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  • Das Ende der Riester-Rente

    Abschied von der Riester-Rente

    An diesem Freitag verabschiedet der Bundestag die Reform der privaten Altersvorsorge. Für Arbeitnehmer und Selbständige wird die zusätzliche Altersvorsorge einfacher und einträglicher. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

    Wolfgang Mulke

    Wen will der Staat bei der privaten Vorsorge unterstützen?

    Wie schon bisher gibt es die Förderung für alle Arbeitnehmer. Mit dabei sind zum Beispiel Auszubildende, Beamte oder Soldaten. Neu ist, dass auch Selbständige gefördert werden. Grundsätzlich können alle Pflichtversicherten in der Rentenversicherung die Förderung beanspruchen. 

    Wie funktioniert die private Förderrente künftig?

    Ab dem 1. Januar 2027 wird die Förderung der privaten Altersvorsorge auf den Beine gestellt. Statt einer festen Grundzulage wie bei der Riester-Rente bisher schießt der Staat den Sparern für jeden eingezahlten Euro etwas dazu. Bis zu einem Sparbetrag von 360 Euro im Jahr 50 Cent, zwischen 360,01 Euro und 1.800 Euro noch 25 Cent. Für Kinder gibt es einen Zuschlag von 300 Euro im Jahr, wenn der Eigenbeitrag wenigstens 25 Euro monatlich beträgt. Eine Mutter mit einem Kind, die den Mindestbeitrag von 25 Euro im Monat spart, kann auf eine Grundzulage von 150 Euro plus der Kinderzulage von 300 Euro, also 450 Euro im Jahr kommen.

    Wer bietet Förderrenten an?

    Wie bisher schon dürfen Banken, Versicherungen oder Fondsgesellschaften entsprechende Produkte anbieten. Neu sind drei wichtige Dinge. So gibt es künftig einfache Standardprodukte. Deren Kosten sind auf ein Prozent im Jahr gedeckelt. Neben der privaten Finanzwirtschaft wird künftig auch ein öffentlicher Träger ein Standarddepot anbieten. Damit erfüllt die Koalition eine Forderung von Verbraucherschützern. Die Finanzwirtschaft kritisiert eine staatlich organisierte Konkurrenz dagegen heftig. Welche öffentliche Stelle die Verwaltung der Spargroschen übernehmen soll, ist noch nicht bekannt.

    Was zeichnet ein Standarddepot aus?

    Das Standarddepot eignet sich vor allem für Vorsorgesparer, die wenig Erfahrung mit Finanzfragen haben und ein leicht verständliches und leicht einzurichtendes Produkt bevorzugen. Es lässt sich auch schnell online abschließen und bedarf während der gesamten Ansparphase keiner weiteren Entscheidungen mehr. Zudem sind die Kosten auf maximal ein Prozent im Jahr gedeckelt. Je nach Anbieter können die Kosten noch deutlich geringer sein, wie Beispiele aus anderen Ländern oder die Kosten von ETF-Sparplänen zeigen. Verbraucherschützer hoffen darauf, dass das von einem öffentlichen Träger angebotene Standarddepot auch in Hinblick auf die Kosten das Vorbild für die Angebote privater Finanzfirmen wird.

    Darf ich künftig auch mit Aktien für das Alter vorsorgen?

    Es gibt zwei Standardvarianten. Die etwas risikoreichere sieht vor, das nur 80 Prozent der Beiträge garantiert erhalten werden. Ein Teil des Ersparten darf künftig damit auch in renditeträchtigere Anlagen wie Aktien oder Fonds investiert werden. Die sichere Variante ist eine Beitragsgarantie von 100 Prozent. Darüber hinaus gibt es für risikobereite Sparer auch die Möglichkeit, auf ein Produkt ganz ohne Beitragsgarantie, das so genannte Altersvorsorgedepot, zu setzen. Damit werden die hohen Renditen an den Kapitalmärkten ermöglicht. In welche einzelnen Fonds, Aktien, Anleihen oder andere Wertpapiere Anbieter das Geld der Kunden stecken, hängt von der jeweiligen Strategie der Unternehmen ab.

    Wie wirken sich die unterschiedlichen Risikoprofile finanziell aus?

    Das hängt zwar vom Einzelfall ab, kann aber mit einer Modellrechnung leicht verdeutlicht werden. Angenommen ein Sparer zahlt 30 Jahre lang monatlich 100 Euro in einen Standardvertrag mit 100-prozentiger Beitragsgarantie ein. Im Durchschnitt bringt die Anlage eine Rendite von 2,5 Prozent im Jahr. Am Ende ist ein Vermögen von 53.400 Euro zusammengekommen. Entscheidet sich der Sparer für ein Produkt ohne Garantien, könnte die durchschnittliche Rendite vorsichtig gerechnet vier Prozent im Jahr erreichen. Bei einer gleichen Einzahlung steht am Ende ein Vermögen 68.800 Euro. 

    Darf ich aus meinem alten Riester-Vertrag in die neue Förderung wechseln?

    Das ist problemlos möglich. Das bereits angesammelte Vermögen wird dann auf den neuen Vertrag übertragen. Allerdings kann dafür eine Gebühr von maximal 150 Euro fällig werden. Für weiter laufende Riester-Verträge gilt ein Bestandsschutz. Gerade bei nur noch kurz laufenden Verträgen bis zur Rentenauszahlung dürfte sich ein Wechsel kaum noch lohnen. Je länger die Zeitspanne bis zum Rentenalter ist, desto mehr lohnt sich ein Wechsel. Denn die höheren Erträge am Kapitalmarkt summieren sich mit den Jahren, wie die Modellrechnung zeigt, auf beträchtliche Summen.

    Wie sicher ist das Altersvorsorgedepot?

    Da mit dieser Variante keine Beitragsgarantie verbunden ist, kann es auch zu Verlusten kommen, etwa wenn die Börsen gerade auf Crashkurs sind. Da die Altersvorsorge jedoch eine sehr langfristige Form des Sparens ist, zeigen die Erfahrungen aus der Vergangenheit, dass in der Regel keine Verluste, sondern eher ansehnliche Zuwächst dabei herauskommen. Zur Sicherheit wird das Vermögen mit einem näher rückenden Rentenalter aus risikoreicheren Anlagen in sichere Anlagen umgeschichtet. 

    Muss ich mir das angesparte Vermögen als Rente auszahlen lassen?

    In der Regel erhalten die Sparer in der Auszahlungsphase eine monatliche Rente. Dabei können sie zwischen zwei Varianten wählen. Es gibt entweder eine lebenslang garantierte Rentenzahlung oder sie wird zeitlich begrenzt. In letzterem Fall muss die Zahlung wenigstens bis zum vollendeten 85. Lebensjahr laufen. Danach gibt es dann keine Rentenzahlung mehr. Das Risiko, sehr viel länger zu leben, und dann auf eine regelmäßige Einkunft verzichten zu müssen, trägt der Sparer. 

    Zudem gibt es die Möglichkeit, zur Finanzierung eines Eigenheims aus laufenden Verträgen Geld zu entnehmen.

  • Noch lange ein Sanierungsfall

    Die Bahn kämpft an vielen Stellen um eine bessere Zukunft. Trotz neuer Milliarden fehlt immer noch viel Geld für ein modernes Netz. Kleine Lichtblicke gibt es aber auch.

    Wolfgang Mulke

    Es gibt auch gute Nachrichten vom Bahnfahren. So wird an diesem Freitag eine einst beliebte Verbindung wieder aufgenommen. Es gibt wieder einen Nachtzug von Berlin nach Paris. Es ist allerdings nicht die Deutsche Bahn, die auf dieser Strecke künftig verkehren wird. Vielmehr fährt der European Sleeper nun drei Mal wöchentlich von der Spree an die Seine. Das niederländisch-belgische Bahnunternehmen ist eine Genossenschaft und will den kontinentalen Nachtverkehr systematisch erschließen. Zwischen Prag und Brüssel läuft der Verkehr bereits, mit Barcelona oder Mailand sollen weitere beliebte Ziele dazu kommen.

    Damit stößt der European Sleeper in eine Lücke, die von der Deutschen Bahn und der Österreichischen Staatsbahn aufgerissen wurde. Die beiden Bahnen haben den Nachtverkehr zwischen den beiden Metropolen im vergangenen Winter eingestellt, weil der Betrieb nicht wirtschaftlich war. Auch andere Nachtverkehre in Europa ereilte dieses Schicksal. Nun will die Konkurrenz aus Utrecht beweisen, dass sich mit der Fahrt im Schlafmodus auch Geld verdienen lässt.

    Wieder Geld verdienen muss auch die Deutsche Bahn (DB). Die Bilanz des vergangenen Jahres weist diesbezüglich Licht und Schatten aus. So muss die neue Bahnchefin Evelyn Palla an diesem Freitag vier Monate nach Amtsantritt einen Riesenverlust im Fernverkehr verkünden. Eine Milliardenabschreibung auf die Sparte beschert dem Konzern einem Bericht der Agentur Reuters zufolge einen Verlust von 2,5 Milliarden Euro für das vergangene Jahr. Allein für Entschädigungen für die Fahrgäste infolge von Verspätungen musste die Bahn einen dreistelligen Millionenbetrag herausrücken. Das ist zwar viel weniger als 2024, doch zeigt die Zahl, wie teuer die Unzuverlässigkeit für das Unternehmen selbst wird.

    „Wir stellen die Bahn vom Kopf auf die Füße“, kündigte Palla an, als sie den Job vom geschafften Vorgänger Richard Lutz übernahm. Konkret sollen vor allem in der Verwaltung Doppelfunktionen abgebaut werden. Rund ein Drittel der 3.600 Spitzenleute muss wohl den Platz räumen. Entscheidungen sollen vielmehr dort getroffen und verantwortet werden, wo das Geschäft auch stattfindet. So hat es Palla im Nahverkehr durchgezogen. Bei DB Regio war sie zuvor schon Vorstandschefin. Und die Sparte ist aus der Verlustzone damit wieder herausgekommen. Nach 108 Millionen Euro Gewinn 2024 gab es im vergangenen Jahr eine „signifikante Steigerung“, wie es im Vorfeld der Bilanzveröffentlichung hieß. Diese Dezentralisierung dient nun als Vorbild für den Gesamtkonzern.

    Geld fehlt, obwohl die Bahn eigentlich darin schwimmt. 84 Milliarden Euro stellt der Bund zur Verfügung, um marode Gleisanlagen, Stellwerke aus Kaisers Zeiten oder Weichen zu modernisieren, Bahnhöfe aufzuhübschen und die Infrastruktur auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen. Es tut sich etwas rund um die Gleise. Allein in diesem Jahr erwartet die Infrastrukturtochter InfraGo 28.000 Baustellen. Dabei geht es um kleine wie große Vorhaben. Das erste Riesenprojekt neigt sich allmählich dem Ende zu. Im Juni soll die generalsanierte Verbindung zwischen Hamburg und Berlin nach einer monatelangen Totalsperrung wieder freigegeben werden. Bahntypisch mit großer Verspätung. Eigentlich sollten die Bauarbeiten Anfang Mai fertig sein. Doch der harte Winter mit festgefrorenen Böden machte Bauarbeiten wochenlang unmöglich. 

