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  • Funktioniert, aber nicht ewig

    Mal positiv betrachtet: Die Regierung bringt ihre erste größere Sozialreform auf den Weg. Immerhin 16 Milliarden Euro Einsparungen bei den Krankenkassen sollen dafür sorgen, dass die Kassenbeiträge der Privathaushalte und Unternehmen nicht steigen. Und die Koalition aus Union und SPD hat sich auf die Eckwerte des Bundeshaushalts 2027 geeinigt. Dafür werden einige Steuern wohl milde erhöht oder eingeführt – auf Tabak, Alkohol und Zucker in Getränken. Das mag man individuell für ärgerlich halten, gesellschaftlich betrachtet ist es richtig, weil diese Steuern dazu beitragen können, Krankheitskosten einzudämmen.

    Was gab es vorher nicht alles für Hiobsbotschaften: Die Koalition sei ihrem Ende nahe, die riesige Lücke im Haushalt kaum zu schließen. Schnee von gestern. Sicherlich: Nach dem Loch ist vor dem Loch. Der Bundeshaushalt 2028 wird auch kein leichter sein. Aber die Chancen stehen nicht schlecht, dass sich das zurechtruckelt.

    Die Regierung stemmt sich gegen die Weltlage. Wenn die deutsche Wirtschaft überhaupt wächst, dann auch wegen der hohen Verschuldung. Rund 200 Milliarden Euro, die die Regierung eigentlich nicht hat, besorgt sie sich über Kredite, um sie in den Wirtschaftskreislauf zu stecken. Die damit zu finanzierenden, gigantischen Investitionen in die Bahn, Brücken und Krankenhäuser sind nötig. Das Gleiche gilt für die Überweisungen an die Ukraine, die im Osten die Freiheit der europäischen Demokratien verteidigt.

    Diese Politik wirkt, aber man kann sie nur eine begrenzte Zeit durchhalten, vielleicht zehn Jahre. Die Zinsen schmerzen jetzt schon. Sie kosten nächstes Jahr 42 Milliarden Euro, jeder fünfte geliehene Euro ist gleich wieder futsch. 2030 wird es wohl schon jeder dritte sein. Dann werden die Staatsschulden so zugenommen haben, dass sich die Regierenden etwas anderes einfallen lassen müssen.

  • Kredite, Krieg und Zucker

    Spätestens im Bundeshaushalt 2027 muss sich abbilden, was die Koalition aus Union und SPD zuwege bringen will und kann. Tatsächlich zeigen sich Ansätze der geplanten Reformen nun in den Eckpunkten für den Etat, der die Hälfte dieser Regierungsperiode markieren wird. Der am Dienstag veröffentlichte Finanzrahmen enthält zum Beispiel eine Vorsorge für zusätzliche Ausgaben zugunsten der gesetzlichen Krankenkassen.

    Die Eckpunkte für den Haushalt 2027 und die Finanzplanung bis 2030 soll das Kabinett an diesem Mittwoch beschließen – zusammen mit einem Gesetzentwurf zur Krankenkassen-Reform. Dabei geht es auch darum, ob die Regierung den Kassen bestimmte Kosten abnimmt. Solche Maßnahmen würden verhindern, dass die Sozialbeiträge der Beschäftigten und Unternehmen weiter steigen.

    Auch an die grundsätzlich vereinbarte Steuerreform ab 2027 müssen die Fachleute im Haus von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) denken. Die Koalition will vor allem die Steuern für kleine und mittlere Einkommen senken. Wenn es so läuft, wie Klingbeil wünscht, würde diese Reform unter dem Strich nichts kosten. Denn die SPD-Seite möchte die Steuersenkung durch höhere Abgaben auf große Verdienste finanzieren.

    Ob es so kommt, bleibt jedoch abzuwarten. Die Union strebt eine Reform an, von der auch reiche Privathaushalte profitierten. Wobei CDU und CSU in jüngster Zeit eine gewisse Bereitschaft erkennen lassen, wenigstens die Steuersätze für große Verdienste anzuheben. Gleichzeitig fordern Unionspolitiker wie Fraktionsvize Mathias Middelberg, die Steuersenkung auch durch Einsparungen etwa bei Klimaschutzprogrammen zu ermöglichen. Von den akutellen Eckpunkten bis zum Kabinettsbeschluss über den Haushalt im kommenden Juli und den folgenden Verhandlungen im Bundestag muss die Koalition noch einige Probleme aus dem Weg räumen.

    Im Vergleich zur ursprünglichen Planung sollen die Ausgaben im Etat 2027 deutlich ansteigen. Stehen dieses Jahr 525 Milliarden Euro zur Verfügung, könnten es nächstes Jahr 543 Milliarden Euro sein. Das ist aber nur der sogenannte Kernhaushalt. Außerdem gibt der Bund viel Geld mit Extratöpfen aus, dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität, dem Sondervermögen Bundeswehr und dem Klima- und Transformationsfonds. Ingesamt summieren sich die Ausgaben der Regierung 2027 auf über 650 Milliarden Euro.

    Ungefähr 200 Milliarden Euro davon erwirtschaftet der Bund nicht selbst, etwa durch Steuereinnahmen. Die 200 Milliarden Euro sind zusätzliche Schulden, finanziert durch den Verkauf von Staatsanleihen. So liegt die Neuverschuldung bei einem Drittel der Gesamtausgaben. Früher war sie meist viel geringer, betrug auch mal Null. Möglich wird die hohe Kreditaufnahme, weil die Koalition einen großen Teil der Militärausgaben und das Sondervermögen Infrastruktur von der Schuldenbremse im Grundgesetz ausgenommen hat.

    Die Regierungsparteien „haben mit zu optimistischen Wachstumsannahmen geplant und wollen den Haushalt nun mit noch mehr Schulden ohne Wachstumsrendite zusammenhalten“, sagte der grüne Finanzpolitiker Sebastian Schäfer, „das rächt sich: Das Wachstum bleibt schwach, die Verschuldung steigt weiter, und der Bundeshaushalt steht massiv unter Druck.“

    So ist ein Grund für die höheren Ausgaben bei der Bundeswehr zu suchen. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) wird 2027 rund 130 Milliarden zur Verfügung haben, etwa 20 Prozent aller Ausgaben. Begründung: Deutschland und Europa müssen sich gegen tatsächliche und erwartete Aggressionen durch Russland wehren können. Und bis 2030 sollen die Aufwendungen fürs Militär 180 Milliarden Euro pro Jahr erreichen.

    Auch die Ausgaben für Investitionen sind erheblich und viel höher als früher. Im Kernhaushalt sollen nächstes Jahr knapp 50 Milliarden Euro vorhanden sein, zusätzlich eine ähnliche Summe aus dem Sondervermögen Infrastruktur. Damit fördert die Regierung etwa die Sanierung von Bahnstrecken und Brücken. Hinzu kommen 23 Investitionsmilliarden aus dem Klimafonds.

    Die vor Monaten noch große Finanzlücke zwischen zu hohen Ausgaben und niedrigeren Steuereinnahmen hat das Finanzministerium inzwischen weggerechnet. Einen Dienst erweisen dabei die Regierungsbeschlüsse vom zweiten Aprilwochenende in der Villa Borsig. Diese finden nun Eingang in die Haushaltsplanung in Gestalt sogenannter „Globalpositionen“ – Milliardensummen und Maßnahmen, die noch zu konkretisieren sind.

    Eine Rolle spielt auf jeden Fall, dass die Zuschüsse des Haushaltes zur Pflege- und Rentenversicherung sinken sollen. Um das zu ermöglichen, müssen dort die Ausgaben zurückgehen – wie genau, bleibt abzuwarten. Der Klimafonds wird wohl ebenfalls ein paar Federn lassen. Und neue Abgaben für Hersteller auf Plastik und Zucker in Getränken könnten zusätzliche Einnahmen erbringen.

  • Pflichtversichert gegen Starkregen

    Vielen Wohnhäusern fehlt die finanzielle Vorsorge gegen Elementarschäden, die durch den Klimawandel häufiger auftreten. Die Organisation Urgewald fordert deshalb Policen für alle – was der Versicherungsverband nicht will.

    Alle Eigentümer:innen von Wohngebäuden sollten eine günstige Versicherung gegen Überschwemmungen und Starkregen abschließen können – aber auch müssen. So lautet der Vorschlag der Organisation Urgewald. Bisher gibt es eine solche verpflichtende Elementarschaden-Versicherung in Deutschland nicht, im benachbarten Frankreich funktioniert sie dagegen gut.

    Dort kostet eine solche Police nach Angaben der Organisation 42 Euro im Jahr zusätzlich zur normalen Gebäudeversicherung. Hierzulande verlangen die Versicherungsunternehmen jedoch typischerweise zwischen 60 und 1.000 Euro, was vielen Hausbesitzer:innen zu teuer ist. Nur 57 Prozent der Wohngebäude verfügen deshalb über einen finanziellen Schutz gegen Extremwetter-Schäden, wobei über 400.000 Häuser in der Nähe von Gewässern besonders gefährdet sind.

    Urgewald ist eine Umwelt- und Menschenrechtsorganisation, die sich unter anderem mit dem Klimawandel beschäftigt. Dieser gilt als eine Ursache der zunehmend teuren Schäden durch Wetterextreme, welche mitunter nur noch schwer zu versichern sind. Das Problem wird in Deutschland seit Jahren diskutiert, doch die Politik kommt zu keiner Lösung. In Extremfällen wie der Ahr-Katastrophe 2021 deckte der Staat die gigantischen Kosten aus Steuermitteln auch für freiwillig unversichertes Eigentum. Damals legte der Bund einen Hilfsfonds mit 30 Milliarden Euro auf.

    „Die deutsche Politik sollte sich an Modellen wie dem in Frankreich orientieren“, sagt Lena Samborski von Urgewald. „Das dortige System zeigt, wie eine kostengünstige, solidarische und gleichzeitig stabile Absicherung gegen zunehmende Klimaschäden aussehen sollte.“ Die Pflichtversicherung sei in Deutschland rechtlich ebenfalls möglich, heißt es in einer neuen Studie der Organisation. Das Zentrum für Europäischen Verbraucherschutz in Kehl plädiert gleichfalls für das französische Modell.

    Dieses sieht so aus: Die Basisverträge für Wohngebäude und Autos enthalten automatisch den Schutz gegen Extremwetter-Schäden. Die privaten Unternehmen können diese Risiken günstig bei einem staatlichen Rückversicherer abdecken. Beide teilen sich die Kosten der Schadensregulierung. Sollten deren Reserven erschöpft sein, wird noch eine staatliche Garantie wirksam. Aus den Prämien lassen sich außerdem Präventionsmaßnahmen finanzieren, etwa Gefährdungsanalysen, der Bau von Deichen oder die Umsiedlung von Gebäuden.

    Hierzulande hat im vergangenen Dezember der Verband der Versicherungen (GDV) eine Variante vorgeschlagen, die ähnlich klingt, aber entscheidende Unterschiede aufweist. So wollen die Firmen den Immobilienbesitzer:innen ermöglichen, den Vertragsbestandteil des Elementarschadenschutzes abzulehnen. Es handelt sich also nicht um eine Pflichtversicherung. Im übrigen soll der Rückversicherer ein privates, kein staatliches Unternehmen sein. Die zusätzlichen Versicherungskosten für ein gefährdetes Haus am Fluss ließen sich mit diesem Modell beispielsweise auf 1.200 Euro pro Jahr begrenzen, sagte Anja Käfer-Rohrbach, die Vize-Geschäftsführerin des Verbandes.

    „Das GDV-Modell wäre unsolidarisch und unnötig teuer“, erklärt dazu Urgewald-Expertin Samborski – und verweist auf die 42 Euro in der französischen Variante. Die Organisation äußert die Vermutung, dass der deutsche Verband und seine Mitglieder schlicht ihre Gewinnmargen in die Höhe treiben. Bei geringeren Prämien fielen diese ebenfalls niedriger aus.

    Währenddessen findet die hiesige Politik noch zu keinem Kompromiss. Die Arbeiten am Gesetzentwurf seien nicht abgeschlossen, hieß es im Bundesjustizministerium. Im Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD steht, dass bald möglichst alle Gebäudeversicherungen auch den Schutz gegen Extremwetter-Schäden enthalten sollten. Allerdings will man das „Opt-Out“ prüfen, also die Möglichkeit des „Neins“ der Hauseigentümer:innen. Die Regierungen der Bundesländer setzen sich dagegen für die gesetzliche Pflicht ein.

    Die Klimaschutz-Organisation Urgewald interessiert sich auch deshalb für die Versicherungsfrage, weil ihrer Ansicht nach manche Versicherungsunternehmen eine klimaschädliche Geschäftspolitik betreiben, indem sie Policen mit großen Kohlendioxid-Verursachern abschließen. Das seien teilweise noch Vertrage mit der Öl-, vor allem aber mit der Gasindustrie etwa für Leitungen und Flüssiggas-Terminals. Urgewald fordert, dass die Versicherungen solche Geschäfte zurückdrängen. Die Kosten der Extremwetter- und Klimaschäden sollten sie sich von der Verursachern zurückholen.

  • Ölpreisschock in Deutschland

    Jetzt ist es amtlich: Die Inflationsrate in Deutschland ist im März wegen der Folgen des Iran-Kriegs kräftig gestiegen. Ähnlich wird es in der gesamten Euro-Zone aussehen. Die Europäische Zentralbank könnte deshalb die Leitzinsen zu erhöhen. Höhere Preise und höhere Zinsen sind keine guten Aussichten für die deutsche Wirtschaft, die gerade angefangen hatte, sich zu erholen. Und es könnte sogar noch schlimmer kommen.

    Die Preise stiegen in Deutschland im März im Schnitt um 2,7 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Montag aus Basis vorläufiger Zahlen berichtete. Energie verteuerte sich demnach im Schnitt um 7,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Im Februar hatte die Inflationsrate noch 1,9 Prozent betragen. Die Bundesbank rechnete zuletzt mit bis zu drei Prozent Inflation.

