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  • Damit der Pralinen-Laden bleibt

    Plötzlich hängt da das Schild „Wir schließen“, die Fenster sind nicht geputzt. Der Bäcker, der so lange da war: zu. Der Bastelladen, bei dem sich schnell Kleber, Deko, auch das Schulheft kaufen ließen: weg. Das Traditionscafé: dicht. Kleine Geschäfte, wo die Besitzerin, der Inhaber hinter Theke oder Kasse stehen, verschwinden. Lässt sich das retten?

    Das Ladensterben ist nicht neu. Alles und jedes lässt sich im Internetkaufhaus bestellen und nach Hause liefern. Zudem kam erst Corona, dann stiegen die Energiepreise. Aber das ist es nicht allein.

    Esther Kempa hat seit fast 25 Jahren einen kleinen Laden, die „Chocolaterie Estrella“ in Berlin, Akazienkiez. Das Viertel ist angesagt, es bummelt sich dort gut. Zu Kempa kommen nicht nur Anwohner, sondern auch Berlin-Besucher aus der Ferne.

    Sie kaufen ihre Pralinen, die sie aus einer Bamberger Manufaktur bekommt oder selbst macht. Kundschaft hat sie, das macht ihr keine Sorgen – die Gewerbemieten und die Entwicklung in ihrer Straße schon. Mit einem neuen Mietvertrag Mitte der 2020er Jahre muss sie bereits 40 Prozent mehr zahlen. Sie meint: „Da werden Preise genommen, die können sich nur noch Handelsketten leisten.“

    Sie beobachtet, wie sich ihre Umgebung verändert. Nebenan hat ace & tate, ein niederländisches Brillen-Unternehmen eröffnet, gegenüber die Bio-Bäckereikette Zeit für Brot. Die Kaffeekette Lap ist in ihre Straße gezogen, der Burgerladen Burgermeister ebenso. Der sagt von sich: „Wir eröffnen nicht Stores. Wir skalieren ein System.“ Heißt: Sie expandieren.

    Sie alle sind die Neuen im Stadtteil. Das ist in Berlin nicht anders als in Hamburg, Düsseldorf, Freiburg, München, Potsdam: Es eröffnen Shops, Stores, Imbisse, die immer gleich aussehen.

    „Wo Immobilienbesitzer das Gefühl haben, da geht mehr, erhöhen sie ihre Ladenmieten“, sagt Ricarda Pätzold vom Deutschen Institut für Urbanistik mit Sitz in Berlin. Pätzold leitet dort den Forschungsbereich Stadtentwicklung. Vermieter überforderten damit die alt eingesessenen Ladenbesitzer. „Handelsketten aber“, sagt Pätzold „haben andere Möglichkeiten, weil sie etwa ihre Waren in größeren Mengen und damit zu günstigeren Preisen einkaufen oder auch nicht so verkaufsstarke Standorte quersubventionieren können.“

    In Summe wandelten sich ganze Viertel, bliebe „oft nicht mehr viel übrig von dem, was diejenigen, die dort wohnen, wirklich brauchen.“ Nicht nur der Fleischer, der Friseur, die Änderungsschneiderei oder die Kneipe für ein schnelles Bier, den kurzen Tratsch, verschwänden, auch kleine Theater, Kitas, Jugendtreffs. Orte fürs Alltägliche gehen verloren.

    Anders als Deutschland gingen andere Länder dieses Problem bereits an, sagt der Berliner Rechtsanwalt Moritz Heusinger, der sich bundesweit einen Namen als Experte für Gewerbemieten gemacht hat. Da läuft hierzulande aus seiner Sicht einiges schief. „Für Mieter von Läden ist Deutschland europaweit am härtesten“, sagt er, „für sie gibt es fast keinen gesetzlichen Schutz.“

    Unterschreibe ein Mieter eines Gemüseladens hierzulande eine Vertragslaufzeit von fünf Jahren, müsse er auch solange Miete zahlen. Selbst wenn das Geschäft nicht laufe, könne er den Vertrag nicht kündigen. Werde die Dauer des Mietvertrages aber nicht festgelegt, könne ein Mieter jederzeit rausfliegen, ohne Grund gekündigt werden. Das ist das eine.

    Das andere: Rentiert sich der Laden, will der Mieter auch nach Ende der fünf Jahre bleiben, kann der Vermieter laut Heusinger sagen: „Ja, Sie können bleiben, aber die Miete steigt.“ Es gebe keine Grenze. Und dann? „Bleiben oder raus“, so der Anwalt. Allenfalls die Elektronikkette Mediamarkt könne da verhandeln, die in Shoppingmalls die Besucher anzieht, sonst niemand.

    Frankreich zum Beispiel regele es so: Sage ein Mieter, er wolle seinen Gewerbemietvertrag mit den dort üblichen drei Jahren Laufzeit verlängern, könne ein Vermieter das kaum verneinen. Denn der müsse dann etwa Umzugskosten und Verdienstausfall durch den Verlust von Kunden zahlen. Die Regelung sei allerdings nicht wirklich nachahmenswert, meint Heusinger: „Häufig landen die Vertragspartner vor Gericht, das dann über die Höhe des Schadenersatzes entscheiden muss, das ist sehr aufwändig.“

    Seine Vorschläge: Deutschland führt eine Begrenzung von Mieterhöhungen ein. Oder: Es kommt ein Milieuschutz für Läden, damit alt Eingesessene nicht einfach verdrängt werden. In Dänemark zum Beispiel, sagt der Jurist, könnten Gemeinden festlegen, dass sich in einer Straße nur Handwerker ansiedeln könnten.

    Schon heute sei es in Deutschland möglich, einen Kneipen- oder Hotelstopp zu verhängen, um in einem Viertel verwurzelte Händler zu schützen. Das lasse sich erweitern. „Denkbar sind Änderungen des Gewerbemietrechts im Bürgerlichen Gesetzbuch, des Bauplanungsrechts und des Gaststättenrechts“, so Heusinger, „dann könnte man sagen, in der Straße xy soll sich nur Gewerbe im Lebensmittelbereich außer Bäckereien ansiedeln.“

    Dafür müsste der Bund die Gesetzesgrundlage schaffen. Esther Kempa würde das mehr Sicherheit geben. Sie sagt: „Stadtviertel können wir nur retten, wenn es endlich ein Gewerbemietrecht mit Rechten und Pflichten für beide Seiten gibt.“

    Allerdings hat es schon vor längere Zeit Vorstöße im Bundestag gegeben, das Gewerbemietrecht zu regulieren, von den Grünen, auch von den Linken. Heusinger selbst wurde dazu von den Abgeordneten als Sachverständiger gehört. Getan hat sich bislang nichts. Warum sollte sich das ändern? Heusinger sagt: „Der Druck hat zugenommen, immer mehr Städte verlieren ihre Läden.“

  • So lassen sich Stromkosten sparen

    In diesem Fall lässt sich schneller Geld sparen als gedacht: Knapp 300 Euro weniger können im Jahr für einen Drei-Personen-Haushalt fällig werden – durch einen Wechsel des Stromvertrags. Und der ist leicht gemacht. Das zeigen neue Analysen des Ratgeberportal Finanztip.

    Benjamin Weigl, Energieexperte dort, sagt: „Der Stromanbieterwechsel ist eine der einfachsten Möglichkeiten, laufende Kosten deutlich zu senken. Er lässt sich in zehn Minuten erledigen.“ Doch: Knapp 29 Prozent der Haushalte in Deutschland steckten in der teuren Strom-Grundversorgung, also dem örtlichen Basistarif, in den automatisch fällt, wer keinen extra Stromvertrag abgeschlossen hat. Das zeigten Daten der Bundesnetzagentur. Dabei lasse sie sich jederzeit mit einer Frist von zwei Wochen kündigen.

    Muss das wirklich sein? Das kostet doch nur Zeit und Nerven! Und: Was wenn was schief läuft? Gibt es ein Panne, ist der Strom weg und die Wohnung bleibt dunkel! Und welcher der vielen Stromanbieter ist wirklich besser? Die Angebote machen doch nur wirr im Kopf! Weigl kennt alle Bedenken, alle Gründe zu zögern – und setzt ihnen als allererstes Zahlen entgegen.

    Die Strom-Grundversorgung liege derzeit im Mittel bei 40,62 Cent pro Kilowattstunde (kWh), rechnet er vor. Die günstigsten von Finanztip empfohlenen Tarife mit einer Preisgarantie von 12 Monaten kosteten dagegen im Mittel 31,42 Cent pro kWh.

    Ein Drei-Personen-Haushalt mit 3.000 kWh Jahresverbrauch zahle damit in der Grundversorgung 1218,60 Euro pro Jahr für Strom. Zum Vergleich: Im günstigsten Tagen seien es nur 942,60 Euro. So könnten in einem Jahr bis zu 276 Euro gespart werden. Dabei sei allein der jährliche Grundpreis einberechnet. Boni für Neukunden sind es nicht. In ihnen stecke ohnehin eine Falle, warnt Weigl:

    „Mit einem Bonus wird das erste Jahr meist günstig, danach steigen die Preise aber oft deutlich.“ Wer bereit sei, jedes Jahr den Anbieter zu wechseln, könne mit diesen Bonustarifen zwar viel sparen. Aber das mache und wolle einfach nicht jeder. „Achten Sie darum nicht allein auf einen hohen Bonus, sondern immer auch auf den Grundpreis, um langfristig günstigen Storm zu beziehen.“ Es ist sein Tipp Nummer 1 für den reibungslosen Wechsel. Was sonst zu tun ist:

    Erstens: Guten Tarif suchen. – Im Internet gibt es verschiedene Vergleichsportale, um den besten Stromtarif zu finden. Weigl und seine Leute bei Finanztip haben auch einen Stromrechner entwickelt: www.finanztip.de/stromvergleich/. Das Prinzip erklärt er so: „Sie geben dort Ihre Postleitzahl ein, dann ihren letzten Jahresverbrauch. Dann können Sie sehen, was am günstigsten ist. Problematische Anbieter schließen wir dabei von vornherein aus.“ Darunter zum Beispiel jene, die etwa von Verbraucherzentralen verklagt würden mutmaßlich gegen Verbraucher- und Energierecht verstießen.

    Zweitens: Alte Stromrechnung raus kramen. – Den Jahresverbrauch finden Sie auf Ihrer letzten Strom-Jahresabrechnung. Dort finden Sie auch alle nötigen Daten für den Wechsel, sollten sie sich für einen neuen Anbieter entscheiden. „Holen Sie die Unterlagen also aus dem Schrank“, sagt Weigl.

    Drittens: Anbieter kontaktieren. – Zu einem neuen Anbieter lässt sich direkt Kontakt aufnehmen – einfach auf seine Webseite gehen. Aber die Vergleichsportale bieten immer auch Links an. Weigl und seine Leute arbeiten mit dem Portalen Check 24 und Verivox zusammen, so führen die Links beim Finanztip-Stromrechner auch dort hin. „Über die Portale lässt sich ein Wechsel direkt machen“, sagt Weigl. Und meint weiter: „Im Gegenzug erhalten diese dann Provisionen vom jeweiligen Anbieter. Und Finanztip wiederum bekommt eine Provision des jeweiligen Portals.“ Das unterstütze ihre Arbeit.

    Viertens: Vertrag schließen. – Ein neuer Vertrag sei einfach online zu machen. „Sie müssen dafür nicht viel mehr als die Kundennummer ihres aktuellen Stromanbieters, die elfstellige Marktlokationsidenfikationsnummer, kurz die MaLo-ID, alternativ die Stromzählernummer eintragen“, sagt Weigl. Immer gelte auch ein Widerrufsrecht von 14 Tagen.