    Auch auf dieser Strecke macht sich ab dem Fahrplanwechsel im Sommer Konkurrenz zur Deutschen Bahn auf, dem Branchenprimus Marktanteile abzujagen. Flixtrain will mehr Züge zwischen Berlin und Hamburg einsetzen. Bislang sind die Wettbewerber im Fernverkehr eher zu vernachlässigen. Nur sehr wenige Linienverkehre sind in privater Hand. Flixtrain will das ändern. Das Münchner Unternehmen hat im vergangenen Jahr eine Flotte hochmoderner Züge bestellt, mit dem sie den Markt aufmischen will. Bisher stammen die grün lackierten Züge eher aus längst vergangenen Zeiten.

    Direkt im Anschluss wird es mit einer Generalsanierung zwischen Hannover und Hamburg losgehen. In jedem Jahr soll es zwei dieser Mammutprojekte geben. Bis Mitte der 30er Jahre sollen dann 41 wichtige Schienenkorridore Kern eines leistungsfähigen Bahnnetzes sein. Das Konzept der Totalsperrungen und Erneuerung von Grund auf ist durchaus umstritten. Die Riedbahn zwischen Frankfurt und Mannheim bildete 2024 den Auftakt. Versprochen wurde damals, dass die Zahl der Störungen um 80 Prozent verringert werde. Davon ist die Strecke auch heute noch ein gutes Stück entfernt. Außerdem bedeutet eine komplette Sperrung vor allem für den Güterverkehr erhebliche Umleitungen von teils mehreren Hundert Kilometern. Und auf Unverständnis stößt auch, dass im Zuge der Bauarbeiten nicht gleich auch durchgängig das digitale Zugsteuerungssystem ETCS (European Train Control System) installiert wird. Mit diesem System erhöht sich die Kapazität auf einer Trasse um bis zu 30 Prozent. Und Kapazitätsengpässe sind das große Problem im Schienenverkehr.

    Damit ist man wieder beim Geld. Trotz der Milliarden vom Bund fehlt es nicht nur für die Ausstattung mit ETCS. Auch Neu- und Ausbaustrecken sind nicht in großem Umfang vorgesehen. Das bemängelt unter anderem der bahnpolitische Sprecher der Grünen, Matthias Gastel. Das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität könne für eine auskömmliche und verlässliche finanzielle Grundlage sorgen, stellt der Abgeordnete fest. „Allerdings wird deutlich, dass die Finanzierung von Neu- und Ausbau unterfinanziert sind“. 

    Als das Sondervermögen beschlossen wurde, hatte die Bahn eine Rechnung in die Verteilungsdebatte eingebracht. Die Liste der bis Mitte des nächsten Jahrzehnts benötigten Mittel summierte sich auf 150 Milliarden Euro. Dazu sollten noch 140 Milliarden Euro aus dem regulären Haushalt kommen. Im Vergleich zu den zugesagten Milliarden wird deutlich, dass es nach wie vor an ausreichenden Investitionsmitteln mangelt. Offen ist auch noch die Einrichtung eines Fonds, der die Finanzierung der Netzsanierung über einen zehnjährigen Zeitraum zu sichern. Das würde auch der Bauindustrie helfen, in neue große Maschinen und in Personal zu investieren. Denn auch deren Kapazität ist noch begrenzt. Aber das ist eine andere Geschichte.

    Zurück zu den aktuellen Problemen des Bahnverkehrs. Unzuverlässig rollt der Schienenverkehr nicht nur wegen maroder Gleise und überalterter Stellwerke. Auch die Engpässe an den Knotenbahnhöfen mit besonders vielen Pendlern und einem entsprechenden Aufkommen an Nahverkehrszügen ziehen Verspätungen nach sich, die sich schnell auf das gesamte Netz ausweiten. Eine Taskforce der Bundesregierung, an der die gesamte Branche nebst den zuständigen Regulierungsbehörden beteiligt ist, hat nun einen Katalog mit 22 schnell wirksamen Maßnahmen für mehr Pünktlichkeit vorgelegt. 

    Ein Teil davon soll die wichtigsten Knotenbahnhöfe entlasten. Solche Flaschenhälse für den Durchgangsverkehr sehen die Experten an den Stationen in Hamburg, Berlin, Frankfurt, München, Hannover, Köln und Mannheim. Dazu kommen für den Güterverkehr noch die Grenzbahnhöfe in Bad Schandau und Frankfurt/Oder. Kleine Änderungen sollen die Lage dort stabilisieren. So sollen „Jokergleise“ freigehalten werden, um unvorhergesehene Züge aufzunehmen, damit sie den regulären Fahrplan nicht durcheinanderbringen. Zudem werden Pufferminuten in den Fahrplan eingebaut und die Abstände zwischen zwei Zügen so vergrößert. 

    Sollte das alles nicht fruchten, hat die Taskforce eine Tür für eine Ultima-Ratio-Lösung geöffnet. Dann könnten Züge für einen flüssigeren Verkehrsfluss gestrichen werden. Das stößt bei den möglicherweise betroffenen Bahnunternehmen auf wenig Gegenliebe, gingen ihnen damit doch wichtige Einnahmen verloren. Und auch der Fahrgastverband Pro Bahn hält nichts von einem schlechteren Angebot. So seltsam es klingt, ist der Erfolg des Bahnverkehrs auch ein Grund für dessen Unzulänglichkeiten. Das starke Wachstum hat die Kapazitätsengpässe mit ausgelöst.

    Der Nahverkehr steht ohnehin schon unter einem erheblichen finanziellen Druck. Eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes vor wenigen Tagen hat diese Entwicklung noch einmal verschärft. Die Richter haben die Deckelung der Trassenpreiserhöhungen für die Nahverkehrsunternehmen in Deutschland gekippt. Nun müssen sich die Auftraggeber der S-Bahnen und Regiozüge auf eine stark steigende Schienenmaut einstellen. Einige Verkehrsminister der Länder sagen schon heftige Angebotskürzungen voraus, wenn der Bund nicht für einen Ausgleich sorgt. Nicht nur die Deutsche Bahn hat also finanzielle Probleme.

    Doch beim Staatskonzern summieren sich Pleiten, Pech und Pannen. So musst die Eröffnung des Prestigeprojekts Stuttgart 21 kürzlich wieder einmal verschoben werden. Einen neuen Eröffnungstermin hat die Bahn noch nicht genannt. Das Projekt geht nicht nur mit jahrelanger Verspätung in Betrieb – sofern es jemals dazu kommt – sondern auch mit erheblichen Mehrkosten, auf denen die DB sitzen bleiben dürfte. Aus den geplanten 4,5 Milliarden Euro Baukosten sind mittlerweile 11.5 Milliarden Euro geworden. 

    Als Damoklesschwert hängt noch eine andere europäische Vorgabe über der Bahn, genauer gesagt dem Güterverkehr. Die in den vergangenen Jahren extrem verlustträchtige Tochter muss in diesem Jahr die Gewinnzone erreichen. Denn der Konzern darf die Verluste künftig nicht mehr ausgleichen. Mit einer harten Sanierung und dem Abbau Tausender Stellen will die neue Cargo-Führung das rettende Ufer schwarze Zahlen erreichen. Es gibt also auch abseits der maroden Infrastruktur für die neue Bahnchefin viel zu erledigen.

    Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) will wenigstens für eine bessere Stimmung unter den Leid geplagten Bahnkunden sorgen. Auf sein Geheiß hat Palla drei Sofortprogramme auf den Weg gebracht. So sollen die Bahnhöfe sicherer und sauberer werden. Gerade hat das Unternehmen einen Frühjahrsputz an 1.400 Stationen gestartet. In den Zügen werden zusätzlich mobile Teams für die Reinigung während der Fahrten und für kleine Reparaturen, etwa der Kaffeemaschinen eingesetzt. Schließlich soll auch den Bordbistros unterwegs nicht mehr der Nachschub an Speisen und Getränken ausgehen. 

  • Geld für die alte Jeans

    Modehersteller sollen künftig zahlen für die Sammlung der massenhaften Altkleider, die derzeit die Container verstopfen. Das will SPD-Umweltminister Schneider regeln. Ist das eine Trendwende?

    Jetzt also wieder Skinny-Jeans, das Hosenbein ganz eng. Waren nicht gerade noch die lässig geschnittenen Baggy-Jeans angesagt? Oder muss es die Barrel-Jeans sein, mit der fassartigen O-Form, an den Oberschenkeln weit, am Knöchel wieder schmaler? Sie kommen nicht mehr mit? Kein Wunder. Der Modezirkus dreht sich schnell, kaum in, ist eine Form schon wieder out. Raus aus dem Schrank, ab in den Müll. Bisher werden nur wenige Textilien wieder verwendet, kaum etwas wird recycelt. Das soll sich ändern.

    SPD-Bundesumweltminister Carsten Schneider knöpft sich die Modefabrikanten vor. Sie sollen verpflichtet werden, sich um das Sammeln von ausrangierten Klamotten, auch von Bettwäsche, Handtüchern, Hüten oder Schuhen zu sorgen, zudem um deren Sortierung und Recycling – und dieses auch finanzieren. Anders gesagt: Sie sollen Verantwortung für ihre Produkte über den Verkauf hinaus übernehmen.

    Das Problem in Zahlen: Bisher landet jedes Jahr Kleidung in der Menge von 200 gefüllten Fußballstadien im Müll – 120 Millionen Tonnen. Das haben Experten der Unternehmensberatung Boston Consulting vorgerechnet. Sie urteilten, dass sei nicht nur ein „gewaltiges Umweltproblem, sondern auch eine verpasste Chance für die Bekleidungsindustrie“. Denn der weltweite Materialwert dieser Abfälle liege bei geschätzten 150 Milliarden US-Dollar – jedes Jahr. Da müsse sich etwas drehen.

    Das sieht nun auch die Bundesregierung so, aber nicht nur sie. Die EU-Mitglieder haben im Herbst 2025 eine entsprechende Richtlinie zur „Erweiterten Herstellerverantwortung für Textilien“, so nennen das Experten, verabschiedet. Sie trifft alle Unternehmen, die Textilien erstmals auf den europäischen Markt bringen. Darunter fallen damit auch asiatische Shoppingportale wie Temu oder Shein, die ihre im Internet angebotenen spottbilligen Kleidungsstücke aus China nach Brüssel, Wien, Warschau oder eben Hamburg, Dresden, München schicken.

    Deutschland und alle anderen Länder in der EU müssen diese Richtlinie nun umsetzen. Bisher kommen in der EU auf eine Person in einem Jahr 12 Kilo Müll an Bekleidung und Schuhen. Umweltminister Schneider hat dazu jetzt ein siebenseitiges Eckpunktepapier veröffentlicht, ein konkreter Gesetzesentwurf soll später folgen. Altkleider zu sammeln ist in Deutschland nichts Neues, ein System längst aufgebaut. Im Frühjahr den Kleiderschrank ausmisten? Warum nicht die Sachen in einen Container stopfen.