    Auch für die Euro-Zone wird ein deutliches Plus bei der Teuerung erwartet. Die Zahl ist wichtig, weil die EZB auf ihrer Basis über die Leitzinsen entscheidet. Im Februar hatte die europäische Statistikbehörde Eurostat noch 1,9 Prozent ausgewiesen.

    Israel und die USA hatten am 28. Februar den Iran angegriffen. Ziel war, das Regime dort zu stürzen. Der Iran bedroht nicht nur Israel und finanziert Terrormilizen in Libanon, Gaza und Jemen, sondern hatte in den vergangenen Jahren unter anderem Uran angereichert, entzog sich aber jeglicher Kontrolle durch die weltweite Atomaufsicht. Das Regime arbeitete womöglich an einer Atombombe.

    Was wohl als schneller Militäreinsatz der beiden Verbündeten gedacht war, dehnt sich inzwischen. Der Iran jedenfalls blockiert seither die Straße von Hormus, eine wichtige Meerenge im Golf von Persien. Die Anrainerstaaten Bahrain, Irak, Kuwait, Oman, Saudi-Arabien, Qatar und die Vereinigten Arabischen Emirate sind wie der Iran wichtige Öl- und Gaslieferanten. Durch die Meerenge wird nicht nur rund ein Fünftel allen Öls weltweit transportiert, sondern auch 75 Prozent der Gase, die Grundstoff für Waschmittel und Dünger sind.

    Im Zuge des Krieges ist vor allem der Preis der Ölsorte Brent von gut 72 Dollar Ende Februar auf zeitweise weit über 100 Dollar je Fass gestiegen. Weil Öl zum Weltmarktpreis gehandelt wird, müssen auch Länder, die kaum etwas aus dem Nahen Osten beziehen, die höheren Preise bezahlen. Auch Frachtraten für Schiffe verteuerten sich.

    Dass vor allem Energie teurer wird, trifft die deutsche Wirtschaft besonders, die ohnehin schon mehr bezahlt als andere Industriestaaten. Zusätzlich ist Gas ein wichtiger Rohstoff für die chemische Industrie – eine der großen deutschen Branchen. Die Unternehmen werden versuchen, höhere Kosten an die Kunden weiterzugeben und die Preise anzuheben. Das legt eine Umfrage des Münchener Ifo-Instituts von vergangener Woche nahe. Das bedeutet: Auch Waren und Dienstleistungen für den Verbraucher werden in den nächsten Wochen und Monaten teurer, zum Beispiel Obst oder andere Lebensmittel.

    Dass die Inflationsrate steigt, wird auch die EZB eingreifen. Sie hält einen Wert von um die zwei Prozent für wirtschaftlich richtig. 2025 war die Inflationsrate gefallen, die EZB hatte den wichtigsten Zins auf 2,0 Prozent halbiert. Damit ist es jetzt wohl vorbei. Experten der Deutschen Bank rechnen mit mindestens zwei Zinserhöhungen noch in diesem Jahr. Höhere Zinsen bedeuten höhere Kosten, an Geld zu bekommen. Das wiederum bremst Investitionen, die Unternehmen zum Teil per Kredit finanzieren.

    Das alles noch schlimmer kommen könnte, deutete EZB-Chefin Christine Lagarde in einem Interview mit dem britischen Magazin Economist an. Der Ölschock sei wahrscheinlich größer, als wir uns gerade vorstellen könnten, sagte die oberste Währungshüterin. Die Finanzmärkte seien vielleicht etwas zu optimistisch, dass alles wieder normal werde, wenn der Krieg ende. Technikexperten sagten anderes: Zu viele Anlagen seien inzwischen zerstört worden. Sie können nicht in Monaten wiederhergestellt werden. Manche sprechen von Jahren. So hatte der Iran in Katar die größte Anlage der Welt für Flüssiggas beschossen und Ölanlagen in Saudi-Arabien und Kuwait. Israel wiederum zerstört Ölinfrastruktur im Iran.

  • Das Ende der Riester-Rente

    Abschied von der Riester-Rente

    An diesem Freitag verabschiedet der Bundestag die Reform der privaten Altersvorsorge. Für Arbeitnehmer und Selbständige wird die zusätzliche Altersvorsorge einfacher und einträglicher. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

    Wolfgang Mulke

    Wen will der Staat bei der privaten Vorsorge unterstützen?

    Wie schon bisher gibt es die Förderung für alle Arbeitnehmer. Mit dabei sind zum Beispiel Auszubildende, Beamte oder Soldaten. Neu ist, dass auch Selbständige gefördert werden. Grundsätzlich können alle Pflichtversicherten in der Rentenversicherung die Förderung beanspruchen. 

    Wie funktioniert die private Förderrente künftig?

    Ab dem 1. Januar 2027 wird die Förderung der privaten Altersvorsorge auf den Beine gestellt. Statt einer festen Grundzulage wie bei der Riester-Rente bisher schießt der Staat den Sparern für jeden eingezahlten Euro etwas dazu. Bis zu einem Sparbetrag von 360 Euro im Jahr 50 Cent, zwischen 360,01 Euro und 1.800 Euro noch 25 Cent. Für Kinder gibt es einen Zuschlag von 300 Euro im Jahr, wenn der Eigenbeitrag wenigstens 25 Euro monatlich beträgt. Eine Mutter mit einem Kind, die den Mindestbeitrag von 25 Euro im Monat spart, kann auf eine Grundzulage von 150 Euro plus der Kinderzulage von 300 Euro, also 450 Euro im Jahr kommen.

    Wer bietet Förderrenten an?

    Wie bisher schon dürfen Banken, Versicherungen oder Fondsgesellschaften entsprechende Produkte anbieten. Neu sind drei wichtige Dinge. So gibt es künftig einfache Standardprodukte. Deren Kosten sind auf ein Prozent im Jahr gedeckelt. Neben der privaten Finanzwirtschaft wird künftig auch ein öffentlicher Träger ein Standarddepot anbieten. Damit erfüllt die Koalition eine Forderung von Verbraucherschützern. Die Finanzwirtschaft kritisiert eine staatlich organisierte Konkurrenz dagegen heftig. Welche öffentliche Stelle die Verwaltung der Spargroschen übernehmen soll, ist noch nicht bekannt.

    Was zeichnet ein Standarddepot aus?

    Das Standarddepot eignet sich vor allem für Vorsorgesparer, die wenig Erfahrung mit Finanzfragen haben und ein leicht verständliches und leicht einzurichtendes Produkt bevorzugen. Es lässt sich auch schnell online abschließen und bedarf während der gesamten Ansparphase keiner weiteren Entscheidungen mehr. Zudem sind die Kosten auf maximal ein Prozent im Jahr gedeckelt. Je nach Anbieter können die Kosten noch deutlich geringer sein, wie Beispiele aus anderen Ländern oder die Kosten von ETF-Sparplänen zeigen. Verbraucherschützer hoffen darauf, dass das von einem öffentlichen Träger angebotene Standarddepot auch in Hinblick auf die Kosten das Vorbild für die Angebote privater Finanzfirmen wird.

    Darf ich künftig auch mit Aktien für das Alter vorsorgen?

    Es gibt zwei Standardvarianten. Die etwas risikoreichere sieht vor, das nur 80 Prozent der Beiträge garantiert erhalten werden. Ein Teil des Ersparten darf künftig damit auch in renditeträchtigere Anlagen wie Aktien oder Fonds investiert werden. Die sichere Variante ist eine Beitragsgarantie von 100 Prozent. Darüber hinaus gibt es für risikobereite Sparer auch die Möglichkeit, auf ein Produkt ganz ohne Beitragsgarantie, das so genannte Altersvorsorgedepot, zu setzen. Damit werden die hohen Renditen an den Kapitalmärkten ermöglicht. In welche einzelnen Fonds, Aktien, Anleihen oder andere Wertpapiere Anbieter das Geld der Kunden stecken, hängt von der jeweiligen Strategie der Unternehmen ab.

    Wie wirken sich die unterschiedlichen Risikoprofile finanziell aus?

    Das hängt zwar vom Einzelfall ab, kann aber mit einer Modellrechnung leicht verdeutlicht werden. Angenommen ein Sparer zahlt 30 Jahre lang monatlich 100 Euro in einen Standardvertrag mit 100-prozentiger Beitragsgarantie ein. Im Durchschnitt bringt die Anlage eine Rendite von 2,5 Prozent im Jahr. Am Ende ist ein Vermögen von 53.400 Euro zusammengekommen. Entscheidet sich der Sparer für ein Produkt ohne Garantien, könnte die durchschnittliche Rendite vorsichtig gerechnet vier Prozent im Jahr erreichen. Bei einer gleichen Einzahlung steht am Ende ein Vermögen 68.800 Euro. 

    Darf ich aus meinem alten Riester-Vertrag in die neue Förderung wechseln?

    Das ist problemlos möglich. Das bereits angesammelte Vermögen wird dann auf den neuen Vertrag übertragen. Allerdings kann dafür eine Gebühr von maximal 150 Euro fällig werden. Für weiter laufende Riester-Verträge gilt ein Bestandsschutz. Gerade bei nur noch kurz laufenden Verträgen bis zur Rentenauszahlung dürfte sich ein Wechsel kaum noch lohnen. Je länger die Zeitspanne bis zum Rentenalter ist, desto mehr lohnt sich ein Wechsel. Denn die höheren Erträge am Kapitalmarkt summieren sich mit den Jahren, wie die Modellrechnung zeigt, auf beträchtliche Summen.

    Wie sicher ist das Altersvorsorgedepot?

    Da mit dieser Variante keine Beitragsgarantie verbunden ist, kann es auch zu Verlusten kommen, etwa wenn die Börsen gerade auf Crashkurs sind. Da die Altersvorsorge jedoch eine sehr langfristige Form des Sparens ist, zeigen die Erfahrungen aus der Vergangenheit, dass in der Regel keine Verluste, sondern eher ansehnliche Zuwächst dabei herauskommen. Zur Sicherheit wird das Vermögen mit einem näher rückenden Rentenalter aus risikoreicheren Anlagen in sichere Anlagen umgeschichtet. 

    Muss ich mir das angesparte Vermögen als Rente auszahlen lassen?

    In der Regel erhalten die Sparer in der Auszahlungsphase eine monatliche Rente. Dabei können sie zwischen zwei Varianten wählen. Es gibt entweder eine lebenslang garantierte Rentenzahlung oder sie wird zeitlich begrenzt. In letzterem Fall muss die Zahlung wenigstens bis zum vollendeten 85. Lebensjahr laufen. Danach gibt es dann keine Rentenzahlung mehr. Das Risiko, sehr viel länger zu leben, und dann auf eine regelmäßige Einkunft verzichten zu müssen, trägt der Sparer. 

    Zudem gibt es die Möglichkeit, zur Finanzierung eines Eigenheims aus laufenden Verträgen Geld zu entnehmen.

  • Noch lange ein Sanierungsfall

    Die Bahn kämpft an vielen Stellen um eine bessere Zukunft. Trotz neuer Milliarden fehlt immer noch viel Geld für ein modernes Netz. Kleine Lichtblicke gibt es aber auch.

    Wolfgang Mulke

    Es gibt auch gute Nachrichten vom Bahnfahren. So wird an diesem Freitag eine einst beliebte Verbindung wieder aufgenommen. Es gibt wieder einen Nachtzug von Berlin nach Paris. Es ist allerdings nicht die Deutsche Bahn, die auf dieser Strecke künftig verkehren wird. Vielmehr fährt der European Sleeper nun drei Mal wöchentlich von der Spree an die Seine. Das niederländisch-belgische Bahnunternehmen ist eine Genossenschaft und will den kontinentalen Nachtverkehr systematisch erschließen. Zwischen Prag und Brüssel läuft der Verkehr bereits, mit Barcelona oder Mailand sollen weitere beliebte Ziele dazu kommen.

    Damit stößt der European Sleeper in eine Lücke, die von der Deutschen Bahn und der Österreichischen Staatsbahn aufgerissen wurde. Die beiden Bahnen haben den Nachtverkehr zwischen den beiden Metropolen im vergangenen Winter eingestellt, weil der Betrieb nicht wirtschaftlich war. Auch andere Nachtverkehre in Europa ereilte dieses Schicksal. Nun will die Konkurrenz aus Utrecht beweisen, dass sich mit der Fahrt im Schlafmodus auch Geld verdienen lässt.

    Wieder Geld verdienen muss auch die Deutsche Bahn (DB). Die Bilanz des vergangenen Jahres weist diesbezüglich Licht und Schatten aus. So muss die neue Bahnchefin Evelyn Palla an diesem Freitag vier Monate nach Amtsantritt einen Riesenverlust im Fernverkehr verkünden. Eine Milliardenabschreibung auf die Sparte beschert dem Konzern einem Bericht der Agentur Reuters zufolge einen Verlust von 2,5 Milliarden Euro für das vergangene Jahr. Allein für Entschädigungen für die Fahrgäste infolge von Verspätungen musste die Bahn einen dreistelligen Millionenbetrag herausrücken. Das ist zwar viel weniger als 2024, doch zeigt die Zahl, wie teuer die Unzuverlässigkeit für das Unternehmen selbst wird.

    „Wir stellen die Bahn vom Kopf auf die Füße“, kündigte Palla an, als sie den Job vom geschafften Vorgänger Richard Lutz übernahm. Konkret sollen vor allem in der Verwaltung Doppelfunktionen abgebaut werden. Rund ein Drittel der 3.600 Spitzenleute muss wohl den Platz räumen. Entscheidungen sollen vielmehr dort getroffen und verantwortet werden, wo das Geschäft auch stattfindet. So hat es Palla im Nahverkehr durchgezogen. Bei DB Regio war sie zuvor schon Vorstandschefin. Und die Sparte ist aus der Verlustzone damit wieder herausgekommen. Nach 108 Millionen Euro Gewinn 2024 gab es im vergangenen Jahr eine „signifikante Steigerung“, wie es im Vorfeld der Bilanzveröffentlichung hieß. Diese Dezentralisierung dient nun als Vorbild für den Gesamtkonzern.

