig nicht mehr einfach in Großbritannien niederlassen dürften?

    Hoppe: In den vergangenen Jahren sind viele Bürger der östlichen EU-Staaten nach Großbritannien gekommen. London wird aber wohl keine Einschränkungen für einzelne Nationalitäten festlegen. Deshalb werden von den neuen Regeln grundsätzlich auch Deutsche betroffen sein.

    Koch: Könnte die Europäische Freihandelsassoziation (EFTA), in der Großbritannien bis zum EU-Beitritt 1973 Mitglied war, den Rahmen für einen Soft-Brexit bilden?

    Hoppe: Theoretisch ja. Das EFTA-Mitglied Schweiz ist nicht gleichzeitig Mitglied im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), der die Anerkenntnis der vier Freiheiten voraussetzt.

    Koch: In bilateralen Verträgen mit der EU hat aber auch die Schweiz die vier Grundfreiheiten akzeptiert.

    Hoppe: Nach der Mehrheit gegen Freizügigkeit in der Schweizer Volksabstimmung muss dieser Punkt jetzt jedoch neu verhandelt werden. Eventuell kann das ein Vorbild für das künftige Verhältnis zwischen der EU und Großbritannien sein. Aber bisher zeigt die EU-Kommission wenig Bereitschaft, sich auf einen Kompromiss einzulassen.

    Ulrich Hoppe (51) ist Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer in London.