    Lange Zeit lief das auch rund. Es kamen mehr gut erhaltene Hosen oder T-Shirts zusammen als etwa das Rote Kreuz brauchte. Die guten Stücke wurden aussortiert und als Second-Hand-Kleidung verkauft, etwa nach Osteuropa. Das lohnte sich für gemeinnützige Organisationen, auch für kommerzielle Unternehmen. Doch heute quellen Container über mit ausrangierten Klamotten, die oft für nichts mehr taugen. Bei der sich schnell drehenden Mode, der Fast-Fashion, halten die Nähte weniger lang, reißen Stoffe schneller. Die Qualität ist zu schlecht für Second-Hand. Sammelstellen sind am Limit, sie bauen Container ab – nicht auf.

    Diese laut Eckpunktepapier „aktuelle Verwerfungen auf dem deutschen Alttextilmarkt“ sollen aufgefangen werden, in dem die Textilfirmen das System zum Sammeln, Sortieren und Recyceln künftig mit finanzieren. Sie müssen sich dazu an einer sogenannten „Organisationen für Herstellerverantwortung“ beteiligen, das können gemeinnützige Einrichtungen sein wie das Rote Kreuz oder auch kommunale und gewerbliche Entsorger.

    Jede Organisation soll eine Sammelquote von 70 Prozent erreichen, gemessen an der Menge, die die angeschlossenen Hersteller im Vorjahr auf den Markt gebracht haben, bei der Verwertung dann eine Quote von 95 und beim Recycling inklusive Wiederverwendung eine von 85 Prozent. Dabei soll gelten: Je mehr Textilien ein Hersteller auf den Markt bringt und je minderwertiger die Ware ist, umso höher der Betrag. Heißt: Es soll für Produzenten teurer werden, wenn der Fummel kaum gekauft schon auseinander fällt. Hersteller sollen damit finanzielle Anreize bekommen, Langlebigkeit, Reparaturfreundlichkeit, Recyclingfähigkeit beim Design ihrer Produkte mit zu denken und weniger Fast Fashion zu produzieren.

    Wird sich der Stil der Mode damit ändern – weg von schnelllebigen Trends hin zu Jeans wenn auch nicht fürs Leben, doch für ein paar Jahre? „Wer es damit Ernst meint“, sagt Anna Hanisch, Referentin für Kreislaufwirtschaft beim Umweltverband NABU, „muss klare Kriterien für die Umweltfreundlichkeit und die entsprechende Staffelung der Gebühren vorgeben“. Das sei aber nicht vogesehen, stattdessen solle das eine Entscheidung der Organisationen der Herstellerverantwortung selbst bleiben, welche Preise sie festlegen.

    Die Folgen seien bekannt, meint Hanisch: „Die Industrie muss sich ja auch schon lange um ihre Plastikverpackungen kümmern, wenn die nicht mehr gebraucht werden“ – den Müll im Gelben Sack. Die Vorgaben seien ähnlich wie jene, die für die Textilwirtschaft kommen sollten. Hanisch: „am Ende entscheiden sich die Hersteller immer für das billigste Angebot mit den geringsten Aufschlägen für Ex- und Hopp.“

    Hanisch wird nicht die einzige sein, die nun eine Stellungnahme schreibt. Der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie sprach bereits von einem „unkalkulierbaren Milliardenrisiko“. Das Gesetz muss bis zum 17. Juni 2027 in Kraft treten. Wer weiß was für eine Jeansform dann trendet.


  • Hühnchen ohne Gentechnik, bitte!

    Das Angebot in deutschen Supermärkten von Fleisch, Milch, Eiern, auf denen die grüne Raute mit dem weißen Schriftzug „Ohne Gentechnik“ über einer dreiblättrigen Pflanze prangt, wächst. Es ist bei Kunden beliebt.

    Für derart gelabelte Lebensmittel gaben sie 2025 insgesamt satte 18,1 Milliarden Euro aus. Das ist gut eine Milliarde mehr als noch 2024. Die Deutschen kaufen für genauso viel Geld Bio-Lebensmittel. Damit ist das „Ohne Gentechnik“ Label gefragt wie nie, es dürfte noch mehr Gewicht bekommen.

    „Das Siegel wird in Zukunft auch bei auch bei Grundnahrungsmitteln wie Brot, Kartoffeln und anderem Gemüse sowie daraus hergestellten Produkten relevant“, sagt Alexander Hissting. Er ist Geschäftsführer des Verbandes Lebensmittel ohne Gentechnik, kurz VLOG, der das Logo vergibt. Von ihm stammen auch die neuen Umsatzzahlen für das vergangene Jahr. Sie lagen dieser Zeitung vorab vor.

    Das Logo, das schon 2009 von der damaligen CSU-Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner auf den Weg gebracht wurde, findet sich bisher vor allem auf Eiern, Milch und Fleisch. Kühe, Rinder, Hühner, Schweine werden häufig mit gentechnisch verändertem Futter ernährt, außer es sind Bio-Betriebe, bei denen Gentechnik grundsätzlich tabu ist.

    Auf Genfutter gibt es im Supermarktregal keinen Hinweis. Die EU schreibt ihn nicht vor. Das Argument: Es ist in Milch oder Eiern nicht nachweisbar. Das ist bei Obst und Gemüse anders. Sind diese gentechnisch verändert, müssen sie oder die daraus produzierten Lebensmittel in der Zutatenliste gekennzeichnet sein.

    Aigner wollte die Kennzeichnungslücke im Milchregal und Eierkarton schließen, ging einen neuen Weg. Motto: Dann können Hersteller halt die Produkte freiwillig kennzeichnen, in denen garantiert keine Gentechnik drin ist. So sollten es Verbraucher, denen die Gentechnik nicht behagt, beim Einkaufen leichter haben.

    Längst gehen Biotechnologen aber neue Wege. Früher schleusten sie artfremde Gene in das Erbgut einer Pflanzen ein. Berühmt: der BT-Mais, der so selbst ein Gift gegen Fraßfeinde produzieren konnte. Mittlerweile können sie mit Techniken wie Crispr-Cas im Erbgut kleinere Eingriffe machen – ähnlich einer Schere, mit der sich einzelne Buchstaben oder längere Passagen im genetischen Text einer Pflanze entfernen, verändern, hinzufügen lassen.

    Dieses Gen-Editing, so erklären die Befürworter, sei vergleichbar mit herkömmlicher Züchtung, bei der aus einer Vielzahl von Kreuzungen die beste Variante herausgesucht wird. Es gehe nur schneller.

    Pflanzen aus diesen sogenannten „neuen“ gentechnischen Verfahren sollen in der Europäischen Union künftig ohne Gentechnik-Kennzeichnung verkauft werden können. Das Argument in diesem Fall: Sie unterscheiden sich nicht, allenfalls kaum von klassischen Züchtungen. Das ist umstritten.

    Hissting etwa erklärt: „Es gibt längst Möglichkeiten, Veränderungen durch neue Gentechnik nachzuweisen. Dafür müssen die Hersteller nur weiterhin verpflichtet werden, alle Manipulationen offenzulegen.“

    Noch muss das EU-Parlament den gelockerten Kennzeichnungsregeln zustimmen. Doch gilt das – der Termin ist im Mai geplant – als wahrscheinlich, auch wenn sich dagegen Lebensmittelfirmen wie Tiefkühlhersteller Frosta oder die dm-Drogeriemarktkette stemmen.

    Sie erklärten in einem offenen Brief, dass viele Kunden gentechnisch veränderten Pflanzen „sehr skeptisch gegenüber“ stünden. Die Unternehmen wollten „weiterhin Produkte ohne Einsatz von Gentechnik produzieren und anbieten können.“ Meinen sie das ernst, bliebe voraussichtlich nur ein Weg: Sie nehmen mehr „Ohne Gentechnik“ gelabelte Produkte ins Regal.

    Für Lebensmittel mit „Ohne GenTechnik“-Siegel gilt – egal ob „alte“ oder „neue“ gentechnische Methoden – erstens: ein Verbot des Einsatzes von gentechnisch veränderten Organismen oder Teilen davon, zweitens: ein Verbot des Einsatzes von Vitaminen, Aromen, Enzymen und anderen Lebensmittelzusatzstoffen, die mithilfe von gentechnisch veränderten Mikroorganismen hergestellt wurden, drittens: eine Fütterung ohne gentechnisch veränderte Pflanzen.

  • „Wir sind Französ:innen, aber…“

    Auch auf der 7.000 Kilometer von Paris entfernten Karibikinsel Martinique finden die französischen Kommunalwahlen statt. Was hält die dortige Bevölkerung von Frankreich und Europa?

    Bei vollem Tank verspricht das digitale Armaturenbrett des Peugeot „520 Kilometer Autonomie“. Von diesem Lebensgefühl kann aber keine Rede sein, wenn man im alltäglichen Morgen-, Mittag- oder Nachmittagsstau auf der dreispurigen Autobahn zwischen Fort-de-France und Le Lamentin in der Sonne brütet.

    Mehr politische Autonomie ist für viele Bewohner:innen Martiniques ein wichtiges Thema – auch jetzt im Wahlkampf. In Strasbourg, Lyon, Paris, in tausenden französischen Dörfern werden die Bürgermeister:innen gewählt, auf Martinique in der Karibik ebenfalls. Denn die Antilleninsel gehört zu Frankreich. Sie ist ein Übersee-Departement vor der Küste Venezuelas, ein 7.000 Kilometer von der Hautpstadt entfernter Außenposten. Wie stehen die Bewohner:innen zu Frankreich, und welche Rolle spielt Europa für sie?

    „Wir wissen, dass wir Französ:innen sind, aber…“, sagt Jiovanny William, einer der vier auf Martinique gewählten Abgeordneten der franzöischen Nationalversammlung, „aber die Insel braucht mehr Autonomie“. Darunter versteht der 40-jährige Rechtsanwalt, dass die örtlichen Verwaltungen und Gemeinderäte mehr Befugnisse erhalten sollten, um regionale Lösungen für regionale Probleme zu finden. Als ein Beispiel nennt er, dass Fahrzeuge auf der Insel bisher offiziell keine getönten Fensterscheiben haben dürfen. Denn die Vorschriften orientierten sich an der schwächeren Sonneneinstrahlung in Frankreich, nicht an der starken in der Karibik.

    Außerdem solle der Zentralstaat es seinem karibischen Departement einfacher machen, direkten Handel mit den süd- und zentralamerikanischen Nachbarn zu treiben, erklärt William. „Heute wird Holz aus Franzöisch-Guyana erst nach Le Havre in Frankreich verschifft, bevor man es von dort zurück nach Martinique liefert – ein teurer Umweg.“ Möglicherweise ist das einer der von vielen Gründen, warum Importprodukte auf der Insel unnötig teuer sind, worunter der Lebensstandard der Bevölkerung leidet.

    In einem einstöckigen, weißen Gebäude unweit der Strandpromenade der Kleinstadt Le Robert betreibt William sein Heimatbüro. Er stammt von der Insel, hat in Frankreich studiert und wurde 2022 in die Nationalversammlung gewählt. Nun fliegt er ständig hin und her, mindestens zwei Arbeitswochen monatlich verbringt er in Paris. Dort gehört er der Demokratischen Linken an, einer Parlamentsgruppe, die mit den Sozialisten kooperiert.