    Geld fehlt, obwohl die Bahn eigentlich darin schwimmt. 84 Milliarden Euro stellt der Bund zur Verfügung, um marode Gleisanlagen, Stellwerke aus Kaisers Zeiten oder Weichen zu modernisieren, Bahnhöfe aufzuhübschen und die Infrastruktur auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen. Es tut sich etwas rund um die Gleise. Allein in diesem Jahr erwartet die Infrastrukturtochter InfraGo 28.000 Baustellen. Dabei geht es um kleine wie große Vorhaben. Das erste Riesenprojekt neigt sich allmählich dem Ende zu. Im Juni soll die generalsanierte Verbindung zwischen Hamburg und Berlin nach einer monatelangen Totalsperrung wieder freigegeben werden. Bahntypisch mit großer Verspätung. Eigentlich sollten die Bauarbeiten Anfang Mai fertig sein. Doch der harte Winter mit festgefrorenen Böden machte Bauarbeiten wochenlang unmöglich. 

    Auch auf dieser Strecke macht sich ab dem Fahrplanwechsel im Sommer Konkurrenz zur Deutschen Bahn auf, dem Branchenprimus Marktanteile abzujagen. Flixtrain will mehr Züge zwischen Berlin und Hamburg einsetzen. Bislang sind die Wettbewerber im Fernverkehr eher zu vernachlässigen. Nur sehr wenige Linienverkehre sind in privater Hand. Flixtrain will das ändern. Das Münchner Unternehmen hat im vergangenen Jahr eine Flotte hochmoderner Züge bestellt, mit dem sie den Markt aufmischen will. Bisher stammen die grün lackierten Züge eher aus längst vergangenen Zeiten.

    Direkt im Anschluss wird es mit einer Generalsanierung zwischen Hannover und Hamburg losgehen. In jedem Jahr soll es zwei dieser Mammutprojekte geben. Bis Mitte der 30er Jahre sollen dann 41 wichtige Schienenkorridore Kern eines leistungsfähigen Bahnnetzes sein. Das Konzept der Totalsperrungen und Erneuerung von Grund auf ist durchaus umstritten. Die Riedbahn zwischen Frankfurt und Mannheim bildete 2024 den Auftakt. Versprochen wurde damals, dass die Zahl der Störungen um 80 Prozent verringert werde. Davon ist die Strecke auch heute noch ein gutes Stück entfernt. Außerdem bedeutet eine komplette Sperrung vor allem für den Güterverkehr erhebliche Umleitungen von teils mehreren Hundert Kilometern. Und auf Unverständnis stößt auch, dass im Zuge der Bauarbeiten nicht gleich auch durchgängig das digitale Zugsteuerungssystem ETCS (European Train Control System) installiert wird. Mit diesem System erhöht sich die Kapazität auf einer Trasse um bis zu 30 Prozent. Und Kapazitätsengpässe sind das große Problem im Schienenverkehr.

    Damit ist man wieder beim Geld. Trotz der Milliarden vom Bund fehlt es nicht nur für die Ausstattung mit ETCS. Auch Neu- und Ausbaustrecken sind nicht in großem Umfang vorgesehen. Das bemängelt unter anderem der bahnpolitische Sprecher der Grünen, Matthias Gastel. Das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität könne für eine auskömmliche und verlässliche finanzielle Grundlage sorgen, stellt der Abgeordnete fest. „Allerdings wird deutlich, dass die Finanzierung von Neu- und Ausbau unterfinanziert sind“. 

    Als das Sondervermögen beschlossen wurde, hatte die Bahn eine Rechnung in die Verteilungsdebatte eingebracht. Die Liste der bis Mitte des nächsten Jahrzehnts benötigten Mittel summierte sich auf 150 Milliarden Euro. Dazu sollten noch 140 Milliarden Euro aus dem regulären Haushalt kommen. Im Vergleich zu den zugesagten Milliarden wird deutlich, dass es nach wie vor an ausreichenden Investitionsmitteln mangelt. Offen ist auch noch die Einrichtung eines Fonds, der die Finanzierung der Netzsanierung über einen zehnjährigen Zeitraum zu sichern. Das würde auch der Bauindustrie helfen, in neue große Maschinen und in Personal zu investieren. Denn auch deren Kapazität ist noch begrenzt. Aber das ist eine andere Geschichte.

    Zurück zu den aktuellen Problemen des Bahnverkehrs. Unzuverlässig rollt der Schienenverkehr nicht nur wegen maroder Gleise und überalterter Stellwerke. Auch die Engpässe an den Knotenbahnhöfen mit besonders vielen Pendlern und einem entsprechenden Aufkommen an Nahverkehrszügen ziehen Verspätungen nach sich, die sich schnell auf das gesamte Netz ausweiten. Eine Taskforce der Bundesregierung, an der die gesamte Branche nebst den zuständigen Regulierungsbehörden beteiligt ist, hat nun einen Katalog mit 22 schnell wirksamen Maßnahmen für mehr Pünktlichkeit vorgelegt. 

    Ein Teil davon soll die wichtigsten Knotenbahnhöfe entlasten. Solche Flaschenhälse für den Durchgangsverkehr sehen die Experten an den Stationen in Hamburg, Berlin, Frankfurt, München, Hannover, Köln und Mannheim. Dazu kommen für den Güterverkehr noch die Grenzbahnhöfe in Bad Schandau und Frankfurt/Oder. Kleine Änderungen sollen die Lage dort stabilisieren. So sollen „Jokergleise“ freigehalten werden, um unvorhergesehene Züge aufzunehmen, damit sie den regulären Fahrplan nicht durcheinanderbringen. Zudem werden Pufferminuten in den Fahrplan eingebaut und die Abstände zwischen zwei Zügen so vergrößert. 

    Sollte das alles nicht fruchten, hat die Taskforce eine Tür für eine Ultima-Ratio-Lösung geöffnet. Dann könnten Züge für einen flüssigeren Verkehrsfluss gestrichen werden. Das stößt bei den möglicherweise betroffenen Bahnunternehmen auf wenig Gegenliebe, gingen ihnen damit doch wichtige Einnahmen verloren. Und auch der Fahrgastverband Pro Bahn hält nichts von einem schlechteren Angebot. So seltsam es klingt, ist der Erfolg des Bahnverkehrs auch ein Grund für dessen Unzulänglichkeiten. Das starke Wachstum hat die Kapazitätsengpässe mit ausgelöst.

    Der Nahverkehr steht ohnehin schon unter einem erheblichen finanziellen Druck. Eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes vor wenigen Tagen hat diese Entwicklung noch einmal verschärft. Die Richter haben die Deckelung der Trassenpreiserhöhungen für die Nahverkehrsunternehmen in Deutschland gekippt. Nun müssen sich die Auftraggeber der S-Bahnen und Regiozüge auf eine stark steigende Schienenmaut einstellen. Einige Verkehrsminister der Länder sagen schon heftige Angebotskürzungen voraus, wenn der Bund nicht für einen Ausgleich sorgt. Nicht nur die Deutsche Bahn hat also finanzielle Probleme.

    Doch beim Staatskonzern summieren sich Pleiten, Pech und Pannen. So musst die Eröffnung des Prestigeprojekts Stuttgart 21 kürzlich wieder einmal verschoben werden. Einen neuen Eröffnungstermin hat die Bahn noch nicht genannt. Das Projekt geht nicht nur mit jahrelanger Verspätung in Betrieb – sofern es jemals dazu kommt – sondern auch mit erheblichen Mehrkosten, auf denen die DB sitzen bleiben dürfte. Aus den geplanten 4,5 Milliarden Euro Baukosten sind mittlerweile 11.5 Milliarden Euro geworden. 

    Als Damoklesschwert hängt noch eine andere europäische Vorgabe über der Bahn, genauer gesagt dem Güterverkehr. Die in den vergangenen Jahren extrem verlustträchtige Tochter muss in diesem Jahr die Gewinnzone erreichen. Denn der Konzern darf die Verluste künftig nicht mehr ausgleichen. Mit einer harten Sanierung und dem Abbau Tausender Stellen will die neue Cargo-Führung das rettende Ufer schwarze Zahlen erreichen. Es gibt also auch abseits der maroden Infrastruktur für die neue Bahnchefin viel zu erledigen.

    Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) will wenigstens für eine bessere Stimmung unter den Leid geplagten Bahnkunden sorgen. Auf sein Geheiß hat Palla drei Sofortprogramme auf den Weg gebracht. So sollen die Bahnhöfe sicherer und sauberer werden. Gerade hat das Unternehmen einen Frühjahrsputz an 1.400 Stationen gestartet. In den Zügen werden zusätzlich mobile Teams für die Reinigung während der Fahrten und für kleine Reparaturen, etwa der Kaffeemaschinen eingesetzt. Schließlich soll auch den Bordbistros unterwegs nicht mehr der Nachschub an Speisen und Getränken ausgehen. 

  • Geld für die alte Jeans

    Modehersteller sollen künftig zahlen für die Sammlung der massenhaften Altkleider, die derzeit die Container verstopfen. Das will SPD-Umweltminister Schneider regeln. Ist das eine Trendwende?

    Jetzt also wieder Skinny-Jeans, das Hosenbein ganz eng. Waren nicht gerade noch die lässig geschnittenen Baggy-Jeans angesagt? Oder muss es die Barrel-Jeans sein, mit der fassartigen O-Form, an den Oberschenkeln weit, am Knöchel wieder schmaler? Sie kommen nicht mehr mit? Kein Wunder. Der Modezirkus dreht sich schnell, kaum in, ist eine Form schon wieder out. Raus aus dem Schrank, ab in den Müll. Bisher werden nur wenige Textilien wieder verwendet, kaum etwas wird recycelt. Das soll sich ändern.

    SPD-Bundesumweltminister Carsten Schneider knöpft sich die Modefabrikanten vor. Sie sollen verpflichtet werden, sich um das Sammeln von ausrangierten Klamotten, auch von Bettwäsche, Handtüchern, Hüten oder Schuhen zu sorgen, zudem um deren Sortierung und Recycling – und dieses auch finanzieren. Anders gesagt: Sie sollen Verantwortung für ihre Produkte über den Verkauf hinaus übernehmen.

    Das Problem in Zahlen: Bisher landet jedes Jahr Kleidung in der Menge von 200 gefüllten Fußballstadien im Müll – 120 Millionen Tonnen. Das haben Experten der Unternehmensberatung Boston Consulting vorgerechnet. Sie urteilten, dass sei nicht nur ein „gewaltiges Umweltproblem, sondern auch eine verpasste Chance für die Bekleidungsindustrie“. Denn der weltweite Materialwert dieser Abfälle liege bei geschätzten 150 Milliarden US-Dollar – jedes Jahr. Da müsse sich etwas drehen.

    Das sieht nun auch die Bundesregierung so, aber nicht nur sie. Die EU-Mitglieder haben im Herbst 2025 eine entsprechende Richtlinie zur „Erweiterten Herstellerverantwortung für Textilien“, so nennen das Experten, verabschiedet. Sie trifft alle Unternehmen, die Textilien erstmals auf den europäischen Markt bringen. Darunter fallen damit auch asiatische Shoppingportale wie Temu oder Shein, die ihre im Internet angebotenen spottbilligen Kleidungsstücke aus China nach Brüssel, Wien, Warschau oder eben Hamburg, Dresden, München schicken.

    Deutschland und alle anderen Länder in der EU müssen diese Richtlinie nun umsetzen. Bisher kommen in der EU auf eine Person in einem Jahr 12 Kilo Müll an Bekleidung und Schuhen. Umweltminister Schneider hat dazu jetzt ein siebenseitiges Eckpunktepapier veröffentlicht, ein konkreter Gesetzesentwurf soll später folgen. Altkleider zu sammeln ist in Deutschland nichts Neues, ein System längst aufgebaut. Im Frühjahr den Kleiderschrank ausmisten? Warum nicht die Sachen in einen Container stopfen.

    Lange Zeit lief das auch rund. Es kamen mehr gut erhaltene Hosen oder T-Shirts zusammen als etwa das Rote Kreuz brauchte. Die guten Stücke wurden aussortiert und als Second-Hand-Kleidung verkauft, etwa nach Osteuropa. Das lohnte sich für gemeinnützige Organisationen, auch für kommerzielle Unternehmen. Doch heute quellen Container über mit ausrangierten Klamotten, die oft für nichts mehr taugen. Bei der sich schnell drehenden Mode, der Fast-Fashion, halten die Nähte weniger lang, reißen Stoffe schneller. Die Qualität ist zu schlecht für Second-Hand. Sammelstellen sind am Limit, sie bauen Container ab – nicht auf.

    Diese laut Eckpunktepapier „aktuelle Verwerfungen auf dem deutschen Alttextilmarkt“ sollen aufgefangen werden, in dem die Textilfirmen das System zum Sammeln, Sortieren und Recyceln künftig mit finanzieren. Sie müssen sich dazu an einer sogenannten „Organisationen für Herstellerverantwortung“ beteiligen, das können gemeinnützige Einrichtungen sein wie das Rote Kreuz oder auch kommunale und gewerbliche Entsorger.

    Jede Organisation soll eine Sammelquote von 70 Prozent erreichen, gemessen an der Menge, die die angeschlossenen Hersteller im Vorjahr auf den Markt gebracht haben, bei der Verwertung dann eine Quote von 95 und beim Recycling inklusive Wiederverwendung eine von 85 Prozent. Dabei soll gelten: Je mehr Textilien ein Hersteller auf den Markt bringt und je minderwertiger die Ware ist, umso höher der Betrag. Heißt: Es soll für Produzenten teurer werden, wenn der Fummel kaum gekauft schon auseinander fällt. Hersteller sollen damit finanzielle Anreize bekommen, Langlebigkeit, Reparaturfreundlichkeit, Recyclingfähigkeit beim Design ihrer Produkte mit zu denken und weniger Fast Fashion zu produzieren.

    Wird sich der Stil der Mode damit ändern – weg von schnelllebigen Trends hin zu Jeans wenn auch nicht fürs Leben, doch für ein paar Jahre? „Wer es damit Ernst meint“, sagt Anna Hanisch, Referentin für Kreislaufwirtschaft beim Umweltverband NABU, „muss klare Kriterien für die Umweltfreundlichkeit und die entsprechende Staffelung der Gebühren vorgeben“. Das sei aber nicht vogesehen, stattdessen solle das eine Entscheidung der Organisationen der Herstellerverantwortung selbst bleiben, welche Preise sie festlegen.

    Die Folgen seien bekannt, meint Hanisch: „Die Industrie muss sich ja auch schon lange um ihre Plastikverpackungen kümmern, wenn die nicht mehr gebraucht werden“ – den Müll im Gelben Sack. Die Vorgaben seien ähnlich wie jene, die für die Textilwirtschaft kommen sollten. Hanisch: „am Ende entscheiden sich die Hersteller immer für das billigste Angebot mit den geringsten Aufschlägen für Ex- und Hopp.“

    Hanisch wird nicht die einzige sein, die nun eine Stellungnahme schreibt. Der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie sprach bereits von einem „unkalkulierbaren Milliardenrisiko“. Das Gesetz muss bis zum 17. Juni 2027 in Kraft treten. Wer weiß was für eine Jeansform dann trendet.


  • Hühnchen ohne Gentechnik, bitte!

    Das Angebot in deutschen Supermärkten von Fleisch, Milch, Eiern, auf denen die grüne Raute mit dem weißen Schriftzug „Ohne Gentechnik“ über einer dreiblättrigen Pflanze prangt, wächst. Es ist bei Kunden beliebt.

    Für derart gelabelte Lebensmittel gaben sie 2025 insgesamt satte 18,1 Milliarden Euro aus. Das ist gut eine Milliarde mehr als noch 2024. Die Deutschen kaufen für genauso viel Geld Bio-Lebensmittel. Damit ist das „Ohne Gentechnik“ Label gefragt wie nie, es dürfte noch mehr Gewicht bekommen.

    „Das Siegel wird in Zukunft auch bei auch bei Grundnahrungsmitteln wie Brot, Kartoffeln und anderem Gemüse sowie daraus hergestellten Produkten relevant“, sagt Alexander Hissting. Er ist Geschäftsführer des Verbandes Lebensmittel ohne Gentechnik, kurz VLOG, der das Logo vergibt. Von ihm stammen auch die neuen Umsatzzahlen für das vergangene Jahr. Sie lagen dieser Zeitung vorab vor.

    Das Logo, das schon 2009 von der damaligen CSU-Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner auf den Weg gebracht wurde, findet sich bisher vor allem auf Eiern, Milch und Fleisch. Kühe, Rinder, Hühner, Schweine werden häufig mit gentechnisch verändertem Futter ernährt, außer es sind Bio-Betriebe, bei denen Gentechnik grundsätzlich tabu ist.

    Auf Genfutter gibt es im Supermarktregal keinen Hinweis. Die EU schreibt ihn nicht vor. Das Argument: Es ist in Milch oder Eiern nicht nachweisbar. Das ist bei Obst und Gemüse anders. Sind diese gentechnisch verändert, müssen sie oder die daraus produzierten Lebensmittel in der Zutatenliste gekennzeichnet sein.

    Aigner wollte die Kennzeichnungslücke im Milchregal und Eierkarton schließen, ging einen neuen Weg. Motto: Dann können Hersteller halt die Produkte freiwillig kennzeichnen, in denen garantiert keine Gentechnik drin ist. So sollten es Verbraucher, denen die Gentechnik nicht behagt, beim Einkaufen leichter haben.

    Längst gehen Biotechnologen aber neue Wege. Früher schleusten sie artfremde Gene in das Erbgut einer Pflanzen ein. Berühmt: der BT-Mais, der so selbst ein Gift gegen Fraßfeinde produzieren konnte. Mittlerweile können sie mit Techniken wie Crispr-Cas im Erbgut kleinere Eingriffe machen – ähnlich einer Schere, mit der sich einzelne Buchstaben oder längere Passagen im genetischen Text einer Pflanze entfernen, verändern, hinzufügen lassen.

    Dieses Gen-Editing, so erklären die Befürworter, sei vergleichbar mit herkömmlicher Züchtung, bei der aus einer Vielzahl von Kreuzungen die beste Variante herausgesucht wird. Es gehe nur schneller.

    Pflanzen aus diesen sogenannten „neuen“ gentechnischen Verfahren sollen in der Europäischen Union künftig ohne Gentechnik-Kennzeichnung verkauft werden können. Das Argument in diesem Fall: Sie unterscheiden sich nicht, allenfalls kaum von klassischen Züchtungen. Das ist umstritten.

    Hissting etwa erklärt: „Es gibt längst Möglichkeiten, Veränderungen durch neue Gentechnik nachzuweisen. Dafür müssen die Hersteller nur weiterhin verpflichtet werden, alle Manipulationen offenzulegen.“

    Noch muss das EU-Parlament den gelockerten Kennzeichnungsregeln zustimmen. Doch gilt das – der Termin ist im Mai geplant – als wahrscheinlich, auch wenn sich dagegen Lebensmittelfirmen wie Tiefkühlhersteller Frosta oder die dm-Drogeriemarktkette stemmen.

    Sie erklärten in einem offenen Brief, dass viele Kunden gentechnisch veränderten Pflanzen „sehr skeptisch gegenüber“ stünden. Die Unternehmen wollten „weiterhin Produkte ohne Einsatz von Gentechnik produzieren und anbieten können.“ Meinen sie das ernst, bliebe voraussichtlich nur ein Weg: Sie nehmen mehr „Ohne Gentechnik“ gelabelte Produkte ins Regal.

    Für Lebensmittel mit „Ohne GenTechnik“-Siegel gilt – egal ob „alte“ oder „neue“ gentechnische Methoden – erstens: ein Verbot des Einsatzes von gentechnisch veränderten Organismen oder Teilen davon, zweitens: ein Verbot des Einsatzes von Vitaminen, Aromen, Enzymen und anderen Lebensmittelzusatzstoffen, die mithilfe von gentechnisch veränderten Mikroorganismen hergestellt wurden, drittens: eine Fütterung ohne gentechnisch veränderte Pflanzen.

  • „Wir sind Französ:innen, aber…“

    Auch auf der 7.000 Kilometer von Paris entfernten Karibikinsel Martinique finden die französischen Kommunalwahlen statt. Was hält die dortige Bevölkerung von Frankreich und Europa?

    Bei vollem Tank verspricht das digitale Armaturenbrett des Peugeot „520 Kilometer Autonomie“. Von diesem Lebensgefühl kann aber keine Rede sein, wenn man im alltäglichen Morgen-, Mittag- oder Nachmittagsstau auf der dreispurigen Autobahn zwischen Fort-de-France und Le Lamentin in der Sonne brütet.

    Mehr politische Autonomie ist für viele Bewohner:innen Martiniques ein wichtiges Thema – auch jetzt im Wahlkampf. In Strasbourg, Lyon, Paris, in tausenden französischen Dörfern werden die Bürgermeister:innen gewählt, auf Martinique in der Karibik ebenfalls. Denn die Antilleninsel gehört zu Frankreich. Sie ist ein Übersee-Departement vor der Küste Venezuelas, ein 7.000 Kilometer von der Hautpstadt entfernter Außenposten. Wie stehen die Bewohner:innen zu Frankreich, und welche Rolle spielt Europa für sie?

    „Wir wissen, dass wir Französ:innen sind, aber…“, sagt Jiovanny William, einer der vier auf Martinique gewählten Abgeordneten der franzöischen Nationalversammlung, „aber die Insel braucht mehr Autonomie“. Darunter versteht der 40-jährige Rechtsanwalt, dass die örtlichen Verwaltungen und Gemeinderäte mehr Befugnisse erhalten sollten, um regionale Lösungen für regionale Probleme zu finden. Als ein Beispiel nennt er, dass Fahrzeuge auf der Insel bisher offiziell keine getönten Fensterscheiben haben dürfen. Denn die Vorschriften orientierten sich an der schwächeren Sonneneinstrahlung in Frankreich, nicht an der starken in der Karibik.

    Außerdem solle der Zentralstaat es seinem karibischen Departement einfacher machen, direkten Handel mit den süd- und zentralamerikanischen Nachbarn zu treiben, erklärt William. „Heute wird Holz aus Franzöisch-Guyana erst nach Le Havre in Frankreich verschifft, bevor man es von dort zurück nach Martinique liefert – ein teurer Umweg.“ Möglicherweise ist das einer der von vielen Gründen, warum Importprodukte auf der Insel unnötig teuer sind, worunter der Lebensstandard der Bevölkerung leidet.

    In einem einstöckigen, weißen Gebäude unweit der Strandpromenade der Kleinstadt Le Robert betreibt William sein Heimatbüro. Er stammt von der Insel, hat in Frankreich studiert und wurde 2022 in die Nationalversammlung gewählt. Nun fliegt er ständig hin und her, mindestens zwei Arbeitswochen monatlich verbringt er in Paris. Dort gehört er der Demokratischen Linken an, einer Parlamentsgruppe, die mit den Sozialisten kooperiert.

    Jetzt im Kommunal-Wahlkampf steht William nicht selbst zur Wahl, unterstützt aber einen Bürgermeister-Kandidaten. Bei der vergangenen Wahl 2020 eroberten linksgerichtete Parteien zwei Drittel der Rathäuser auf Martinique. Nun, in der ersten Runde der aktuellen Kommunalwahl am 15. März, bekamen linke Listen in 16 von 34 Wahlbezirken die meisten Stimmen. Kandidat:innen des Zentrums lagen in fünf Gemeinden vorne. Rechte Wahllisten gewannen vorläufig in nur drei Bezirken, wobei sich darunter keine eigene des rechtsextremen Rassemblement National fand. In den übrigen Gemeinden standen unabhängige Politiker:innen auf Platz Eins.

    Bei den örtlichen Wahlen spielen vor allem lokale Fragen wie zusätzliche Plätze in Altenheimen, Absenkungen von Bordsteigkanten für Rollstühle, Sportplätze, Sicherheit an Schulen oder die Algenplage im Meer eine Rolle. Ein besonderer Aufreger aber ist „la vie chère“, das teure Leben, denn viele Produkte, die aus Frankreich importiert werden, haben hier deutlich höhere Preise als dort.

    Größere Fragen wie die Autonomie sind damit verwoben. Das ist eher kein Thema, das bei Rechten und Rechtsextremen einzahlt, denn diese werden als Vertreter eines starken Pariser Zentralstaates betrachtet und dafür kritisiert. Dabei ist auf Martinique interessant, dass es selten um die komplette Unabhängigkeit geht, sondern eher um mehr Entscheidungsspielraum im Rahmen der französischen Politik. Für diese Linie sprach sich schon Aimé Césaire aus, der wichtigste Politiker der Insel im 20. Jahrhundert. Während Frankreich etwa in Westafrika mittlerweile deutlich an Einfluss einbüßt und im pazifischen Übersee-Territorium Neu-Kaledonien eine starke Unabhängigkeitsbewegung der Regierung keine Ruhe lässt, scheint die Bevölkerung Martiniques mit der Zugehörigkeit zum Mutterland mehrheitlich einverstanden zu sein. Warum?

    Martinique, c’est très francaise. Vieles funktioniert wie in der fernen Metropole: die Autokennzeichen, das Warenangebot in den riesigen Leclerc-Supermärkten, das Schulsystem, die Verwaltung und Justiz. Und alle sprechen die Amtssprache Französisch.

    Das karibische Departement ist im Durchschnitt relativ wohlhabend. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf erreicht knapp zwei Drittel der französischen – ein Niveau, von dem Millionen Menschen in Mittel- und Südamerika nur träumen. Das funktioniert auch wegen der Milliarden Euro, die Paris Jahr für Jahr auf die Insel überweist – unter anderem, um das Handelsdefizit auszugleichen. Denn Martinique importiert viel mehr Waren als es exportiert. Die Insel stellt zu wenige Produkte her, um ihre 350.000 Einwohner:innen annähernd selbst zu versorgen.

    Wie in Frankreich weht an jedem Rathaus die französische Fahne – neben der europäischen. Trotzdem interessierten sich 85 Prozent der Einheimischen nicht für Europa, vermutet Jiovanny William, der Abgeordnete. Farell Francois-Haugrin dagegen, der mit Williams Unterstützung als Bürgermeister für Le Robert kandidiert, betrachtet die Sache differenzierter: „Ohne Geld aus Frankreich und anderen EU-Ländern könnten wir hier manches nicht bezahlen.“

    Francois-Haugrin sieht müder aus als auf den Plakaten, die überall hängen. Gerade kommt er im grünen T-Shirt mit dem aufgedruckten Logo seiner Kampagne zurück ins Büro – nachdem er einen samstäglichen Autokorso durch die Dörfer seines Wahlbezirks absolviert hat. Bei solchen Fahrten sieht man nicht selten große Hinweistafeln, die darüber informieren, dass dieses oder jenes Projekt aus europäischen Mitteln mitfinanziert wurde – Straßenbeleuchtung, die Renovierung einer Kirche, Glasfaserleitungen fürs Internet, der Ausbau einer Schule. Der Preis: Wirtschaftliche führt zu politischer Abhängigkeit. Der Kampf für mehr Autonomie ist kein Selbstläufer.

    https://taz.de/Kommunalwahl-auf-Martinique/!6161404&s=hannes%2Bkoch

  • „Die Zukunft ist bargeldlos“

    Ausländische Banken drängen auf den deutschen Markt. Für Dominik Hennen ein gutes Zeichen. Er leitet bei der Deutschen Bank das Geschäft mit 18 Millionen Privatkunden und hat einiges vor, besonders mit KI.

    Womit zahlen Sie beim Einkauf, Herr Hennen?

    Dominik Hennen: Mit der Uhr. Immer. Ich habe kein Bargeld im Portemonnaie und oft auch keine Karte dabei.

    Ist das die Zukunft des Bezahlens?

    Die Zukunft ist bargeldlos. Und sie ist schon ein bisschen Gegenwart. Eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Postbank ergab im vergangenen Jahr, dass knapp die Hälfte der Befragten kontaktlos zahlen. Bei jungen Menschen ist der Wert deutlich höher. Man hält dabei seine Karte in kurzer Entfernung an das Zahlterminal oder steckt sie in die virtuelle Brieftasche bei Apple Pay, Google Pay oder Samsung Pay und kann mit dem Mobiltelefon bezahlen. Oder eben mit der smarten Uhr.

    Nicht jedem gefällt es, Geldgeschäfte übers Mobiltelefon abzuwickeln.

    Deshalb arbeiten wir an einem digitalen KI-Assistenten. Menschen, die die App nicht nutzen wollen und auch nicht in eine Filiale kommen können, können dann anrufen. Der Assistent vereinbart Termine, informiert über einfache Produkte, den aktuellen Kontostand und hilft zum Beispiel auch bei Kartensperren. Sieben Tage die Woche, rund um die Uhr.

    Wann kommt der Assistent? Und spricht er mit der Stimme von Bankchef Christian Sewing? Oder wird es gar eine Assistentin?

    In der zweiten Jahreshälfte soll es soweit sein. Wir starten dann mit ersten Funktionen und erweitern das Angebot sukzessive. Die Stimme haben wir noch nicht festgelegt, auch der Name ist noch offen. Wichtig: Der Assistent kann auch andere Sprachen. Wir starten mit Deutsch und Englisch, wollen das aber erweitern.

    Die Deutschen sind bei neuer Technologie eher zurückhaltend. Warum sollten sie sich etwas anvertrauen, dass von Künstlicher Intelligenz gesteuert wird?

    Das ist eine Frage der Gewöhnung. Aber Digitalisierung ist kein Selbstläufer. Wir als Bank müssen die Kundinnen und Kunden in die digitale Welt mitnehmen. Deshalb haben wir in unseren Filialen 400 Digital Coaches im Einsatz. Die zeigen den Kunden unter anderem, wie man Geld mit der App überweist. Gleichzeitig muss die digitale Welt sehr einfach sein. Wir haben unser Angebot in den vergangenen zwei Jahren runderneuert.

    Wozu brauchen Sie dann noch Filialen? Sie schließen immer noch Standorte.

    Weil App und Onlinebanking nur ein Kanal sind. Darüber hinaus setzen wir weiter auf persönliche Beratung besonders für komplexere Fragen. Ende des Jahres werden wir bei der Postbank 320 Filialen haben. Damit sind wir gut aufgestellt. In 200 davon gibt es dann weiter Postdienste, in den anderen werden wir nur noch beraten. Die Mitarbeiter sind dort produktiver, die Kunden zufriedener. Bei der Deutschen Bank peilen wir rund 330 Standorte an. Außerdem wollen wir die Bank wieder stärker ins Zentrum der Gesellschaft rücken – mit Veranstaltungen in ausgewählten Filialen. Einfache Serviceanliegen sind aber nicht mehr der Kern der Filialen, das muss auch klar sein.

    Wer auf dem Land wohnt, hat eher keine Filiale von Deutscher Bank oder Postbank in der Nähe, womöglich aber auch Beratungsbedarf.

    Wir werden auch künftig das größte Filialnetz aller privaten Banken betreiben und bundesweit präsent sein. Wir bauen zudem die Videoberatung aus, für die Deutsche Bank und die Postbank. An elf Standorten in Deutschland sitzen gut ausgebildete Berater, die vielleicht vorher in einer Filiale tätig waren. Auch hier geht es nicht um Adressänderungen oder Überweisungen, sondern um Geldanlage, Altersvorsorge oder Baukredite – und das mit erweiterten Öffnungszeiten im Vergleich zur Filiale.

    Wozu brauche ich Bankberater, wenn auch KI mir einen Sparplan empfiehlt?

    Vertrauen ist ganz entscheidend, besonders wenn es um eine umfangreiche Baufinanzierung, eine langfristige Vorsorgevereinbarung oder eine fundierte Investmentberatung geht. Das gilt in geopolitisch unruhigen Zeiten erst recht. Deshalb glaube ich nicht, dass die KI den Berater ersetzt, sondern diesen vielmehr unterstützt.

    Die Konkurrenz in Deutschland ist groß, vor allem mit den breit aufgestellten Sparkassen. Jetzt drängt die größte Bank der Welt in den deutschen Markt, JP Morgan. Was haben die deutschen Kreditinstitute, was hat die Deutsche Bank falsch gemacht, dass die Amerikaner hierzulande starten?

    Das Interesse zeigt, dass wir in einem attraktiven Markt unterwegs sind und hier viel Wert für die Deutsche Bank generieren können.

    Die spanische Großbank BBVA startete bereits in Deutschland.

    Die Deutsche Bank hat einen entscheidenden Vorteil: Wir haben bereits 18 Millionen Privatkunden, dazu eine Million vermögende Kunden. Und deren Vertrauen haben wir auch. Dazu verfügen wir über starke Marken. Das muss sich die Konkurrenz erst einmal erarbeiten und viel Geld investieren, um bekannt zu werden.

    Und sich Kunden zum Beispiel mit hohen Zinsen auf Tagesgeld erkaufen, höhere Zinsen als Sie bieten.

    Bei den beiden letzten Tagesgeldkampagnen der Postbank haben wir Milliarden Einlagen sowie viele neue Kunden gewonnen. Auch hier nutzen wir KI, über die wir im ersten Monat sogenannte Willkommensreisen anbieten. Wir kontaktieren den Kunden, bieten Beratung, machen weiteres Geschäft. Das Angebot fehlt der Konkurrenz.

    Die italienische Unicredit will sich im großen Stil in Deutschland einkaufen. Wie bewerten Sie das Übernahmeangebot für die Commerzbank?

    Hier gilt dasselbe wie für andere Wettbewerber: Wir schauen auf uns und verfolgen einen klaren Plan, mit dem wir profitabel wachsen wollen.

    Sie erwähnten jetzt mehrfach KI. Wo nutzen Sie die noch?

    Zum Beispiel um Werbung der Postbank und der Deutschen Bank gezielt bei Social Media auszuspielen – angepasst auf den Bedarf und die persönlichen Vorlieben der Nutzer und dadurch sehr effizient und kostengünstig. Mit der Technologie können wir auch verdächtige Zahlungen erkennen und abfangen und haben die Schäden durch Betrug für unsere Kunden und uns so in den vergangenen Jahren stark verringern können.

    Zur Person

    Dominik Hennen leitet das Privatkundengeschäft der Deutschen Bank in Deutschland mit den Marken Deutsche Bank, Postbank und Norisbank und ist Mitglied im Konzernleitungskomitee. Er ist verantwortlich für 18 Millionen Kunden. Hennen hat in Finanzwissenschaften promoviert. Früher spielte er als Profi Basketball bei den Frankfurt Skyliners und in deutschen Nationalmannschaften.

  • Durchstarten mit einer Legende

    Einem Flugzeug ähnelt der große schwarze Würfel eher nicht. Was sich hinter der Folie verbirgt, ist aber besonders nah dran an einer neuen Maschine, die bald in Deutschland hergestellt werden soll. Wer schon heute mit der D328eco abheben will, muss hier im Flugsimulator Platz nehmen. Propeller an, und mit Brummen vom Computer geht es los.

    Sehr viel ist möglich hier in der unscheinbaren Halle am Flughafen Oberpfaffenhofen, Ostseite: Starts in Hongkong oder New York, Flüge bei Nebel und durch Gewitter, Triebwerksausfall oder einfach ein schneller Hüpfer über den Alpenkamm nach Innsbruck. Jeder Flug ein Test der Steuersysteme, die für das Flugzeug angepasst werden.

    Und obwohl die Videowand vor dem Mustercockpit etwas pixelig ist, wirkt es, als sei der Hoffnungsträger von Deutsche Aircraft und ihrem Chef Nico Neumann tatsächlich in der Luft und hinten säßen 23 Passagiere. Bis die erste echte Maschine abhebt, dauert es noch etwas.

    Neumann selbst sitzt in einem Besprechungsraum der Firmenzentrale. „Wir sind der einzige Flugzeugbauer, mit vollständiger Entwicklung, Endmontage und Wartung in Deutschland“, sagt er, anders als Airbus. Der deutsch-französische Konzern entwickelt und baut an mehreren Standorten in Europa. Vom Umsatz und auch von der Flugzeuggröße her ist Airbus kein Konkurrent. Aber es geht auch ums Prestige und darum, Technologie in Deutschland zu haben.

    Die D328eco ist nicht irgendein Flugzeug. Neumanns Unternehmen hat ein unter Eingeweihten legendäres Flugzeug weiterentwickelt: die Do328, das letzte Flugzeug, dass der deutsche Hersteller Dornier schuf. Ingenieure schwärmen immer noch von der Qualität der Maschine, die bis 2005 gebaut wurde. 150 sind weltweit noch im Einsatz unter anderem bei der US-Armee. Eine fliegt für das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum DLR als Testflugzeug. Deutsche Aircraft wartet die Flieger, liefert Ersatzteile und hat auch die Zertifizierung für das Flugzeug, was die Zulassung der D328eco vereinfacht.

    „Die Do328 war in den 1990er-Jahren technisch ihrer Zeit weit voraus. Darauf bauen wir auf“, erklärt Neumann. „Schon damals waren 30 Prozent der Materialien leichte Kunststoffe aus Kohlenstofffaser, sogenannte Composite.“ Die Maschine hatte allerdings ihren Preis, ein Grund, warum sie sich am Markt nicht recht durchsetzen konnte. Jetzt profitiert Deutsche Aircraft.

    „Ein Flugzeug weiterzuentwickeln, ist deutlich günstiger als eines ganz neu zu planen“, sagt der Manager. „Und es birgt weniger Risiko. Denn wir können auf die Erfahrung von Millionen von Flugstunden zurückgreifen.“ Experten schätzen, dass es gut zwei Milliarden Euro kostet, eine Maschine dieser Art neu zu entwerfen. Sie weiterzuentwickeln, dürfte bei bis zu 700 Millionen Euro liegen.

    Seit 2015 arbeiten sie an der D328eco. Geblieben sind die schmale Tragfläche oben, die Form. Aber sie haben den Rumpf der Do328 um 2,1 Meter auf 23,31 Meter verlängert, die Elektrik erneuert, Cockpit und Kabine überarbeitet. Sie bietet jetzt Platz für 40 Passagiere. Die neuen kräftigeren Turboprop-Triebwerke stoßen mit herkömmlichen Kerosin 25 Prozent weniger CO2 aus als derzeit eingesetzte und sie können praktisch vollständig mit nachhaltigem Flugkraftstoff ohne Aromate betrieben werden. Neumann sieht das Unternehmen hier weit vorn.

    Die D328eco ist kein Großflieger für den Massenmarkt wie der erfolgreiche Airbus A320 mit bis zu 180 Sitzplätzen. Neumann rechnet sich aber schon sehr gute Chancen aus, trotz der Konkurrenz von Saab (Schweden) oder Embrear (Brasilien). „In vielen Weltregionen wächst die Nachfrage nach kleineren Flugzeugen, mit denen auch kleinere und abgelegenere Orte angebunden werden können. Zum Beispiel in Brasilien, China, Indien und Indonesien“, sagt er.

    Bedarf nach kleinen wendigen Maschinen bestehe auch für spezialisierte Einsätze, etwa bei Missionen der EU-Grenzschützer von Frontex oder den Special Operations der US Airforce, sagt Neumann. Oft geht es um Gegenden, die nicht über sauber asphaltierte Flughäfen verfügen. „Unsere Maschine bietet flexible Einsatzmöglichkeiten, sie kann beispielsweise auch auf Schotterpisten oder in Flussbetten starten und landen.“

    In Serie gebaut werden die Flugzeuge nicht am Firmensitz in Oberpfaffenhofen. Deutsche Aircraft steckt gerade 100 Millionen Euro in eine neue Fabrik am Leipziger Flughafen. Sie ist acht Fußballfelder groß und soll Ende des Jahres fertig sein. Der Produktionsstart ist für 2027 vorgesehen. Dier ersten Maschinen will Neumann 2028 ausliefern. Ziel sind jährlich 48 Flugzeuge, im Prinzip eins pro Woche.

    Das Flugzeug ist in Teilen international. Den mittleren Rumpf baut Deutsche Aircraft selbst, anderes wird zugeliefert und in Leipzig montiert. „Unsere Lieferkette ist global aufgestellt, weil das Flugzeug auch global vermarktet wird“, sagt Neumann. „So kommen Teile des Rumpfes aus Brasilien und Indien, beides auch wichtige Märkte.“ Die Triebwerke liefert der US-Hersteller Pratt & Whitney aus Kanada.

    Für Deutsche Aircraft arbeiten zurzeit mehr als 600 Beschäftigte, in Leipzig sollen es 250 werden. Neumann startete 2007 im Unternehmen, arbeitete sich von der Werkshalle bis zum Chefbüro hoch. Und jetzt will er ein neues Flugzeug auf den Markt bringen. Im Flugsimulator unter der schwarzen Plane verzieht sich gerade der Computernebel über Innsbruck. Zeit für den Rückflug nach Oberpfaffenhofen und den nächsten Test der Systeme.

  • Mit der Kraft vom Balkon

    Auf die Sonne, fertig, los! Verbraucher rennen Firmen die Türen ein, die kleine Balkonkraftwerke oder große Photovoltaik, also PV-Anlagen, fürs Dach verkaufen. „Mehrere Anbieter sehen derzeit einen Anstieg der Nachfrage um 50 Prozent“, sagt Benjamin Weigl, Energieexperte bei Finanztip. Das Ratgeberportal hat darum nachgerechnet, was sich derzeit für wen lohnt. Die Ergebnisse liegen dieser Zeitung exklusiv vor.

    Mit dem Iran-Krieg, mit der Blockade der Straße von Hormus für Handelsschiffe, einer der wichtigsten Transportrouten für LNG-Flüssiggas und Öl aus der Golfregion, ist die Angst vor einer Energiekrise zurück. Also: Den Strom zumindest für Wasch- und Spülmaschine, Kühlschrank und Fernsehen mit Hilfe der Sonne selbst erzeugen, sich unabhängiger machen, Energiekosten sparen?

    Sich jetzt darüber Gedanken zu machen, sei richtig, meint Weigl: „Noch gilt, dass wer seinen selbst erzeugten Solarstrom in das öffentliche Stromnetz einspeist, dafür vom Staat für jede Kilowattstunde 20 Jahre lang einen festen Geldbetrag bekommt. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie will diese sogenannte Einspeisevergütung für neue Solaranlagen aber ab 2027 abschaffen.“

    Er sagt: „Balkonkraftwerke sind der günstige Einstieg in den Solarstrom und besonders für Miet- und Eigentumswohnungen empfehlenswert. Eine große Photovoltaikanlage bleibt die Lösung für alle, die eine sonnige Dachfläche haben und sich mit möglichst viel eigenem Strom selbst versorgen möchten.“ Das ist das Grundsätzliche. Im einzelnen heißt das:

    „Balkonkraftwerke amortisieren sich schnell“, so Weigl. Ein kleines Modell bestehe meist aus zwei Modulen à 450 Watt-Peak und einem Wechselrichter, der den Solarstrom in Hausstrom verwandelt. Das gebe es für etwa 400 Euro. Das Gerät rentiere sich bereits nach rund drei Jahren, ein größeres mit vier dieser Solarmodule für etwa 700 Euro nach rund dreieinhalb Jahren. Der Betrieb sei einfach.

    Die Mini-Solaranlagen lassen sich mit wenigen Handgriffen am Balkongeländer oder auf der Terrasse anbringen. Sie haben zudem einen Stecker, der bei Anlagen mit zwei Modulen in die normale Haushaltssteckdose passt, für größere ist eine spezielle Energiesteckdose nötig. Bevor der Strom fließt, muss das kleine Kraftwerk noch im Marktstammdatenregister der Bundesnetzagentur (MaStR) an gemeldet werden. Wer dazu noch einen Speicher installiert, muss diesen dort übrigens gesondert registrieren lassen, und sollte sich erkundigen, ob zudem eine Mitteilung an den Netzbetreiber erforderlich ist.

    Die Mini-Solarstationen könne sich jedenfalls auch anschaffen, wer keine eigene Wohnung, kein eigenes Haus habe, sagt Weigl: „Mieter haben inzwischen grundsätzlich einen Anspruch darauf, ein Balkonkraftwerk zu betreiben.“ Voll autark, also unabhängig von Stromversorgern, werde man damit aber nicht. Ein Drei-Personen-Haushalt mit einem typischen Stromverbrauch von 3.500 Kilowattstunden (kWh) pro Jahr könne mit einem kleinen Balkonkraftwerk etwa 15 Prozent seines Stroms selbst erzeugen, mit dem größeren rund 20 Prozent.

    Wie viel Ertrag ein Balkonkraftwerk genau bringt, hängt von der Ausrichtung, dem Neigungswinkel, der Sonneneinstrahlung vor Ort ab. Die Finanztip-Leute sind von einem Süd-Balkon ohne Verschattung und einem Anbringwinkel von 70 Grad ausgegangen. Alle notwendigen Daten haben sie dann beim Online-Rechner der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin eingegeben. Der rechnete damit, dass das kleine Balkonkraftwerk etwa 770 kWh Strom pro Jahr erzeugt, das größere gut 1300 kWh.

    Klassische Photovoltaik-Anlagen, die auf dem Dach oder an der Fassade aufwändiger zu montieren seien, lieferten da „mehr Unabhängigkeit“, erklärt Weigl: „Mit 18 Modulen und einem Fünf-kWh-Batteriespeicher kann derselbe Beispielhaushalt rund 72 Prozent seines Strombedarfs selbst decken, die Investitionskosten sind aber auch deutlich höher.“

    PV-Anlage und dazu die Batterie im Keller kosteten derzeit rund 14.000 Euro, sagt der Energieexperte. Darin enthalten sei auch die Rechnung für den Elektroinstallateur, der am Ende die Anlage ans Netz anschließe. Das dürfe man nicht selbst machen. Rechne man dann noch Betriebskosten von 1,5 Prozent der Anschaffungskosten pro Jahr dazu, zudem den notwendigen Ersatz des Batteriespeichers nach zehn bis 15 Jahren und ein intelligentes Strom-Messsystem, amortisiere sich die PV-Anlage auf dem Dach oder an der Fassade erst nach knapp 15 Jahren. Liefe sie insgesamt aber 20 Jahre ergebe sich am Ende ein Überschuss von 5400 Euro. Die noch bestehende Einspeisevergütung ist dabei mit einbezogen. Sie macht einen Unterschied.

    Theoretisch sei die Einspeisevergütung auch bei Balkonkraftwerken möglich, meint Weigl – wenn der Strom nicht selbst benötigt wird, sondern ins öffentliche Netz fließt. Dann allerdings würden die Regeln gelten wie bei normalen PV-Anlagen. Heißt: Man muss einen separaten Stromzähler installieren und sich für die Einspeisevergütung mit allerlei Formularen und Dokumenten anmelden. Das sei es meist nicht wert.

    Weigls Fazit: „Wer viel Strom verbraucht oder künftig mehr Strom benötigt – etwa durch ein Elektroauto oder eine Wärmepumpe – für den lohnt sich eine PV-Anlage allerdings deutlich schneller.“ Und die Unabhängigkeit vom Strommarkt sei viel größer.

    Für Solar auf dem Balkon gebe es Förderungen, für Solar auf dem Dach auch. Es lohne, sich zu erkundigen, etwa hier:

    https://www.finanztip.de/photovoltaik/balkon-solaranlage/foerderung/

    https://www.finanztip.de/photovoltaik/pv-foerderung/

  • Pipelines, Schiffe und ein libyscher Offizier

    Als drittgrößte Wirtschaft der Welt ist Deutschland auf sehr viel Energie angewiesen. Vor allem Öl und Gas muss die Bundesrepublik einführen. Beides kommt vor allem über Schiffe und Pipelines nach Deutschland. Wie anfällig ist das System?

    Wozu brauchen wir Öl und Gas?

    Ohne Öl stünde der Verkehr in Deutschland still. Es ist der Grundstoff für Kerosin, Benzin und Diesel. Viele Menschen heizen auch noch mit Öl. Erdgas ist nicht nur Brennstoff für viele Heizungen, sondern auch für viele Kraftwerke. In chemischen und Industrie sind Gas wie Öl unerlässlich.

    Wie kommen Öl und Gas nach Deutschland?

    Öl und Gas kommen meist per Pipeline nach Deutschland. Die Röhren sind im Vergleich zu anderen Transportformen für große Mengen günstig. Für Öl sind Schiffe wichtig, für Gas inzwischen auch, denn seit 2022 hat Deutschland eigene Terminals für Flüssiggas (LNG).

    Woher kommt das Öl für Deutschland?

    Mit 16,6 Prozent der Gesamtmenge lieferte Norwegen 2025 das meiste Rohöl nach Deutschland. Die USA kamen mit 16,4 Prozent auf Rang 2. Libyen steuerte 13,8 Prozent bei, Kasachstan 13,7 Prozent. Insgesamt führte Deutschland dem Statistischen Bundesamt zufolge 75,7 Millionen Tonnen ein. Die Menge sinkt seit Jahren. Dazu kamen rund 1,6 Millionen Tonnen eigene Förderung, vor allem in Niedersachsen. Aus Russland, lange großer Lieferant, bezieht Deutschland wegen des Angriffs der Russen auf die Ukraine nichts mehr.

    Wie kommt das Öl nach Deutschland?

    Zu etwa zwei Dritteln fließt Öl über Pipelines. Die wichtigsten: Die Transalpine Ölleitung TAL verbindet Triest mit Karlsruhe, die RRP Rotterdam mit Wesseling bei Köln. In Rotterdam und Triest gibt es große Ölhäfen. Direkt von den Ölfeldern lieferte Russland über die Pipeline Druschba (Freundschaft) nach Deutschland. Ein Arm führt über die Ukraine und Tschechien, ein anderer über Belarus und Polen. Durch die Pipeline fließt derzeit Öl aus Kasachstan. Zusätzlich gibt es noch eine Pipeline für Ölprodukte von Rotterdam nach Ludwigshafen. Ein Drittel des Öls für Deutschland landet per Schiff in Brunsbüttel, Rostock und Wilhelmshaven an.

    Woher kommt das Gas für Deutschland?

    Wichtigster Lieferant ist Norwegen. Rund 44 Prozent des in Deutschland verbrauchten Erdgases stammten 2025 nach Zahlen der Bundesnetzagentur aus den Feldern in der Nordsee. 24 Prozent lieferten die Niederlande, 21 Prozent Belgien, eingerechnet ist dort angelandetes Flüssiggas. 10,3 Prozent bezog Deutschland direkt vor allem aus den USA und Kanada. Insgesamt importierte Deutschland nach Zahlen der Bundesnetzagentur 1031 Terawattstunden Gas. Deutschland selbst förderte 34 Terawattstunden. Aus Russland, lange Hauptlieferant, kommt seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs nichts mehr.

    Wie kommt das Gas nach Deutschland?

    Auch beim Gas sind Pipelines am wichtigsten, vor allem die Rohre der Europipe. Europipe 1 verbindet die zentrale Draupner-Plattform in der Nordsee vor Norwegen mit Dornum in Ostfriesland. Europipe 2 liefert Gas vom norwegischen Festland nördlich von Stavanger ebenfalls nach Dornum. Vom Ekofisk-Feld in der Nordsee fließt Gas über Norpipe nach Emden. Pipelines verbinden auch Aachen mit dem belgischen Hafen Zeebrügge, wo sehr viel Flüssiggas anlandet. Nordstream 1, die Russland durch die Ostsee direkt mit Lubmin an der Ostsee verband, ist nach einem Anschlag 2022 zerstört. Durch die Pipelines Jamal und Transgas, die Sibirien über Belarus und Polen sowie Ukraine und Tschechien mit Deutschland verbinden, fließt praktisch nichts mehr. Rund ein Zehntel des deutschen Bedarfs kommt per Schiff nach Brunsbüttel, Mukran auf Rügen, Stade und Wilhelmshaven – Tendenz steigend.

    Wie sicher ist die Versorgung?

    Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sieht bisher – abgesehen von steigenden Preisen – wenig Probleme. Auch die Gas- und Ölwirtschaft hält die Versorgungslage für sicher. Sie ist auf jeden Fall anders als noch 2022, vor allem beim Gas. Bis dahin kam rund ein Drittel aus Russland. Plötzlich fehlte es, Deutschland stürzte in eine Krise. Seither hat Deutschland Flüssiggasterminals gebaut und die Zahl der Lieferländer erhöht. Ohne Norwegen geht allerdings nichts. Unklar ist, wie zum Beispiel die US-Regierung die LNG-Lieferungen nach Europa bewertet. Der amtierende Präsident setzt Wirtschaft gern als Drohmittel ein. Öl kommt aus vielen verschiedenen Ländern, keines ragt heraus. Aber nicht überall ist die Lage sicher. Libyen etwa hat zwei verfeindete Regierungen, im Hintergrund kontrolliert Milizenführer Chalil Haftar Förderung und Vertrieb, der schon älter als 80 Jahre ist. Um unabhängiger zu werden, könnte Deutschland versuchen, weniger Öl und Gas zu verbrauchen. Die aktuelle Bundesregierung zementiert die Abhängigkeit derzeit aber.

    Und die Sicherheit der Anlagen?

    Pipelines liegen in der Regel in der Erde oder im Meer. Wie die Sabotage der Nordstream-Pipeline zeigt, sind aber selbst in 80 Metern Tiefe auf dem Meeresgrund verlegte Leitungen angreifbar. Das gilt auch für Hafenanlagen und die Transportschiffe selbst.

    Könnte sich die Bundesrepublik selbst versorgen?

    Die Ölreserven betrugen Anfang 2025 nach Zahlen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe gut 22,2 Millionen Tonnen. Selbst wenn alles davon förderbar wäre, reichte es nur für ein Vierteljahr. Beim Erdgas sieht es ähnlich aus. Die Reserven werden mit rund 34,7 Milliarden Kubikmeter angegeben, etwa 268 Terawattstunden.

  • Liebe versprechen und kassieren

    Sie heißen Josie, Vivienne oder James. Sie schreiben nette Nachrichten bei Instagram oder Facebook. Manchmal trudelt auch eine Mail mit einem Rosensymbol ein. Für die, die antworten, kann es teuer werden und peinlich. Denn was als harmloser Austausch beginnt, entpuppt sich oft als Betrugsmasche professioneller Banden, die nicht auf Liebe oder Freundschaft, sondern Geld aus sind. Und Deutschland ist besonders empfänglich für dieses kriminelle Geschäftsmodell, wie ein umfangreicher Bericht zu Betrug und Geldwäsche weltweit zeigt.

    Rund 431 Millionen Dollar (371 Millionen Euro) verloren Bundesbürger demnach im vergangenen Jahr an Gauner, die einsamen Menschen hierzulande digital schöne Augen machten. Das entspricht 86 Prozent der gesamten Schadenssumme in der EU durch sogenannten Liebes- und Vertrauensbetrug. Die Summe ist 28 Prozent höher als noch 2023, wie aus dem Global Financial Crime Report von Nasdaq Verafin hervorgeht. Das Unternehmen gehört zur US-Technologiebörse Nasdaq und hilft, Finanzverbrechen zu verhindern. Der Bericht erscheint alle zwei Jahre.

    „Unsere Daten zeigen, dass Deutschland sich zum führenden Hotspot der EU für Identitäts- und Vertrauensbetrügereien entwickelt hat, wobei diese Art von Betrug in alarmierendem Tempo zunimmt“, sagt Kamlesh Harry von Nasdaq Verafin. Weil die Banksicherheit immer robuster werde und die Systeme immer schwerer zu knacken seien, verlagerten Kriminelle ihren Fokus zunehmend. „Sie manipulieren Verbraucher dahingehend, ihr Geld eigenständig zu überweisen.“

    Die Betroffenen von Liebesbetrug zahlen freiwillig teils fünfstellige Summen, weil sie glaubten, der neuen Bekannten oder dem neuen Freund in einer Notsituation zu helfen, Flugtickets zu finanzieren oder den Wunsch, eine Firma zu gründen, zu unterstützen. Ist gezahlt, tauchen die ach so einfühlsamen Onlinebekanntschaften ab. Das Geld ist weg. Viele Opfer schämen sich. Und mancher kommt mit der Schmach nicht klar und tut sich etwas an.

    Beliebt ist auch, jemandem einen Lotteriegewinn zu versprechen, für dessen Überweisung nur eine Anzahlung nötig sei. Allein diese Art von Betrug summierte sich auf rund 1,38 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr, ein Plus von 23 Prozent im Vergleich zu 2023. Und dann sind da Klassiker wie der Enkeltrick, bei dem der Oma vorgegaukelt wird, sie müsse ganz schnell, die Enkelin aus einer Notsituation befreien und Geld überweisen. Der Schaden in Deutschland betrug allein rund 3,9 Milliarden Dollar, ein Zuwachs von 6,3 Prozent.

    Was nach viel Geld klingt, wirkt wenig angesichts der illegalen Summen, die durch das deutsche Finanzsystem geschleust werden. 189,76 Milliarden Dollar ermittelten die Experten, 21 Prozent mehr als 2023. Deutschland steht damit für 28 Prozent aller illegalen Finanzgeschäfte wie Geldwäsche, Drogenhandel und organisiertes Verbrechen in der EU (672,4 Milliarden Dollar). Weltweit beträgt der Wert rund 4,4 Billionen Dollar, 21 Prozent mehr als noch vor zwei Jahren.

    Dazu kamen rund um den Globus insgesamt 579,4 Milliarden Dollar Schäden durch verschiedene Betrugsmaschen wie Liebesbetrug, Enkeltrick oder Bankbetrug, ein Plus von neun Prozent. Insgesamt betrug der Schaden demnach fast fünf Billionen Dollar. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt betrug 2025 nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes umgerechnet 5,2 Milliarden Dollar.

    „Wir befinden uns derzeit inmitten einer ausgewachsenen Finanzkriminalitäts-Krise, die von kriminellen Netzwerken vorangetrieben wird“, sagt Stephanie Champion, Chefin von Nasdaq Verafin. „Diese nutzen Künstliche Intelligenz, um ihre Betrugsmethoden zu optimieren, und Handeln dabei wie große multinationale Unternehmen.“ Harry ergänzt: „Als eines der reichsten Länder Europas mit einem der wichtigsten Finanzplätze ist Deutschland ein besonders attraktives Ziel für organisierte kriminelle Gruppen.“

    Fortschritte in der KI ermöglichten es auch Betrügern aus Übersee, Sprachbarrieren zu überwinden und sehr überzeugende, personalisierte Betrugsmaschen gegen deutsche Opfer einzusetzen, sagt der Experte. „Betrugsfälle sind in der heutigen Zeit immer stärker automatisiert, lassen sich leicht skalieren und erscheinen häufig täuschend echt.“

    Erstellt hat die Studie Nasdaq Verafin gemeinsam mit dem US-Finanzdatenspezialisten Celent und der US-Beratungsfirma Oliver Wyman. Die Zahlen sind anhand von verfügbaren Daten geschätzt. Die wahren Werte können deutlich höher liegen. Eingeflossen sind unter anderem Informationen der europäischen Polizeibehörde Europol, der US-Bundespolizei FBI, dem Internationalen Währungsfonds, den US-Ministerien für Justiz- und Finanzen, den Vereinten Nationen und der Weltbank. Auch sind 505 Experten befragt worden, die sich bei Finanzinstituten damit beschäftigen, Betrügereien zu verhindern.

  • Fernwärme in meinem Haus?

    Für Fernwärme ist im Keller kein Öltank oder Gaskessel mehr nötig. Das schafft Platz. So viel ist klar. Aber rechnet sie sich auch? Florian Bublies ist Energieberater und Fachexperte für Heizungstechnik bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Dieser Zeitung gibt er die wichtigsten Tipps, was bei der Fernwärme zu beachten ist.

    Lohnt der Umbau im Heizungskeller?

    Gasheizung, Warmwasserbereiter, Schornstein – so ein Heizungskeller kann sehr voll gestellt sein. „Das reißt man alles raus“, sagt Bublies „wenn man sich für die Fernwärme entscheidet. Das kann ein Argument dafür sein.“

    Für die Fernwärme sei nur ein „vergleichsweise kleines Übergabegerät“ notwendig. 80 bis 130 Grad Celsius heißes Wasser werde aus einem mehr oder weniger weit entfernt liegenden großen Heizkraftwerk über aufwendig gedämmte Rohrleitungen, das Fernwärmenetz, ins Haus geleitet. So solle möglichst wenig Wärme auf dem Weg in die einzelnen Häuser verloren gehen.

    In der Übergabestation werde das im Haus zirkulierende Wasser zum Heizen oder zum Baden, Duschen, Kochen vom Fernwärmewasser erwärmt. Alte Heizkörper benötigten 60 Grad Celsius, moderne Anlagen etwa mit Fußbodenheizung in einem zudem gut gedämmten Haus deutlich weniger als 50 Grad Celsius. Das abgekühlte Fernwärmewasser fließe dann wieder zum großen zentralen Kraftwerk zurück.

    Die Fernwärme ist oft ein Nebenprodukt, das bei der Stromerzeugung etwa in Gaskraftwerken anfällt. Kraft-Wärme-Kopplung nennt sich das. Es kann auch die Abwärme sein, die bei der Müllverbrennung entsteht. Denkbar ist zum Beispiel auch der Einsatz von Geo- und Solarthermie oder Biomasse.

    Der Umbau im Heizungskeller, in einem Technikraum, seltener auf dem Dachspeicher koste dafür zwischen 5.000 und 15.000 Euro, rechnet Bublies vor. Darunter fielen auch die Entsorgung der alten Anlage und der Anschluss an das Fernwärmenetz auf dem eigenen Grundstück. Manche Stadtwerke und einzelne Kommunen förderten den Anschluss an das Fernwärmenetz auch mit Zuschüssen von etwa 500 bis 3.000 Euro.

    Nur zum Vergleich: Der Einbau einer Wärmepumpe liege, so der Energieexperte, bei etwa 40.000 Euro. Die Summe gehe, wenn man eine staatliche Förderung beantrage, Pi mal Daumen eventuell auf 20.000 Euro runter, bleibe aber immer noch kostspieliger. Für die Fernwärmestation sei auch kein Schornsteinfeger nötig, Wartung von Technik entfalle auch. Das spare zudem. Nur gebe es neben den Anschlusskosten ein „Aber“: Die Betriebskosten. Sie seien besonders hoch.

    Wie teuer wird das Heizen selbst?

    Die Preise für Fernwärme fielen je nach Anbieter, Region und Lage des Hauses zwar unterschiedlich aus, sagt Bublies. Im Schnitt lägen sie aber bei 17 bis 20 Cent pro Kilowattstunde. Bei Gas seien es vor dem Irankrieg 11 Cent, bei Öl 10 gewesen, am günstigsten sei da die Wärmepumpe: mit 8 – 10 Cent.

    Der Preis für die Fernwärme setze sich aus Arbeitspreis – mit ihm wird der tatsächliche Wärmeverbrauch abgerechnet – und Grundpreis zusammen. Letzterer mache etwa 25 Prozent aus. Darin steckten die Kosten, die der Versorger für den Ausbau, den Betrieb, die Instandhaltung des Leitungsnetzes zahlen müsse, auch für das Kraftwerk.

    „Es ist sehr teuer, die Rohre in der Erde zu verlegen“, erklärt der Energieberater, „sie müssen gut isoliert sein, sind entsprechend dick. Das ausgegebene Geld wollen die Stadtwerke, der Dienstleister, wer immer die Wärme anbietet, über den Grundpreis wieder reinholen.“ Anders gesagt: Man finanziert das Kraftwerk und die Wärmenetze anteilig mit

    Das bedeute, sagt Bublies: „Je mehr Nutzer an das Netz angeschlossen sind, um so mehr teilen sich die Fixkosten.“ Darum eigne sich die Fernwärme „vor allem in dicht besiedelten Gebieten, das können auch Neubaugebiete sein“. Und auf dem Land? Dort könne sich die Fernwärme lohnen, wenn die Wärme günstig etwa über die Verwertung von Holzhackschnitzeln oder Biogas lokal gewonnen werde, nicht zu viele Kilometer Rohr verlegt werden müssten.

    Welche Tücken lauern bei der Fern-Heizung?

    Um die Wärme müsse man sich nicht sorgen, in Küche, Bad, Wohnzimmer müsse sich für die Umstellung auf Fernwärme auch nichts ändern, erklärt Bublies: „Normale Heizkörper kommen damit gut zurecht.“ Noch gebe es die Fernwärme aber nur sehr selten. Aktuell würden nur 14 Prozent der gut 41 Millionen Haushalte in Deutschland mit ihr beheizt. Sie gelte aber als ein Baustein, um das Heizen auf erneuerbare Energien umzustellen, auch wenn die Fernwärme-Kraftwerke noch überwiegend mit fossilen Brennstoffen wie Kohle und Gas befeuert würden.

    So müssten Kommunen derzeit ihre kommunale Wärmeplanung erarbeiten. Bis spätestens Ende Juni 2026 sollen Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohnern diese vorlegen. Das schreibe das Wärmeplanungsgesetz vor. Kommunen mit weniger Einwohnern hätten noch bis Ende Juni 2028 Zeit. Vermutlich würden die Netze in den kommenden Jahren vor allem in Städten ausgebaut, „wo Wärmepumpen auch aus Platzgründen vielleicht nicht immer praktisch sind“, meint Bublies.

    Eines sei noch wichtig: „Es gibt vor Ort immer nur ein lokales Fernwärmenetz, Sie können sich den Lieferanten Ihrer Fernwärme nicht aussuchen und müssen sich oft für viele Jahre an ihn binden.“ Den Anbieter einfach so zu wechseln wie bei Gas und Strom, weil er einem zu teuer wird? „Geht nicht, jeder Fernwärmeanbieter ist ein lokaler Monopolist“, sagt Bublies.

  • Eine Frage der Abgaben

    Seit dem Angriff auf den Iran Ende Februar steigen die Spritpreise an deutschen Tankstellen. Im angrenzenden Ausland ist es teilweise billiger. Antworten auf die wichtigsten Fragen zu Ölpreis, Steuern und Tanktourismus.

    Woher bezieht Deutschland Rohöl, den Grundstoff für Benzin und Diesel?

    Im vergangenen Jahr führte Deutschland rund 75,7 Millionen Tonnen. 16,6 Prozent lieferte Norwegen, 16,4 Prozent kamen aus den USA. Libyen steuerte 13,8 Prozent bei, Kasachstan 13,7 Prozent. Auch aus Großbritannien kam viel Öl nach Deutschland. Größter Ölpartner im Nahen Osten war der Irak mit 4,2 Prozent.

    Warum trifft der Iran-Krieg Deutschland, wenn wir kaum Öl aus dem Nahen Osten beziehen?

    Für Rohöl gelten Weltmarktpreise. Sie steigen, weil der Iran versucht, die Straße von Hormus zu blockieren. Diese Meerenge müssen alle Tanker passieren, die Öl aus dem Irak und anderen ölreichen Ländern in Nahost transportieren. Das Angebot sinkt, während die Nachfrage steigt, weil viele Länder versuchen, Lieferausfälle auszugleichen und eventuell auf Vorrat zu kaufen. Und auch Benzin und Diesel werden auf dem Weltmarkt gehandelt. Steigen die Preise dort, trifft das Deutschland. Zum einen kann es für eine Raffinerie attraktiver sein, Benzin und Diesel ins Ausland zu verkaufen, als es im Inland abzusetzen – es sei denn, die Preise im Inland sind ähnlich hoch. Zum anderen importiert Deutschland gut zehn Prozent des hier verkauften Benzins und 30 Prozent des Diesels.

    Wie setzt sich der Spritpreis in Deutschland zusammen?

    Den Endpreis bestimmen vor allem Steuern und Abgaben. Der Wirtschaftsverband Fuels und Energie, der die Mineralölwirtschaft vertritt, gibt an, dass bei einem Endpreis von 193,7 Cent für einen Liter Super E10 nur 56,72 Cent für den Sprit sind. 93,05 Cent machen Energiesteuer, Treibhausgasminderungsquote und CO2-Preis aus. Transport, Lagerung und Gewinn von Tankstellen und Mineralölfirmen belaufen sich auf 12,7 Cent. Auf alles wird die Mehrwertsteuer von 19 Prozent fällig.

    Warum sind die Spritpreise in anderen EU-Ländern zum Teil niedriger als in Deutschland?

    Steuern und Abgaben sind in Deutschland höher als in vielen anderen Ländern der EU. Günstiger war Benzin und Diesel deshalb in den vergangenen Jahren bei den Nachbarn in Frankreich, Österreich, Polen und Tschechien. Deutlich teurer als in der Bundesrepublik ist der Sprit in den Niederlanden. Ein Sonderfall ist die Schweiz. Kurzfristig war der Sprit plötzlich billiger als in Deutschland und lud zu Tanktourismus. Inzwischen steigen die Preise. Der Importverband Avenergy Suisse erwartet ein weiter kräftiges Plus.

    Warum sind die Spritpreise in Deutschland so schnell gestiegen?

    Die Mineralölkonzerne kalkulieren mit Wiederbeschaffungspreisen, wie es beim Wirtschaftsverband Fuels und Energie heißt. Und weil die Weltmarktpreise sowohl für Rohöl als auch für Benzin und Diesel stiegen, stiegen auch die Preise an der Zapfsäule – unabhängig davon, für wie viel Geld der Sprit eingekauft wurde. Ob der ein oder andere Konzern auf Kosten der Autofahrer verdienen will? Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) spricht von Preistreiberei und, „dass die aktuelle geopolitische Situation ausgenutzt wird, um die eigenen Gewinne nach oben zu schrauben.“ Belege hat er nicht. Das Bundeskartellamt beobachtet die Unternehmen, konnte aber schon in der Vergangenheit kein widriges Verhalten feststellen. Aber: Tendenziell steigen die Preise schneller, als sie sinken.

    Warum steigen die Preise in Deutschland schneller als in anderen Ländern?

    Ein Sprecher des Wirtschaftsverbands Fuels und Energie nennt mehrere Gründe. „So haben wir vergleichsweise hohe Steuern auf Diesel und Benzin, und zusammen mit der Mehrwertsteuer führt das zu stärkeren Preisanstiegen selbst dann, wenn die Einkaufspreise für Benzin und Diesel überall gleich gestiegen sind.“ Dann würden zwei Raffinerien in Deutschland gerade gewartet, was das Angebot drücke. „Schließlich unterliegen die meisten Nachbarländer Preiskontrollen oder Preisbremsen, darunter Frankreich, Belgien, Luxemburg, Österreich und Polen.“ Das verhindert, dass die Preise drastisch steigen, aber wohl nur begrenzte Zeit. Dauerhafte Verluste werden die Mineralölunternehmen nicht hinnehmen, schließlich müssen auch Polen und Franzosen am Weltmarkt kaufen. Und ob der Staat den Sprit lange subventionieren kann und will, ist unklar.

    Lohnt es sich, zum Tanken ins Nachbarland zu fahren?

    Das kommt darauf an, wie nah die Grenze ist. Der ADAC rät davon ab, längere Strecken zu fahren, um günstig vollzutanken. Der Spritverbrauch für An- und Abfahrt kann höher sein als die Ersparnis durch niedrigere Preise. Ganz abgesehen von der Zeit, die für die Tanktour verloren geht. Zudem kontrolliert gerade der Zoll verstärkt an den Grenzen, damit niemand im großen Umfang Benzin oder Diesel einführt. Erlaubt sind eine Tankfüllung und ein 20-Liter-Reservekanister.

  • Die Rückkehr des Ersatzkaffees

    Erstmal eine Tasse Kaffee! Sie gehört für viele zum Tag dazu. Im Schnitt trinkt jede und jeder in Deutschland 163 Liter Kaffee im Jahr. Das rechnet der Deutsche Kaffeeverband vor. Kaffee ist das Lieblingsgetränk der Deutschen, liegt noch vor Mineralwasser und Bier. Nur: Der Preis für Kaffeebohnen kennt derzeit kaum eine andere Richtung als nach oben. Tchibo, größter Kaffeeröster Deutschlands, steigt nun in das Geschäft mit Lupinen ein, andere ersetzen die Bohnen durch Getreide oder Zichorie. Was steckt dahinter?

    Die Ware ist heiß begehrt, aber kostspielig: Der Import von nicht gerösteten Kaffeebohnen verteuerte sich von 2021 bis 2025 laut dem Statistischen Bundesamt um knapp 150 Prozent. Längst macht sich das im Supermarktregal bemerkbar.

    Die Verbraucherzentrale Hamburg zum Beispiel listet derzeit „Jacobs Espresso Sticks“ als „Mogelpackung“. Als Kunden die Packungen der Sorten Crema und Espresso im Januar 2026 bei einem Rossmann-Drogeriemarkt kauften, enthielten diese statt zuvor 25 Sticks nur noch 20. Der Preis aber war derselbe: 2,29 Euro. Das entspricht einem Preisanstieg von 25 Prozent.

    Den hatte Hersteller Jacobs Douwe Egberts DE GmbH im November 2025 erklärt mit den „erheblich“ höheren Rohkaffeepreisen, die „vor allem auf die extremen Witterungsbedingungen in den wichtigsten Kaffeeanbauländern zurückzuführen“ seien – und schlechtere Ernten.

    In den Top-5-Kaffeeanbauländern – Brasilien, Vietnam, Kolumbien, Äthiopien und Indonesien – treten nach einer neuen Analyse der gemeinnützigen US-Organisation Climate Central zum Beispiel öfter Tage mit mehr als 30 °C auf. Das schadet besonders Arabica-Kaffeepflanzen. Neben Robusta ist Arabica die am häufigsten genutzte Art.

    Mit Kaffee wird wie mit vielen anderen Rohstoffen spekuliert. Preisschwankungen gehören darum immer dazu. Doch die Bohnen legen per Schiff einen weiten Weg zurück, und Treibstoff wird teurer. Zugleich steigt die Nachfrage, wird etwa in Asien das Kaffeetrinken beliebter. Das alles treibt die Preise derzeit besonders. Der Klimawandel verschärft diese Lage nun noch. Auch Tchibo verlangt seit Mitte Februar mehr Geld für seine Klassiker, 500 Gramm „Feine Milde“ kosten zum Beispiel statt 8,99 Euro nun 9,99 Euro.

    Kaffeebohnen sind noch keine Mangelware, an ihrem Ersatz wird aber längst gedacht. Ganz neu ist das alles nicht. Berühmt: der Caro-Kaffee. Er kam 1954 in Deutschland auf den Markt als lösliches Kaffee-Ersatzgetränk aus Gerste, Roggen, der Wurzel der Zichorie, auch Wegwarte genannt. In der Nachkriegszeit gab es nur wenig klassischen Kaffee. Das Alternativ-Produkt, auch gern als Muckefuck oder Malzkaffee bezeichnet, kam gerade recht. Körner zu einem Getränk aufzubrühen, das hatten aber auch schon die alten Ägypter gemacht.

    Heute erlebt der Ersatz-Kaffee ein Comeback – aus Zutaten, die sich hierzulande anbauen lassen. Darunter Getreide wie Gerste, Roggen oder auch Dinkel. Auch Zichorie, Löwenzahn oder Lupine werden genutzt. Immer gilt: Die klassischen Bohnen sind raus und damit ist es auch ihr Koffein.

    Woher der Trend kommt: unklar. Koffein-Verzicht, um etwa den Magen zu schonen, mag eine Rolle spielen. Tchibo hingegen will den genau nicht, sondern ganz das Gegenteil: Das Hamburger Traditionsunternehmen will den Kaffee mit Koffein retten.

    Monika Heyn ist dort Produktentwicklerin. Sie sagt: „Es gibt Berichte, nach denen könnten sich die für den Kaffeeanbau bisher geeigneten Fläche wegen des Klimawandels möglicherweise halbieren.“ Darum suchten sie nach Alternativen, „nach einer neuen Richtung für den Kaffeegenuss der Zukunft“, hätten etwa zwei Jahre getüftelt, dabei die Lupine entdeckt.

    Diese könne die klassische Bohne aber nicht zu 100 Prozent ersetzen. Für den Kaffeegeschmack sei deren Koffein entscheidend. So mische Tchibo nun die klassischen Bohnen mit Samen der Süßlupine, die sie aus Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern beziehen. Diese ließen sich ähnlich wie Kaffee rösten, schmeckten leicht süßlich und hätten nussige Noten.

    Die genaue Zusammensetzung: 51 % Süßlupinen und 49 % Robusta-Bohnen. Im Vergleich zu Arabica enthalte Robusta mehr Koffein, am Ende sei der Koffeingehalt „nur etwas geringer“ als bei gewöhnlichem Kaffee, meint Heyn. Der Preis für die 250-Gramm-Packung „Kaffee & Lupine“ gemahlen: 3,99 Euro.

    „Wer auf Erdnüsse allergisch ist, sollte bei Kaffee mit Lupinen allerdings vorsichtig sein, dann reagiert man womöglich auch auf sie“, sagt Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. „Ansonsten ist das“, beobachtet er, „eine Entwicklung wie beim Kakao.“

    Auch die Preise für Kakao stiegen weltweit wegen sinkender Ernten. Darum werde längst mit Schokolade ohne Kakao experimentiert. Rewe setze als erster großer deutscher Lebensmitteleinzelhändler in einigen Produkten seiner Eigenmarken diese bereits ein: Choviva, hauptsächlich bestehend aus gemahlenen Sonnenblumenkernen, pflanzlichem Fett, Zucker.

    „Gegen solche Alternativprodukte spricht nichts, wenn vorne auf der Verpackung klar und deutlich steht, was drin ist“, sagt der Verbraucherschützer. Trotz geringerer Rohstoffkosten seien die Ersatzprodukte meist nicht günstiger, zumal die Mengen noch klein seien, es auch an Konkurrenz fehle. „Außerdem“, so Valet, „wollen Hersteller und Händler das Preisniveau ihrer Produkte aus eigenem Interesse heraus hoch halten.“ Die Tasse Kaffee wird dem Mensch wohl teuer bleiben.

  • Preiskampf im Frischeregal

    Warum kostet ein Kilo Bananen aus Kolumbien im Supermarkt mehr als ein Kilo Äpfel aus Deutschland? Die krummen Früchte aus Lateinamerika sind je nach Region und Supermarktkette schon für unter einem Euro zu haben, für das heimische Obst wird oft das Doppelte oder mehr verlangt. Doch die Transportkosten bestimmen nur einen Teil des Preises, anderes schlägt stärker durch, vor allem bei der Banane.

    Sie ist das beliebteste Obst der Deutschen. Im Schnitt aß jede und jeder 2025 nach Zahlen des Fruchthandelsverbands 9,5 Kilogramm Bananen und 8,3 Kilogramm Äpfel. Nicht eingerechnet sind die Obstmengen, die in Deutschlands Kantinen, Restaurants und Imbissbuden verzehrt wurden.

    Der Preis der Banane hat zunächst einmal mit dem Obst an sich zu tun. „Weltweit gibt es über 400 Bananensorten, von denen nur wenige essbar sind. Die bei uns gehandelte große Obstbanane ist praktisch immer von der Sorte Cavendish“, sagt Andreas Brügger, Geschäftsführer des Deutschen Fruchthandelsverbands. „Weil alle das gleiche Produkt verkaufen, ist die Konkurrenz sehr groß.“ Und wo viele um die Gunst der Käufer wetteifern, sind die Preise niedriger.

    Auch der Anbau der Bananen wirkt sich auf den Preis aus. „Bananen wachsen vor allem in feuchtwarmen tropischen Gebieten. Sie lassen sich das ganze Jahr über ernten“, sagt Brügger. Das Obst wächst in großen Plantagen und ist in der Regel auf Ertrag und einfaches Ernten ausgerichtet. Hinzu kommt: „Die Arbeits- und Logistikkosten in den Anbaugebieten sind im Vergleich zu Deutschland niedrig.“

    Dann hat der Preis mit der Menge zu tun. Bananen werden international auf deutlich größeren Flächen angebaut als heimisches Kernobst, heißt es beim Discounter Lidl, das ermögliche entsprechende Skaleneffekte in der Logistik. Sehr vereinfacht: Wer sich spezialisiert, spart Geld. Und wer viel Frachtplatz bucht, erhält hohe Rabatte.

    Dazu kommt: „Deutschland ist nach den USA der zweitgrößte Importmarkt und deswegen sehr interessant“, sagt Brügger. Entsprechend hoch sei der Wettbewerb. Im vergangenen Jahr importierte Deutschland nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes 1,43 Millionen Tonnen des Obstes, gut sechs Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

    Die meisten Bananen in Deutschlands Supermärkten kommen aus Kolumbien und Ecuador. Beide Länder zusammen lieferten im vergangenen Jahr etwas mehr als zwei Drittel aller Bananen, die hierzulande verkauft wurden, wie das Statistische Bundesamt ermittelte. Auf Platz 3 folgt Costa Rica mit rund zwölf Prozent. „Sie werden unreif und grün bei möglichst konstanter Temperatur von 13,5 Grad nach Europa geschifft“, erklärt der Fruchtverbandschef. Die Temperatur ist wichtig, sonst reifen die Bananen zu früh.

    Die Container mit Bananen landen in Hamburg und Bremerhaven sowie Rotterdam in den Niederlanden und Antwerpen in Belgien an. In Deutschland reifen sie dann in besonderen Hallen, die über das Land verteilt sind, unter kontrollierter Temperatur und Luftfeuchtigkeit, bevor sie in die Supermarktregale kommen.

    Standardisierter Anbau, große Mengen, viel Wettbewerb erklärt günstige Bananenpreise, aber nicht unbedingt, warum sie niedriger als die für Äpfel sind, die in Deutschland wachsen. Für Brügger vom Fruchthandelsverband ist klar: „Äpfel haben einen Standortvorteil, sie müssen nicht weit transportiert werden.“ Aber: „In der Produktion entstehen hohe Arbeits- und Maschinenkosten, die teurer sind als zum Beispiel in Lateinamerika, wo Bananen wachsen.“ Vor allem die Handarbeit in der Apfelplantage kostet. Und das Obst kann nur einmal im Jahr geerntet werden.

    Damit es Äpfel vom Bodensee, aus Sachsen oder dem Alten Land auch in Monaten gibt, in denen Obst hierzulande nicht wächst, müssen sie aufbewahrt werden. Da ist von Vorteil, dass sie nicht allzu empfindlich sind. „Äpfel lassen sich anders als Bananen sehr gut lagern“, sagt Brügger. „Allerdings benötigt die Kühllagerung unter kontrollierter Atmosphäre ganzjährig viel Energie und stellt somit eine hohe Kostenposition dar.“ So ersetzt etwa Stickstoff den Sauerstoff, damit das Obst nicht fault.

    Und dann sind da noch die Händler. Denn Bananen sind für viele Supermärkte ein Ankerprodukt und damit ähnlich wichtig wie Butter oder Kaffee. Verbraucher, so die Theorie, bewerten anhand der Preise solcher Ankerprodukte, wie teuer ein Supermarkt ist. Und wechseln womöglich zur Konkurrenz. Entsprechend kann es sein, dass Händler an Bananen nichts verdient, nur um sie möglichst günstig anzubieten.

    Wegen des harten Wettbewerbs halten sich die Supermarktketten auch mit Informationen bedeckt. Aldi-Süd zum Beispiel, das einen eigenen Importeur besitzt, äußert sich grundsätzlich nicht dazu, wie die Preise gestaltet werden. Bei Lidl ist es ebenso. Die Konkurrenz könnte Schlüsse ziehen und einen Vorteil gewinnen. Andere Konzerne wie Edeka schweigen sich aus.

    Gerade die hohen Lohn- und Energiekosten verteuern die Äpfel also im Vergleich zu Bananen, die auch hohem Wettbewerb unterliegen und industriell angebaut werden. Die Transportkosten fallen nicht so sehr ins Gewicht. Dennoch sind Äpfel und Bananen in den vergangenen Jahren teurer geworden, wie das Statistische Bundesamt errechnet hat. Äpfel kosten jetzt rund 17 Prozent mehr als 2020, Bananen 20 Prozent.