    Zu guter Letzt: Zählerstand melden. – In der Regel lasse sich bei Vertragsabschluss wählen, dass der neue Stromanbieter die Kündigung des alten Stromvertrags übernehme soll. Der erledige das dann automatisch zum nächstmöglichen Zeitpunkt, so Weigl, und informiere einen dann, wann der neue Vertrag genau starte. Rund um diesen Tag solle man dann einen Stromzähler ablesen und ihn beim alten oder neuen Anbieter, alternativ auch beim örtlichen Stromnetzbetreiber melden, das gehe meist online. „Sie müssen den Zählerstand nicht exakt am Tag des Anbieterwechsels melden – sind Sie nicht zuhause, machen Sie das am besten ein paar Tage vorher.“

    Und wenn was schief geht? Weigl meint: „Ein Stromausfall droht Ihnen nicht, die Versorgung bleibt ununterbrochen. Sollte der alte Vertrag enden, sich der Wechsel unerwartet verzögern, springt das Energieunternehmen mit den meisten Stromkunden in der Region, also der Grundversorger.“

    Noch ein Tipp am Ende: Jeder neue Stromvertrag habe eine Mindestvertragslaufzeit zwischen einem und 24 Monaten, danach verlängere er sich auf unbestimmte Zeit und sei zu kündigen. „Am besten ist es“, sagt Weigl, „routinemäßig mindestens einmal im Jahr die Stromtarife zu prüfen. Das ist schnell gemacht und lohnt sich immer.“

  • Deutschland hat ein Trennungsproblem

    Kriege, Exportzölle und immer teurere Rohstoffe belasten die Wirtschaft. Wertvolle Materialien sollen darum länger genutzt und recycelt werden. Aber wie klappt das?

    https://www.das-parlament.de/wirtschaft/umwelt/deutschland-hat-ein-trennungsproblem-noch

  • Windrad zu Surfbrett

    Die Täter schmuggelten den aus Deutschland stammenden schadstoffbelasteten Müll, darunter die geschredderten Rotorblätter von Windkraftanlagen, über die Grenze nach Tschechien, und kippten ihn dort in der Ortschaft Jirikov ab. Die illegale Entsorgung flog auf. Die Spur führte zu einem bayerischer Recyclingunternehmer. Sein Fall wird derzeit vor dem Landesgericht Weiden in der Oberpfalz verhandelt.

    Die drängende Frage derzeit: Was, wenn die Windräder in die Jahre kommen? Der Ausbau der Erneuerbaren Energien hat in den 1990er Jahren begonnen. Die Flügel einer Windkraftanlage halten nach gut 20 bis 30 Jahren aber dem Wind nicht mehr zuverlässig stand, das Material ermüdet. Laut der Fachagentur Wind und Sonne sind heute von den bundesweit gut 29.200 Windenergieanlagen auf dem Festland schon ein Drittel älter als 20 Jahre. Die Anlagen auf hoher See kommen noch dazu.

    So werden zahlreiche Windräder in den nächsten Jahren ausrangiert, auch erneuert und durch größere ersetzt werden müssen. Heißt: Sie werden vom Netz getrennt, dann demontiert. Betreiber brauchen wie für den Neubau auch für den Abriss eine Genehmigung. Sie müssen die Baustelle anmelden und Regeln aus Baugesetzbuch und Kreislaufwirtschaftsgesetz beachten. Das Recycling beginnt dann oft schon vor Ort.

    Der Beton aus Turm und Fundament wird zerkleinert, geht danach zum Beispiel in den Bau von Straßen. Der Stahl aus dem Stahlbeton wird aussortiert und später als Schrott verwertet. Metalle wie Kupfer aus den Stromkabeln sind auch gefragt. Somit lassen sich laut Umweltbundesamt gut 90 Prozent der Materialien für ein Windrad gut recyceln. Anders ist das beim Rest: die abmontierten und zersägten Rotorblätter sind kompliziert, zumindest noch.

    Das Problem: Rotorblätter müssen leicht, biegsam-elastisch, aber strapazierfähig sein, weil sie Wind, Regen und UV-Strahlung ausgesetzt sind. Darum stecken in ihnen ähnlich wie in Flugzeugen technisch komplexe Materialien: in Kunstharzen eingebettete Glas- oder Kohlenstofffasern. Auch Holz, Schaum, Metalle sind in den Flügeln mit verarbeitet. Das lässt sich alles kaum wieder voneinander trennen und macht das Recycling aufwändig und teuer.

    Lassen sich die Rotorblätter also einfach vergraben? Das wäre in Deutschland illegal, ihre Deponierung ist hierzulande seit 2005 verboten. Bisher werden sie meist zerkleinert und zum Beispiel in der Zementindustrie eingesetzt – als Brennstoff, Teile auch als Sandersatz. „Das ist aber nur eine Brückentechnologie“, sagt Fabian Rechsteiner.

    Er forscht am Fraunhofer-Institut für Gießerei-, Composite- und Verarbeitungstechnik mit Sitz in Augsburg zu neuen innovativen Lösung. In Zeiten von Kriegen, politischen Spannungen, Exportzöllen sei das Recycling nicht nur aus Umweltgründen interessant, sagt er: „Recycling sichert Rohstoffe im rohstoffarmen Deutschland.“ So ein Rotorblatt sei ein „echtes Monstrum“, habe bei Anlagen auf dem Festland eine Länge von bis zu 80 Metern, auf hoher See sogar bis zu 120 und wiege zehn bis 30 Tonnen. Aus dem Material lässt sich einiges machen, schon heute.

    Im niedersächsischen Diepholz lässt sich am Bahnhof seit Mai dieses Jahres auf einer Bank aus recycelten Rotorblättern sitzen. Dahinter steckt ein Forschungsprojekt der örtlichen Privaten Hochschule für Wirtschaft und Technik, PHWT. Das Dresdener Unternehmen „Wings for Living“ hat die Bank hergestellt. Es hat sich darauf spezialisiert, Outdoor-Möbel alten Windradflügeln zu designen. Sie sind aber nicht die einzigen, die einem Rotorblatt ein zweites Leben geben.

    Das norwegische Start-Up Evi baut in Zusammenarbeit mit einer Recyclingfirma Skier aus alten Windradflügeln des Vattenfall-Konzerns. Der spanische Konzern Acciona, der nicht nur, aber auch im Erneuerbaren Energien-Geschäft ist, hat aus ausgemusterten Anlagen, Surfbretter formen lassen. Im dänischen Aalborg parken Radfahrer am Hafen in einem Unterstand aus ausgedienten Windradflügeln. Im schwedischen Lund fahren Autofahrer in ein Parkhaus mit einer aus ihnen gebauten Fassade. Und im niederländischen Rotterdam klettern und rutschen Kinder auf einem Spielplatz mit Gerüsten und Röhren, die einst Rotorblätter waren.

    Aber Standard sei das alles nicht, werde auch nicht die Lösung für alle Rotorblätter sein, erklärt Recycling-Forscher Rechsteiner. Er und seine Kollegen haben jetzt ein Verfahren entwickelt, mit dem sich die Carbon- oder Glasfasern aus ausgedienten Rotorblättern zu einem hochwertigen Vliesstoff verarbeiten lassen. Ein Patent ist angemeldet. Geht alles gut, soll das Verfahren im großen Maßstab angewendet werden. Diese technischen Textilien können dann etwa Automobil-, Luftfahrt- oder Sportindustrie nutzen.

    Gibt es eine Alternative? Rechsteiner sagt: „Würden Rotorblätter von Anfang an anders designt, also Materialien verwendet, die sich leichter recyceln ließen, würde es einfacher.“ Daran wird auch schon gearbeitet. In einem Windpark vor Helgoland drehen sich bereits seit 2023 solche neuartigen Rotorblätter. Siemens Gamesa hat sie dort erstmals installiert. Sie bestehen aus einem Kunstharz, der sich leichter wieder von den Glas- und Kohlenstofffasern lösen soll.

    Kriminelle Machenschaften verhindert das wohl trotzdem nicht. Wie das Urteil gegen den Recyclinghändler aus der Oberpfalz ausfällt – offen. Den illegal abgelagerten Müll ließen die bayerischen Behörden mittlerweile zurückholen.

  • Ein Ziel, doch wenig Plan

    In 19 Jahren sollen alle hiesigen Gebäudeheizungen ausschließlich mit klimaneutralen Brennstoffen laufen – das versprechen nun ausdrücklich auch Union und SPD. Anscheinend haben sich CDU, CSU und SPD auf den Entwurf des neuen Gebäudemodernisierungsgesetz geeinigt. Doch der Kompromiss wirft Fragen auf.

    Offenbar sieht die Einigung so aus: Viele bisher gültige Vorschriften zum Einbau neuer Heizungen werden aufgehoben. So müssen sie nicht mehr 65 Prozent erneuerbare Energie nutzen, wie es die Grünen in der früheren Ampel-Regierung durchgesetzt haben. Der verpflichtende Umstieg vor allem auf strombetriebene Wärmepumpen wird damit eliminiert. Stattdessen dürfen alle Immobilienbesitzenden weiterhin die Anlagen einbauen, die ihnen gefallen, auch klimaschädliche Öl- und Gasbrenner, die konventionelles Erdöl- und Erdgas schlucken. Diese sollen allerdings langsam ansteigende Mengen klimaneutraler Brennstoffe beimischen, 2040 beispielsweise 60 Prozent, was „Biotreppe“ genannt wird.

    Und in einem weiteren Gesetz für grünes Gas und Öl will die Regierung bis Jahresende festlegen, dass alle Gas- und Öllieferanten ab 2045 ausschließlich klimaneutrale Brennstoffe für Gebäude verkaufen. Am Ziel der Klimaneutralität für Häuser scheint die Koalition also festzuhalten. Das ist ein Zugeständnis der Union an die SPD – und die Anerkenntnis der offensichtlichen, katastrophalen Folgen des menschengemachten Klimawandels.

    Klingt klar? Nein, dieser Plan zur Umsetzung des Ziels ist erheblich schwächer als der alte. Während in der bisherigen Version des Gesetzes der klimaneutrale Umbau von Millionen Heizungen sofort beginnt, verschiebt die Union-SPD-Regierung die Realisierungsschritte weiter in die Zukunft. Unklar bleibt, ob sie dann auch wirklich kommen. Steht in zehn Jahren so viel Biogas und kohlendioxidfreies Öl zu Verfügung, wie gebraucht wird? Niemand weiß es. Und diese Unklarheit stellt letztlich auch das Ziel 2045 infrage, obwohl man es nun beschwört.

  • Unfallgefahr durch Blow-ups

    Extreme Temperaturen setzen deutschen Straßen zu: Warum platzen Fahrbahnen bei Hitze auf – und welche Lösungen werden bereits getestet?

    https://www.morgenpost.de/wirtschaft/article406769272/hitze-autobahn-a2-unfall-gefahr-blow-ups-klima-asphalt.html

  • Alles muss raus

    Das gigantische Investitionsprogramm der Bundesregierung ist nur langsam gestartet, kommt aber allmählich in Fahrt. Während 2025 ein Viertel des Geldes liegenblieb, wird 2026 wohl ein höher Anteil in Projekte fließen. Bis Ende April diesen Jahres gab der Bund rund 25 Milliarden seiner insgesamt 300 Milliarden Euro aus, steht im ersten Überprüfungsbericht an den Bundestag.