    Jetzt im Kommunal-Wahlkampf steht William nicht selbst zur Wahl, unterstützt aber einen Bürgermeister-Kandidaten. Bei der vergangenen Wahl 2020 eroberten linksgerichtete Parteien zwei Drittel der Rathäuser auf Martinique. Nun, in der ersten Runde der aktuellen Kommunalwahl am 15. März, bekamen linke Listen in 16 von 34 Wahlbezirken die meisten Stimmen. Kandidat:innen des Zentrums lagen in fünf Gemeinden vorne. Rechte Wahllisten gewannen vorläufig in nur drei Bezirken, wobei sich darunter keine eigene des rechtsextremen Rassemblement National fand. In den übrigen Gemeinden standen unabhängige Politiker:innen auf Platz Eins.

    Bei den örtlichen Wahlen spielen vor allem lokale Fragen wie zusätzliche Plätze in Altenheimen, Absenkungen von Bordsteigkanten für Rollstühle, Sportplätze, Sicherheit an Schulen oder die Algenplage im Meer eine Rolle. Ein besonderer Aufreger aber ist „la vie chère“, das teure Leben, denn viele Produkte, die aus Frankreich importiert werden, haben hier deutlich höhere Preise als dort.

    Größere Fragen wie die Autonomie sind damit verwoben. Das ist eher kein Thema, das bei Rechten und Rechtsextremen einzahlt, denn diese werden als Vertreter eines starken Pariser Zentralstaates betrachtet und dafür kritisiert. Dabei ist auf Martinique interessant, dass es selten um die komplette Unabhängigkeit geht, sondern eher um mehr Entscheidungsspielraum im Rahmen der französischen Politik. Für diese Linie sprach sich schon Aimé Césaire aus, der wichtigste Politiker der Insel im 20. Jahrhundert. Während Frankreich etwa in Westafrika mittlerweile deutlich an Einfluss einbüßt und im pazifischen Übersee-Territorium Neu-Kaledonien eine starke Unabhängigkeitsbewegung der Regierung keine Ruhe lässt, scheint die Bevölkerung Martiniques mit der Zugehörigkeit zum Mutterland mehrheitlich einverstanden zu sein. Warum?

    Martinique, c’est très francaise. Vieles funktioniert wie in der fernen Metropole: die Autokennzeichen, das Warenangebot in den riesigen Leclerc-Supermärkten, das Schulsystem, die Verwaltung und Justiz. Und alle sprechen die Amtssprache Französisch.

    Das karibische Departement ist im Durchschnitt relativ wohlhabend. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf erreicht knapp zwei Drittel der französischen – ein Niveau, von dem Millionen Menschen in Mittel- und Südamerika nur träumen. Das funktioniert auch wegen der Milliarden Euro, die Paris Jahr für Jahr auf die Insel überweist – unter anderem, um das Handelsdefizit auszugleichen. Denn Martinique importiert viel mehr Waren als es exportiert. Die Insel stellt zu wenige Produkte her, um ihre 350.000 Einwohner:innen annähernd selbst zu versorgen.

    Wie in Frankreich weht an jedem Rathaus die französische Fahne – neben der europäischen. Trotzdem interessierten sich 85 Prozent der Einheimischen nicht für Europa, vermutet Jiovanny William, der Abgeordnete. Farell Francois-Haugrin dagegen, der mit Williams Unterstützung als Bürgermeister für Le Robert kandidiert, betrachtet die Sache differenzierter: „Ohne Geld aus Frankreich und anderen EU-Ländern könnten wir hier manches nicht bezahlen.“

    Francois-Haugrin sieht müder aus als auf den Plakaten, die überall hängen. Gerade kommt er im grünen T-Shirt mit dem aufgedruckten Logo seiner Kampagne zurück ins Büro – nachdem er einen samstäglichen Autokorso durch die Dörfer seines Wahlbezirks absolviert hat. Bei solchen Fahrten sieht man nicht selten große Hinweistafeln, die darüber informieren, dass dieses oder jenes Projekt aus europäischen Mitteln mitfinanziert wurde – Straßenbeleuchtung, die Renovierung einer Kirche, Glasfaserleitungen fürs Internet, der Ausbau einer Schule. Der Preis: Wirtschaftliche führt zu politischer Abhängigkeit. Der Kampf für mehr Autonomie ist kein Selbstläufer.

    https://taz.de/Kommunalwahl-auf-Martinique/!6161404&s=hannes%2Bkoch

  • Mit der Kraft vom Balkon

    Auf die Sonne, fertig, los! Verbraucher rennen Firmen die Türen ein, die kleine Balkonkraftwerke oder große Photovoltaik, also PV-Anlagen, fürs Dach verkaufen. „Mehrere Anbieter sehen derzeit einen Anstieg der Nachfrage um 50 Prozent“, sagt Benjamin Weigl, Energieexperte bei Finanztip. Das Ratgeberportal hat darum nachgerechnet, was sich derzeit für wen lohnt. Die Ergebnisse liegen dieser Zeitung exklusiv vor.

    Mit dem Iran-Krieg, mit der Blockade der Straße von Hormus für Handelsschiffe, einer der wichtigsten Transportrouten für LNG-Flüssiggas und Öl aus der Golfregion, ist die Angst vor einer Energiekrise zurück. Also: Den Strom zumindest für Wasch- und Spülmaschine, Kühlschrank und Fernsehen mit Hilfe der Sonne selbst erzeugen, sich unabhängiger machen, Energiekosten sparen?

    Sich jetzt darüber Gedanken zu machen, sei richtig, meint Weigl: „Noch gilt, dass wer seinen selbst erzeugten Solarstrom in das öffentliche Stromnetz einspeist, dafür vom Staat für jede Kilowattstunde 20 Jahre lang einen festen Geldbetrag bekommt. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie will diese sogenannte Einspeisevergütung für neue Solaranlagen aber ab 2027 abschaffen.“

    Er sagt: „Balkonkraftwerke sind der günstige Einstieg in den Solarstrom und besonders für Miet- und Eigentumswohnungen empfehlenswert. Eine große Photovoltaikanlage bleibt die Lösung für alle, die eine sonnige Dachfläche haben und sich mit möglichst viel eigenem Strom selbst versorgen möchten.“ Das ist das Grundsätzliche. Im einzelnen heißt das:

    „Balkonkraftwerke amortisieren sich schnell“, so Weigl. Ein kleines Modell bestehe meist aus zwei Modulen à 450 Watt-Peak und einem Wechselrichter, der den Solarstrom in Hausstrom verwandelt. Das gebe es für etwa 400 Euro. Das Gerät rentiere sich bereits nach rund drei Jahren, ein größeres mit vier dieser Solarmodule für etwa 700 Euro nach rund dreieinhalb Jahren. Der Betrieb sei einfach.

    Die Mini-Solaranlagen lassen sich mit wenigen Handgriffen am Balkongeländer oder auf der Terrasse anbringen. Sie haben zudem einen Stecker, der bei Anlagen mit zwei Modulen in die normale Haushaltssteckdose passt, für größere ist eine spezielle Energiesteckdose nötig. Bevor der Strom fließt, muss das kleine Kraftwerk noch im Marktstammdatenregister der Bundesnetzagentur (MaStR) an gemeldet werden. Wer dazu noch einen Speicher installiert, muss diesen dort übrigens gesondert registrieren lassen, und sollte sich erkundigen, ob zudem eine Mitteilung an den Netzbetreiber erforderlich ist.

    Die Mini-Solarstationen könne sich jedenfalls auch anschaffen, wer keine eigene Wohnung, kein eigenes Haus habe, sagt Weigl: „Mieter haben inzwischen grundsätzlich einen Anspruch darauf, ein Balkonkraftwerk zu betreiben.“ Voll autark, also unabhängig von Stromversorgern, werde man damit aber nicht. Ein Drei-Personen-Haushalt mit einem typischen Stromverbrauch von 3.500 Kilowattstunden (kWh) pro Jahr könne mit einem kleinen Balkonkraftwerk etwa 15 Prozent seines Stroms selbst erzeugen, mit dem größeren rund 20 Prozent.

    Wie viel Ertrag ein Balkonkraftwerk genau bringt, hängt von der Ausrichtung, dem Neigungswinkel, der Sonneneinstrahlung vor Ort ab. Die Finanztip-Leute sind von einem Süd-Balkon ohne Verschattung und einem Anbringwinkel von 70 Grad ausgegangen. Alle notwendigen Daten haben sie dann beim Online-Rechner der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin eingegeben. Der rechnete damit, dass das kleine Balkonkraftwerk etwa 770 kWh Strom pro Jahr erzeugt, das größere gut 1300 kWh.

    Klassische Photovoltaik-Anlagen, die auf dem Dach oder an der Fassade aufwändiger zu montieren seien, lieferten da „mehr Unabhängigkeit“, erklärt Weigl: „Mit 18 Modulen und einem Fünf-kWh-Batteriespeicher kann derselbe Beispielhaushalt rund 72 Prozent seines Strombedarfs selbst decken, die Investitionskosten sind aber auch deutlich höher.“

    PV-Anlage und dazu die Batterie im Keller kosteten derzeit rund 14.000 Euro, sagt der Energieexperte. Darin enthalten sei auch die Rechnung für den Elektroinstallateur, der am Ende die Anlage ans Netz anschließe. Das dürfe man nicht selbst machen. Rechne man dann noch Betriebskosten von 1,5 Prozent der Anschaffungskosten pro Jahr dazu, zudem den notwendigen Ersatz des Batteriespeichers nach zehn bis 15 Jahren und ein intelligentes Strom-Messsystem, amortisiere sich die PV-Anlage auf dem Dach oder an der Fassade erst nach knapp 15 Jahren. Liefe sie insgesamt aber 20 Jahre ergebe sich am Ende ein Überschuss von 5400 Euro. Die noch bestehende Einspeisevergütung ist dabei mit einbezogen. Sie macht einen Unterschied.

    Theoretisch sei die Einspeisevergütung auch bei Balkonkraftwerken möglich, meint Weigl – wenn der Strom nicht selbst benötigt wird, sondern ins öffentliche Netz fließt. Dann allerdings würden die Regeln gelten wie bei normalen PV-Anlagen. Heißt: Man muss einen separaten Stromzähler installieren und sich für die Einspeisevergütung mit allerlei Formularen und Dokumenten anmelden. Das sei es meist nicht wert.

    Weigls Fazit: „Wer viel Strom verbraucht oder künftig mehr Strom benötigt – etwa durch ein Elektroauto oder eine Wärmepumpe – für den lohnt sich eine PV-Anlage allerdings deutlich schneller.“ Und die Unabhängigkeit vom Strommarkt sei viel größer.

    Für Solar auf dem Balkon gebe es Förderungen, für Solar auf dem Dach auch. Es lohne, sich zu erkundigen, etwa hier:

    https://www.finanztip.de/photovoltaik/balkon-solaranlage/foerderung/

    https://www.finanztip.de/photovoltaik/pv-foerderung/

  • Fernwärme in meinem Haus?

    Für Fernwärme ist im Keller kein Öltank oder Gaskessel mehr nötig. Das schafft Platz. So viel ist klar. Aber rechnet sie sich auch? Florian Bublies ist Energieberater und Fachexperte für Heizungstechnik bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Dieser Zeitung gibt er die wichtigsten Tipps, was bei der Fernwärme zu beachten ist.

    Lohnt der Umbau im Heizungskeller?

    Gasheizung, Warmwasserbereiter, Schornstein – so ein Heizungskeller kann sehr voll gestellt sein. „Das reißt man alles raus“, sagt Bublies „wenn man sich für die Fernwärme entscheidet. Das kann ein Argument dafür sein.“

    Für die Fernwärme sei nur ein „vergleichsweise kleines Übergabegerät“ notwendig. 80 bis 130 Grad Celsius heißes Wasser werde aus einem mehr oder weniger weit entfernt liegenden großen Heizkraftwerk über aufwendig gedämmte Rohrleitungen, das Fernwärmenetz, ins Haus geleitet. So solle möglichst wenig Wärme auf dem Weg in die einzelnen Häuser verloren gehen.

    In der Übergabestation werde das im Haus zirkulierende Wasser zum Heizen oder zum Baden, Duschen, Kochen vom Fernwärmewasser erwärmt. Alte Heizkörper benötigten 60 Grad Celsius, moderne Anlagen etwa mit Fußbodenheizung in einem zudem gut gedämmten Haus deutlich weniger als 50 Grad Celsius. Das abgekühlte Fernwärmewasser fließe dann wieder zum großen zentralen Kraftwerk zurück.

    Die Fernwärme ist oft ein Nebenprodukt, das bei der Stromerzeugung etwa in Gaskraftwerken anfällt. Kraft-Wärme-Kopplung nennt sich das. Es kann auch die Abwärme sein, die bei der Müllverbrennung entsteht. Denkbar ist zum Beispiel auch der Einsatz von Geo- und Solarthermie oder Biomasse.

    Der Umbau im Heizungskeller, in einem Technikraum, seltener auf dem Dachspeicher koste dafür zwischen 5.000 und 15.000 Euro, rechnet Bublies vor. Darunter fielen auch die Entsorgung der alten Anlage und der Anschluss an das Fernwärmenetz auf dem eigenen Grundstück. Manche Stadtwerke und einzelne Kommunen förderten den Anschluss an das Fernwärmenetz auch mit Zuschüssen von etwa 500 bis 3.000 Euro.

    Nur zum Vergleich: Der Einbau einer Wärmepumpe liege, so der Energieexperte, bei etwa 40.000 Euro. Die Summe gehe, wenn man eine staatliche Förderung beantrage, Pi mal Daumen eventuell auf 20.000 Euro runter, bleibe aber immer noch kostspieliger. Für die Fernwärmestation sei auch kein Schornsteinfeger nötig, Wartung von Technik entfalle auch. Das spare zudem. Nur gebe es neben den Anschlusskosten ein „Aber“: Die Betriebskosten. Sie seien besonders hoch.

    Wie teuer wird das Heizen selbst?

    Die Preise für Fernwärme fielen je nach Anbieter, Region und Lage des Hauses zwar unterschiedlich aus, sagt Bublies. Im Schnitt lägen sie aber bei 17 bis 20 Cent pro Kilowattstunde. Bei Gas seien es vor dem Irankrieg 11 Cent, bei Öl 10 gewesen, am günstigsten sei da die Wärmepumpe: mit 8 – 10 Cent.

    Der Preis für die Fernwärme setze sich aus Arbeitspreis – mit ihm wird der tatsächliche Wärmeverbrauch abgerechnet – und Grundpreis zusammen. Letzterer mache etwa 25 Prozent aus. Darin steckten die Kosten, die der Versorger für den Ausbau, den Betrieb, die Instandhaltung des Leitungsnetzes zahlen müsse, auch für das Kraftwerk.

    „Es ist sehr teuer, die Rohre in der Erde zu verlegen“, erklärt der Energieberater, „sie müssen gut isoliert sein, sind entsprechend dick. Das ausgegebene Geld wollen die Stadtwerke, der Dienstleister, wer immer die Wärme anbietet, über den Grundpreis wieder reinholen.“ Anders gesagt: Man finanziert das Kraftwerk und die Wärmenetze anteilig mit

    Das bedeute, sagt Bublies: „Je mehr Nutzer an das Netz angeschlossen sind, um so mehr teilen sich die Fixkosten.“ Darum eigne sich die Fernwärme „vor allem in dicht besiedelten Gebieten, das können auch Neubaugebiete sein“. Und auf dem Land? Dort könne sich die Fernwärme lohnen, wenn die Wärme günstig etwa über die Verwertung von Holzhackschnitzeln oder Biogas lokal gewonnen werde, nicht zu viele Kilometer Rohr verlegt werden müssten.

    Welche Tücken lauern bei der Fern-Heizung?

    Um die Wärme müsse man sich nicht sorgen, in Küche, Bad, Wohnzimmer müsse sich für die Umstellung auf Fernwärme auch nichts ändern, erklärt Bublies: „Normale Heizkörper kommen damit gut zurecht.“ Noch gebe es die Fernwärme aber nur sehr selten. Aktuell würden nur 14 Prozent der gut 41 Millionen Haushalte in Deutschland mit ihr beheizt. Sie gelte aber als ein Baustein, um das Heizen auf erneuerbare Energien umzustellen, auch wenn die Fernwärme-Kraftwerke noch überwiegend mit fossilen Brennstoffen wie Kohle und Gas befeuert würden.

    So müssten Kommunen derzeit ihre kommunale Wärmeplanung erarbeiten. Bis spätestens Ende Juni 2026 sollen Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohnern diese vorlegen. Das schreibe das Wärmeplanungsgesetz vor. Kommunen mit weniger Einwohnern hätten noch bis Ende Juni 2028 Zeit. Vermutlich würden die Netze in den kommenden Jahren vor allem in Städten ausgebaut, „wo Wärmepumpen auch aus Platzgründen vielleicht nicht immer praktisch sind“, meint Bublies.

    Eines sei noch wichtig: „Es gibt vor Ort immer nur ein lokales Fernwärmenetz, Sie können sich den Lieferanten Ihrer Fernwärme nicht aussuchen und müssen sich oft für viele Jahre an ihn binden.“ Den Anbieter einfach so zu wechseln wie bei Gas und Strom, weil er einem zu teuer wird? „Geht nicht, jeder Fernwärmeanbieter ist ein lokaler Monopolist“, sagt Bublies.

  • Die Rückkehr des Ersatzkaffees

    Erstmal eine Tasse Kaffee! Sie gehört für viele zum Tag dazu. Im Schnitt trinkt jede und jeder in Deutschland 163 Liter Kaffee im Jahr. Das rechnet der Deutsche Kaffeeverband vor. Kaffee ist das Lieblingsgetränk der Deutschen, liegt noch vor Mineralwasser und Bier. Nur: Der Preis für Kaffeebohnen kennt derzeit kaum eine andere Richtung als nach oben. Tchibo, größter Kaffeeröster Deutschlands, steigt nun in das Geschäft mit Lupinen ein, andere ersetzen die Bohnen durch Getreide oder Zichorie. Was steckt dahinter?

    Die Ware ist heiß begehrt, aber kostspielig: Der Import von nicht gerösteten Kaffeebohnen verteuerte sich von 2021 bis 2025 laut dem Statistischen Bundesamt um knapp 150 Prozent. Längst macht sich das im Supermarktregal bemerkbar.

    Die Verbraucherzentrale Hamburg zum Beispiel listet derzeit „Jacobs Espresso Sticks“ als „Mogelpackung“. Als Kunden die Packungen der Sorten Crema und Espresso im Januar 2026 bei einem Rossmann-Drogeriemarkt kauften, enthielten diese statt zuvor 25 Sticks nur noch 20. Der Preis aber war derselbe: 2,29 Euro. Das entspricht einem Preisanstieg von 25 Prozent.

    Den hatte Hersteller Jacobs Douwe Egberts DE GmbH im November 2025 erklärt mit den „erheblich“ höheren Rohkaffeepreisen, die „vor allem auf die extremen Witterungsbedingungen in den wichtigsten Kaffeeanbauländern zurückzuführen“ seien – und schlechtere Ernten.

    In den Top-5-Kaffeeanbauländern – Brasilien, Vietnam, Kolumbien, Äthiopien und Indonesien – treten nach einer neuen Analyse der gemeinnützigen US-Organisation Climate Central zum Beispiel öfter Tage mit mehr als 30 °C auf. Das schadet besonders Arabica-Kaffeepflanzen. Neben Robusta ist Arabica die am häufigsten genutzte Art.

    Mit Kaffee wird wie mit vielen anderen Rohstoffen spekuliert. Preisschwankungen gehören darum immer dazu. Doch die Bohnen legen per Schiff einen weiten Weg zurück, und Treibstoff wird teurer. Zugleich steigt die Nachfrage, wird etwa in Asien das Kaffeetrinken beliebter. Das alles treibt die Preise derzeit besonders. Der Klimawandel verschärft diese Lage nun noch. Auch Tchibo verlangt seit Mitte Februar mehr Geld für seine Klassiker, 500 Gramm „Feine Milde“ kosten zum Beispiel statt 8,99 Euro nun 9,99 Euro.

    Kaffeebohnen sind noch keine Mangelware, an ihrem Ersatz wird aber längst gedacht. Ganz neu ist das alles nicht. Berühmt: der Caro-Kaffee. Er kam 1954 in Deutschland auf den Markt als lösliches Kaffee-Ersatzgetränk aus Gerste, Roggen, der Wurzel der Zichorie, auch Wegwarte genannt. In der Nachkriegszeit gab es nur wenig klassischen Kaffee. Das Alternativ-Produkt, auch gern als Muckefuck oder Malzkaffee bezeichnet, kam gerade recht. Körner zu einem Getränk aufzubrühen, das hatten aber auch schon die alten Ägypter gemacht.

    Heute erlebt der Ersatz-Kaffee ein Comeback – aus Zutaten, die sich hierzulande anbauen lassen. Darunter Getreide wie Gerste, Roggen oder auch Dinkel. Auch Zichorie, Löwenzahn oder Lupine werden genutzt. Immer gilt: Die klassischen Bohnen sind raus und damit ist es auch ihr Koffein.

    Woher der Trend kommt: unklar. Koffein-Verzicht, um etwa den Magen zu schonen, mag eine Rolle spielen. Tchibo hingegen will den genau nicht, sondern ganz das Gegenteil: Das Hamburger Traditionsunternehmen will den Kaffee mit Koffein retten.

    Monika Heyn ist dort Produktentwicklerin. Sie sagt: „Es gibt Berichte, nach denen könnten sich die für den Kaffeeanbau bisher geeigneten Fläche wegen des Klimawandels möglicherweise halbieren.“ Darum suchten sie nach Alternativen, „nach einer neuen Richtung für den Kaffeegenuss der Zukunft“, hätten etwa zwei Jahre getüftelt, dabei die Lupine entdeckt.

    Diese könne die klassische Bohne aber nicht zu 100 Prozent ersetzen. Für den Kaffeegeschmack sei deren Koffein entscheidend. So mische Tchibo nun die klassischen Bohnen mit Samen der Süßlupine, die sie aus Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern beziehen. Diese ließen sich ähnlich wie Kaffee rösten, schmeckten leicht süßlich und hätten nussige Noten.

    Die genaue Zusammensetzung: 51 % Süßlupinen und 49 % Robusta-Bohnen. Im Vergleich zu Arabica enthalte Robusta mehr Koffein, am Ende sei der Koffeingehalt „nur etwas geringer“ als bei gewöhnlichem Kaffee, meint Heyn. Der Preis für die 250-Gramm-Packung „Kaffee & Lupine“ gemahlen: 3,99 Euro.

    „Wer auf Erdnüsse allergisch ist, sollte bei Kaffee mit Lupinen allerdings vorsichtig sein, dann reagiert man womöglich auch auf sie“, sagt Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. „Ansonsten ist das“, beobachtet er, „eine Entwicklung wie beim Kakao.“

    Auch die Preise für Kakao stiegen weltweit wegen sinkender Ernten. Darum werde längst mit Schokolade ohne Kakao experimentiert. Rewe setze als erster großer deutscher Lebensmitteleinzelhändler in einigen Produkten seiner Eigenmarken diese bereits ein: Choviva, hauptsächlich bestehend aus gemahlenen Sonnenblumenkernen, pflanzlichem Fett, Zucker.

    „Gegen solche Alternativprodukte spricht nichts, wenn vorne auf der Verpackung klar und deutlich steht, was drin ist“, sagt der Verbraucherschützer. Trotz geringerer Rohstoffkosten seien die Ersatzprodukte meist nicht günstiger, zumal die Mengen noch klein seien, es auch an Konkurrenz fehle. „Außerdem“, so Valet, „wollen Hersteller und Händler das Preisniveau ihrer Produkte aus eigenem Interesse heraus hoch halten.“ Die Tasse Kaffee wird dem Mensch wohl teuer bleiben.

  • 90 Gramm Pfeffer für 15,95 Euro

    Der Preis für den Pfeffer ist gesalzen. Zwar nicht immer, das 50-Gramm-Glas gemahlener schwarzer Pfeffer gibt es im Discounter schon für 85 Cent, der Kilopreis beträgt damit 17 Euro. Aber es geht auch anders – teurer: Zum Beispiel lässt sich im Internet ein edler schwarzer Karton, Schrift gold und weiß, mit drei 30 Gramm-Tütchen Kampot-Pfeffer für 15,95 Euro kaufen. Der Kilopreis liegt damit bei satten 177 Euro. Wie bitte? Eine Erkundung.

    Um Pfeffer wurden einst Kriege geführt. Im Mittelalter wurde er wie Edelmetall gehandelt, ließen sich Pacht und Schulden mit ihm zahlen. Erhalten hat sich aus der Zeit der Spottname Pfeffersack für den schnell reich gewordenen Kaufmann. Heutzutage fehlt er in kaum einer Küche.

    Er ist allgegenwärtig, kein Gewürz beliebter. Und lange Zeit wurde darum wenig Aufsehen gemacht: Auf der Theke im Imbiss steht Pfeffer im schmucklosen Streuer mit gelöchertem Blechdeckel, in den Regalen der Supermärkte und Discounter in überschaubarer Auswahl, schwarz, weiß, gemahlen oder in ganzen Körnern. Vorbei. Plötzlich geht es um intensiven Geschmack.

    Es begann mit Sterneköchen, die wie sonst nur bei Wein üblich über „fruchtig-würzige“ Aromen des Pfeffers redeten oder sein „Terroir“, die Umgebung, wo er wächst. Heute gibt es Verkostungen, Geschenksets für Normalköche und besondere Sorten, indischen Tellicherry-Pfeffer oder eben Kampot-Pfeffer. Dessen Preis gehe „up, up, up“, sagt Son Noun. Hoch, hoch, hoch. Noun führt über eine Pfefferfarm in Kampot, südliches Kambodscha.

    18 Flug- und zweieinhalb Autostunden von Deutschland entfernt, am Ende lehmig rote Wege. Der mineralhaltige Boden, das sehr feuchte warme Klima nahe der Küste am Golf von Thailand – alles sei „ideal“, sagt Noun, hinter ihm Pfeffersträucher, die sich in Reihe um etwa drei Meter hohe schmale Holzstämme ranken, immer Richtung Sonne. Grasgrüne Beeren hängen in Rispen herunter, wie Johannisbeeren. Die Pflanzen, lateinisch: Piper nigrum, lieferten die vier verschiedene Pfeffersorten: grüne, schwarze, weiße und rote. Alle kommen von der gleichen Pflanzenart, nicht von verschiedenen Gewächsen?

    „Nein, die Pfefferbeeren haben nur unterschiedliche Reifegrade“, sagt Noun. Schwarz seien unreif geerntete Beeren, die mehrere Wochen in der Sonne getrocknet und dabei schwarz werden. Sie seien besonders scharf, kräftig, etwas Minze, gut etwa zu Steak, denn sie enthielten besonders viel Piperin. Das ist der Stoff, der den Geschmack von Pfeffer ausmacht.

    Der grüne Pfeffer habe davon weniger, schmecke milder. Noun pflückt ein Exemplar, bietet es zum Essen an: Zitrusnote, gar nicht scharf. Damit das Grün sich hält, wird dieser Pfeffer nach der Ernte oft in Meersalz eingelegt, die Körner werden weicher.

    Weiß sei reifer Pfeffer. Die gelb-orangenen Beeren würden 48 Stunden in Wasser eingeweicht, das löse Schale und Fruchtfleisch vom Kern, der noch in der Sonne gebleicht werde. Sein Aroma erinnere an frisches Gras, Limetten, passe zu Fisch oder Salaten.

    Am kostbarsten sei der rote Pfeffer. Es ist der Pfeffer, der am längsten am Strauch bleibt. Der sei ähnlich scharf, aber süßlich-fruchtiger als schwarzer Pfeffer. In der längeren Reifezeit lagert sich mehr Zucker an. Die Spätlese birgt Risiken: Spielt das Wetter mit? Kommen gefräßige Insekten? Farmer müssen den genauen Zeitpunkt erwischen, können oft nur wenige rote Beeren pflücken. Das macht den roten Pfeffer – den viele zu Lamm, aber auch zu Schokolade und Desserts schätzen – besonders teuer.

    Die Farbenlehre ist allerorten gleich. Pfeffer, der ursprünglich aus Indien stammt, wird in vielen tropischen Regionen angebaut. Kampot-Pfeffer ist allerdings wie Schwarzwälder Schinken oder Lübecker Marzipan eine von der EU geschützte geographische Angabe. Der Name wird damit zum Gütesiegel. Der Anbau des Pfeffers hat eine lange Tradition.

    Bauern kehrten zu ihr aber erst in den 90er Jahren zurück. Das war viele Jahre nach dem Sturz der Roten Khmer, der Terrorgruppe, die 1975 die Macht in Kambodscha übernommen und die Bevölkerung gezwungen hatte, sich ausschließlich dem Reisanbau zu widmen. Ihre Schreckensherrschaft, die Millionen Kambodschanern das Leben kostete, dauerte vier Jahre.

    Die Qualität des Pfeffers: besonders, Regeln für den Anbau sind von der Kampot Pepper Association festgelegt. In ihr haben sich Farmer der Region organisiert. Alles öko, chemische Dünger und Pestizide sind tabu. Alles Handarbeit. Das zeigt sich, als Noun die Farm zeigt, die von einer schottisch-kambodschanischen Familie betrieben wird, Botree heißt und klein ist wie die meisten Farmen in der Region, 20 Beschäftige, drei Hektar mit Pfeffer.

    Die Ernte solle in wenigen Tagen starten. Sie ist immer zwischen März und Mai. Alle Pfefferbeeren würden dann von Hand gepflückt und getrennt nach: grün, reif, überreif. In großen Wannen würden sie zunächst gewaschen, später im heißen Wasserbad von Keimen befreit, dann mehrere Tage in der Sonne getrocknet, dafür immer wieder gewendet.

    Dann suchten Frauen, bekleidet mit Haarnetz, Masken, Op-Handschuhen, die Körner aus, die verpackt würden. Zu kleine, zu leichte, zu graue Körner flögen raus. Es ist eine Arbeit mit Pinzette. Beim schwarzen Pfeffer zum Beispiel fallen laut Noun meist 30 Prozent weg – mehr als bei manchen Handelsqualitäten, die einen bestimmten Anteil dieser sogenannten Pinheads, der verkümmerten Körner, enthalten dürften. Es gibt viel zu tun – und es st nicht alles.

    Dazu kommt zum Beispiel Mist: Sie nährten die Pfefferpflanzen neben Kuhdung auch mit Fledermausguano, so Noun, sammelten den Kot der Flugkünstler unter den Bäumen ein, an denen sie hängen, vermengten alles mit Gras, Blättern, anderem. Reisfeldkrabben und Fischköpfe eigneten sich auch. Mit exotischen Früchten wie Mango lasse sich leichter Geld verdienen, sie trügen auch mehrmals im Jahr, meint Noun: „Viele Pfefferfarmer geben auf.“

    Die produzierte Menge an Kampot-Pfeffer war schon immer überschaubar, nun sinkt sie auch noch: Im Jahr 2024 waren es etwa 66 Tonnen. Das ist mehr als noch vor zehn Jahren, aber weniger als 2021 mit 140 Tonnen. Noun sagt, Lachen im schmalen Gesicht: „Ich berate gerne, wenn Sie eine Pfefferfarm aufmachen wollen.“

    Der Münchener Christian Ziegler, eigentlich IT-Experte, ist vor wenigen Wochen tatsächlich in das Geschäft eingestiegen, nicht als Farmer. Er vertreibt den Pfeffer der Botree-Farm online, darunter die drei 30 Gramm-Tütchen. Aber wer zahlt dafür 15,95 Euro? „Privatleute“, sagt er.

    Der Hype nimmt zu, das Angebot ab. Das hat seinen Preis. Er geht „up, up, up“.

    Infokasten: Der Pfefferpreis

    Das Problem: Der Klimawandel führe zu Ernteausfällen, Handelswege seien unsicherer geworden, warnte der Fachverband der Gewürzindustrie unlängst. Das könne Pfeffer grundsätzlich verteuern.
    Die Zahlen: Noch 2020 importierte Deutschland insgesamt fast 30.000 Tonnen ganzer Pfefferkörner für 75 Millionen Euro, 2024 waren es knapp 24.000 Tonnen ganzer Pfefferkörner für 129 Millionen. Der Preis hat sich damit mehr als verdoppelt. Mehr als die Hälfte der Importe kommt aus Vietnam. Darüber hinaus wird auch noch gemahlener Pfeffer eingeführt, das Gros ist das aber nicht.
    Der Tipp: In ganzen Pfefferkörnern bleibt das Aroma besser enthalten. Darum lohnt es, Pfeffer erst kurz vor dem Würzen zu mahlen. Der Geschmack ist dann intensiver.

  • Damit das E-Bike nicht schlapp macht

    Das ist keine schöne Erfahrung: Eine Radtour mit dem E-Bike, ein- oder zweimal falsch abgebogen, die Strecke wird länger als angenommen, der Akku leert sich bedenklich. Aber es kommt eine Gastwirtschaft, eine Ladestation vor der Tür. Glück gehabt? Von wegen, das eigene Ladekabel passt nicht in die Steckdose. Das müsse anders werden, sagt Umwelt- und Verkehrsexperte Axel Friedrich dieser Zeitung und fordert: „Ein einheitlicher Standard für die Ladesysteme muss endlich Pflicht werden.“ Er hat Verbündete – und Gegner.

    An der Seite von Friedrich, einst Abteilungsleiter für die Bereiche Verkehr und Lärm im Umweltbundesamt, heute unterwegs als Berater für Regierungen und Verbände wie die Deutsche Umwelthilfe steht in diesem Fall etwa der ADAC: Nach Ansicht des Allgemeinen Deutschen Automobilclubs sollte für „Akkus von Leicht-Elektrofahrzeugen wie Pedelecs, E-Bikes oder E-Scootern eine Vereinheitlichung der Ladestecker gesetzlich vorgeschrieben werden.“ Auch der ADFC, der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club, macht sich für eine Regulierung stark.

    Mehr als jedes zweite Fahrrad, das in Deutschland verkauft wird, ist ein E-Bike, auch wenn sie meist deutlich teurer sind als klassische Räder. Die Ladegeräte, Kabel und Stecker der Akkus können je nach Marke, Modell und Generation des Rads variieren. „Firmen wie Bosch oder Shimano entwickeln immer neue Ladegeräte, auf dem Markt sind hunderte“, erklärt Friedrich, „das ist so ärgerlich wie früher bei Handys, E-Readern, Kopfhörern.“

    In der Schublade häuften sich einst deren Kabel, weil jedes Gerät ein spezielles brauchte. Dann wurden die Ladebuchsen für Mobilgeräte von der EU vereinheitlicht – mit dem USB-C-Anschluss. Nur für Laptops gilt noch eine Übergangsfrist bis Ende April dieses Jahres. Das macht es für Verbraucher bequemer, es sammelt sich auch weniger Elektroschrott an. Allerdings waren Elektronikfirmen von den EU-Vorgaben wenig begeistert, allen voran stemmte sich der Apple-Konzern dagegen. Der Richtlinie – gern Anti-Apple-Gesetz genannt – ging eine jahrelange Diskussion voraus. Die fürchtet Friedrich nun wieder.

    Eigentlich sollte die EU-Kommission schon bis Anfang 2025 geprüft haben, wie ein harmonisiertes Ladesystem eingeführt werden kann. Das sieht die EU-Batterieverordnung vor. „Aber nichts ist passiert“, sagt Friedrich. Darum hat er vor wenigen Wochen einen Brief an EU-Umweltkommissarin Jessika Roswall formuliert. Unterschrieben haben ihn Umwelt-, Mobilitäts- und Tourismusorganisationen wie etwa der Deutsche Tourismusverband. Darin die Bitte „rasch einen gemeinsamen Ladestecker für Elektrofahrräder und andere leichte Fortbewegungsmittel festzulegen.“

    Gastwirte, Hoteliers, Campinplatzbesitzer wollen Lademöglichkeiten anbieten. Das zieht Kunden an. Allerdings macht es auch für sie alle einen Unterschied, ob die Ladestecker standardisiert sind oder nicht. Letzteres heißt: Die Ladestation muss für eine Vielzahl von Systemen ausgerüstet werden. Das mache es, „beachtlich“ teurer, heißt es in dem Brief. Die Hersteller hätten es jedoch „versäumt, einen gemeinsamen Ladestecker zu etablieren; daher ist eine gesetzliche Regelung erforderlich.“

    Nur: Das sehen Hersteller anders. Man spreche sich „nicht grundsätzlich gegen ein einheitliches Ladesystem aus“, erklärt der Fahrradindustrieverband ZIV in einem Positionspapier, arbeite daran auch mit. Der ZIV vertritt rund 140 Unternehmen, darunter zum Beispiel Bosch. „In spezifischen Anwendungsfällen – insbesondere im touristischen Umfeld oder bei gewerblichen Flotten – kann ein einheitliches und genormtes Ladesystem sinnvoll sein.“ Bedeutet umgekehrt: Sonst eher nicht.

    „Alltagswege sind kurz und am Ende steht die private Lademöglichkeit“, schreibt der ZIV. Und wer eine Ein-Tages-Radtour mache, lege im Schnitt 44 Kilometer zurück, wer mehrere Tage unterwegs sei 62 Kilometer pro Tag. Das sei ohne einen Ladestopp machbar, zumal Akkus besser würden.

    Der Verband rechnet vor: „Über 90 Prozent aller Ladevorgänge finden im privaten Umfeld oder am Arbeitsplatz statt, wo Nutzer ihr eigenes, auf die Batterie abgestimmtes Ladegerät verwenden.“ Und die Ladesysteme seien für ein Lastenrad anders als für ein Tourenrad „optimiert gestaltet“.

    Die Fahrradindustrie lehnt die „Übertragung regulatorischer Konzepte aus der Unterhaltungselektronik auf sicherheitskritische Batteriesystem im Fahrradbereich“– das ist die entscheidende Aussage am Ende des Papiers – „entschieden ab“. Sie stellt sich gegen ein Gesetz.

    Laden die meisten Radfahrer zu Hause? Friedrich: „Im Urlaub zum Beispiel nicht, und da fahren viele am Tag auch mehr als 100 Kilometer, Durchschnittswerte hin oder her.“ Radler, die lange Strecken machen, könnten einen Ersatz-Akkus mitnehmen? Friedrich: „Der kostet extra Geld.“

    Letzte Frage: Technisch wäre eine Vereinheitlichung machbar? Friedrich: „Natürlich, es wäre selbst eine spezielle Version des USB-C-Ladesteckers auch zum Laden von Elektrofahrrädern denkbar.“ Heute fehlten manchmal Ersatzteile, weil Hersteller ihre Ladegeräte und zugehörige Komponenten geändert und die alten aus dem Angebot genommen hätten oder weil ein Anbieter insolvent geworden sei. Denkbar schlimmste Folge laut Friedrich: „Auch wenn sonst noch alles in Ordnung ist, müssen Kunden ein neues E-Bike kaufen.“

    Eine Antwort der EU-Kommissarin auf den Brief steht noch aus.

  • Einbußen für Wind- und Solaranlagen

    Neue Wind- und Solarkraftwerke sollen einen Teil der Kosten des Netzausbaus tragen. Das steht in einem Gesetzentwurf aus dem Haus von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU). Unter anderem mit dieser Maßnahme will sie die Stromrechnungen der Privathaushalte und Unternehmen drücken. „Der Ausbau erneuerbarer Energien wird ausgebremst und bewusst behindert“, kritisiert dagegen Grünen-Politiker Michael Kellner.

    In den vergangenen Jahren sind viele Wind- und Solarparks hinzugekommen. Ihr Anteil an der Stromversorgung beträgt mittlerweile rund 60 Prozent. Der Ausbau der Elektrizitätsleitungen hinkt diesem Wachstum allerdings hinterher. Außerdem erfordern die neuen Netze Milliarden Euro Investitionen, die letztlich die Verbraucher über die Stromrechnungen bezahlen. An dieser Stelle mäßigend einzugreifen, hat sich deshalb die Bundesregierung aus Union und SPD vorgenommen.

    Der Gesetzentwurf enthält zahlreiche Maßnahmen in Sachen Netzausbau. Bezüglich der erneuerbaren Energien stechen zwei heraus. So soll die Bundesnetzagentur neuen Wind- und Solarparks eine Beteiligung an den Baukosten für die neuen Leitungen aufbürden können, die zu ihrem Anschluss nötig sind. Bisher existiert eine solche, für sie nachteilige Regelung nicht.

    Zweitens könnten Erneuerbare-Energie-Anlagen unter bestimmten Umständen keine Entschädigungen mehr erhalten, wenn sie zu viel Strom produzieren, der nicht gebraucht wird. Heute werden diese Ausgleichszahlungen – Fachjargon: Redispatch – ebenfalls auf die Stromrechnungen umgelegt. Die Wind- und Solarparkbetreiber planen die Entschädigungen derzeit als Teil ihrer Erträge ein. Fielen sie weg, machte das Investitionen in Ökokraftwerke unattraktiver, befürchtet der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE).

    Wirtschaftsministerin Reiche will den „Anlagenzubau mit dem Netzausbau synchronisieren“, wie es im Titel des Gesetzentwurfes heißt. Damit verfälsche sie jedoch das Ziel des Koalitionsvertrages, erklären die Kritiker. Dort heißt in umgekehrter Reihenfolge, die Netze sollten mit dem Erneuerbaren-Ausbau synchronisiert werden. Was ist die bestimmende Größe? Lautet, so betrachtet, der Gegensatz, der starke Zuwachs von Wind und Solar oder die unzureichenden Netze? Grünen-Energiepolitiker Kellner fordert deshalb, das Wachstumstempo der Kraftwerke beizubehalten und beispielsweise mehr Batteriespeicher anzuschließen.

    Im Übrigen argwöhnt der BEE, der Wirtschaftsministerin gehe „es primär um die Stärkung der Netzbetreiber“. Ihre Interessen würden mit dem Gesetzentwurf gegenüber denen der Anlagenbetreiber aufgewertet. Eigentlich handele es sich um ein „Netzbetreiber-Privilegierungspaket“. Noch aber ist der Gesetzentwurf nicht fertig. Im nächsten Schritt muss Reiche ihn mit der SPD-Seite abstimmen. Schließlich braucht er die Zustimmung des Bundestages.

  • „Von fortschrittlichen Gedanken geprägt“

    Hannes Koch: Die Kommission zur Reform des Sozialstaates macht Vorschläge, die auch Sie schon formuliert haben. So sollen Grundsicherung, Wohngeld und Kinderzuschlag künftig aus einer Hand kommen. Was würde das für die Antragsteller:innen verbessern?

    Wolfgang Strengmann-Kuhn: Sie würden die Sozialleistungen dann wohl einfacher und schneller erhalten als heute. Denn momentan muss man Anträge an drei Stellen einreichen: beim Jobcenter für die Grundsicherung, bei der Familienkasse für den Kinderzuschlag, schließlich bei der Kommune für das Wohngeld. Viele Leute blicken da nicht durch oder verzichten auf den komplizierten Antrag. Es besteht die Hoffnung, dass die aktuellen, teils widersprüchlichen Regeln vereinheitlicht werden.

    Koch: Die Kommission schreibt, das Existenzminimum und die „individuellen Bedarfe“ der Antragsteller:innen müssten „in jedem Fall“ sichergestellt werden. Beinhaltet die Zusammenlegung nicht aber auch die Gefahr, dass es zu Kürzungen von Sozialleistungen kommt?

    Strengmann-Kuhn: Das Risiko besteht durchaus. Diesen Effekt befürchte ich beispielsweise bei den sogenannten Transferentzugsraten, also wie das selbst erwirtschaftete Arbeitseinkommen der Leistungsempfänger:innen mit den staatlichen Leistungen verrechnet wird. Die Kommission schlägt einen Korridor von 70 bis 80 Prozent oberhalb der Minijobgrenze vor. Wenn, um Geld zu sparen, 80 Prozent des Einkommens angerechnet werden, könnte das im Vergleich zu heute zu finanziellen Nachteilen für viele Leute führen.

    Koch: Für diese etwas höheren Arbeitseinkommen soll der Anteil der Verrechnung aber niedriger liegen als jetzt.

    Strengmann-Kuhn: Je nachdem, ob die Anrechnung 70 oder 80 Prozent beträgt, kann es sein, dass auch von solchen Einkommen weniger übrig bleibt. Aber: Anrechnungsraten von heute bis zu 100 Prozent für zusätzliches Einkommen werden durch den Vorschlag vermieden. Das ist gut. Wer neben den staatlichen Zuschüssen zusätzlich höhere Beträge selbst verdient, könnte also davon mehr Geld behalten als jetzt.

    Koch: Die Empfehlungen laufen darauf hinaus, die Bürokratie zu vereinfachen. Statt drei oder vier Stellen sollen künftig nur noch zwei Behörden zuständig sein. Die Jobcenter wären für die erwerbsfähigen Leute zuständig, die Sozialämter der Kommunen für die nicht arbeitsfähigen. Eine gute Idee?

    Strengmann-Kuhn: Das Problem ist, dass die Jobcenter dadurch erheblich belastet würden, weil sie sich dann auch um Millionen Menschen zusätzlich kümmern müssten, die heute Wohngeldanspruch haben und 2.000 bis 3.000 Euro oder mehr verdienen. Leistungsempfänger:innen, die schon ganz ordentliche Einkommen erzielen, sind dort eigentlich an der falschen Adresse – sie brauchen zwar einen finanziellen Zuschuss, aber nicht die sonstige Unterstützung vom Jobcenter.

    Koch: Was schlagen Sie vor?

    Strengmann-Kuhn: Es wäre besser, wenn für Leute, die heute schon Steuern zahlen, die Leistungen von den Finanzämtern kämen. Die verfügen sowieso schon über die Angaben zu allen Einkommen. Das bedeutete eine tatsächliche Entbürokratisierung, für die Betroffenen und die Behörden. Die Jobcenter würden erheblich entlastet.

    Koch: Ihr Vorschlag beinhaltet auch, dass die Leistungen automatisch ausgezahlt würden, ohne Antragstellung. Dann erhielten aber viel mehr Leute Geld, und die Kosten für den Staat stiegen.

    Strengmann-Kuhn: Gar nicht so viel. Die Kommission hat das anscheinend berechnen lassen. Demnach lagen die zusätzlichen Kosten im niedrigen einstelligen Milliardenbereich, Bürokratieabbau nicht mitgerechnet – eine verkraftbare Größenordnung.

    Koch: Unter der schwarz-roten Koalition geht die öffentliche Debatte momentan aber eher in die Richtung, soziale Leistungen zu kürzen. Betrachten Sie die Empfehlungen der Kommission nun als Kontrapunkt?

    Strengmann-Kuhn: Das ist noch unklar. Im Gegensatz zur Reform des Bürgergeldes, das jetzt in Grundsicherung umbenannt wird, sind die Empfehlungen jedoch eher von fortschrittlichen Gedanken geprägt. Es geht darum, den Sozialstaat zu vereinfachen und für die Leute effektiver zu machen. Wie gesagt, beinhaltet der Bericht aber auch die Möglichkeit, Leistungen zu kürzen.

    Koch: Für wie realistisch halten Sie die Vorschläge?

    Strengmann-Kuhn: Was eine schnelle Umsetzung betrifft, bin ich skeptisch. Es gibt noch sehr viele Hürden und offene Punkte, über die sich die Koalition streiten wird. Vor allem die Union wird sich für Kürzungen einsetzen. Aber es ist der Beginn einer spannende Debatte über die Systematik des Sozialstaats.

    Bio-Kasten
    Wolfgang Strengmann-Kuhn war bis Frühjahr 2025 grüner Abgeordneter im Bundestag. Nun arbeitet der Sozialexperte im Institut für Sozialökologie.

  • Atomenergie stagniert

    Immer wieder Atomenergie. Manche Länder sehen sie als Chance, von fossiler Energie wegzukommen. Die US-Technologieindustrie will groß einsteigen, um den Hunger der Rechenzentren für künstliche Intelligenz zu stillen. In Deutschland denkt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) immer wieder laut über sie nach. Die Internationale Energie Agentur IEA, lange Jahre skeptisch, hat gar eine Renaissance entdeckt.

    In Zahlen schlägt sich die Begeisterung bisher nicht nieder. Anfang 2025 waren weltweit 404 Atomkraftwerke mit einem Durchschnittsalter von etwa 33 Jahren in Betrieb, fünf weniger als ein Jahr zuvor, wie aus dem aktuellen World Nuclear Industry Status Report hervorgeht, einem unabhängigen Bericht zur Lage der kommerziellen Atomstromerzeugung. Vier Anlagen kamen neu hinzu: zwei in China und je eine in Indien und Russland. Neun gingen vom Netz: je drei in Belgien und Russland, eine in Taiwan. Das Land stieg damit als fünftes Land aus der Atomenergie aus. Deutschland schaltete den letzten Reaktor 2023 ab.

    Anlagen laufen noch in 31 Ländern, die meisten in Frankreich. Gebaut wird der in elf Ländern, vor zwei Jahren waren es noch in 16. Für Mycle Schneider ein Zeichen, dass die Atomkraft gerade eher im Sinken begriffen ist. Sind insgesamt weniger Anlagen an den Netzen der Welt, steigt doch die erzeugte Strommenge. 2025 dürften die Reaktoren den Rekord von 2024 (2.677 Terawattstunden) noch einmal um zehn bis 15 Terawattstunden übertroffen haben. Weil aber auch der Energiebedarf steigt, stagniert der Anteil von Atomstrom weltweit seit Jahren bei um die neun Prozent.

    Schneider ist Herausgeber des Berichts, der seit 2007 jährlich erscheint. Die Autoren aus neun Ländern werten öffentlich zugängliche und belastbare Quellen aus. Den Bericht unterstützen unter anderem das Bundesamt für die Sicherheit in der nuklearen Entsorgung (Base), die Friedrich-Ebert- und die Heinrich-Böll-Stiftung.

    Zum Jahresbeginn waren 67 Reaktoren weltweit im Bau. Als „im Bau“ zählt ein Reaktor, wenn das Fundament gegossen wird. Deshalb ist zum Beispiel die Anlage, die Polen an der Ostsee errichtet, noch nicht erfasst. Einzige Baustelle in Europa ist Hinkley Point C in Südengland.

    67 Reaktoren weltweit im Bau klingt viel, doch 36 entstehen allein in China. Das Land in den vergangenen Jahren kräftig in Atomkraft investiert. Allerdings steckten sie noch mehr in erneuerbare Energien, die einen deutlich höheren Anteil an der Stromproduktion des Landes haben. Nach China folgt Russland, das Atomreaktoren als Exportprodukt versteht. Die Russen bauen unter anderem in Ägypten und der Türkei, in Indien und Bangladesch.

    Das hat womöglich auch strategische Gründe. „Es gibt keine engere Verbindung zwischen zwei Ländern als der Bau eines Atomkraftwerks“, sagt Schneider. Zudem bieten die Russen an, abgebrannte Brennstäbe wieder zurückzunehmen. In der Türkei werden sie die vier Anlagen sogar betreiben. Bemerkenswert findet der Herausgeber des Berichts, dass zum Beispiel weder in Süd- noch in Nordamerika eine neue Anlage gebaut wird. Trotz markiger Ankündigungen, groß einsteigen zu wollen.

    Zuletzt hatten sich 33 Länder dazu bekannt, Atomenergie bis 2050 zu verdreifachen. Zu den Unterzeichnern des entsprechenden Papiers gehören Frankreich, Finnland, Japan, die Niederlande, Großbritannien und die USA, aber auch Ghana, Jamaika, Ruanda und Senegal. „Wenn alles wie versprochen umgesetzt wird, würde die installierte Leistung von 413 Gigawatt 2020 auf 1240 Gigawatt steigen, heißt es im World Energy Report der Internationalen Energie Agentur.

    Geredet wird viel, die Realität sieht möglicherweise anders aus. Schneider hält Pläne und Zahlen für Unsinn. „Es ist einfach technisch nicht möglich, derart viele neue Kraftwerke in der Zeit zu bauen.“ Zumindest, wenn man nach den Reaktoren in der EU geht. Zuletzt begann in der Gemeinschaft 2007 der Bau eines Reaktors. Flammanville-3 in der Normandie ging 2024 nach 17 Jahren in den Betrieb. Die Kosten stiegen von geplanten 3,3 auf mehr als 13 Milliarden Euro.

    Schneider zufolge gibt es zudem nicht genug Firmen, die derart viele Akw errichten können. Neben der russischen Rosatom sind das CGN und CNNC aus China, die französische EDF und KHNP aus Südkorea. Das US-Unternehmen Westinghouse stellt Technologie bereit, will aber keine Baurisiken mehr eingehen. Eine chinesische Firma zu beauftragen, sei für die westliche Welt indiskutabel, sagt Schneider. Ähnlich sehe es bei Rosatom aus.

    Warum dennoch so viele Politiker gern von Atomkraftwerken reden? Es sei einfach, so etwas zu verkünden, sagt Ruggero Schleicher-Tappeser, Mitautor des WNISR-Berichts. „Politiker können zeigen, dass sie etwas tun.“ Ob dann tatsächlich etwas geschieht, ist eine andere Frage.

    Der Wandel der Energiewelt macht es für die nuklearen Großanlagen ohnehin schwerer. Solarpanels sind günstig in Masse herzustellen und flexibel einsetzbar, wie Schleicher-Tappeser sagt. Sie erzeugten Strom direkt aus der Kraft der Sonne und nicht über dem Umweg über Hitze und Turbinen. Zudem sinke der Preis für Batteriespeicher kräftig. Er erwartet, dass auch die US-Technologieriesen eher auf Sonnenenergie setzen als auf Atomkraft, auch wenn sie bisher anderes angekündigt haben.

    Was alle alten und neuen Fans bisher neben steigenden Kosten, längerer Bauzeit und technischen Problemen gern übersehen: den Atommüll. Bisher ist weltweit kein Endlager in Betrieb. Immerhin, die Finnen stehen kurz davor.

  • Überraschend wachstumsstark

    Politisch zerlegt sich das Weltgefüge der vergangenen Jahrzehnte gerade. Die Wirtschaft steckt das gut weg – insgesamt betrachtet. Sie legt sogar stärker zu als bisher gedacht, jedenfalls nach Ansicht des Internationalen Währungsfonds (IWF). Er rechnet jetzt mit mehr Wachstum in diesem Jahr als noch im Oktober. Getrieben wird das Plus demnach vor allem von den USA und China. Und auch für Deutschland sind die Experten zuversichtlicher.

    Die Weltwirtschaft sei bemerkenswert widerstandsfähig trotz der bedeutenden Handelsstörungen, die die USA ausgelöst hätten, und der steigenden Unsicherheit, sagt IWF-Chefvolkswirt Pierre-Olivier Gourinchas. Er erwartet, dass die Weltwirtschaft – der Wert aller Waren und Dienstleistungen –  in diesem Jahr insgesamt um 3,3 Prozent wächst. Noch im Oktober hat der IWF nur ein Plus von 3,1 Prozent vorhergesagt.

    Das Wachstum der deutschen Wirtschaft änderte der IWF ebenfalls. