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  • Einbußen für Wind- und Solaranlagen

    Neue Wind- und Solarkraftwerke sollen einen Teil der Kosten des Netzausbaus tragen. Das steht in einem Gesetzentwurf aus dem Haus von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU). Unter anderem mit dieser Maßnahme will sie die Stromrechnungen der Privathaushalte und Unternehmen drücken. „Der Ausbau erneuerbarer Energien wird ausgebremst und bewusst behindert“, kritisiert dagegen Grünen-Politiker Michael Kellner.

    In den vergangenen Jahren sind viele Wind- und Solarparks hinzugekommen. Ihr Anteil an der Stromversorgung beträgt mittlerweile rund 60 Prozent. Der Ausbau der Elektrizitätsleitungen hinkt diesem Wachstum allerdings hinterher. Außerdem erfordern die neuen Netze Milliarden Euro Investitionen, die letztlich die Verbraucher über die Stromrechnungen bezahlen. An dieser Stelle mäßigend einzugreifen, hat sich deshalb die Bundesregierung aus Union und SPD vorgenommen.

    Der Gesetzentwurf enthält zahlreiche Maßnahmen in Sachen Netzausbau. Bezüglich der erneuerbaren Energien stechen zwei heraus. So soll die Bundesnetzagentur neuen Wind- und Solarparks eine Beteiligung an den Baukosten für die neuen Leitungen aufbürden können, die zu ihrem Anschluss nötig sind. Bisher existiert eine solche, für sie nachteilige Regelung nicht.

    Zweitens könnten Erneuerbare-Energie-Anlagen unter bestimmten Umständen keine Entschädigungen mehr erhalten, wenn sie zu viel Strom produzieren, der nicht gebraucht wird. Heute werden diese Ausgleichszahlungen – Fachjargon: Redispatch – ebenfalls auf die Stromrechnungen umgelegt. Die Wind- und Solarparkbetreiber planen die Entschädigungen derzeit als Teil ihrer Erträge ein. Fielen sie weg, machte das Investitionen in Ökokraftwerke unattraktiver, befürchtet der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE).

    Wirtschaftsministerin Reiche will den „Anlagenzubau mit dem Netzausbau synchronisieren“, wie es im Titel des Gesetzentwurfes heißt. Damit verfälsche sie jedoch das Ziel des Koalitionsvertrages, erklären die Kritiker. Dort heißt in umgekehrter Reihenfolge, die Netze sollten mit dem Erneuerbaren-Ausbau synchronisiert werden. Was ist die bestimmende Größe? Lautet, so betrachtet, der Gegensatz, der starke Zuwachs von Wind und Solar oder die unzureichenden Netze? Grünen-Energiepolitiker Kellner fordert deshalb, das Wachstumstempo der Kraftwerke beizubehalten und beispielsweise mehr Batteriespeicher anzuschließen.

    Im Übrigen argwöhnt der BEE, der Wirtschaftsministerin gehe „es primär um die Stärkung der Netzbetreiber“. Ihre Interessen würden mit dem Gesetzentwurf gegenüber denen der Anlagenbetreiber aufgewertet. Eigentlich handele es sich um ein „Netzbetreiber-Privilegierungspaket“. Noch aber ist der Gesetzentwurf nicht fertig. Im nächsten Schritt muss Reiche ihn mit der SPD-Seite abstimmen. Schließlich braucht er die Zustimmung des Bundestages.

  • „Von fortschrittlichen Gedanken geprägt“

    Hannes Koch: Die Kommission zur Reform des Sozialstaates macht Vorschläge, die auch Sie schon formuliert haben. So sollen Grundsicherung, Wohngeld und Kinderzuschlag künftig aus einer Hand kommen. Was würde das für die Antragsteller:innen verbessern?

    Wolfgang Strengmann-Kuhn: Sie würden die Sozialleistungen dann wohl einfacher und schneller erhalten als heute. Denn momentan muss man Anträge an drei Stellen einreichen: beim Jobcenter für die Grundsicherung, bei der Familienkasse für den Kinderzuschlag, schließlich bei der Kommune für das Wohngeld. Viele Leute blicken da nicht durch oder verzichten auf den komplizierten Antrag. Es besteht die Hoffnung, dass die aktuellen, teils widersprüchlichen Regeln vereinheitlicht werden.

    Koch: Die Kommission schreibt, das Existenzminimum und die „individuellen Bedarfe“ der Antragsteller:innen müssten „in jedem Fall“ sichergestellt werden. Beinhaltet die Zusammenlegung nicht aber auch die Gefahr, dass es zu Kürzungen von Sozialleistungen kommt?

    Strengmann-Kuhn: Das Risiko besteht durchaus. Diesen Effekt befürchte ich beispielsweise bei den sogenannten Transferentzugsraten, also wie das selbst erwirtschaftete Arbeitseinkommen der Leistungsempfänger:innen mit den staatlichen Leistungen verrechnet wird. Die Kommission schlägt einen Korridor von 70 bis 80 Prozent oberhalb der Minijobgrenze vor. Wenn, um Geld zu sparen, 80 Prozent des Einkommens angerechnet werden, könnte das im Vergleich zu heute zu finanziellen Nachteilen für viele Leute führen.

    Koch: Für diese etwas höheren Arbeitseinkommen soll der Anteil der Verrechnung aber niedriger liegen als jetzt.

    Strengmann-Kuhn: Je nachdem, ob die Anrechnung 70 oder 80 Prozent beträgt, kann es sein, dass auch von solchen Einkommen weniger übrig bleibt. Aber: Anrechnungsraten von heute bis zu 100 Prozent für zusätzliches Einkommen werden durch den Vorschlag vermieden. Das ist gut. Wer neben den staatlichen Zuschüssen zusätzlich höhere Beträge selbst verdient, könnte also davon mehr Geld behalten als jetzt.

    Koch: Die Empfehlungen laufen darauf hinaus, die Bürokratie zu vereinfachen. Statt drei oder vier Stellen sollen künftig nur noch zwei Behörden zuständig sein. Die Jobcenter wären für die erwerbsfähigen Leute zuständig, die Sozialämter der Kommunen für die nicht arbeitsfähigen. Eine gute Idee?

    Strengmann-Kuhn: Das Problem ist, dass die Jobcenter dadurch erheblich belastet würden, weil sie sich dann auch um Millionen Menschen zusätzlich kümmern müssten, die heute Wohngeldanspruch haben und 2.000 bis 3.000 Euro oder mehr verdienen. Leistungsempfänger:innen, die schon ganz ordentliche Einkommen erzielen, sind dort eigentlich an der falschen Adresse – sie brauchen zwar einen finanziellen Zuschuss, aber nicht die sonstige Unterstützung vom Jobcenter.

    Koch: Was schlagen Sie vor?

    Strengmann-Kuhn: Es wäre besser, wenn für Leute, die heute schon Steuern zahlen, die Leistungen von den Finanzämtern kämen. Die verfügen sowieso schon über die Angaben zu allen Einkommen. Das bedeutete eine tatsächliche Entbürokratisierung, für die Betroffenen und die Behörden. Die Jobcenter würden erheblich entlastet.

    Koch: Ihr Vorschlag beinhaltet auch, dass die Leistungen automatisch ausgezahlt würden, ohne Antragstellung. Dann erhielten aber viel mehr Leute Geld, und die Kosten für den Staat stiegen.

    Strengmann-Kuhn: Gar nicht so viel. Die Kommission hat das anscheinend berechnen lassen. Demnach lagen die zusätzlichen Kosten im niedrigen einstelligen Milliardenbereich, Bürokratieabbau nicht mitgerechnet – eine verkraftbare Größenordnung.

    Koch: Unter der schwarz-roten Koalition geht die öffentliche Debatte momentan aber eher in die Richtung, soziale Leistungen zu kürzen. Betrachten Sie die Empfehlungen der Kommission nun als Kontrapunkt?

    Strengmann-Kuhn: Das ist noch unklar. Im Gegensatz zur Reform des Bürgergeldes, das jetzt in Grundsicherung umbenannt wird, sind die Empfehlungen jedoch eher von fortschrittlichen Gedanken geprägt. Es geht darum, den Sozialstaat zu vereinfachen und für die Leute effektiver zu machen. Wie gesagt, beinhaltet der Bericht aber auch die Möglichkeit, Leistungen zu kürzen.

    Koch: Für wie realistisch halten Sie die Vorschläge?

    Strengmann-Kuhn: Was eine schnelle Umsetzung betrifft, bin ich skeptisch. Es gibt noch sehr viele Hürden und offene Punkte, über die sich die Koalition streiten wird. Vor allem die Union wird sich für Kürzungen einsetzen. Aber es ist der Beginn einer spannende Debatte über die Systematik des Sozialstaats.

    Bio-Kasten
    Wolfgang Strengmann-Kuhn war bis Frühjahr 2025 grüner Abgeordneter im Bundestag. Nun arbeitet der Sozialexperte im Institut für Sozialökologie.

  • Atomenergie stagniert

    Immer wieder Atomenergie. Manche Länder sehen sie als Chance, von fossiler Energie wegzukommen. Die US-Technologieindustrie will groß einsteigen, um den Hunger der Rechenzentren für künstliche Intelligenz zu stillen. In Deutschland denkt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) immer wieder laut über sie nach. Die Internationale Energie Agentur IEA, lange Jahre skeptisch, hat gar eine Renaissance entdeckt.

    In Zahlen schlägt sich die Begeisterung bisher nicht nieder. Anfang 2025 waren weltweit 404 Atomkraftwerke mit einem Durchschnittsalter von etwa 33 Jahren in Betrieb, fünf weniger als ein Jahr zuvor, wie aus dem aktuellen World Nuclear Industry Status Report hervorgeht, einem unabhängigen Bericht zur Lage der kommerziellen Atomstromerzeugung. Vier Anlagen kamen neu hinzu: zwei in China und je eine in Indien und Russland. Neun gingen vom Netz: je drei in Belgien und Russland, eine in Taiwan. Das Land stieg damit als fünftes Land aus der Atomenergie aus. Deutschland schaltete den letzten Reaktor 2023 ab.

    Anlagen laufen noch in 31 Ländern, die meisten in Frankreich. Gebaut wird der in elf Ländern, vor zwei Jahren waren es noch in 16. Für Mycle Schneider ein Zeichen, dass die Atomkraft gerade eher im Sinken begriffen ist. Sind insgesamt weniger Anlagen an den Netzen der Welt, steigt doch die erzeugte Strommenge. 2025 dürften die Reaktoren den Rekord von 2024 (2.677 Terawattstunden) noch einmal um zehn bis 15 Terawattstunden übertroffen haben. Weil aber auch der Energiebedarf steigt, stagniert der Anteil von Atomstrom weltweit seit Jahren bei um die neun Prozent.

    Schneider ist Herausgeber des Berichts, der seit 2007 jährlich erscheint. Die Autoren aus neun Ländern werten öffentlich zugängliche und belastbare Quellen aus. Den Bericht unterstützen unter anderem das Bundesamt für die Sicherheit in der nuklearen Entsorgung (Base), die Friedrich-Ebert- und die Heinrich-Böll-Stiftung.

    Zum Jahresbeginn waren 67 Reaktoren weltweit im Bau. Als „im Bau“ zählt ein Reaktor, wenn das Fundament gegossen wird. Deshalb ist zum Beispiel die Anlage, die Polen an der Ostsee errichtet, noch nicht erfasst. Einzige Baustelle in Europa ist Hinkley Point C in Südengland.

    67 Reaktoren weltweit im Bau klingt viel, doch 36 entstehen allein in China. Das Land in den vergangenen Jahren kräftig in Atomkraft investiert. Allerdings steckten sie noch mehr in erneuerbare Energien, die einen deutlich höheren Anteil an der Stromproduktion des Landes haben. Nach China folgt Russland, das Atomreaktoren als Exportprodukt versteht. Die Russen bauen unter anderem in Ägypten und der Türkei, in Indien und Bangladesch.

    Das hat womöglich auch strategische Gründe. „Es gibt keine engere Verbindung zwischen zwei Ländern als der Bau eines Atomkraftwerks“, sagt Schneider. Zudem bieten die Russen an, abgebrannte Brennstäbe wieder zurückzunehmen. In der Türkei werden sie die vier Anlagen sogar betreiben. Bemerkenswert findet der Herausgeber des Berichts, dass zum Beispiel weder in Süd- noch in Nordamerika eine neue Anlage gebaut wird. Trotz markiger Ankündigungen, groß einsteigen zu wollen.

    Zuletzt hatten sich 33 Länder dazu bekannt, Atomenergie bis 2050 zu verdreifachen. Zu den Unterzeichnern des entsprechenden Papiers gehören Frankreich, Finnland, Japan, die Niederlande, Großbritannien und die USA, aber auch Ghana, Jamaika, Ruanda und Senegal. „Wenn alles wie versprochen umgesetzt wird, würde die installierte Leistung von 413 Gigawatt 2020 auf 1240 Gigawatt steigen, heißt es im World Energy Report der Internationalen Energie Agentur.

    Geredet wird viel, die Realität sieht möglicherweise anders aus. Schneider hält Pläne und Zahlen für Unsinn. „Es ist einfach technisch nicht möglich, derart viele neue Kraftwerke in der Zeit zu bauen.“ Zumindest, wenn man nach den Reaktoren in der EU geht. Zuletzt begann in der Gemeinschaft 2007 der Bau eines Reaktors. Flammanville-3 in der Normandie ging 2024 nach 17 Jahren in den Betrieb. Die Kosten stiegen von geplanten 3,3 auf mehr als 13 Milliarden Euro.

    Schneider zufolge gibt es zudem nicht genug Firmen, die derart viele Akw errichten können. Neben der russischen Rosatom sind das CGN und CNNC aus China, die französische EDF und KHNP aus Südkorea. Das US-Unternehmen Westinghouse stellt Technologie bereit, will aber keine Baurisiken mehr eingehen. Eine chinesische Firma zu beauftragen, sei für die westliche Welt indiskutabel, sagt Schneider. Ähnlich sehe es bei Rosatom aus.

    Warum dennoch so viele Politiker gern von Atomkraftwerken reden? Es sei einfach, so etwas zu verkünden, sagt Ruggero Schleicher-Tappeser, Mitautor des WNISR-Berichts. „Politiker können zeigen, dass sie etwas tun.“ Ob dann tatsächlich etwas geschieht, ist eine andere Frage.

    Der Wandel der Energiewelt macht es für die nuklearen Großanlagen ohnehin schwerer. Solarpanels sind günstig in Masse herzustellen und flexibel einsetzbar, wie Schleicher-Tappeser sagt. Sie erzeugten Strom direkt aus der Kraft der Sonne und nicht über dem Umweg über Hitze und Turbinen. Zudem sinke der Preis für Batteriespeicher kräftig. Er erwartet, dass auch die US-Technologieriesen eher auf Sonnenenergie setzen als auf Atomkraft, auch wenn sie bisher anderes angekündigt haben.

    Was alle alten und neuen Fans bisher neben steigenden Kosten, längerer Bauzeit und technischen Problemen gern übersehen: den Atommüll. Bisher ist weltweit kein Endlager in Betrieb. Immerhin, die Finnen stehen kurz davor.

  • Überraschend wachstumsstark

    Politisch zerlegt sich das Weltgefüge der vergangenen Jahrzehnte gerade. Die Wirtschaft steckt das gut weg – insgesamt betrachtet. Sie legt sogar stärker zu als bisher gedacht, jedenfalls nach Ansicht des Internationalen Währungsfonds (IWF). Er rechnet jetzt mit mehr Wachstum in diesem Jahr als noch im Oktober. Getrieben wird das Plus demnach vor allem von den USA und China. Und auch für Deutschland sind die Experten zuversichtlicher.

    Die Weltwirtschaft sei bemerkenswert widerstandsfähig trotz der bedeutenden Handelsstörungen, die die USA ausgelöst hätten, und der steigenden Unsicherheit, sagt IWF-Chefvolkswirt Pierre-Olivier Gourinchas. Er erwartet, dass die Weltwirtschaft – der Wert aller Waren und Dienstleistungen –  in diesem Jahr insgesamt um 3,3 Prozent wächst. Noch im Oktober hat der IWF nur ein Plus von 3,1 Prozent vorhergesagt.

    Das Wachstum der deutschen Wirtschaft änderte der IWF ebenfalls. Das Bruttoinlandsprodukt soll 2026 um 1,1 (bisher: 0,9) Prozent zulegen. In diesem und vor allem dem nächsten Jahr dürften sich die steigenden Staatsausgaben für Infrastruktur und Verteidigung auswirken.

    Auch der Handel insgesamt soll zulegen – trotz der vielen Zusatzzölle sowie Ausfuhrbeschränkungen etwa für Computerchips (USA) und Seltene Erden (China). Die Unternehmen insgesamt erwiesen sich als erstaunlich findig und stellten sich schnell auf veränderte Lage ein, sagt Gourinchas.

    Getrieben wird das Wirtschaftswachstum vor allen von China und seiner Exportindustrie sowie den USA, die sehr viel auch ausländisches Geld anziehen, das in IT und künstliche Intelligenz fließt. Hier sieht der Experte größere Risiken – weil das Geld fast nur in KI in den USA investiert wird. Probleme dort schlagen dann schnell weltweit durch. Auch steigt die Gefahr, das Unternehmen Geld bekommen, die weder eine gute Idee haben noch überlebensfähig sind. Der IWF-Chefvolkswirt erinnert an die Dotcom-Blase, die Anfang der 2000er Jahre platzte. Noch sei Ähnliches aber nicht zu erkennen.

    Nicht berücksichtigt ist bisher in den Berechnungen des IWF der Versuch der USA, die Kontrolle über Venezuela und die Ölreserven dort zu bekommen. Im Dezember ergriff das Militär den venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro und setzte ihn ab. Ebenfalls nicht eingeflossen ist der drohende Zollkrieg zwischen den USA und der EU wegen Grönland. US-Präsident Donald Trump will die Insel den Vereinigten Staaten eingliedern – sie gehört als autonomes Gebiet zu Dänemark, bisher ein Verbündeter der USA.

    Gourinchas bezeichnet vor allem den neuen Zollkrieg als großes Risiko für die Weltwirtschaft. Verlieren würden dabei alle, zuerst die USA und die EU, dann aber auch andere Länder. Wen es mehr treffe? Aus Sicht des IWF-Chefvolkswirten ist das derzeit kaum abzusehen. Nach einer Musterberechnung aus dem Oktober belastete ein Zollkrieg die Weltwirtschaft um 0,3 Prozentpunkte. „Eine bedeutende Größe“, sagt Gourinchas.

    Wie sie wirken, lässt sich an den Zöllen sehen, die die US-Regierung im vergangenen Jahr verhängte. US-Firmen hätten die höheren Importkosten bisher getragen, sagt der IWF-Chefvolkswirt. Weil die Zölle an den amerikanischen Staat gingen, wirkten sie wie eine Steuererhöhung. Das gleiche die Steuersenkungen Trumps etwas aus.

    Eine weitere große Gefahr sieht Gourinchas bei den Notenbanken, besonders der mächtigsten der Welt, der Federal Reserve in den USA. Unabhängigkeit sei absolut wichtig. Nur so sei glaubwürdig, dass sie wirksam gegen Inflation vorgingen. Sonst steige die Inflation und das bedeute letztlich weniger Wachstum.

  • Eine bessere Globalisierung ist möglich

    Das erste Weltwirtschaftsforum ohne seinen Gründer Klaus Schwab findet jetzt in Davos statt. Nach 54 Jahren verabschiedete Mr. Globalisierung sich in den Ruhestand. Und auch eine Phase der Globalisierung geht zu Ende.

    Seit den 1980er Jahren bildete sich stärker als zuvor ein gemeinsamer Weltmarkt heraus, es wurde mehr Handel getrieben, weltumspannende Institutionen gewannen an Einfluss. Das Lebensgefühl verbreitete sich, in einer Welt zu leben, die ähnlich funktionierte, in der die Kontinente einander näher rückten. Jetzt jedoch geht die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung. Autokratische Herrscher in Peking, Moskau und neuerdings in Washington unterteilen die Welt in Machtblöcke. Trumps America-First-Politik strebt zurück ins 19. Jahrhundert, fusst auf dem Nationalstaat, bevorzugt egoistische, unilaterale Lösungen, statt verbindende, multilaterale.

    Die Globalisierung hatte schlechte Seiten, aber auch gute. Die Weltmarkt-Produktion in armen Ländern schuf dort hunderte Millionen neuer Arbeitsplätze. Die Mittelschichten in China, Indien, Südafrika und anderen Staaten wuchsen, die Armut ging zurück. Die Verbraucher:innen in den reichen Staaten erhielten preisgünstige Konsumgüter wie Textilien und Smartphones.

    Es handelte sich auch um ein politisches Arrangement. Globale Institutionen wie die Welthandelsorganisation schlichteten Konflikte, schufen Verträge für die große Mehrheit der Staaten. Die Vereinten Nationen beschlossen die Millennium-Ziele, um die weltweite Armut zurückzudrängen. Manche Länder öffneten sich für kulturelle Einflüsse von außen, eine Weltgesellschaft schien zu entstehen. Ein Ort, an dem vieles davon zusammenfloss, war jedes Jahr das Weltwirtschaftsforum in den Schweizer Alpen.

    Die Nachteile der neuen Weltökonomie riefen aber auch heftige Kritik hervor. Viele Industriearbeitsplätze verließen die Industriestaaten. Die neuen Jobs im Süden waren oft mies bezahlt, gesundheitsschädigend, miunter tödlich. Nationalstaaten büßten Regulierungspotenzial ein. Die Investoren der internationalen Kapitalmärkte setzten ihre Interessen gegenüber der Politik durch, weshalb in den Industriestaaten die soziale Sicherheit abnahm. Deshalb erfand die globalisierungskritische Organisation Attac den Slogan: „Eine andere Welt ist möglich“. Während Linke, Linksliberale, Grüne, Entwicklungsorganisationen, kirchliche Hilfswerke und Gewerkschaften die dunklen Seiten der Globalisierung betonten, nahm sich aber auch die extreme politische Rechte des Themas an.

    Und teilweise ähnelte sich die Kritik von links und rechts. Beide Seiten beklagten einen Kontrollverlust der Politik gegenüber der Macht der Märkte. Wobei sich die Perspektiven andererseits auch unterschieden. Die Linken interessierten sich mehr für die Probleme der Menschen in den armen Ländern des Südens. Daraus entstand etwa das Konzept der Deglobalisierung des philippinischen Ökonomen Walden Bello. Seine Frage lautete: Können Gesellschaften sich aus dem Weltmarkt ausklinken? Die Rechten fokussierten dagegen auf die Nachteile der Globalisierung für die reichen Staaten des Nordens – Arbeiter, die ihre Jobs verloren, Regierungen, deren Einfluss abnahm. In der öffentlichen Debatte verstärkte sich die überlappende Kritik gegenseitig, und die globalisierungsfreundlichen Regierungen der Mitte standen von beiden Seiten gleichzeitig unter Feuer.

    Auch deshalb erscheint nun eine realistische Revision linker Globalisierungskritik nötig. Denn die Welt verändert sich gerade massiv. Es geht darum, das fortzuentwickeln, was an der Globalisierung gut war und ist. Anstatt „Nein“ sollte die Linke „Ja, aber“ sagen. Etwa zum Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union und dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur. Gewisse ökonomische und ökologische Nachteile des Vertrages sind nicht von der Hand zu weisen, die Vorteile überwiegen jedoch bei Weitem. Vor allem fußt das Abkommen auf fairer Verhandlung und gegenseitigem Interessenausgleich. Das ist das Gegenteil dessen, was der US-Präsident zu seinem Markenzeichen macht. Übrigens: Mit welchem Land will die EU künftig Handel treiben, wenn nicht mit einem Staat wie Mercosur-Mitglied Brasilien, das der linksgerichtete Präsident Lula da Silva regiert?

    Dennoch muss man sich weiter dafür einsetzen, dass die weltweiten Wirtschafts- und Handelsbeziehungen gerechter werden. Die europäische Lieferketten-Richtlinie in ihrer ursprünglichen, strengeren Form war richtig, weil sie half, die Arbeitsbedingungen im globalen Süden zu verbessern. Internationale Steuerabkommen sind nötig, um große Vermögen überall zur Mitfinanzierung der öffentlichen Aufgaben heranzuziehen. Eine bessere Globalisierung ist möglich.

  • Traumgewinne und Alptraumwerbung

    Der Camper auf dem Foto elektrisierte Andreas M. sofort. „So einen wollte ich immer schon“, erinnert er sich an den ersten Blick auf die Werbeanzeige für ein Gewinnspiel. Prompt meldete er sich bei der Hamburger Firma an, die den Preis ausgelobt hat. Diese Entscheidung bereut er noch heute. Denn der Veranstalter entpuppte sich als Direktmarketing-Unternehmen und mit der Teilnahme am Gewinnspiel erlaubt Andreas M. der Firma Werbeanrufe.

    Mehrmals wöchentlich klingelt nun das Telefon. Anfangs wollten die Vertreter ihm Abos aufschwatzen. „Inzwischen lege ich gleich wieder auf“, sagt er. Doch das hält die Firma vor neuerlichen Versuchen nicht ab. Ein Blick ins Kleingedruckte der Teilnahmebedingungen hätte ihm den Ärger vermutlich erspart. Denn daraus geht unter anderem auch hervor, dass kein Wohnmobil, sondern nur eine kurze Reise damit verlost werden sollte.

    Bei der Hamburger Verbraucherzentrale (VZ) ist das Unternehmen bekannt. „Die Verbraucher-Service-Gesellschaft Hamburg (VSG) lockt Verbraucherinnen und Verbraucher mit Gewinnversprechen“, erläutert VZ-Expertin Julia Rehberg. Dahinter stehe das Ziel, mit den Teilnehmenden Verkaufsgespräche zu führen. Diese bekommen sogar ein Zertifikat zur Teilnahme „an der offiziellen Gewinnaktion“, für die keine Kosten entstünden.

    Die versprochenen Gewinne wie ein IPhone, ein Zuschuss zur Rente oder Reisegutscheine können sich sehen lassen. „Die Reisegutscheine erhalten die Betreffenden tatsächlich“, beobachtet Rehberg. Doch wichtige Informationen versteckt die Firma laut VZ im Kleingedruckten. „Dazu gehört auch, dass die Teilnahme an den Gewinnspielen oft mit Produktbestellungen verknüpft ist“, berichtet die Expertin.

    Auf der Suche nach attraktiven Gewinnen werden Interessenten im Internet schnell fündig. Allein das Portal einfach-sparsam listet mehr als 100 aktuelle Gewinnspiele auf. Die Preispalette reicht von Mini-Goldbarren über Technik bis hin zum Traumhaus auf Mallorca plus 150.000 Euro. Auf anderen einschlägige Webportale finden sich etliche weitere Preisausschreiben. 

    Grundsätzlich kann jeder ein Gewinnspiel veranstalten. Dafür gebe es keine Genehmigungsvorbehalte, erläutert die Frankfurter Industrie- und Handelskammer (IHK), „diese müssen daher nicht bei den Behörden angemeldet oder genehmigt werden“. Bei Glücksspielen ist das anders. Hier müssen die Teilnehmer einen Einsatz erbringen und Gewinne werden nach dem Zufallsprinzip verteilt, etwa durch die Ziehung von Lottozahlen oder Losnummern.

    Gewinnspiele müssen dagegen weitgehend kostenlos oder nur mit einem geringen Entgelt für die Teilnahme verbunden sein. Eine wichtige Einschränkung gibt es laut IHK dabei. „Mittlerweile kann die Teilnahme an einem Gewinnspiel jedoch vom Erwerb einer Ware abhängig gemacht werden“, erläutert die IHK. Auch deshalb warnen die Hamburger Verbraucherschützer vor zu viel Gutgläubigkeit. „Werfen Sie Schreiben mit Gewinnversprechen am besten direkt in den Papierkorb“, raten sie. Für die Veranstalter rechnet sich der Aufwand. Laut IHK gewinnen sie auf diese Weise Daten potenzieller Kunden für ein späteres Direktmarketing und locken kostengünstiger Kunden an als mit herkömmlicher Werbung. 

    Ob es die versprochenen Gewinne tatsächlich gibt, steht auf einem anderen Blatt. Rechtlich ist die Sache geklärt. „Die beworbenen Preise müssen tatsächlich vergeben werden und die Teilnehmer dürfen nicht über den Gewinn und die Gewinnchancen irregeführt werden“, erklärt die IHK. Doch es gibt einen Haken, wie der Jurist Florian Jäkel-Gottmann von der Wettbewerbszentrale weiß: „Es keine ‚Kontrollinstanz’, die aktiv überwachen würde, ob ausgelobte Preise bei Gewinnspielen auch an die Gewinner ausgekehrt werden.“ Angesichts der Vielzahl an Gewinnspielen sei dies auch praktisch kaum machbar.

  • Einkaufen für mehr Wachstum

    Es geht wieder aufwärts. Die deutsche Wirtschaft hat 2025 zugelegt, nachdem sie zwei Jahre lang geschrumpft war. Die Bundesbürger gaben mehr Geld aus, der Staat ebenfalls, wie die vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen. Gelitten hat der deutsche Außenhandel. Für das laufende Jahr deutet sich weiteres Wachstum an.

    Zarte 0,2 Prozent Plus ermittelten die Statistiker beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Vergleich zu 2024. Die Inflation ist da herausgerechnet. Das BIP gibt den Wert aller Waren und Dienstleistungen wieder, die in Deutschland erstellt wurden. Im vergangenen Jahr betrug es 4,470 Billionen Euro, eine Zahl mit zwölf Nullen. Eingerechnet sind Daten bis Oktober (zum Beispiel für den Außenhandel) und November. Für Dezember haben die Statistiker geschätzt. In der Regel sind sie aber sehr genau.

    Trotz des Zuwachses: „Deutschland liegt im internationalen Vergleich im Schlussfeld“, sagt Ruth Brand, Präsidentin des Statistischen Bundesamtes. Ihre Experten erwarten, dass alle anderen großen EU-Staaten stärker zulegen werden. Die Europäische Kommission schätzt für Italien ein Plus von 0,4 Prozent, für Frankreich 0,7 Prozent, für Spanien gar 2,9 Prozent. Im Schnitt soll die Wirtschaft der EU um 1,4 Prozent wachsen.

    Aber immerhin hat Deutschland die Rezession verlassen. 2023 und 2024 war das Bruttoinlandsprodukt jeweils gesunken. Globale Krisen, geopolitische Spannungen, ein schwacher Welthandel und hohe Zinsen für Kredite belasteten die Wirtschaft damals, wie Michael Kuhn sagt. Er leitet die Abteilung Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung beim Statistischen Bundesamt. Inzwischen sind die Zinsen gesunken. Die Lage sei auch besser, weil der private Konsum angesprungen sei.

    Die Bundesbürger kauften mehr ein, vor allem im Einzelhandel. Und sie gaben mehr Geld für Gesundheit aus. Den privaten Konsum bezifferten die Statistiker mit insgesamt 2373,9 Milliarden Euro. Auch vom Staat floss mehr Geld in Gesundheit, denn die Kranken- und Pflegeversicherung zählt für die Statistik zum Staat.

    Die Unternehmen in Deutschland hielten ihr Geld aber zusammen und investierten weniger in neue Maschinen und Anlagen, in der Regel ein Zeichen, dass die Geschäfte schlecht laufen. Vor allem Autoindustrie und Maschinenbau schrumpften – beides Kernbranchen der deutschen Wirtschaft. Auch die Chemieindustrie verlor wie in den Vorjahren Geschäft. Dienstleistungen und Handel legten allerdings kräftig zu.

    Die 500 Milliarden Euro, die die Bundesregierung außerhalb des normalen Haushalts für Infrastruktur und Klimaneutralität ausgeben will, wirken sich bisher kaum aus. Die Projekte brauchen Zeit. Brücken etwa wollen geplant sein, denn müssen die Aufträge vergeben werden, der Bau dauert. Präsidentin Brand erwartet erste Impulse für das laufende Jahr. Auch die geplanten umfangreichen zusätzliche Ausgaben für Verteidigung schlagen sich bisher kaum in den Zahlen nieder. Denn neue Schiffe oder Panzer müssen bestellt und erst einmal gebaut werden.

    Schwer erwischt hat es den Zahlen zufolge das deutsche Export-Erfolgsmodell. Die Zölle der US-Regierung bremsen das Geschäft. Chinesische Firmen drängen auf den Markt, teilweise mit Produkten, die denen aus Deutschland vergleichbar sind. Insgesamt nimmt der Wettbewerb zu. Zudem belastet der Euro, der im Vergleich zu anderen Währungen mehr Wert wurde. Dadurch werden allerdings auch deutsche Produkte etwa für Amerikaner teurer. Insgesamt schrumpfte der Wert der deutschen Exporte um 0,3 Prozent auf 1811,7 Milliarden Euro.

    Dafür führte die Bundesrepublik mehr ein. Der Wert der Importe stieg um 3,6 Prozent auf 1700,8 Milliarden Euro. Daraus ergibt sich ein Außenhandelsüberschuss von 110,9 Milliarden Euro – ein historisch niedriger Wert. Andererseits hatte unter anderem der Internationale Währungsfonds immer die sehr hohen Überschüsse Deutschlands bemängelt. Die Bundesrepublik lebte sozusagen auf Kosten anderer Nationen. Das ändert sich gerade.

  • Ältere sind in der Digitalisierung angekommen

    Ältere mischen bei digitalen Angeboten inzwischen kräfti mit. „Man kann mit dem Klischee aufräumen, dass Seniorinnen und Senioren sich nicht im Internet auskennen“, sagt Ralf Wintergerst, Chef des Branchenverbands Bitkom. Einer repräsentativen Umfrage des Verbands zufolge nutzen inzwischen drei Viertel der Generation 65 plus das Internet. Selbst jeder zweite über 80-Jährige ist online. Gegenüber der ersten Umfrage vor zehn Jahren hat sich der Anteil der Nutzer fast verdoppelt.

    In der Altersgruppe der 65- bis 69-Jährigen gehört das Netz selbstverständlich zum Alttag. 98 Prozent von ihnen sind im Internet aktiv. Erst mit Mitte 70 geht die Nutzung dann deutlich zurück. Laut Wintergerst tragen mehrere Faktoren zur Verbreitung der Digitalisierung Älterer bei. Die jetzige Rentnergeneration habe etwa schon im beruflichen Alltag den Umgang mit digitalen Angebote erlernt und nutzt diese Kenntnisse später weiter. 

    Nur ändern sich die Gründe für die Internetnutzung. 91 Prozent kümmern sich im Netz um Freizeitaktivitäten, 78 Prozent halten sich damit gedanklich fit. Und auch der Kontakt zu Freunden und Familie ist ein vorherrschendes Motiv, online zu gehen. „Sie erkennen die Chancen“, sagt Wintergerst, „wünschen sich mehr und schnelleren Fortschritt“. Allerding bestehe auch der Wunsch, bei der Digitalisierung mitgenommen zu werden.

    Das ist auch eine Erkenntnis von Bundesfamilienministerin Karin Priem (CDU). Es brauche vor allem eine verständliche Begleitung und verlässliche Zugänge, insbesondere in ländlichen Regionen, sie, „Digitalisierung kann Selbständigkeit, Sicherheit und Soziale Teilhabe bis ins hohe Alter stärken“. Priem will mit Projekten wie den Digitalen Engeln, bei dem Jüngere Älteren digitale Kenntnisse vermitteln, und Weiterbildungsangebote an den Volkshochschulen und anderen Einrichtungen den Zugang zu digitalen Angeboten erleichtern. 

    Der Bedarf ist Unterstützung ist vorhanden. Fast alle Befragten wünschen sich entsprechende Angebote vom Staat. Bisher übernehmen vor allem Freund oder Familienmitglieder die Einführung in digitale Technologien. Die Offenheit dafür ist groß, auch für die Künstliche Intelligenz (KI). Immerhin 58 Prozent stehen dieser Entwicklung aufgeschlossen oder sehr aufgeschlossen gegenüber. Mehr als die Hälfte der Seniorinnen und Senioren hat entsprechende Anwendungen schon genutzt, zum Beispiel Chat GPT. Jeder zweite kann sich auch vorstellen, eine KI um Rat in Gesundheitsfragen zu fragen. Und knapp 30 Prozent würden mit eine KI sprechen, wenn sie sich einsam fühlen. 

    Ein Leben ohne Internet können sich drei von vier Älteren nicht mehr vorstellen. Es gibt aber auch eine große Gruppe, die der Digitalisierung skeptisch bis ablehnend gegenüber steht. Jeder vierte Ältere ist gar nicht online. Die Hälfte dieser Gruppe gibt an, dass sie sich mit dem Internet nicht auskennt. 40 Prozent der Skeptiker hat Sicherheitsbedenken. Nur ein kleiner Teil ist gesundheitlich nicht mehr in der Lage, sich online zu bewegen.

  • Deutsche lieben plötzlich Aktien

    Für manche Bundesbürger hat sich 2025 richtig gelohnt. Zum Beispiel für all jene, die Geld in Aktien, Fonds und ähnlichem angelegt haben. Und es werden immer mehr, wie das Deutsche Aktieninstitut ermittelt hat. Die Deutschen erkennen offenbar die Chancen der Börsen und legen die ihre Scheu ab – vor allem die Jüngeren. Die regionalen Unterschiede sind allerdings groß.

    „Die Menschen in Deutschland haben erkannt, dass für gute Langfristerträge kein Weg an der Aktie vorbeiführt“, sagte Henriette Peucker, Geschäftsführende Vorständin des Deutschen Aktieninstituts. Auch wer nur über ein geringes Einkommen verfüge investiere breit gestreut und kontinuierlich. Ein Grund: zusätzliche Altersvorsorge. Die Bundesregierung will das mit der geplanten Frühstartrente für Schüler und einem steuerlich begünstigten Altersvorsorgedepot befördern.

    Insgesamt hatten 14,1 Millionen Menschen in Deutschland Geld in Aktien, Aktienfonds oder ETF (Exchange Traded Funds) gesteckt, standardisierte, automatisierte, börsengehandelte Fonds. Ein Rekordwert und zwei Millionen Menschen mehr als 2024. Damit hat fast jeder fünfte Bundesbürger an der Börse investiert. Die bisher niedrigste Zahl an Aktionären in den vergangenen 20 Jahren (8,4 Millionen) gab es 2010 nach der Finanzkrise und 2014 nach der Euro-Krise.

    Im vergangenen Jahr war viel zu holen. Allein der Wert der Unternehmen im Deutschen Aktienindex Dax legte um satte 23 Prozent zu. Im Dax sind die 40 größten Konzerne Deutschlands nach Börsenwert verzeichnet. Der Wert großer europäischer Aktien im Index Euro Stoxx 50 kletterte um 19 Prozent, an der US-Technologiebörse Nasdaq ging es fast 20 Prozent nach oben. Mit einem ETF auf den sehr beliebten MSCI-World-Index, der viele große börsennotierte Konzerne abbildet, waren rund zehn Prozent drin. Auch langfristig gelten Investitionen an den Börsen als ertragreich.

    Die Kurse stiegen aufs Jahr gesehen trotz der teils unberechenbaren US-Politik, die mehr auf Zölle und Macht als auf Völkerrecht und Verhandlungen setzt, trotz der Krisenstimmung in Deutschland und Unsicherheit darüber, wie sich die Weltwirtschaft entwickeln wird. Da stecken auch die Risiken, denn es ist nicht garantiert, dass die Kurse an den Börsen immer steigen. Zurzeit etwa besteht die Sorge, dass zu viel Geld in Unternehmen geflossen ist, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigen, die ihre Versprechen aber nicht halten können – ein Kurseinbruch wäre die Folge.

    Die Deutschen gelten als höchst risikoscheu und legen ihr Geld gern auf Tages- oder Festgeldkonten. Viele nutzen sogar noch klassische Sparbücher. Verzinst sind sie in der Regel schlecht. Zwei Prozent Rendite sind da schon gut. Doch das Anlageverhalten wandelt sich gerade.

    Vor allem die Jüngeren in Deutschland investieren Geld an den Börsen. 4,9 Millionen 14- bis 39-Jährigen setzten 2025 auf Aktien und Fonds, 1,2 Millionen mehr als ein Jahr zuvor, wie das Aktieninstitut feststellte. „Ein Langfristtrend und eine sehr erfreuliche Entwicklung auch für die Zukunft“, sagte Gerrit Fey, Chefvolkswirt des Aktieninstituts. Die breite politische Debatte über Altersvorsorge sei einer der Gründe, ein anderer, dass Anlage inzwischen einfacher geworden ist und auch über Mobiltelefon möglich sei. Zweitgrößte Gruppe sind die, die älter als 60 sind.

    Was das Aktieninstitut auch feststellte: 5,3 Millionen Menschen kauften 2025 regelmäßig Fonds über Sparpläne, eher weniger einzelne Aktien. Solche Fonds bilden zum Beispiel die Aktien im Dax nach, so dass man nicht alle Aktien einzeln kaufen muss, um an Kursgewinnen teilzuhaben, sondern ein Papier kaufen kann.

    Regional fanden die Experten große Unterschiede. Anteilig die meisten Aktionäre leben in Bayern (25,5 Prozent), Baden-Württemberg (24,3) und Hessen (24,7) vor Hamburg und Schleswig-Holstein (20,6). Die größten Aktienmuffel sitzen demnach in Sachsen (12,7), Mecklenburg-Vorpommern (13,1) und Brandenburg (13,6). Tendenziell lässt sich offenbar sagen: Wo viel Geld verdient wird, wird auch mehr an den Börsen investiert. 47,1 Prozent derjenigen, die mehr als 4000 Euro netto monatlich erhalten, besitzen Aktien oder Fonds. Bei denen, deren Nettoeinkommen unter 2000 Euro liegt, sind es nur zwölf Prozent.

    Hinter dem Lobbyverband Aktieninstitut stehen zahlreiche börsennotierte Unternehmen, Banken, Börsen und Dienstleister. Es lässt jedes Jahr etwa 28.000 Personen in Deutschland, die älter als 13 Jahre sind, zu ihrem Anlageverhalten befragen.

  • Autonomes Fahren erobert den Nahverkehr

    Autonome Busse könnten das Mobilitätsverhalten der Deutschen bald nachhaltig verändern. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie dreier Forschungsinstitute im Auftrag von DB Regio. „Autonomes Fahren wird kommen“, sagt Vorstand Frederik Ley. Sowohl die Technologie als auch der gesetzliche Rahmen seien vorhanden. 

    Die Forscher haben drei Szenarien bis zum Jahr 2045 durchgerechnet. Einen nur geringen Nutzen brächte die Umrüstung der Linienbusse. Zwar könnte das Angebot bei sinkenden Kosten damit um fast ein Viertel steigen. Doch der Marktanteil des öffentlichen Verkehrs stiege nur von derzeit 15 Prozent auf 18 Prozent an. In einem zweiten Szenario haben die Forscher Robotaxis in den Metropolen hinzugenommen. Das würde laut Studie nur zu einem massiven Anstieg des Verkehrs in den Städten sorgen, auf dem and aber gar keine Wirkung entfalten.

    „Menschen verändern ihre Gewohnheiten nur, wenn das neue Angebot verlässlich, attraktiv und in ihr Alltagsleben passt“, erläutert Meike Jipp vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Zusammen mit dem Karlsruhe Institut für Technologie und dem Institut Prognos haben die Forscher ein drittes, ambitioniertes Szenario für 2045 entwickelt. Dabei wird zunächst der Schienenverkehr ausgebaut. Eine Million selbstfahrende Busse sollen flächendeckend für eine schnelle Anbindung der Haushalte an den Nahverkehr sorgen. Derzeit sind bundesweit nur 70.000 Busse unterwegs. 

    In diesem Szenario steigt der Marktanteil des Nahverkehrs auf 35 Prozent an, weil das eigene Auto, oder der Zweitwagen, nicht mehr benötigt werden würde. Das Angebot würde an allen Tagen rund um die Uhr bestehen und kurze Wartezeiten auf einen Bus ermöglichen. Allerdings sind die Kosten für so ein Netz enorm. Die monatlichen Ausgaben pro Nutzer beziffern die Forscher auf 275 Euro. Das wäre zwar 170 Euro weniger als ein eigenes Auto kostet. Doch unter dem Strich müssten viele Kunden deutlich mehr bezahlen.

    Dennoch sind die Verkehrsunternehmen vom Siegeszug des autonomen Fahrens überzeugt. „Jetzt geht es darum, den ÖPNV als Rückgrat sozialer Teilhabe effizienter, stärker und attraktiver für Fahrgäste zu machen“, sagt Knut Ringat, Vizechef des Verbands der Verkehrsunternehmen (VDV). Der VDV sieht darin auch ein Mittel gegen den allgegenwärtigen Fahrermangel im Nahverkehr. Schon heute fehlen 20.000 Fahrer. Viele gehen in den kommenden Jahren in den Ruhestand. 

    Bisher wird das autonome Fahren mit Shuttlebussen nur in Modellversuchen erprobt. Die Bahn unterhält etwa im Rhein-Main-Gebiet sechs selbstfahrende Fahrzeuge. Die Branche will nun die Bundesregierung überzeugen, in drei oder vier Modellregionen Großversuche zu starten. Mit zusätzlich 2.000 autonomen Fahrzeugen soll damit über einen langen Zeitraum ein flächendeckendes Angebot erstellt werden, um die Reaktion der potenziellen Kunden auf ein besseres Angebot zu erkunden.  

  • Der Hitze in Städten auf der Spur

    Zahlreiche Satelliten blicken ununterbrochen auf die Erde. Sie sammeln Informationen über Wärme, Wolken, Wald. Viel davon fließt in präzise Wetterberichte, doch deutlich mehr wäre möglich. Richtig verwendet, helfen die Daten zum Beispiel, Städte lebenswerter zu gestalten.

    Daro Krummrich arbeitet daran. Der Manager Subprogramm Earth Observation Analytics steuert beim Bremer Satellitenbauer OHB ein ganzes Team, dass zum Beispiel Hitzeinseln in Städten aufspürt, ermittelt, wie stark der Boden versiegelt ist, Baulücken entdeckt – ohne die Stadt zu betreten. Im besten Fall bekommen Politiker und Verwaltung sehr viele Daten an die Hand, um abwägen zu können, ob ein neuer Hochhausriegel sich lohnt oder das Pflaster eines Stadtplatzes entfernt werden sollte.

    Krummrich und sein Team nutzen nicht nur Fotos und Messdaten aus dem All, sondern auch zum Beispiel Luftaufnahmen von Flugzeugen. Letztere sind – oft noch – kleinteiliger, erstere deutlich aktueller. Geschickt verbunden, liefern sie Ergebnisse, die sich so am Boden nicht erheben lassen – oder nur mit enormem Aufwand. Viele Daten stammen von den Sentinel-Satelliten des europäischen Copernicus-Programms, die die Erde beobachten. Sie sind oft frei zugänglich, müssen aber umfangreich aufbereitet werden. Was möglich ist, zeigt sich am Beispiel Hitze.

    „Der Satellit Sentinel-3 liefert zweimal täglich flächendeckende Wärmebilder mit einer Auflösung von etwa einem Kilometer“, sagt Krummrich – aktuell, aber zu grob, um im Stadtmaßstab etwas sehen zu können. „Wir verknüpfen diese Bilder mit Daten aus anderen Quellen etwa zur Vegetation und zur Bebauung und erhöhen die Detailgenauigkeit durch ein Verfahren, das sich Superresolution nennt. Dadurch können wir dann auf zehn Meter genau Hitzeinseln zum Beispiel in Städten ermitteln.“

    Das Ergebnis ist präzise und womöglich für den ein oder anderen Stadtplaner überraschend. „Unsere Karten zeigen lokale Hitzeinseln, die sich von Quartier zu Quartier und von Straße zu Straße unterscheiden können“, sagt Krummrich. Für die Verantwortlichen in Städten sind das wertvolle Informationen. Denn: „Das Budget der Städte ist begrenzt. Deshalb kann es besser sein, gezielt an vielen Stellen zu entsiegeln, statt großflächig nur in einem Gebiet“, erklärt der OHB-Experte. „Wir wollen mit den Datenanalysen helfen, verantwortungsvoll zu entscheiden.“

    Weil flächendeckende Wärmebilder von verschiedenen Satellitenmissionen etwa für das vergangene Jahrzehnt vorliegen, lässt sich nachvollziehen, was Hitzeinseln beeinflusst hat. So werden auch Vorhersagen möglich. „In einer Stadt bestehen Hitzeglocken etwa durch Abgase“, sagt Krummrich. „Häuser blockieren Wind. Und die Versiegelung begünstigt höhere Temperaturen.“

    Wobei wichtig ist, ob der Boden asphaltiert, geschottert oder mit Gittersteinen belegt ist, durch die Gras wächst. Auch hier hilft der Blick von oben. „Unsere Anwendung analysiert mit künstlicher Intelligenz die Fotos“, erklärt der Experte, „erkennt Rasenrastersteine, Straßenbahnschienen, Gebäude. Das läuft vollautomatisch und auch das Ergebnis, die Versiegelungskarte, ist maschinenlesbar.“ Letzteres ist wichtig, um die Daten standardisiert noch weiter zu verarbeiten.

    „Bremen erstellt zum Beispiel gerade ein Entsiegelungspotenzialregister“, sagt der Datenspezialist. „Wir unterstützen diesen Prozess unter anderem mit Informationen über hochaufgelöste lokale Versiegelungsgrade. Dann lässt sich simulieren, was es an einzelnen Stellen bringt, Asphalt zu entfernen oder Bäume zu pflanzen.“

    Schließlich ist da noch die Frage, wo sich noch bauen lässt. „Städtische Daten sind oft nicht aktuell“, sagt Krummrich. „Unsere Anwendung liefert eine maschinenlesbare Karte. Sie zeigt, wo Baupotenziale nicht ausgenutzt sind. Das kann eine Baulücke zwischen zwei Häusern sein, Gebäude, die nur ein Stockwerk haben, oder Grundstücke, die nicht voll bebaut sind.“ Mit Personal solche Lücken aufzuspüren, sei teuer. Denn nicht immer ist von der Straßenseite aus zu sehen, wie viel Platz hinter hohen Mietshäusern ist.

    Gibt es eine solche Baupotenzial-Karte, können Politiker und Verwaltung entscheiden, ob sie lieber bestehende Gebiete in einer Stadt dichter bebauen oder am Rand neue Bauflächen erschließen wollen. Neubaugebiete brauchen Platz, Straßen, Leitungen, die es innerstädtisch bereits gibt. Aber alles zu verdichten, hat seine Tücken. So werden mehr Flächen versiegelt. Hier helfen die Informationen, die Krummrich und das Team aufarbeiten. „Mit der Kombination der Daten lässt sich vorhersagen, ob zum Beispiel neue Hitzeinseln entstehen.“

    Seit etwa fünf Jahren beschäftigen sie sich bei OHB damit, wie sich die Daten verwerten lassen. Rund 75 Personen am Stammsitz in Bremen und in Oberpfaffenhofen bei München beschäftigen sich mit verschiedenen Datenprojekten. Sie arbeiten neben Bremen unter anderem mit Essen, Nordrhein-Westfalen und Vilnius, der Hauptstadt von Litauen, zusammen. Tätig waren sie auch schon für Karlsruhe, Valencia in Spanien, das griechische Thessaloniki und Luxemburg.

    Oft sind Versiegelungsregister, Baulückenkataster, Hitzeinsel-Karte Teil einer Art Zwilling der echten Stadt, nur eben digital. Wobei die Angebote nicht auf Städte beschränkt sind. Allerdings leiden kleinere Orte oder Dörfer nicht so sehr unter Hitzeinseln. Und meist haben sie auch nicht das Geld, derart innovative Techniken zu nutzen.

  • Fast wie neu

    Bei sogenannten Refurbished Produkten kann teure Elektronik oder Kleidung zum Schnäppchen werden. Eine gewisse Vorsicht ist bei der Auswahl allerdings angebracht. Der Umwelt nutzen Gebrauchtwaren aber allemal.

    Auf dem Flohmarkt haben es potenzielle Käufer leicht. Die Ware lässt sich vor Ort anschauen und prüfen. Ein Blick auf den Verkäufer weckt entweder Vertrauen oder aber manchmal auch Skepsis. Beim Preis lässt sich womöglich so lange handeln, bis beide Seiten zufrieden sind. Doch hier geht es in der Regel um einfache Artikel, die nur wenige Euro kosten. Das finanzielle Risiko für den Käufer ist gering.

    Doch warum sollten Verbraucher nicht auch bei hochwertigen und entsprechend kostspieligen Produkten auf gebrauchte Modelle zurückgreifen. Bei Autos gibt es den Gebrauchtwagenmarkt schon immer. Auch bei Waschmaschinen oder Geschirrspülern bieten Händler eine breite Angebotspalette an bereits genutzten Geräten an. Im Vergleich zu den Neupreisen sind die Abschläge hier gewaltig. 

    Seit einiger Zeit liegen auch so genannte Refurbished Produkte im Trend. Dabei handelt es sich nicht um Waren aus zweiter Hand, die einfach nach dem Erstgebrauch den Besitzer wechseln. Vielmehr werden Smartphones, Notebooks oder auch Textilien zunächst aufgearbeitet und erst danach wieder an einen neuen Besitzer verkauft. Das kann sich ob der deutlich günstigeren Preise im Vergleich zum neuen Gerät lohnen, wie Beispiele aus den Webshops großer Hersteller zeigen. 

    Auf diesen Trend setzt auch Tchibo. „Unsere Geräte sind so konstruiert, dass zentrale Komponenten leicht zugänglich, austauschbar und langfristig verfügbar sind“, sagt Mirca Braun, die bei Tchibo die Kaffeemaschinen verantwortet. Wieder aufbereitete Kaffeevollautomaten bietet Tchibo anschließend deutlich unterhalb des Neupreises an. Auch kauft der Kaffeeröster gebrauchte Geräte in gutem Zustand an und bringt sie dann wieder in einen neuwertigen Zustand. Seit dem letzten Sommer ist das Angebot auf dem Markt und trifft nach Unternehmensangaben auf eine hohe Nachfrage.

    Deutliche Ersparnis möglich

    So bietet der Computerhersteller Lenovo ein wieder aufgearbeitetes Notebook zum Beispiel für 626,17 Euro an. Für das gleiche Modell müssten Kunden beim Neukauf 1.066,91 Euro bezahlen. Der Computerhändler Cyberport bietet ein überholtes Ipad Pro 11 für 1.399 Euro statt zum Neupreis von 2.059 Euro an und verspricht einen neuwertigen Zustand ohne Kratzer auf dem Display. 

    Der Trend hat auch einige Textilhersteller erfasst. darunter ist etwa der Tettnanger Outdoor-Ausrüster Vaude. Das schwäbische Unternehmen gilt als einer der Vorreiter bei nachhaltigen Textilien. Das hat im wahrsten Wortsinn seinen Preis, denn die Jacken, Hosen oder Schlafsäcke der Firma sind kostspielige Anschaffungen. Um die Kreislaufwirtschaft voranzubringen und zugleich auch die Produkte weniger kaufkräftigen Kunden zugänglich zu machen, bietet Vaude unter dem Titel Second Hand auch gebrauchte Outdoor-Artikel an. Dann kostet zum Beispiel die Fahrrad-Regenjacke für Damen 72 Euro statt neu 120 Euro.

    „Aktuell beziehen wir unsere Second Hand Produkte aus Retouren und Rückläufern, die sorgfältig geprüft, repariert und aufbereitet werden“, erläutert Vaude-Sprecher Benedikt Tröster. Die Schnäppchen sind anscheinend begehrt. Es sei eine Herausforderung, genug Ware in den Shop zu bekommen. Vor allem jüngere Kunden, die mit Gebrauchtwaren vertraut sind, fänden hier ein zusätzliches Angebot.

    Qualität und Garantie

    Bei Second Hand Waren handelt es sich meist nicht um wieder aufgearbeitete Produkte. Eine allgemein gültige Abgrenzung zu Refurbished Produkten gibt es nicht, wie ein Blick auf die vielfältigen Angebote im Online-Handel zeigt. Daher raten Verbraucherschützer zunächst zu einem Blick auf die Qualität der Offerten. „Man muss sehr genau hinschauen, in welchem Zustand das Produkt ist“, sagen die Experten der Verbraucherzentrale Rheinland Pfalz. Gibt es ein Foto der Ware, lassen sich darauf beispielsweise Gebrauchsspuren entdecken. 

    Vielfach unterscheiden die Anbieter von sich aus unterschiedliche Qualitäten. Vaude unterscheidet etwa zwischen „Wie neu“, was für kaum sichtbare Spuren steht, über „Sehr gut“ mit leicht sichtbaren Spuren bis hin zu „Gut“ mit deutlich sichtbaren Hinterlassenschaften des Vorbesitzes. Mit ähnlichen Kategorien beschreiben auch viele andere Anbieter den Zustand ihrer gebrauchten Waren.

    Beim Kauf gelten zumindest zum Teil die üblichen Verbraucherrechte. Dazu gehört die Gewährleistungsfrist, die bei Refurbished Produkten nur ein Jahr statt der sonst vorgesehenen zwei Jahre beträgt. Auch das Widerrufsrecht von 14 Tagen besteht. So können Käufer das Produkt erst einmal begutachten und gegebenenfalls zurückgeben. Damit dies nicht mit einer teuren Enttäuschung endet, ist vor dem Kauf ein Blick ins Kleingedruckte ratsam. Dort finden sich die Konditionen für die Rücksendung, etwa die Frage, wer für die Kosten aufkommt. Die Verbraucherzentrale empfiehlt auch, nicht in Vorkasse zu gehen. Denn wie überall im Netz lauern auch im Handel mit Gebrauchtwaren sehr wahrscheinlich hier und dort Fallen.

    Zu den beliebten generalüberholten Elektronik-Artikeln gehören Smartphones. Hier hat die Stiftung Warentest 2023 einmal genauer auf die Angebote in neun Webshops geschaut, Handys bestellt und getestet. „Die Qualität mancher Handys ließ zu wünschen übrig, andere Geräte überraschten uns positiv“, urteilten die Tester. Sie raten dazu, gekaufte Geräte zuhause erst einmal einem Test zu unterziehen und Funktionen wie den Akku, die Kamera, das Mikrofon und den Lautsprecher zu prüfen. Gibt es Mängel, können Kunden von ihrem Widerrufsrecht Gebrauch machen.

     Auch das E-Bike gibt es gebraucht

    Eine andere Branche haben sich die Marktbeobachter der Verbraucherzentralen unter die Lupe genommen. Sie checkten die Angebote und Bedingungen im Handel mit refurbished E-Bikes. Zehn Anbieter haben die Verbraucherschützer untersucht. Sie werben mit Preisnachlässen zwischen 30 und 70 Prozent. Allerdings ist oft nicht transparent, auf welchen Ausgangspreis sich diese Ersparnis bezieht. Diese potenzielle Falle können Interessenten umgehen. „Hilfreich ist der Vergleich mit modellgleichen Angeboten bei anderen Anbietern“, raten die Experten.

    Mitunter sind auch Probefahrten möglich. Ansonsten gilt das Widerrufsrecht. Käufer können das gebrauchte E-Bike erst einmal zuhause Probe fahren und zurückgeben, wenn es den Wünschen nicht entspricht. Einzelne Anbieter schränken die Probefahrten jedoch auf maximal 30 oder 50 Kilometer ein. Das sollte für einen guten Eindruck vom Zustand des Rades jedoch genügen. Für die Bezahlung der oft mehrere Tausend Euro teuren E-Bikes bieten die Shops Kreditfinanzierungen oder Ratenzahlungen an.

    Gebrauchtportale

    Es gibt eine Reihe von Webportalen, die quer durch die gesamte Produktpalette Gebrauchtwaren anbieten. Um Ärger zu vermeiden, sollten Käufer einige Tipps beachten. Dazu gehört ein Check der Rücksende- und Garantiebedingungen. Auch der Umfang des Angebots ist wichtig. Ist das Zubehör im Lieferumfang enthalten? Wurden die Angebote vom Händler selbst getestet oder generalüberholt? Die Gebrauchtportale sind keine Einbahnstraße. Sie müssen ihre Angebote ja erst einmal bekommen. So können Verbraucher über die Portale ihre nicht mehr benötigten Produkte auch verkaufen. Tipps dazu hat die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz unter der Webadresse www.verbraucherzentrale.de/wissen/digitale-welt/onlinehandel/refurbished-und-secondhand-gebrauchtes-online-kaufen-und-verkaufen-79356 zusammengestellt.

  • Pakete außer Rand und Band

    Kunden freuen sich über preiswerte Waren aus dem Ausland, der Zoll ist überfordert. Die EU geht ab 2026 gegen Billigimporte vor.

    https://taz.de/EU-Zollpaket/!6138490

  • Deutschlands höchste Thermoskanne

    Es riecht stechend metallisch, typisch, hier wird geschweißt und mit Trennschneidern gearbeitet. Irgendwo tackert gleichmäßig ein Kompressor, Druckluft zischt. An der rostroten Stahlwand verschwindet ein Rohr nach oben. Gut 70 Meter höher im Staubdunst ist gerade noch die runde Decke zu erkennen. Willkommen in der höchsten Thermoskanne Deutschlands, vermutlich Europas.

    Der rund 80 Meter hohe Turm entsteht gerade auf dem Gelände der Fernwärme Ulm (FUG), wird offiziell ein Hitzespeicher. „Wir können mit ihm unsere Anlagen besser auslasten und optimieren“, sagt FUG-Projektleiter Axel Brettschneider. Sein Unternehmen betreibt mehrere Kraftwerke, 184 Kilometer Leitungsnetz und versorgt gut 30 Prozent der Ulmer mit Fernwärme.

    Anlagenbauer Bilfinger aus Mannheim errichtet den Turm mit einer besonderen Technik. „Wir bauen von unten nach oben. Der Turm schraubt sich hoch“, sagt Projektleiter Wolfgang Niedrist. „Die Technik ist einmalig.“ Erst jetzt fällt auf, dass draußen keine Kräne stehen wie sonst bei Hochbauten. Stattdessen setzen die Bilfinger-Leute große Stahlplatten zu einem kontinuierlichen leicht angeschrägten Band zusammen, das langsam seitlich am Turm eingezogen und dann verschweißt wird.

    Die Stahlteile sind jeweils 10,4 Meter lang und 3,25 Meter hoch. Insgesamt besteht der Turm aus 188 solcher Platten, die per Lkw aus dem Bilfinger-Werk im österreichischen Wels kommen. An diesem Dezember-Tag schweißt der Roboter gerade zwischen Nummer 139 und 147. Fertig sein soll der Turm im Sommer 2026. Dann werden rund 38 Millionen Liter bis zu 110 Grad heißes Wasser in ihm gespeichert.

    Die riesige Thermoskanne hilft der FUG, sich von fossilen Brennstoffen zu trennen. Auf dem Gelände verbrennen zwei Biomasseanlagen allem Altholz, das nicht wiederverwertet werden kann. Zwei Blockheizkraftwerk laufen. Perspektivisch soll statt Gas Wasserstoff eingesetzt werden. Auch über Geothermie denkt die FUG nach. Das letzte der beiden Kohlekraftwerke hat das Unternehmen Anfang 2024 stillgelegt. Auf der ehemaligen Kohlehalde schraubt sich jetzt der Fernwärmespeicher in die Höhe.

    Vor allem die Blockheizkraftwerke liefern neben Wärme auch Strom. Brettschneider hofft, sie besser nutzen zu können, wenn der Turm fertig ist. „Wir können dann auch auf den Strommarkt reagieren“, sagt er. Das bedeutet: Strom dann produzieren, wenn der Bedarf und damit der Preis hoch ist. Sollte die Wärme gerade nicht gebraucht werden, wird sie in der Thermoskanne gespeichert. „Wir müssen dann die Kraftwerke nicht anwerfen, wenn wir Wärme brauchen und der Strompreis niedrig ist“, erklärt Brettschneider.

    Im August 2024 begann die FUG, das Fundament des Turms zu bauen, rund 40.000 Tonnen Stahl und Wasser sollen schließlich nicht im Ulmer Boden versacken. 80 Betonpfähle mit einem Durchmesser von je 90 Zentimetern sind bis zu 30 Meter tief im Boden versenkt und ruhen auf Gestein. Im März begann dann das Bilfinger-Team auf der neuen Bodenplatte.

    15 bis 20 Millionen Euro lassen sich die Ulmer den Turm nebst Anschlüssen kosten. Auch wenn er das Netz stabilisiert, und sie die Anlagen besser fahren können, „ohne staatliche Förderung rechnet sich das nicht“, sagt Brettschneider. Der Bund gibt 45 Prozent als Zuschuss. Brettschneider erwartet, dass die Anlage nach rund zehn Jahren dann wirtschaftlich ist, also Geld verdient. „Vergleichbare Anlagen laufen schon 50 Jahre“, berichtet Niedrist.

    „Sechs solcher Türme mit der Druckausgleichskammer an der Spitze haben wir bereits gebaut“, sagt der Bilfinger-Projektleiter. „Keiner ist von der Stange. Jedes Projekt wird einzeln für den jeweiligen Standort geplant.“ Zuletzt hat das Team einen Speicher in München fertig gestellt. „Der ist aber deutlich flacher.“

    Das der Ulmer so hoch ausfällt, hat mit dem Stadtteil Böfingen zu tun, der mehr als 70 Meter oberhalb des Zentrums liegt. Auch dort soll das Wasser des Speichers noch ins Fernwärmenetz fließen. Entsprechend Druck muss auf den Leitungen liegen.

    Die Schraubtechnik Bilfingers kommt bei diesem Turm an die Grenzen. „Das sind 1200 Tonnen Stahl einschließlich Spindeltreppe außen und aller Rohre“, sagt Niedrist. Die besondere Vorschubtechnik schafft nur 900 Tonnen, weshalb sie diesmal zwei Runden Stahl bereits auf dem Boden gebaut haben. „Wir beginnen mit dem Hochschrauben in etwas mehr als sieben Metern Höhe“, sagt der Projektleiter. Deshalb arbeiten Heber und Schweißgerät von einer Galerie aus, auf die eine Gerüstleiter führt.

    Im Halbdunkel ist sehr gut die helle Linie zu sehen, die den angehobenen Turm von den unten fertig montierten Teilen trennt. Oben auf der Galerie lassen sich auch die hydraulischen Heber erkennen, die im Abstand von etwa einem halben Meter hintereinander angebracht sind. „Sie heben den Turm an und schieben ihn gleichzeitig vor“, erklärt Niedrist. „Dann setzen sie wieder ab und greifen hinten neu an.“ Der Turm schraubt sich maximal zehn Zentimeter pro Schritt vor. Unten tackert wieder der Kompressor los.

    Im Januar soll der Stahlmantel fertig sein. Er ist dann halb so hoch wie das berühmte Ulmer Münster. Im März wird der Turm für letzte Tests mit Wasser gefüllt. Dann wird die riesige Thermoskanne noch mit einer 50 Zentimeter dicken Dämmschicht Mineralwolle ummantelt. Bleibt noch eine Frage: Kann der Turm platzen? Niedrist schaut etwas irritiert. „Er ist ausreichend dimensioniert, das passiert nicht.“

  • Den Kern bewahren

    Der historische Zyklus der Globalisierung geht zu Ende. Darauf deutet die Einigung von EU-Rat und- Parlament zur Entkernung der EU-Lieferketten-Richtlinie hin. Der Versuch, den ungeregelten Weltmarkt zu zivilisieren, wird damit weitgehend eingestellt.

    Es ist zwar nur ein Zwischenschritt – aber das vermutliche Ergebnis ist deutlich zu sehen. Nur noch die größten Konzerne müssen künftig auf die Menschenrechte der Beschäftigten ihrer weltweiten Zulieferer achten. Und den ausländischen Arbeiter:innen wird ein Hebel zur Durchsetzung ihrer Rechte vor europäischen Gerichten genommen, indem man die Regelung zur zivilrechtlichen Haftung hiesiger Unternehmen streicht.

    Die Einführung menschenrechtlicher Normen für global agierende Unternehmen war eine Reaktion auf die Auseinandersetzungen um die Auswirkungen der neuen Globalisierung, die in den 1980er Jahren begann. Europäische und nordamerikanische Firmen profitierten damals vom ungeregelten Weltmarkt – mit Folgen wie Suiziden von Beschäftigten in chinesischen iPhone-Fabriken und über tausend Toten beim Zusammenbruch der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch.

    Doch nun gerät der einheitliche Weltmarkt selbst unter die Räder neuer autoritärer Machtblöcke wie China, Russland und der USA von Donald Trump. Um in dieser Strömung nicht zu ertrinken, setzt Europa ebenfalls eigene, kurzfristige, ökonomische Interessen an erste Stelle und schleift seine selbstgesetzten Normen.

    Aber was kommt nach der Globalisierung? Erstmal keine „regelbasierte Weltordnung“, die viele europäische Politiker:innen gerne hätten. Trotzdem muss die EU, will sie überleben, ihren Kern bewahren: Demokratie, Rechtsstaat und die universellen Menschenrechte, die mindestens theoretisch für alle Menschen gelten. Denn die sind die Basis für höhere Lebensqualität, bessere Produkte und größeren Wohlstand, als autoritäre Regime bieten können.

  • Wohlstand aus Wasserstoff

    Bald beginnt die neue Zeit. Nach Jahrhunderten der Produktion mit Kohle soll 2026 die Stahlherstellung mit Wasserstoff starten. Das schwedische Unternehmen Stegra baut ein neues Werk in der Stadt Boden im Norden des Landes. Und der Wasserstoff dafür strömt aus Elektrolyseuren, die die Thyssenkrupp-Tochter Nucera in Dortmund liefert.

    Dies ist ein Beispiel für den epochalen Wandel in Wirtschaft und Industrie. Hiesige Firmen bieten Produkte, die künftig wohl von großer Bedeutung sind. Deutschland hat gute Chancen, mit neuen Exportschlagern auch in den kommenden Jahrzehnten zu florieren.

    Elektrolyseure zum Beispiel stellen eine Schlüssel-Technologie des zukünftigen Energiesystems dar. Einfach gesagt, zerlegen sie Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff. Als Energiequelle nutzen sie Elektrizität, die aus Wind- und Solarkraftwerken kommen kann. Ist das der Fall, wird der Wasserstoff als „grün“ bezeichnet – hergestellt, ohne dass klimaschädliches Kohlendioxid entweicht. Dient der Wasserstoff außerdem dazu, Steinkohle in der Stahlindustrie zu ersetzen, darf man in dieser Hinsicht das gewonnene Metall ebenfalls „grün“ nennen. Von der Verwendung in der Industrie abgesehen, dient Wasserstoff aber auch einfach als Speichermedium für Ökostrom.

    Im weltweiten Vergleich ist das Nucera-Projekt in Schweden schon ein relativ bedeutendes. Die Elektrolyseur-Anlage kommt auf eine Kapazität von gut 700 Megawatt (Millionen Watt) – mehr als ein großes Gaskraftwerk. Dennoch spielt die Wasserstoff-Fabrik in der saudi-arabischen Stadt Neom in einer anderen Liga. Die „weltgrößte Anlage zur Produktion grünen Wasserstoffs“, nennt sie Nucera-Manager Leif Christian Kröger. Dort installiert die Firma Elektrolyseure mit einer Kapazität von zwei Gigawatt (Milliarden Watt). „Nach den für 2026 geplanten Test- und Inbetriebnahmephasen“ soll die Anlage „darauf vorbereitet sein, 2027 die kommerzielle Produktion aufzunehmen”, sagt Kröger.

    Wobei man bei Neom vorsichtig sein muss. Das saudische Königshaus wollte sich eine Glitzer-Metropole bauen wie Dubai. Als Kernstück der komplett neuen Stadt für Millionen Einwohner am Roten Meer war eine 170 Kilometer lange Hochhaus-Scheibe („The Line“) durch die Wüste geplant. Mittlerweile scheint das Fantasie-Projekt aber von zu hohen Kosten und zu vielen technischen Problemen eingeholt zu werden. Wer weiß, ob die benachbarte Industrieansiedlung Oxagon, deren Teil die Nucera-Elektrolyseure sind, wie geplant in Betrieb geht.

    Dennoch sieht sich das Dortmunder Unternehmen auf gutem Wege. Kröger: „Gemessen am Auftragsbestand“ führe man „die Liste der weltweiten Hersteller von Wasserstoff-Elektrolyseuren an“. Und auch bei den Auslieferungen fertiger Anlagen stand die Firma nach eigenen Angaben 2024 an der Spitze – vor Chinesen und US-Amerikanern. Das gibt es nicht in sehr vielen Branchen.

    Allerdings ist Nucera vergleichsweise klein. Gut 1.000 Leute beschäftigt die Thyssenkrupp-Tochter weltweit, etwa 300 davon in Deutschland. So dürfte es noch dauern, bis solche Firmen und Branchen die heimische Ökonomie ziehen und tragen.

    Und auch die Zukunftsaussichten haben sich zuletzt eingetrübt. Es komme zu Verzögerungen und Absagen bei neuen Wasserstoffprojekten weltweit, schreibt die Internationale Energie-Agentur in ihrem Wasserstoff-Bericht für 2025. Das spüren die Dortmunder ebenfalls. „Der Weltmarkt für Wasserstoff-Elektrolyseure ist mit Unsicherheiten konfrontiert“, sagt Leif Christian Kröger, „die Zahl neuer Aufträge nimmt ab.“

    Einerseits liegt das wohl daran, dass die Technik im Vergleich zu konventionellen Methoden noch relativ teuer ist. Andererseits spielt die aktuelle Wachstumsschwäche eine Rolle. So hat der Stahlkonzern ArcelorMittal seine geplante Grün-Stahl-Fertigung in Bremen erstmal verschoben. Außerdem macht sich politischer Gegenwind bemerkbar. Weil die US-Regierung unter Donald Trump keine fossilfreie Wirtschaft will, laufen dort 2027 bestimmte Steuervergünstigungen aus, von denen Nucera profitiert hätte.

    Auch in Europa ging es schon einmal schneller voran. Hier hapert es an der Umsetzung der beschlossenen Quoten für grünen Wasserstoff in Industrie und Verkehr. Die wenigstens Mitgliedsstaaten haben das bisher in nationales Recht übertragen. Die schwarz-rote Bundesregierung scheint sich auch vom bisherigen Ausbau-Ziel zu verabschieden. Im Monitoringbericht zur Energiewende, den Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) beauftragte, heißt es: „Das Ziel von zehn Gigawatt heimischer Erzeugung bis 2030 erscheint angesichts der aktuellen Projektpipeline kaum erreichbar.“

    So verstärken sich negative Einflüsse von Wirtschaft und Politik gegenseitig. Wenn letztere die Ausbau-Ziele reduziert, bleibt der Markt für grünen Wasserstoff klein und das Produkt teuer – was wiederum das Interesse von Unternehmen an weiteren Projekten schmälert. „Politisch wäre es wichtig, der Unsicherheit zu begegnen und Signale zu senden, die die künftige Nachfrage nach grünem Wasserstoff erhöhen“, wünscht sich Nucera-Manager Kröger.

    Doch immerhin passiert etwas. Nicht nur in Schweden, auch in den Niederlanden. Im Hafen von Rotterdam baut Nucera im Auftrag von Shell einen 200-Megawatt-Elektrolyseur. Dort soll die Wasserstoff-Produktion ebenfalls 2026 beginnen.

  • „Wir werden unterm Strich wieder mehr arbeiten müssen“

    2025 ist zu Ende, der Herbst der Reformen, wie ihn die schwarz-rote Bundesregierung von Kanzler Friedrich Merz (CDU) verkündet hat, ist vorbei. So richtig gegriffen haben sie noch nicht. Aber aus Sicht von Christian Sewing, Präsident des Bundesverbands Deutscher Banken, in dem die Geschäftsbanken organisiert sind, wird es besser. „Die deutsche Wirtschaft kommt 2025 nur langsam voran, in den nächsten zwei Jahren sollte sich das Wachstum aber beschleunigen.“ Sewing, auch Chef der Deutschen Bank, mahnt weitere Reformen an.

    Wirtschaftspolitik

    Der Bankenpräsident erwartet von der Bundesregierung, mehr für die deutsche Wirtschaft zu tun. Die Regierung habe einiges auf den Weg gebracht: das Fiskalpaket, den Haushalt, den Wachstumsbooster mit verbesserten Abschreibungsbedingungen, die Anpassungen bei der Körperschaftssteuer, den Industriestrompreis – auch die Bürgergeldreform sei ein wichtiges Signal. „Aber das reicht noch nicht, um das Wachstum langfristig deutlich zu erhöhen“, sagt Sewing. Weitere Strukturreformen seien unverzichtbar.

    Die Bundesregierung müsse den eingeschlagenen Reformkurs daher entschlossen fortführen und dabei das Tempo erhöhen, empfiehlt der Bankmanager. „Jede wirtschafts- und sozialpolitische Entscheidung muss daran gemessen werden, wie sie sich auf Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit auswirkt.“

    Für den Bankenpräsidenten ist klar, was Schwarz-Rot anpacken muss: „Vorneweg brauchen wir deutlich schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren. Sonst kommen etwa wichtige Infrastruktur-Projekte nicht voran, obwohl die Mittel bereitstehen. Das würden die Menschen in unserem Land nicht verstehen.“ Er nennt zudem weniger Bürokratie, eine effizientere Verwaltung, niedrigere Energiepreise und mehr Fachkräfte sowie, dass die sozialen Sicherungssysteme so weiterentwickelt werden, „dass sie tragfähig bleiben und auch für künftige Generationen noch zu stemmen sind.“

    Wichtig: „Wir müssen uns bewusst sein, dass eine Transformation nicht ohne unangenehme Entscheidungen gelingt, das ist in einer Volkswirtschaft ähnlich wie in einem Unternehmen: Damit wir auf Dauer wettbewerbsfähig bleiben, müssen wir auch an der einen oder andere Stelle Abstriche hinnehmen – und wir werden unterm Strich wieder mehr arbeiten müssen.“

    Wirtschaftliche Lage

    2023 und 2024 schrumpfte Deutschlands Wirtschaftsleistung, 2025 dürfte sie nur minimal gewachsen sein. 2026 geht es Sewing zufolge endlich wieder aufwärts. „Wir erwarten 2026 ein Wachstum von bis zu eineinhalb Prozent“, sagt der Bankenpräsident. „Die Investitionsprogramme der Bundesregierung geben dafür einen spürbaren Impuls. Entscheidend wird sein, dass die Politik diese Programme mit Reformen verbindet, die privatwirtschaftliche Investitionen erleichtern. Dann kann die Wirtschaft mehr Schwung entwickeln.“

    Sewing und der Bankenverband gehören eher zu den Optimisten. Nur das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin ist mit einem Plus von 1,7 Prozent noch zuversichtlicher. Die EU-Kommission erwartete zuletzt 1,2 Prozent, die Wirtschaftsweisen 0,9 Prozent und die Bundesbank sogar nur 0,6 Prozent Plus. Die Bundesregierung selbst rechnete zuletzt mit 1,3 Prozent.

    Sewing beruhigt all jene, die Sorge um ihre Arbeit haben, weil auch große Unternehmen tausende Stellen streichen wollen. „Für 2026 rechnen wir im Zuge des höheren Wachstums mit einer gewissen Entspannung. Die Zahl der Arbeitslosen, die im Jahresdurchschnitt 2025 bei etwas unter drei Millionen liegen wird, dürfte unseren Ökonomen zufolge im kommenden Jahr um etwa 100.000 Personen sinken.“ Der Bankenpräsident erwartet aber, dass es erhebliche Unterschiede von Branche zu Branche gibt. Allerdings: „Ich bin sicher: Gut qualifizierte Fachkräfte bleiben sehr gefragt.“

    Geopolitik

    2025 beeinflussten die bisweilen erratische Zollpolitik und teils offene Drohungen des US-Präsidenten Donald Trump die Weltwirtschaft. Bankenpräsident Sewing sieht auch Chancen. „Natürlich belasten höhere Zölle unsere exportorientierte deutsche Wirtschaft spürbar“, sagt er. „Weil sich Handelsströme neu ordnen, wächst aber gleichzeitig das Interesse an Europa. Internationale Investoren und Unternehmen suchen nach Alternativen. Das sollten wir nutzen – und dafür sollten wir weniger auf die USA, als auf uns selbst schauen.“ Europa könne unter dem äußeren Druck stärker werden, aber nur wenn es an seiner Wettbewerbsfähigkeit arbeite, innere Hürden beseitige und eine Politik betreibe, die vor allem Investitionen und wirtschaftliche Dynamik fördere. „Dafür muss die EU geeint handeln – vor allem bei Handel, Rohstoffen, Energie und Verteidigung.“

    Zuletzt zeigte auch Chinas härtere Wirtschaftspolitik etwa bei wichtigen Seltenen Erden, wie abhängig die EU ist. Sewing setzt zum Beispiel darauf, mehr wiederzuverwerten. „Bei Rohstoffen gilt: Mehr Diversifizierung und mehr Kreislaufwirtschaft.“ Gleichzeitig solle Europa auf mehr bilaterale Handelsabkommen mit verschiedenen anderen Ländern und Regionen setzen. „Diese Schritte dauern zwar, machen uns aber langfristig weniger abhängig.“

    Zinsen

    Die Zeiten kräftig steigender Preise sind wohl zu Ende. „Die Inflation dürfte sich 2026 bei rund zwei Prozent einpendeln“, sagt der Bankenpräsident. „Kurzzeitig kann sie Anfang kommenden Jahres etwas darunter liegen.“ Eine längere Phase mit Inflationsraten unterhalb der Zwei-Prozent-Marke, die die Europäische Zentralbank als ideal ansieht, hält der Bankenpräsident derzeit für eher unwahrscheinlich – unter anderem, weil die globalen Produktions- und Lieferketten neu eingerichtet werden, was  höhere Kosten bedeutet.

    Das bedeutet: „Wir rechnen 2026 mit weitgehend unveränderten Leitzinsen“, sagt Sewing. „Die EZB hat signalisiert, dass sie das aktuelle Niveau für angemessen hält. Weitere Schritte hängen davon ab, wie sich Wachstum und Inflation entwickeln.“ Das hat auch Folgen für die Zinsen zum Beispiel auf Tagesgeldkonten, die bei den Deutschen so beliebt sind. Sie richten sich meist nach den Leitzinsen. Der wichtige Einlagenzinssatz der Zentralbank liegt derzeit bei 2,0 Prozent. „Grundsätzlich zeigt die Erfahrung, dass bei stabilen Leitzinsen der EZB auch die durchschnittlichen Guthabenzinsen in etwa stabil bleiben.“, sagt Sewing. Aber: „Die Zinsen für Termingeld- und Sparkonten sind stark vom Geschäftsmodell der einzelnen Institute abhängig.“

    Altersvorsorge

    Die Pläne der Bundesregierung, die Altersvorsorge neu aufzustellen, gehen dem Bankenpräsidenten nicht weit genug. Etwa die Frühstartrente, bei der jedem Kind ab sechs Jahren monatlich zehn Euro für Altersvorsorge geschenkt werden sollen. „Die Frühstart-Rente bleibt aufgrund der geringen Beträge nur ein kleiner Baustein“, sagt Sewing. Auch werde sie erst in mehreren Jahrzehnten wirklich wirken. „Dass das nicht reicht, sollte jedem klar sein.“ Deshalb sollte es zum Beispiel möglich sein, freiwillig einzuzahlen. Das sieht der Kabinettsentwurf für die Frühstartrente vor. das Gesetz soll 2026 kommen.

    Gleichzeitig seien weitere Maßnahmen nötig, um die Kapitaldeckung in der Altersvorsorge zu erhöhen. „Ich bin zum Beispiel ein großer Befürworter des Vorschlags der Deutschen Börse, dass der Staat für jedes Kind einen Einmalbetrag zur Verfügung stellt, der am Kapitalmarkt investiert wird“, sagt der Bankenpräsident. „Daraus würde dann durch den Anlagehorizont von mehreren Jahrzehnten ein substanzieller Baustein für die Altersvorsorge.“

  • Der Dino lebt

    Baden-Württemberg ist um ein Fossil reicher: Dort, wo Dinosaurier schon vor Urzeiten durch die Landschaft strichen, hat der Naturschutzbund Deutschland, NABU, es ausfindig gemacht. Name: Peter Hauk, Alter: 65 Jahre. Charakteristik: politische lebende Größe, CDU, Katholik, Jäger, ehrenamtlicher Organist. Seine Entdeckung wird ihm – der studierte Forstmann ist Landesminister für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz – kaum gefallen. 

    Die Kür zum „Dinosaurier des Jahres 2025“ ist nicht gut gemeint, im Gegenteil. Es ist ein Schmähpreis für die schlechteste Umweltperformance in diesem Jahr. Aber: Warum nicht Bundeskanzler Friedrich Merz? Hauk ist schon mehr als 30 Jahren im politischen Geschäft, bundesweit aber kaum bekannt. Anruf bei Nabu-Präsident Jörg-Andreas Krüger.

    Der CDU-Kanzler erklärte Mitte Dezember auf dem CSU Parteitag, er sei „nicht bereit, das Thema Umwelt- und Klimaschutz so hoch aufzuhängen, dass damit ein großer Teil unseres industriellen Kerns in der Bundesrepublik Deutschland verloren geht.“ Hauk schlägt das? Und Parteikollege Jens Spahn („Wirtschaft zuerst“) oder CSU-Mann Manfred Weber? Der führt die konservative Europäischen Volkspartei EVP und blockiert im Europaparlament Klima- und Naturschutz. „Hauk macht das auch, nur geschickter, an der Öffentlichkeit vorbei bisher“, sagt Krüger. 

    „Er hat sich als Vorsitzender der Konferenz aller deutschen Landesagrarminister an die Spitze einer Bewegung gesetzt, die das europäische Gesetz zur Wiederherstellung der Natur streichen möchten.“ Krüger weiter: „Das ist der Naturschutzteil des Greendeals, also das große neue Umweltgesetz.“ Es verpflichtet die EU-Mitgliedstaaten Wälder wieder aufzuforsten, Flüsse aus Betonkanälen zu befreien, für Wiesen und Äcker trocken gelegte Moore wieder zu vernässen. „Der Zustand der Natur soll wieder in Ordnung gebracht werden“, meint Krüger. Hauk aber hält es für eine Gefahr.

    Mit seinen Länderkollegen von CDU und CSU hat er im Juni dieses Jahres einen Brief an die EU-Kommission verfasst. Danach haben Landwirte schon genug zu tun mit den Zöllen auf Agrarprodukte, mit europaweiten Dürren, mit der Lebensmittelversorgung. Teuer werde es auch, die Regelung könne einen Finanzbedarf von 1,7 Milliarden Euro jährlich nach sich ziehen. Am Ende steht die Bitte, die Verordnung „vollständig aufzuheben“. 

    Mit dem Brief soll ein Gesetz nochmal ins Wanken kommen, das im August 2024 in Kraft getreten ist, schon damals gegen großen Widerstand. Eigentlich muss Deutschland nun einen Plan machen, klären wie welche Flächen renaturiert werden sollen. Hauk, meint Krüger, „übt sich in Arbeitsverweigerung“. Dabei sichere nur intakte Natur die „Ertragsstabilität“ der Landwirte, überhaupt der Wirtschaft, weil sie Böden säubere, Luft reinige, Wasser filtere, Kohlendioxid bunkere.

    Doch für Hauk sei, so der Umweltschützer, „Landwirtschaft wie früher allein Produktion, er will einfach immer noch mehr aus dem Boden rausholen.“ Das sei Denken aus ferner Vorzeit, politisch auch nicht klug. Denn: Gingen Wälder in die Knie, gebe es nur wenig Grün in den Städten, mache sich das unmittelbar vor Ort bemerkbar. Das sorge für noch mehr Frust in Zeiten, in denen viele Menschen den Eindruck hätten, es laufe nicht in Deutschland. Da müsse gegengesteuert werden, damit das Gefühl entstehe: „Geht doch!“, es kann sich was zum Positiven drehen.

    Krüger fordert, dem Lokalen mehr Bedeutung beizumessen und mehr von Erfolgen zu erzählen: In der renaturierten Unteren Havel in Brandenburg schwämmen wieder mehr Hechte. Privateigentümer bauten ihre Wälder längst klimafest um. Immer wieder zu sagen, alles werde schlimm, helfe nicht weiter.

    Sind Agrar- und Wirtschaftslobby, die Umweltschutz als Wirtschaftskiller geißeln, nur näher an der Politik dran, so dass sie mehr Gehör finden? „Es verfängt die Erzählung, dass die Menschen sich um ihre Jobs, ihre Mieten, ihre Renten sorgen. Das stimmt auch, ist es aber nicht allein. Die Mehrheit will immer noch eine intakte Natur“, so Krüger. 

    Mit den „Wirtschaft-first“-Sprüchen sei es jedoch möglich, „an alten Konzepten festzuhalten, also an der Expansion von landwirtschaftlichen Erträgen beispielsweise. Das ist einfacher als sich auf neue Wege einzulassen.“ Gebraucht würden allerdings Leute, die die Zukunft denken und für sie werben könnten. 

    Hauk sei es nicht – sondern ein Urgestein des Alten. Auf die Dauer werde das teurer, denn damit lasse sich das deutsche Wohlstandsmodell nicht langfristig halten. An Montag wurde Hauk der Preis verliehen, es ist eine 2,6 Kilogramm schwere aus Zinn gegossene Echse.