    Das Sondervemögen für Infrastruktur und Klimaneutralität haben Union und SPD vor gut einem Jahr beschlossen. Aus zusätzlichen Schulden des Bundes sind darin 500 Milliarden Euro bis 2037 enthalten. 300 Milliarden davon können diese und die kommenden Bundesregierungen im Rahmen ihrer normalen Haushalte ausgeben, 100 Milliarden gehen an den Klimafonds, einen Sondertopf des Bundes.

    Weitere 100 Milliarden Euro erhalten die Länder, die wiederum einen guten Teil an die Städte und Gemeinden weitergeben sollen. Die ganze Aktion verfolgt das Ziel, die reparaturbedürftige Infrastruktur, beispielsweise Bahntrassen, in Schuss zu bringen, oder Krankenhäuser, Schulen und Sportstätten zu sanieren.

    Parallel zum schriftlichen Monitoringbericht stehen auf der Internetseite www.bundeshaushalt.de übersichtlich geordnete Zahlen und Informationen zur Verfügung, die den Bürger:innen zeigen, was geplant, ausgegeben und realisiert ist. Wer in der Startgrafik des Dashboards auf „Mittelabflüsse 2026“ klickt, sieht etwa, dass für die Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur bislang gut vier Milliarden Euro ausgezahlt wurden. 22 Milliarden stehen dieses Jahr insgesamt zur Verfügung.

    Einen Klick weiter ist man bei den Brücken. Von gut drei Milliarden Euro sind in den ersten vier Monaten 2026 immerhin 420 Millionen Euro abgeflossen. Sie dienen zum Beispiel dazu, „85 Erhaltungsmaßnahmen für Autobahnbrücken“ zu starten. So weit, so gut. Beim „Status“ ist allerdings zu lesen „ausstehend“ – wie weit die Projekte gediehen sind, ist also nicht zu erfahren. Aber ein Brückenbau dauert auch ein paar Jahre.

    Die Ergebnisse für die einzelnen Bereiche sind sehr unterschiedlich. So ist bei den Schulen quasi noch gar nichts passiert. Das Bundesgeld für digitale Lernangebote und mehr Kitaplätze wurde bisher kaum abgerufen. Die offizielle Begründung: Die entsprechenden Programme der zuständigen Bundesländer starten erst in diesem Jahr.

    Lahm geht es auch bei der Energieinfrastruktur voran. Von 1,4 zur Verfügung stehenden Milliarden Euro für klimaneutrale Fernwärme sind dieses Jahr erst 160 Millionen abgeflossen. Begründung hier: Die Planung neuer oder besserer kommunaler Wärmenetze gehe 2026 richtig los.

    Super läuft es dagegen in den Bereichen Sport und Krankenhäuser. Für die Sanierung kommunaler Sportstätten sind 60 Prozent der Mittel schon raus, bei den „Sofort-Transformationskosten Krankenhäuser“ sogar 100 Prozent. An solchen Posten zeigen sich aber auch die Grenzen und Probleme des Monitorings, teilweise des ganzen Sondervermögens. Das gute Sport-Ergebnis liegt daran, dass die Sanierungsträger das Geld in einem Rutsch bekommen, nicht nach und nach. Und bei den Krankenhäusern handelt es sich zum Teil um Geld, das nichts mit Investitionen, sondern eher mit Löcher-Stopfen zu tun hat.

    Dennoch sagt Sebastian Dullien vom gewerkschaftlich orientierten Institut für Makroökonomie: „Das von der Bundesregierung vorgelegte Monitoring ist ein gewaltiger Schritt nach vorne in der Nachverfolgung der Wirksamkeit öffentlicher Investitionsprogramme.“ Zwischen Anspruch und Wirklichkeit „klafft noch eine deutliche Lücke“, bemängelt dagegen der grüne Haushaltspolitiker Sebastian Schäfer, „vor allem bei Energie- und Verkehrsinfrastruktur, Digitalisierung sowie Forschung und Entwicklung kommt die Umsetzung zu langsam voran.“

  • Bademeister dringend gesucht

    An diesem Freitag, 22. Mai, ist bundesweiter Tag des Schwimmmeisters. Sie kümmern sich darum, dass es in den Freibädern läuft, alle sicher schwimmen können, sich ein Gefühl von Sommer einstellt. In den Hallenbädern geben sie freilich ebenso Acht. Nur: Sie fehlen allerorten.

    Nur gut die Hälfte der Badbetreiber, genauer: 58 Prozent, hatten zum 1. Mai alle Stellen besetzt. Indes sind bei 28 Prozent noch zehn Prozent der Stellen offen, in jedem zehnten Betrieb sind sogar noch mehr als 30 Prozent der Jobs unbesetzt. Das zeigt eine Umfrage, die der Verband kommunaler Unternehmen, der VKU, unter 94 Badbetreibern in Deutschland zum Start der Freibadsaison jetzt gemacht hat.

    Damit ist der Mangel an jenen, die sich um sauberes Wasser, die Technik in den Bädern kümmern und im Notfall Menschen retten, 2026 noch größer als im Jahr zuvor schon. Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des VKU, erklärt: „Der Fachkräftemangel verfestigt sich, er kann sich durch den demografischen Wandel verschärfen.“

    Droht das Aus von Freibädern, wenn Schwimmmeister nunja: abtauchen? „Die Badbetreiber werden alles daran setzen, Schließungen und verkürzte Öffnungszeiten zu vermeiden“, meint Liebing. So mancher in der Branche setze auf Künstliche Intelligenz, die KI am Beckenrand.

    Die Becken würden dazu mit Kameras überwacht, diese leuchteten jeden Winkel aus, erfassten die Bewegungen der Badegäste. Eine KI werte die Bilder dann in Echtzeit aus. Erkenne sie eine ertrinkende Person – sie fuchtele etwa mit ihren Armen oder bewege sich gar nicht mehr – löse das einen Alarm aus. Den empfingen die Schwimmmeister auf einer Smartwatch.

    Die KI unterscheide also gewöhnliche und ungewöhnliche Bewegungen und gebe so Sicherheit. Sie lerne auch immer weiter dazu. Die Erfahrungen damit seien auch „gut“. Im fränkischen Schweinfurt beispielsweise unterstütze die KI längst die Aufsicht im Freibad.

    Laut VKU-Umfrage planen derzeit 29 Prozent der Badbetreiber den Einsatz von KI in den kommenden drei Jahren. Allerdings: Im vergangenen Jahr waren es noch mehr – 34 Prozent. Das Problem: Rechtliche Fragen, wie mit den Bildaufnahmen umzugehen ist, sind ungeklärt. Zudem sind die Systeme teuer, im Freibad besonders.

    Abgesehen davon, dass die Preise für KI-Systeme zuletzt gestiegen sind, seien dort mehr Kameras nötig als in einem Hallenbad, so Liebing. Kein Dach, keine Wände – es fehlt die Möglichkeit aus der Vogelperspektive Bilder von wenigen Kameras einzufangen. Zudem spiegelt sich das Sonnenlicht auf der Wasseroberfläche. Auch das macht es komplizierter.

    Schrecken die Systeme die Badegäste nicht ab? In Badehose oder Bikini gefilmt zu werden ist nicht jedermanns Sache. 22 Prozent aller Badbtreiber sähen solche Akzeptanzprobleme, so der VKU. Doch erfassten die Kameras nur anonymisierte Silhouetten, nicht hochaufgelöste Bilder von Personen.

    Schwimmmeister würden trotz KI nie ganz überflüssig, sagt Liebing. Sie seien es, die im Notfall zum Beispiel ins Wasser springen, Menschen retten müssten. Mit dem Tag des Schwimmmeisters soll ihre Arbeit darum auch gewürdigt werden.

  • Eichenprachtkäfer frisst sich durch

    Ein gefräßiger Schönling setzt dem Wald zu. Genauer: den Eichen, die bisher als klimastabil galten und darum als Hoffnungsträger für den Wald der Zukunft. Doch jetzt frisst sich der grün metallisch schimmernde Eichenprachtkäfer durch. Er – lateinischer Name: Agrilus biguttatus – macht auch keinen Unterschied zwischen alt und jung.

    Das zeigt die Waldzustandserhebung 2025, die CSU-Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer am Dienstag vorgelegt hat. Es ist die jährliche Bauminventur, bei der der Zustand der Baumkronen und die Absterberate bundesweit stichprobenartig eingeschätzt werden. Daran lässt sich ablesen, wie sich der Wald entwickelt. Der gilt als Verbündeter im Kampf gegen die Erderhitzung, weil er Treibhausgase speichert – aber nicht nur.

    „15 Minuten Spazierengehen im Wald reduziert das Stressempfinden, senkt den Blutdruck, die Herzfrequenz und vermindert Stresshormone im Blut“, schreibt zum Beispiel die Techniker Krankenkasse. Der Wald, der immerhin ein Drittel Deutschlands bedeckt, ist weit mehr als romantisch. Und die Eiche ist eine der „Big Four“, der vier Hauptbaumarten hierzulande.

    Doch seit Beginn der Erhebung im Jahr 1984 geht es dem symbolträchtigen Baum so schlecht wie nie. Gut jede zweite Eiche zeigt schon seit 2024 „deutliche Kronenverlichtungen“. Anders gesagt: 51 Prozent haben diese enormen Schäden. Das ist auffällig, auch weil sich der Zustand anderer Bäume nicht derart verschlechtert hat.

    Zum Beispiel die Fichte. Dürre und Hitze haben sie in den vergangenen Jahren verdorren lassen, Waldbrände, Stürme, Borkenkäfer gaben ihr den Rest. 2025 hat sie sich, wenn auch nur leicht, erholt: 38 Prozent hatten deutliche Schäden, 2024 waren es noch 39 Prozent. Die Buche sieht wieder viel grüner aus – nach 46 Prozent in 2024, sind nun 38 Prozent deutlich licht. Der Kiefer geht es indes schlechter: Statt 24 Prozent wie in 2024 haben jetzt 31 Prozent eine deutlich geschädigte Krone.

    Die Kiefer ist damit aber nicht so unter Druck wie andere Baumarten, schon gar nicht so wie die die Eiche. Dabei gilt die Eiche eigentlich als robust. Ihre Wurzeln sind tief, oft bis zum Grundwasser. Wofür also steht ihr schlechter Zustand? Für einen allgemeinen Trend.

    So sieht das Nicole Wellbrock. Sie ist Expertin für Waldökosysteme am Thünen-Institut im Brandenburgischen Eberswalde, koordiniert die Waldzustanderhebungen seit vielen Jahren und sieht anders als manche Experten „keine echte Erholung“ des Waldes. Noch immer sind vier von fünf Bäumen krank. Die Expertin sagt: „Allen Baumarten geht es schlechter als vor den Dürrejahren ab 2018.“ Daran habe auch der Regen im Juli vergangenen Jahres nichts ändern können.

    Die lang anhaltenden Perioden von Trockenheit und hohen Temperaturen der vergangenen Jahre haben alle geschwächt, längst auch die Eiche. „Da haben Eichenprachtkäfer und andere Schädlinge nun leichteres Spiel“, meint Wellbrock. Den Eichenprachtkäfer gibt es in Deutschland schon immer, den Eichen fehlen nun aber die Abwehrkräfte gegen ihn.

    Von den Fraßfeinden erhole sich die Eiche zwar auch wieder, dennoch bleibe sie wie alle anderen Bäume im Stress, sagt Wellbrock – zumal der Klimawandel zunehme, die nächsten Dürren kämen. Es gehe nun darum, die Wälder zu erhalten und umzubauen.

    Die Bundesregierung stellt mit ihrem Aktionsprogramm „Natürlicher Klimaschutz“ Geld für die Renaturierung des Waldes zur Verfügung. Am besten seien Mischwälder, sagt Wellbrock. Gefrässige Käfer, die auf einzelne Baumarten spezialisiert seien, könnten sich dann nicht einfach so durchfressen.

  • Nullwachstum – eine Weggabelung

    Es gibt Momente, die kann man auf sich wirken lassen. In der Bundespressekonferenz ereignete sich kürzlich ein solcher. Deutschland müsse „sich an Nullwachstum gewöhnen“, sagte Wirtschaftsforscher Timo Wollmershäuser. Wer will, mag das als epochalen Einschnitt verstehen.

    Wollmershäuser, liberaler Ökonom des Münchner ifo-Institut, meinte es eher als Warnung, vorgetragen anlässlich der neuen Gemeinschaftsdiagnose führender Wirtschaftsinstitute zur Lage des Landes. Motto: Alle Bürger:innen sollten sich jetzt mehr anstrengen, die Politik müsse es den Unternehmen leichter machen, Geld zu verdienen. Sonst setze sich die krisenhafte Stagnation der hiesigen Wirtschaft in den kommenden Jahre fort.

    Wie begründen die Institute ihren Befund? In ihrer Prognose bis 2030 sinkt erstens das gesamte Arbeitsvolumen in Deutschland: Unter anderem weil die 1960er Jahrgänge in Rente gehen, nimmt die Zahl der Arbeitskräfte ab; auch die Arbeitszeit pro Kopf reduziert sich. Zweitens gibt es kaum noch technischen Fortschritt, die Produktivität der Wirtschaft wächst nur marginal. Dass hat auch etwas damit zu tun, dass drittens vor allem die Unternehmen nicht genug investieren.

    Aus diesen Faktoren ergibt sich: Ende des Jahrzehnts soll das sogenannte Produktionspotenzial, das Maß für ein inflationsfreies Wachstum, bei null liegen. „Die niedrigeren Wachstumsraten der Gemeinschaftsdiagnose sind nachvollziehbar“, sagt dazu Monika Schnitzer, die Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, die die Bundesregierung beraten.

    Das ist das Gegenbild der deutschen Erfolgsgeschichte der vergangenen 80 Jahre – eine erlahmende Gesellschaft, die weniger arbeitet, keinen technischen Fortschritt hervorbringt, deren Wohlstand versiegt. Tschüss, Wirtschaftsmacht Deutschland?

    In der konservativen Sicht zum Beispiel von CDU und CSU wäre das eine Katastrophe. Aber auch die meisten Sozialdemokrat:innen, Linken und Grüne finden Wirtschaftswachstum notwendig, zumindest nützlich. Denn permanenter Zuwachs hat viele Vorteile. Ein entscheidender: Wenn die Einkommen und Vermögen jedes Jahr zunehmen, können die einflussreichsten gesellschaftlichen Gruppen ihren Anteil vergrößern, ohne dass das Mehr auf Kosten anderer geht. Die Gewinne der Unternehmen steigen, und gleichzeitig die Löhne der Beschäftigten. Wenn es rund läuft wie zwischen 2010 und 2020, verbessert sich sogar die Situation der ärmsten Schichten der Bevölkerung. Wachstum reduziert Verteilungsprobleme und stabilisiert demokratische Gesellschaften.

    Was dagegen bei Stagnation oder gar Schrumpfung passiert, sehen wir momentan. Autokonzerne wehren sich dagegen, Geld für Klimaschutz ausgeben zu müssen. Die Union findet den Sozialstaat zu teuer. Verteilungskämpfe werden bissiger.

    Auf die Diagnose „wir müssen uns an Nullwachstum gewöhnen“ lässt sich jedoch auch anders reagieren – hoffnungsfroh, angstfrei, kreativ, nachdenklich oder pragmatisch. Unterschiedliche Analysen sind möglich, verschiedene Wege denkbar.

    Ist Nullwachstum schlecht?
    Matthias Schmelzer, Historiker und Wachstumstheoretiker der Universität Flensburg, sagt: „Wollmershäusers Aussage beschreibt strukturelle Realitäten, die die Postwachstumsdebatte seit Jahrzehnten thematisiert: Eine gesättigte, ressourcenintensive Volkswirtschaft nähert sich ökologischen und demografischen Grenzen.“

    Schmelzer hält eine Diskussion am Leben, die früher mal breiter war. Im Zentrum steht die These, dass Marktwirtschaften wie die deutsche an einem krankhaften Zwang zu wachsen leiden. Das ist ein durchaus nachvollziehbarer Gedanke, wenn man die ökologischen Kosten unseres Wirtschaftsmodells betrachtet. Zwar verursachen E-Autos beim Fahren kein klimaschädliches Kohlendioxid, doch auch ihre Produktion erfordert eine zunehmende, weltweite Ausbeutung natürlicher Rohstoffe.

    Dagegen betont Schmelzer: „Nullwachstum des Produktionspotenzials bedeutet nicht automatisch schlechtere Lebensbedingungen.“ Und er plädiert für eine grundsätzlich andere Wirtschaftspolitik. Der Staat solle hunderte Milliarden Euro in „Gemeinwirtschaft, Stadtwerke, kommunale Wohnungsgesellschaften und Energie-Genossenschaften“ stecken, um „günstige Mieten, stabile Energieversorgung und gute Nahversorgung“ zu erreichen. Und wenn der in einem kleineren Teil der Gesellschaft vorhandene, überbordende Reichtum gerechter verteilt würde, könnten auch alle weniger arbeiten.

    Für manche Leute klingt das verheißungsvoll. Aber wie viele Bundesbürger:innen wären bereit, auf den gewohnten Zuwachs des materiellen Wohlstands zu verzichten? Konkret könnte das ja heißen: Ein neues Auto ist zu teuer. Vielleicht sinkt auch die Rente. Das will kaum jemand akzeptieren. Oder höchstens dann, wenn alle anderen gleichfalls Opfer bringen – eine utopische Forderung. Doch Matthias Schmelzer bleibt Optimist: Auch in einer langsamen Wirtschaft könne das Bruttoinlandsprodukt ja noch ein bisschen weiterwachsen.

    Keine Panik, bitte
    Zu einer anderen Herangehensweise rät Sebastian Dullien, der Chef des gewerkschaftlich orientierten Instituts für Makroökonomie (IMK). Er will der Null-Diagnose ihren Horror nehmen. „Für die Lebensqualität in Deutschland ist ja nicht unbedingt das gesamte Wirtschaftswachstum zentral, sondern die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf“, sagt er. „Wenn die Zahl der Menschen, die in Deutschland leben, sinkt, dann ist ein Potenzialwachstum von null nicht unbedingt dramatisch, weil trotzdem der Wohlstand pro Kopf steigt.“

    Und Dullien betont die wohltuenden Nebenwirkungen wachsenden Wohlstandes: „Historisch möchten Menschen mit steigendem Einkommen auch mehr Freizeit genießen.“ Deutschland sei eines der Länder mit den besten Lebensbedingungen weltweit. Was bleibe da noch zu wünschen? „Es ist nicht verwunderlich, dass die Leute auch weniger arbeiten wollen als jene in Ländern mit niedrigerem Wohlstand“, argumentiert Dullien.

    Das Wirtschaftsmodell ändern
    Von der Globalisierung haben deutsche Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten stark profitiert – billige Energie aus Russland, günstige Konsumgüter aus China, lukrative Exporte dank weltweit sinkender Zölle. Dieses „Wirtschaftsmodell funktioniert so nicht mehr“, sagt Florian Schuster-Johnson. Der Ökonom des sozialdemokratisch orientierten Dezernats Zukunft rät, „dass ein neues Modell weniger export- und dafür mehr konsumorientiert sein sollte“ mit Schwerpunkten zum Beispiel auf heimischer Bildung und Betreuung. Wobei ein Nachteil dieser Strategie darin liegen könnte, dass der inländische, selbst der europäische Markt kleiner ist als der Weltmarkt und weniger zu verteilende Profite abwirft.

    Und wie ließe sich das Problem mangelnden technischen Fortschritts angehen? Der Staat setze momentan oft die falschen Anreize, sagt Schuster-Johnson. Steuerregeln und Subventionen machten es für Unternehmen eher attraktiv, Kapital in Finanzanlagen im Ausland zu investieren als in Erfindungen und neue Produkte. Eine Wirtschaftspolitik, die mehr Produktivität und damit Wohlstand anstrebt, müsste das ändern.

    Mehr Arbeit, aber anders
    Um die 1.400 Stunden arbeiten die Erwerbstätigen in Deutschland durchschnittlich pro Jahr – deutlich weniger als in Frankreich, Schweden und anderen reichen Staaten. Zu wenig? Zu solch einer allgemeinen Aussage lässt Wirtschaftsweise Monika Schnitzer sich nicht hinreißen. Sie argumentiert pragmatischer und differenzierter: „Es besteht durchaus Potenzial in einer höheren Erwerbsbeteiligung und Arbeitszeit von Frauen, wofür insbesondere Betreuungsinfrastruktur und steuerliche Rahmenbedingungen entscheidend sind.“ Also mehr Kitaplätze und weniger Ehegattensplitting.

    Zudem sollten „im Steuer- und Transfersystem die Anreize zur Ausweitung der Arbeitszeit verbessert werden, insbesondere im Bereich niedriger Einkommen“, empfiehlt die Wirtschaftsprofessorin. Bewerkstelligen könnte die Bundesregierung das beispielswesie, indem die Steuersätze für kleine Verdienste reduzierte und Empfänger:innen der Grundsicherung gestattete, mehr vom eigenen Lohn zu behalten, wenn sie einen zusätzlichen Job annehmen.

    Und Schnitzer plädiert auch für „eine stärkere Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte“. Offiziell beabsichtigt die Bundesregierung das ebenfalls, wobei der CSU-Innenminister gleichzeitig hunderttausende syrischer Flüchtlinge loswerden will, von denen viele inzwischen hier arbeiten. Die vergiftete Atmosphäre und die widersprüchliche Einwanderungspolitik stehen der Realisierung von Schnitzers Rat im Wege.

  • Schöne Überraschung

    Gutscheine sind bequem und praktisch, Sie vermeiden, dass die Beschenkte enttäuscht ist, wenn sie ein Buch auspacken, dass ihr nicht gefällt oder das sie schon hat. Wäre mit einem Buchgutschein nicht passiert. Und einfach nur Bargeld zu verschenken, ist für viele auch nicht richtig. So ein Gutschein ist da schon ideal. Nur: Wie lange lässt er sich einlösen? Und lässt er sich in bar auszahlen? Die wichtigsten Antworten rund um eines der beliebtesten Geschenke der Deutschen.

    Was ist ein Gutschein?

    Geburtstage, Ostern, Weihnachten oder einfach zwischendurch, die Deutschen verschenken gerne Gutscheine. Was genau darunter zu verstehen ist, ist gesetzlich nicht geregelt. Aber gemeinhin hat, wer einen Gutschein von Geschäft A bekommt, das Recht, sich eine Ware oder Dienstleistung bei A auszusuchen, die dem Wert auf dem Gutschein entspricht.

    Was sind Geschenkgutscheine, was Umtauschgutscheine?

    Der Geschenkgutschein ist der Klassiker. Die Oma kauft zum Beispiel beim Buchhändler einen Gutschein über 30 Euro, den die Enkelin zum Geburtstag bekommt. Etwas anderes ist ein Umtauschgutschein. Ein Händler ist nicht verpflichtet, Ware ohne Mängel zurückzunehmen. Wenn dem Kunden aber dennoch Zweifel kommen oder ihm die Ware nicht gefällt, sind viele Händler kulant. Vielfach zahlen sie aber nicht den Kaufbetrag zurück, sondern geben dem Kunden einen Gutschein im Wert des Kaufbetrags, mit dem sich dann anderes kaufen lässt.

    Wie lange gilt ein Gutschein?

    Meist ist auf einem Gutschein eine Frist notiert: „Einzulösen bis…“ zum Beispiel oder „Zwei Jahre ab Kaufdatum gültig.“ Ist nichts anderes vermerkt, verjährt ein Gutschein in Deutschland nach drei Jahren. Diese Frist beginne immer erst am Schluss des Jahres, in dem der Gutschein erworben worden sei, heißt es bei den Verbraucherzentralen. Hat jemand zum Beispiel einen unbefristeten Büchergutschein am 21. April 2026 gekauft und drei Tage später verschenkt, lässt er sich bis 31. Dezember 2029 einlösen. Danach ist der Händler weder verpflichtet, den Gutschein anzunehmen, noch muss er den Wert des Gutscheins in Geld auszahlen. Sonderregeln gelten zum Beispiel für Theater. Wer einen Gutschein für eine bestimmte Aufführung hat, kann ihn nur solange einlösen, wie das Stück gespielt wird.

    Mir sagt nicht zu, was ich für den Gutschein bekommen kann und hätte lieber das Geld. Kann ich ihn mir auszahlen lassen?

    Nicht jedem schmeckt indisches Essen, nicht jede freut sich über Bücher – wer entsprechende Gutscheine bekommt, ist vielleicht mehr am Geldwert interessiert. Doch ein Händler oder Gastronom ist nicht verpflichtet, ihn bar auszuzahlen. Oft ist das in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen auch genau geregelt, steht vielleicht sogar kleingedruckt auf dem Gutschein. Dennoch kann es nicht schaden, beim Restaurant oder dem Buchhändler nachzufragen. Viele Betriebe gehen kulant mit den Kunden um.

    Der Gutschein ist für ein bestimmtes Produkt ausgestellt, dass der entsprechende Händler nicht mehr verkauft. Und jetzt?

    Hat ein Elektronikmarkt zum Beispiel einen Gutschein für einen Markenartikel, zum Beispiel Smartphone-Kopfhörer mit Rauschunterdrückung, verkauft, und das Produkt jetzt nicht mehr im Programm, kann die Kundin den Gegenwert des Gutscheins in bar verlangen.

    Wie wichtig ist der Name, der auf dem Gutschein steht?

    Natürlich sieht es viel schöner und persönlicher aus, wenn der Geschenkgutschein den Namen der oder des Beschenkten trägt. Für das Einlösen ist es aber egal. In der Regel sei ein Gutschein übertragbar, so dass er auch von einer anderen Person eingelöst werden könne, erklären die Verbraucherzentralen. Denn dem Geschäft sei gleichgültig, welche Person den Gutschein einlöst. Das heißt: Der Gutschein kann weiterverschenkt werden, zum Beispiel auch, wenn einem nicht gefällt, was der Gutschein verspricht. Nicht übertragbar ist der Gutschein, wenn die Leistung genau auf die Person zugeschnitten ist, für die der Gutschein gekauft wurde. Oder wenn bestimmte Voraussetzungen nötig sind, die nicht jeder erfüllt, genug Fitness für eine Ballonfahrt oder eine Bergwanderung zum Beispiel.

    Ich wollte einen Gutschein einlösen, der Händler verlangte mit Verweis auf gestiegene Kosten eine Zuzahlung. Darf er das?

    Hier ist entscheidend, was auf dem Gutschein steht. Ist eine bestimmte Leistung erwähnt, zum Beispiel „Herrenhaarschnitt“, ist es unerheblich, ob die Preise seit Ausstellen des Gutscheins gestiegen sind. Vereinbart ist eine Leistung, kein Wert. Anders sieht es aus, wenn der Gutschein des Friseurs über 30 Euro ausgestellt ist, der Kunde jetzt einen Herrenschnitt damit bezahlen möchte und dieser inzwischen 40 Euro kostet. Dann muss der Kunde zehn Euro dazulegen. Ähnlich sieht es aus, wenn auf dem Gutschein „Herrenhaarschnitt für 30 Euro“ notiert ist. Auch hier muss zugezahlt werden.

    Das Geschäft, das den Gutschein ausgestellt hat, ist insolvent. Was geschieht jetzt?

    Ist ein Händler insolvent, lässt sich der Gutschein nicht mehr einlösen. „Wer einen solchen Gutschein besitzt, hat eine Forderung gegen den Anbieter, der nun pleite ist“, heißt es bei den Verbraucherzentralen. Diese könne man beim Insolvenzverwalter anmelden, der sie sammelt. Er verwertet das Unternehmen. Aus dem eingenommenen Geld werden die Forderungen bedient – allerdings in der Regel nur zu einem Bruchteil des ursprünglichen Wertes – meistens unter fünf Prozent.

    Ich habe einen Gutschein aus Frankreich. Gelten die gleichen Regeln wie in Deutschland?

    Gutscheine sind nicht einheitlich in der EU geregelt. Jedes Land hat eigene Vorgaben. So legen Anbieter in Belgien, Frankreich, Luxemburg, Polen und Tschechien eigene Fristen fest. In Österreich können Gutscheine bis zu 30 Jahre gültig sein, wie die Europäische Verbraucherzentrum Deutschland berichtet. Kürzere Fristen lassen sich aber vereinbaren. In den Niederlanden kann ein Gutschein demnach ohne Ausstellungs- und Ablaufdatum sogar unbegrenzt eingelöst werden. Geschenkkarten mit Ausstellungsdatum sind maximal fünf Jahre gültig. In Dänemark gilt wie in Deutschland eine dreijährige Frist, falls kein früheres Datum für den Verfall eines Gutscheins klar und deutlich angegeben wird.

    Ich möchte einen Gutschein verschenken. Worauf sollte ich achten?

    Wer sichergehen möchte, dass der Gutschein vor allem Freude bereitet und nicht Frust, sollte beim Kauf schon auf die Einlösefrist achten und sie konkret vermerken lassen. Die Verbraucherzentralen empfehlen zudem nachzufragen, ob der Gutschein auch in Teilen eingelöst werden kann. Nicht jeder möchte gleich Bücher im Wert von 50 Euro mitnehmen, sondern zum Beispiel erst ein Buch aussuchen und später ein weiteres. Wem die rechtlichen Fragen zu spitzfindig und die Kulanz der Händler und Gastronomen zu unsicher ist, kann das alles umgehen. Die Verbraucherzentralen empfehlen: Verschenken Sie einfach einen selbst gemachten Gutschein.

  • Künftig gibt es Last-Minute-Tickets im Fernverkehr

    Wenn es schon mit der Pünktlichkeit nicht klappt, sollen bessere Angebote und sauberer Züge die Stimmung der Bahnkunden verbessern. So wird auch das Auslandsangebot weiter ausgebaut.

    Die Deutsche Bahn bietet im Fernverkehr künftig auch Last-Minute-Tickets an. Samstags und Sonntags können die Fahrten in Zügen der jeweils kommenden Woche gebucht werden.„Mit diesem komplett neuen Angebot für die Züge des Fernverkehrs bieten wir Sicherheit und bezahlbare Mobilität“, sagte Fernverkehrsvorstand Michael Peterson im Gespräch mit der Funke-Mediengruppe, „wir möchten mit dieser Aktion auch neue Kundengruppen ansprechen“. 

    Die Tickets werden zu Preisen ab 6,99 Euro angeboten. Obendrauf kommt gegebenenfalls der Bahncard-Rabatt. Kinder fahren kostenlos mit. „Ab dem 9. Mai können unsere Kunden erstmals Last-Minute-Preise buchen“, kündigt der Vorstand an. Das Angebot gilt zunächst für ein halbes Jahr mit der Option auf Verlängerung.

    Wie andere Sparpreise seien auch die Last-Minute-Preise kontingentierte Angebote. Damit werde sichergestellt, dass das Angebot nur auf Zügen buchbar ist, die auch noch freie Sitzplätze haben. Die Wahrscheinlichkeit, ein Schnäppchen zu ergattern, ist Peterson zufolge daher abseits der Hauptreisezeiten besonders hoch. Mit diesem Angebot komme die Bahn auch einem bestehenden Wunsch der Reisenden nach. Allen, die länger im Voraus planen können, rät das Unternehmen weiterhin zur frühen Buchung ihrer Tickets.

    Ausgebaut wird auch das Angebot auf der Buchungsplattform Navigator. Bis zum Jahresende werden Tickets für Fahrten in und zwischen weiteren Ländern direkt buchbar. Reisend können dann zum Beispiel Fahrten zwischen Spanien und Portugal am heimischen PC kaufen. Laut Peterson werden dann praktisch alle großen Länder in Europa an den einheitlichen Buchungsstandard angeschlossen. In den jeweiligen Angeboten sollen auch länderspezifische Sparpreise oder Abos für Buchungen aus Deutschland abrufbar sein.

    Das Interesse an grenzüberschreitenden Verbindungen ist bei den Fahrgästen vorhanden. Die alte Maxime, dass die Bahn dem Flugverkehr nur bei Fahrzeiten von unter vier Stunden Kunden abjagen kann, stimmt nicht mehr. Die Bereitschaft, lange im Zug zu sitzen, sei deutlich nach oben gegangen, sagt Peterson. Das zeigt sich beispielsweise auf den Haften zwischen Berlin und Paris. Die Auslastung der täglich verkehrenden Linie ist so hoch, dass die Bahn mit der französischen SNCF über einen zweiten Zug am Tag spricht. 

    Bis es von Deutschland aus nach London geht, werden wohl noch ein paar Jahre vergehen. Schwierig ist der Direktverkehr mit der Insel auch, weil Großbritannien kein EU-Land mehr ist. Das bedeutet, die Einreisekontrollen müssen am Startbahnhof stattfinden. Es wird ein eigener Terminal dafür benötigt. Bisher standen als mögliche Startstädte Frankfurt und Köln zur Diskussion. Peterson hält Köln für den geeigneteren Startpunkt. Am dortigen Gleis 1 sei für den Umbau für eine Grenzabfertigung räumlich und mit dem Gleis auch praktisch gut geeignet.

    Fest steht schon eine andere Auslandsverbindung. So nimmt die Bahn zusammen mit der italienischen Trenitalia 2027 die Linienverkehr zwischen München und Mailand auf. Später soll es nach Rom und noch später bis nach Neapel weitergehen. Auch in Richtung Skandinavien soll es Verbindungen geben. Von einem europäischen Schienennetz für den grenzüberschreitenden Verkehr ist der Kontinent Peterson zufolge noch weit entfernt. Nach wie vor gebe es unterschiedliche technische Voraussetzungen in den einzelnen Ländern. So gebe es etwa verschiedene Spurweiten oder Länderversionen des eigentlich einheitlichen europäischen Zugsteuerungssystem ETCS. 

    Im Inland verbessert sich das Angebot mit der Eröffnung der generalsanierten Strecke zwischen Hamburg und Berlin sowie der weiteren Auslieferung der neuen Züge ICE L. Der neue Zug wie dann zwischen Berlin und Westerland sowie ab Juli 2027 dem Ruhrgebiet und Oberstdorf verkehren.

    Drei Monate nach Einführung eines Sonderprogramms für mehr Sauberkeit in den Zügen zieht die Bahn eine positive Bilanz. „Das Sofortprogramm wirkt“, sagte Fernverkehrsvorstand Michael Peterson im Gespräch mit der Funke-Mediengruppe, „ unsere Fahrgäste sehen und spüren die positiven Entwicklungen bei Sauberkeit und Service an Bord“. Das hätten Befragungen bestätigt.

    Allein in diesem Jahr 2026 investiert die Bahn hierfür 20 Millionen zusätzlich. Seit Januar wurde das Reinigungspersonal deutlich aufgestockt. Laut Person reinigen auf vielgenutzten Verbindungen nun 220 Beschäftigte die Züge während der Fahrt. Das sind doppelt so viele wie zuvor. In den ersten drei Monaten seien 680.000 Toiletten gereinigt und rund 170.000 Müllsäcke gefüllt worden. An ausgewählten Knotenbahnhöfen wie München stünden außerdem Sonderreinigungstrupps bereit, die bei Bedarf zum Einsatz kommen.

    Auch die Teppiche in den ICE-Zügen werden häufiger behandelt. Haben die Reiniger bisher wöchentlich Teppiche in der Größenordnung von vier Fußballfeldern intensiv gesäubert, seien dies nun umgerechnet sechs, erläutert Peterson. Zu dem Sofortprogramm gehört auch der Einsatz von mobilen Technikern, die für einen stabilen Betrieb der Kaffeemaschinen im Bordbistro sorgen sollen. Allein in den ersten drei Monaten haben sie 100 Geräte austauschen müssen. Ein fehlendes Kaffeeangebot gehört zu den oft genannten Ärgernissen in den Zügen.

  • Funktioniert, aber nicht ewig

    Mal positiv betrachtet: Die Regierung bringt ihre erste größere Sozialreform auf den Weg. Immerhin 16 Milliarden Euro Einsparungen bei den Krankenkassen sollen dafür sorgen, dass die Kassenbeiträge der Privathaushalte und Unternehmen nicht steigen. Und die Koalition aus Union und SPD hat sich auf die Eckwerte des Bundeshaushalts 2027 geeinigt. Dafür werden einige Steuern wohl milde erhöht oder eingeführt – auf Tabak, Alkohol und Zucker in Getränken. Das mag man individuell für ärgerlich halten, gesellschaftlich betrachtet ist es richtig, weil diese Steuern dazu beitragen können, Krankheitskosten einzudämmen.

    Was gab es vorher nicht alles für Hiobsbotschaften: Die Koalition sei ihrem Ende nahe, die riesige Lücke im Haushalt kaum zu schließen. Schnee von gestern. Sicherlich: Nach dem Loch ist vor dem Loch. Der Bundeshaushalt 2028 wird auch kein leichter sein. Aber die Chancen stehen nicht schlecht, dass sich das zurechtruckelt.

    Die Regierung stemmt sich gegen die Weltlage. Wenn die deutsche Wirtschaft überhaupt wächst, dann auch wegen der hohen Verschuldung. Rund 200 Milliarden Euro, die die Regierung eigentlich nicht hat, besorgt sie sich über Kredite, um sie in den Wirtschaftskreislauf zu stecken. Die damit zu finanzierenden, gigantischen Investitionen in die Bahn, Brücken und Krankenhäuser sind nötig. Das Gleiche gilt für die Überweisungen an die Ukraine, die im Osten die Freiheit der europäischen Demokratien verteidigt.

    Diese Politik wirkt, aber man kann sie nur eine begrenzte Zeit durchhalten, vielleicht zehn Jahre. Die Zinsen schmerzen jetzt schon. Sie kosten nächstes Jahr 42 Milliarden Euro, jeder fünfte geliehene Euro ist gleich wieder futsch. 2030 wird es wohl schon jeder dritte sein. Dann werden die Staatsschulden so zugenommen haben, dass sich die Regierenden etwas anderes einfallen lassen müssen.

  • Kredite, Krieg und Zucker

    Spätestens im Bundeshaushalt 2027 muss sich abbilden, was die Koalition aus Union und SPD zuwege bringen will und kann. Tatsächlich zeigen sich Ansätze der geplanten Reformen nun in den Eckpunkten für den Etat, der die Hälfte dieser Regierungsperiode markieren wird. Der am Dienstag veröffentlichte Finanzrahmen enthält zum Beispiel eine Vorsorge für zusätzliche Ausgaben zugunsten der gesetzlichen Krankenkassen.

    Die Eckpunkte für den Haushalt 2027 und die Finanzplanung bis 2030 soll das Kabinett an diesem Mittwoch beschließen – zusammen mit einem Gesetzentwurf zur Krankenkassen-Reform. Dabei geht es auch darum, ob die Regierung den Kassen bestimmte Kosten abnimmt. Solche Maßnahmen würden verhindern, dass die Sozialbeiträge der Beschäftigten und Unternehmen weiter steigen.

    Auch an die grundsätzlich vereinbarte Steuerreform ab 2027 müssen die Fachleute im Haus von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) denken. Die Koalition will vor allem die Steuern für kleine und mittlere Einkommen senken. Wenn es so läuft, wie Klingbeil wünscht, würde diese Reform unter dem Strich nichts kosten. Denn die SPD-Seite möchte die Steuersenkung durch höhere Abgaben auf große Verdienste finanzieren.

    Ob es so kommt, bleibt jedoch abzuwarten. Die Union strebt eine Reform an, von der auch reiche Privathaushalte profitierten. Wobei CDU und CSU in jüngster Zeit eine gewisse Bereitschaft erkennen lassen, wenigstens die Steuersätze für große Verdienste anzuheben. Gleichzeitig fordern Unionspolitiker wie Fraktionsvize Mathias Middelberg, die Steuersenkung auch durch Einsparungen etwa bei Klimaschutzprogrammen zu ermöglichen. Von den akutellen Eckpunkten bis zum Kabinettsbeschluss über den Haushalt im kommenden Juli und den folgenden Verhandlungen im Bundestag muss die Koalition noch einige Probleme aus dem Weg räumen.

    Im Vergleich zur ursprünglichen Planung sollen die Ausgaben im Etat 2027 deutlich ansteigen. Stehen dieses Jahr 525 Milliarden Euro zur Verfügung, könnten es nächstes Jahr 543 Milliarden Euro sein. Das ist aber nur der sogenannte Kernhaushalt. Außerdem gibt der Bund viel Geld mit Extratöpfen aus, dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität, dem Sondervermögen Bundeswehr und dem Klima- und Transformationsfonds. Ingesamt summieren sich die Ausgaben der Regierung 2027 auf über 650 Milliarden Euro.

    Ungefähr 200 Milliarden Euro davon erwirtschaftet der Bund nicht selbst, etwa durch Steuereinnahmen. Die 200 Milliarden Euro sind zusätzliche Schulden, finanziert durch den Verkauf von Staatsanleihen. So liegt die Neuverschuldung bei einem Drittel der Gesamtausgaben. Früher war sie meist viel geringer, betrug auch mal Null. Möglich wird die hohe Kreditaufnahme, weil die Koalition einen großen Teil der Militärausgaben und das Sondervermögen Infrastruktur von der Schuldenbremse im Grundgesetz ausgenommen hat.

    Die Regierungsparteien „haben mit zu optimistischen Wachstumsannahmen geplant und wollen den Haushalt nun mit noch mehr Schulden ohne Wachstumsrendite zusammenhalten“, sagte der grüne Finanzpolitiker Sebastian Schäfer, „das rächt sich: Das Wachstum bleibt schwach, die Verschuldung steigt weiter, und der Bundeshaushalt steht massiv unter Druck.“

    So ist ein Grund für die höheren Ausgaben bei der Bundeswehr zu suchen. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) wird 2027 rund 130 Milliarden zur Verfügung haben, etwa 20 Prozent aller Ausgaben. Begründung: Deutschland und Europa müssen sich gegen tatsächliche und erwartete Aggressionen durch Russland wehren können. Und bis 2030 sollen die Aufwendungen fürs Militär 180 Milliarden Euro pro Jahr erreichen.

    Auch die Ausgaben für Investitionen sind erheblich und viel höher als früher. Im Kernhaushalt sollen nächstes Jahr knapp 50 Milliarden Euro vorhanden sein, zusätzlich eine ähnliche Summe aus dem Sondervermögen Infrastruktur. Damit fördert die Regierung etwa die Sanierung von Bahnstrecken und Brücken. Hinzu kommen 23 Investitionsmilliarden aus dem Klimafonds.

    Die vor Monaten noch große Finanzlücke zwischen zu hohen Ausgaben und niedrigeren Steuereinnahmen hat das Finanzministerium inzwischen weggerechnet. Einen Dienst erweisen dabei die Regierungsbeschlüsse vom zweiten Aprilwochenende in der Villa Borsig. Diese finden nun Eingang in die Haushaltsplanung in Gestalt sogenannter „Globalpositionen“ – Milliardensummen und Maßnahmen, die noch zu konkretisieren sind.

    Eine Rolle spielt auf jeden Fall, dass die Zuschüsse des Haushaltes zur Pflege- und Rentenversicherung sinken sollen. Um das zu ermöglichen, müssen dort die Ausgaben zurückgehen – wie genau, bleibt abzuwarten. Der Klimafonds wird wohl ebenfalls ein paar Federn lassen. Und neue Abgaben für Hersteller auf Plastik und Zucker in Getränken könnten zusätzliche Einnahmen erbringen.

  • „Das wahre Problem sind die ineffizienten Strukturen“

    Im deutschen Gesundheitssystem klafft ein Finanzloch. Bis Ende April will Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) ein Reformgesetz im Kabinett vorlegen, das 20 Milliarden Euro bringen soll. Für Versicherte wird es wohl teurer, die Pharmahersteller sollen weniger Geld bekommen. Daniel Steiners, Chef von Roche Pharma und stellvertretender Präsident des Pharmaverbands VFA, hält wenig davon – die Branche gehört zu den wichtigsten in Deutschland.

    Die Gesetzlichen Krankenkassen sollen künftig weniger ausgeben, Medikamente günstiger werden. Bleiben künftig die Regale in den Apotheken leer?

    Diese Gefahr ist längst real. Schon heute sehen wir, dass jedes dritte Medikament, das in den USA zugelassen ist, in Deutschland nicht verfügbar ist. Das hat direkt mit politischen Entscheidungen zu tun. Denn was viele nicht wissen: Die Preisbildung für Medikamente unterliegt in Deutschland seit mehr als 15 Jahren einem stark regulierten Prozess. Das ist grundsätzlich sinnvoll. Problematisch wird es, wenn nach der Preisfestlegung zusätzlich pauschale Zwangsrabatte und willkürliche Abschläge erhoben werden, um die Krankenkassen querzufinanzieren. Wenn ein Land die Preise drückt, dann hat das auch oft Auswirkungen auf andere Länder. Medikamentenpreise sind international miteinander verbunden.

    Was bedeutet das?

    Die Folge ist, dass der wirtschaftliche Druck auf Hersteller immer größer wird. In dieser Situation müssen sich viele Unternehmen zwangsläufig die Frage stellen, ob die Einführung innovativer Medikamente in Deutschland wirtschaftlich noch vertretbar ist. Die grundsätzliche Frage an die Politik lautet deshalb: Will sie Innovationen angemessen honorieren und gute Bedingungen für medizinische Forschung und Produktion schaffen? Oder verliert Deutschland den Anschluss und wird immer mehr zum Vertriebsstandort für ältere Medikamente?

    Was fehlt Ihnen bei den Plänen der Gesundheitsministerin?

    Es fehlt ein ganzheitlicher Blick. Aktuell betrachtet das Gesundheitsministerium innovative Arzneimittel allein als Negativposten im Haushaltsbuch der Kassen. Dabei machen sie nur sieben Prozent der Gesamtausgaben aus. 93 Prozent des Problems liegen woanders. Gleichzeitig stützt unsere Branche das Gesundheitssystem schon heute durch verschiedene Rabatte mit fast 30 Milliarden Euro pro Jahr. Mit dem Gesetzentwurf der Gesundheitsministerin kommen jetzt sogar neue Abschläge auf unsere Industrie zu, die jederzeit dynamisch an die Kassenlage angepasst werden können.

    Vermutlich greift die Ministerin auch deshalb zu, weil die Branche zuletzt trotz der Rabatte recht gut in Deutschland verdient hat. Ist das so überraschend?

    Als forschende Branche können und müssen wir grundsätzlich mit vielen Risiken umgehen. Was wir jedoch nicht verkraften, sind unberechenbare politische Eingriffe. Mich stört, dass die Politik nicht konsequent die echten Hebel für Einsparungen adressiert. Stattdessen soll ein ganzer Wirtschaftszweig, der forscht, produziert, Arbeitsplätze schafft, exportiert und die sozialen Sicherungssysteme stärkt, über Gebühr belastet werden. Dabei wollen wir als Industrie in Deutschland anpacken und nicht einpacken.

    Was bedeuten die Pläne der Ministerin für den Pharmastandort Deutschland?

    Wenn die Pläne so umgesetzt werden, käme das einer Deindustrialisierung auf Raten gleich. Vor wenigen Monaten haben wir im Kanzleramt noch diskutiert, wie unsere Branche als Leitindustrie dazu beitragen kann, die Wirtschaft aus der Dauerkrise zu führen. Dafür brauchen wir keine Subventionen, sondern vor allem Planungssicherheit. Anstatt die zugesagten Weichen für einen international wettbewerbsfähigen Standort zu stellen, diskutieren wir nun neue Belastungen. Politische Ankündigungen und Taten dürfen sich in Deutschland nicht weiter entkoppeln. Wenn jetzt keine industriepolitische Gesamtstrategie folgt, wird Deutschland auch diesen Industriezweig an andere Länder verlieren – so wie wir bereits wichtige Industrien verloren haben.

    Auch die USA, der größte Pharmamarkt der Welt und einer der teuersten aus Sicht der Verbraucher, will die Preise begrenzen.

    Der entscheidende Unterschied: Während die USA über Preise diskutieren, bauen sie gleichzeitig ihre führende Stellung im Rennen um Innovationen aus. Fakt ist: Mit einem Anteil von rund 50 Prozent ist der US-Markt der globale Motor für die Finanzierung medizinischer Forschung. Deutschland kommt hingegen auf einen Marktanteil von lediglich vier Prozent. Wir profitieren seit Jahren davon, dass die Erforschung der Medizin von morgen primär über den US-Markt finanziert wird. Ein willkürlicher Preisdruck in Deutschland kann dazu führen, dass nicht mehr nur jedes dritte, sondern vielleicht bald schon jedes zweite innovative Medikament Patienten nicht mehr erreicht.

    Warum sind neue Medikamente etwa gegen Krebs oder Alzheimer überhaupt so teuer?

    Die Pharmaforschung ist kapitalintensiv und risikoreich. Milliarden werden investiert, lange bevor klar ist, ob am Ende überhaupt ein Medikament entsteht. Ist unsere Forschung erfolgreich, haben wir nur ein enges Zeitfenster von wenigen Jahren, in denen das Medikament patentgeschützt ist und einen neuen Forschungszyklus finanzieren kann. Danach geht das Medikament quasi in das Welterbe der Pharmazie über. Alle kostengünstigen Generika waren einmal innovative, patentgeschützte Medikamente.

    Wo könnte die Ministerin besser sparen?

    Innovationen sind nicht das Problem der Krankenkassen. Sie sind Teil der Lösung. Wenn moderne Tests, digitale Systeme und innovative Medikamente konsequent eingesetzt würden, ließen sich bei den Krankenkassen Effizienzpotenziale von über 20 Milliarden Euro pro Jahr heben. Das wahre Problem sind die ineffizienten Strukturen, in denen Fortschritt jeden Tag versickert und Geld verpufft.

  • Aufholjagd im All

    Elon Musk ist oft einfach schneller. Bereits seit 2020 liefert der reichste Mann der Welt mit Starlink Internet aus dem All auf die Erde. Jetzt bekommt er Konkurrenz vom drittreichsten: Jeff Bezos. Dessen Projekt Amazon Leo hängt etwas, doch die Aufholjagd hat begonnen. Entscheidend dabei sind Europäer, was sich an diesem Dienstag wieder zeigt.

    Am Vormittag deutscher Zeit soll eine Ariane-Rakete vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana abheben. An Bord sind 32 Leo-Satelliten des Onlinehändlers und Technologiekonzerns Amazon. Leo steht für die Umlaufbahn Low Earth Orbit, in der die Satelliten arbeiten sollen. Wenn alles klappt, schließt Bezos (282 Milliarden Dollar Vermögen) im All ein bisschen auf zu Musk (647 Milliarden Dollar) auf.

    Bezos plant einen Schwarm von zunächst 3236 Satelliten. Gut ein Fünftel davon sollen mit einer Ariane ins All. Insgesamt 18 Starts hat Amazon bestellt, der erste war im Februar. Es ist der größte kommerzielle Auftrag für die französische ArianeGroup, die die Rakete baut. Weite Teile kommen aus Deutschland, vor allem die wichtige Oberstufe, die in Bremen gebaut wird. Sie liefert die Ladung an die richtige Stelle, nachdem Hauptstufe und Booster die Rakete von der Erde weggebracht haben.

    Pierre Godart sitzt in einem Konferenzraum der Fabrik nahe des Bremer Flughafen. Der Deutschland-Chef von ArianeGroup berichtet begeistert von der Präzision der Ariane 6, davon dass rund 600 Firmen aus 13 europäischen Ländern Teile liefern, dass sie nach sechs Starts seit dem Jungfernflug 2024 gerade die Produktion in großem Tempo hochfahren. Wegen der hohen Nachfrage nach Raketen weltweit. „Da wollen wir dabei sein.“

    Es ist auch eine wirtschaftliche Frage. Bisher fliegen Ariane-Raketen vor allem für staatliche Auftraggeber – die europäische Raumfahrtagentur Esa, Verteidigungsministerien. Große Aufträge aus der Privatwirtschaft gab es bisher nicht. Auch war die Ariane 5, Vorgängerin der Ariane 6, im Vergleich zur Konkurrenz zu teuer konnte nur wenige Male im Jahr starten, weil der Bau so aufwändig war. Bei der neuen Rakete sind die Kosten deutlich geringer. Und je mehr Starts verkauft werden, desto mehr rechnen sich die hohen Investitionen von rund vier Milliarden Euro.

    Godart steht jetzt in der hellen Halle zwischen einem fertigen Sauerstofftank, der einer silbrigen Linse mit 5,4 Metern Durchmesser ähnelt und dem ähnlich großen, aber etwas höheren Wasserstofftank. Der Deutschland-Chef der ArianeGroup trägt weiße Überschuhe, hellblauen Kittel und Haarnetz wie alle hier im Reinraum. Winzige Partikel können die Oberstufe später unbrauchbar machen. Die Luft in der Halle mit ihren fast 20 Metern Höhe ist kühl und trocken.

    „Wir haben die Produktion hier komplett neu gebaut“, sagt Godart. Die Oberstufe wird in einer Art Fließbandfertigung hergestellt, wobei das Tempo deutlich langsamer ist als zum Beispiel in der Autoindustrie. Neun bis zehn Oberstufen pro Jahr – Tanks, Triebwerk, Steuereinheiten, zusammengebaut insgesamt jeweils 7,5 Tonnen schwer – soll das Bremer Werk ausliefern, wie Godart sagt. Vielleicht auch elf.

    Amazon dürfte noch größeren Bedarf nach Raketenstarts haben. Insgesamt sollen in einer zweiten Stufe bis zu 7774 Satelliten in 590 bis 630 Kilometern Höhe um die Erde fliegen. Musks Starlink betreibt derzeit mehr als 10.000 Satelliten und will weitere rund 9000 ins All schießen, was dem eigenen Raketenunternehmen SpaceX zusätzlich Aufträge garantiert. Musk startet nur mit Musk. Und die wiederverwertbare Falcon 9 ist deutlich günstiger als die Einmalrakete Ariane 6.

    Dafür lässt sich das Triebwerk der Ariane-Oberstufe mehrfach zünden. Die Satelliten können an mehreren Stellen ausgesetzt werden, müssen selbst nicht mehr so weit fliegen, was Sprit spart. Ein entscheidender Vorteil, der manch Kunden überzeuge, mehr für den Start zu bezahlen, findet ArianeGroup-Manager Godart. Die Satelliten müssen sich im All immer wieder neu ausrichten. Je mehr Sprit sie haben, desto länger halten sie.

    Zum Preis schweigen sich ArianeGroup und Amazon aus. Die Amerikaner dürften allerdings Mengenrabatt bekommen haben. Einzelstarts kosten nach Branchenschätzungen 90 bis 120 Millionen Euro. Insgesamt will der US-Konzern rund zehn Milliarden Dollar in Leo investieren. Martijn van Delden, so etwas wie Amazon Leos europäischer Verkaufschef, berichtet, das Programm sichere jährlich mehr als 3270 Arbeitsplätze in Europa, vor allem in Frankreich und Deutschland.

    Wie Musk mit Starlink setzt auch Bezos mit Amazon Leo darauf, möglichst viel aus einer Hand zu machen. So baut das Unternehmen die Satelliten in einer eigenen US-Fabrik. Sie haben etwa das Format eines großen Kühlschranks, dazu kommen noch Sonnenpaneele für die Stromversorgung. Amazon betreibt auch eigene Bodenstationen und baut die Antennen für Endkunden selbst.

    Wann man Internet über Amazon buchen kann, steht noch nicht fest. Van Delden spricht von 2026. Abgedeckt werden soll zunächst alles zwischen dem 56. Grad nördlicher und südlicher Breite, was Angebote für Mitteleuropa und große Teile Nordamerikas und Asiens möglich macht. Später soll Leo die Welt erfassen. Erste Tests laufen bereits mit ausgewählten Kunden. Anders als Musk verfügt Bezos mit Amazon über eine enorme Vertriebskraft, wird den Rückstand zu Starlink so möglicherweise aufholen können.

  • Die bessere Blumenerde

    Ran an die Balkonkästen, rauf aufs Beet – los geht es, Zeit, dass die Welt bunt aufblüht. Viele zieht es jetzt raus zum Gärtnern und vorher rein in die Bau- uns Supermärkte, um die nötige Blumenerde zu kaufen. Dort stapeln sich die Säcke mit Erdmischungen. Nur: Enthalten sie Torf, gibt es ein großes Klimaproblem. Denn Torf kommt aus Mooren – und die sind für den Kampf gegen die Erderhitzung entscheidend. Was tun?

    Moore bedecken auf der Welt nur drei Prozent der Landfläche, speichern dem Bundesamt für Naturschutz zufolge aber doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder der Erde zusammen. Über Jahrzehnte sind sie trockengelegt worden, um Straßen und Häuser zu bauen, Felder, Wiesen und Weiden anzulegen. Für den Abbau von Torf werden sie weiter zerstört. Damit entscheidet sich auch im Blumentopf, ob die Welt den Klimawandel in den Griff bekommt.

    Moorwissenschaftler wie Matthias Krebs von der Universität Greifwald arbeiten längst an Lösungen. „Torf ist fürs Gärtnern das beste Ausgangsmaterial, das es derzeit in benötigter Menge und Qualität gibt“, sagt er. Torf habe viele Poren, kann so Wasser und Luft speichern. Er enthalte so gut wie keine Nährstoffe, keine Schadstoffe, keine Krankheitserreger. Das mache Torf zur „zuverlässigen Substrat-Grundlage vor allem für die Gärtnereien oder Gemüseerzeuger, die termingenau ihre Früchte und Topfpflanzen produzieren und millionenfach an Supermärkte liefern müssen“. Das Substrat kann ganz nach Bedarf der Pflanze gedüngt oder gekalkt werden – perfekt für die hochindustrialisierten Gewächshäuser.

    Torf besteht aus Torfmoosen. Die oberen Teile wachsen auf einem Moor stetig in die Höhe, drücken die unteren mit ihrem Gewicht nach unten, dort sterben sie im Moorwasser ab und werden unter Sauerstoffabschluss nicht vollständig zersetzt. Das braucht alles viel Zeit, eine 1-Meter-Torfschicht etwa 1000 Jahre. „Unsere Idee: Wir bauen Torfmoos an“, sagt Krebs.

    Geht es nach ihm, liegt die Zukunft auf einem Feld nördlich von Oldenburg, nicht weit entfernt von der Nordseeküste. Dort, im Hankhauser Moor, pflanzen er und seine Mitstreitenden nun Torfmoose an, lateinisch Sphagnum, und damit so etwas wie die oberste Schicht eines Moores. „Jetzt im April werden die Moose wieder richtig schön grün, im Winter sind sie so ein wenig blass“, sagt Krebs.

    Die Torfmooskultur wächst dort, wo vor rund 15 Jahren noch eine Weide war, hier schwarz-bunte Kühe liefen, dort Rinder. Das Vieh konnte grasen, weil unzählige Gräben und Rohre durch das einstige Hochmoor gezogen worden waren, die das Wasser weg leiteten. Nun ist das Wasser im Hankhauser Moor zurück, es wird jetzt über die Gräben wieder reingepumpt.

    Zusammen mit dem örtlichen Torfwerk Moorkultur Ramsloh bearbeiten die Wissenschaftler mittlerweile 20 Hektar: Sie testeten welche Moos-Art sich besonders eignet, welche Maschinen mit dem nassen Boden zurechtkommen, wie der Ertrag erhöht werden kann. Derzeit tüfteln sie noch an der besten Erntetechnik, auch an der Produktion des Saatgutes.

    Krebs: „Im Schnitt können wir alle fünf Jahre ernten.“ Die Moose können genauso verarbeitet werden wie Torf und so die klimafreundliche Alternative im Pflanzentopf sein. Theoretisch. Praktisch werden sie derzeit etwa für die Orchideenzucht schon eingesetzt. Noch ist diese Paludikultur – lateinisch abgeleitet vom palus für Sumpf – aber teurer als Torf. Und der Bedarf enorm.

    „Deutschland ist neben den Niederlanden weltweit der größte Hersteller und Endverbraucher von Torf-Substraten“, erklärt Krebs. Torf wird in der Bundesrepublik nur noch auf wenigen Flächen Niedersachsens abgebaut, die letzten Genehmigungen dafür liefen auch aus, neue gebe es nicht. Trotzdem werden bis zu 9 Millionen Kubikmeter Torf in Deutschland jedes Jahr verarbeitet – geliefert vor allem aus dem Baltikum und Skandinavien.

    „Fingen wir mit dem Ersatz von 3 Millionen Kubikmetern Torf an, müssten bis zu 35.000 Hektar Torfmoos auf bisherigem Hochmoorgrünland gepflanzt werden“, sagt Krebs. Allein: Für die Wiesen und Weiden erhielten Bauern EU-Agrarsubventionen, aber nicht für die klimafreundlichen Paludikulturen. Das mache den Moorschutz wenig „attraktiv“, meint Krebs: „Die Politik muss Bauern Anreize geben und dies ändern.“ Zeit wird es.

    Deutschland hatte vor vier Jahren eine Torfminderungsstrategie beschlossen: Seit diesem Jahr soll auf Torf im Hobby-Gartenbau verzichtet werden. Dennoch liegen in Bau-, Supermärkten und Gartencentern immer noch Erden mit Torf. Verbraucher können trotzdem vorangehen: Meist gibt es auch Erden ohne. Das zeigt zum Beispiel der „BUND-Einkaufsführer für torffreie Erden 2026“. Darin eine Liste mit mehr als 350 Produkten von 27 Herstellern und 16 große Gartencenter und Baumärkte mit den jeweils dort verfügbaren torffreien Produkten.

    In denen steckt nicht Torfmoos. Das habe „großes Potenzial“, sagt Krebs, gebe es bisher aber nur in kleinen Mengen, etwa direkt beim Moorwerk Ramsloh. In den Säcken sei Torf ersetzt durch Holzfasern oder Kompost, die sich für das Gartenbeet oder den Balkonkasten auch gut eigneten, nur etwas öfter und in kleineren Mengen gewässert werden müssten.

    Kasten: Torffrei gärtnern
    Der Umweltverband BUND rät: „Achten Sie beim Kauf auf die Kennzeichnung „torffrei“ oder „ohne Torf“. „Bio“ kann auch auf torfhaltigen Erden stehen.“ Den Einkaufsführer finden Sie unter:
    https://www.bund.net/service/publikationen/detail/publication/bund-einkaufsfuehrer-fuer-torffreie-erden/
    Auch das Bundeslandwirtschaftsministerium hat unter https://www.torffrei.info/ Tipps zusammengestellt.

  • Gefährliche Borsten aus Deutschland

    Auf den ersten Blick sieht alles richtig aus, Aufsätze für elektrische Zahnbürsten eben. Normalerweise sind sie recht teuer, in diesem Fall scheint es ein Schnäppchen zu sein. Doch was auf Amazon als Topangebot für Philips-Sonicare-Geräte angezeigt wird, ist gefälscht. Kunden bekommen Bürsten aus minderwertigem Material, die vielleicht bürsten, aber mit den Ultraschallgeräten von Philips nicht harmonieren und eventuell sogar schädlich sind. Der Verkäufer muss sich jetzt vor Gericht verantworten – in Frankfurt.

    Anzeige erstattet haben Amazon und Philips. Den Täter entdeckte Amazons konzerneigene Ermittlergruppe CCU (Counterfeit Crimes Unit), die Produktfälschern auf der Spur ist und hier mit Philips zusammenarbeitete. „Dieser Fall sendet eine klare Nachricht: Wenn Sie versuchen, Fälschungen in unserem Onlinegeschäft zu verkaufen, finden wir Sie, stoppen Sie und verfolgen Sie rechtlich in jeder Form, einschließlich Schadenersatz und Strafverfolgung“, kommentiert CCU-Chef Kebharu Smith.

    Zahnbürsten sind offenbar sehr attraktiv für Fälscher. Philips-Manager Gerrit Janßen berichtet von mehr als 4500 Fällen in Westeuropa allein 2025. Der jetzt angeklagte Täter, der, wie zu hören ist, in Deutschland wohnt, ist nur einer von ihnen. Gefälscht wird fast alles, was schnellen Gewinn verspricht, ob das nun teure Zahnbürstenköpfe sind oder Druckerkartuschen, Luxushandtaschen oder Designkerzenhalter aus den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts. Und die Täter kommen nicht immer aus China, wie der Philips-Fall zeigt. auch wenn dort schnell und in großen Stückzahlen täuschend echte Produkte hergestellt werden können.

    Besonders stolz ist Amazons CCU deshalb auf die engen Kontakte mit den Ermittlungsbehörden in China. Allein für 2025 berichten die Amerikaner über mehr als 70 erfolgreiche Razzien gegen Hersteller, Lieferanten und Händler gefälschter Produkte. Zahlreiche Täter seien zu Geld- und Gefängnisstrafen verurteilt worden. Insgesamt entdeckte Amazon dem neuen Trustworthy Shopping Experience Report (TSE, etwa Vertrauensvoll-Einkaufen-Bericht) weltweit mehr als 15 Millionen gefälschte Produkte und zog sie aus dem Verkehr.

    Über die Seiten des größten Online-Händlers der Welt werden mehrere hundert Millionen Produkte angeboten. Genaue Zahlen gibt Amazon nicht heraus. Der Konzern verkauft einiges selbst, bietet aber seinen Onlineladen und seine Logistikzentren auch anderen Händlern an, die gegen Gebühren die Reichweite nutzen können. Und dabei sind einige, die das schnelle Geld mit gefälschten Produkten machen wollen und hoffen, nicht entdeckt zu werden.

    Inzwischen nutzt Amazon Künstliche Intelligenz und kann deshalb mögliche Verstöße vorhersagen, bevor neue Marken oder Produkte überhaupt bei Amazon erscheinen, wie es in einem Blog des Unternehmens heißt. Dafür scannt die Software Social Media und andere Händler und analysiert die Informationen. Denn Täter sind oft schneller mit den Fälschungen am Markt, als offizielle Anbieter ihre Produkte herausbringen.

    So gelang es im vergangenen Jahr, ein gefälschtes Angebot zu sperren, acht Tage bevor der wahre Markeninhaber des neuen Produkts Amazon mitteilte, das er die Rechte hält. Das Produkt war vorher bei Social Media viral gegangen. Mit einer ähnlichen KI-Technologie spüren die Amerikaner gefährliche und gefälschte Internetseiten auf, um sie dann automatisiert aus dem Verkehr ziehen zu lassen. Allein 2024 investierte Amazon mehr als eine Milliarde Dollar unter anderem in solche Technologie und den Ausbau der CCU.

    Die Einheit startete 2020. Smith hat sie aufgebaut. Er arbeitete gut 20 Jahre im US-Justizministerium, beschäftigte sich mit Computerkriminalität und geistigem Eigentum. Im Team sind ehemalige Staatsanwälte, Geheimdienstmitarbeiter und Polizeibeamte sowie Ermittler und Datenanalysten. Die Einheit arbeitet mit mehr als 50 staatlichen Behörden wie Europol, der US Homeland Security und der US-Bundespolizei FBI zusammen. Und auch deutschen Ermittlungsbehörden.

    Inzwischen hat die CCU mehr als 32.000 Täter in 14 Ländern der Welt vor Gericht gebracht. Mehr als 290 sitzen inzwischen im Gefängnis – im Schnitt für 29 Monate. Diese durchschnittliche Haftlänge zeige die ernsten Konsequenzen für die Täter, wenn sie erwischt würden, heißt es im TSE-Bericht von Amazon.

    Manchmal dauert es. Bereits 2022 verklagten Amazon und der japanische Druckerhersteller Brother 18 Personen beim Landgericht Berlin. Sie hatten Original- Druckerpatronen gekauft, mit minderwertiger Tinte befüllt, mit gefälschten Hologrammen versehen, um das Original nachzuahmen, und verkauft. 2024 gab es ein großangelegte Razzia gegen die Täter. Im vergangenen Jahr verurteilte das Landgericht Berlin die Bande wegen Produktfälschung und zu 500.000 Euro Schadenersatz.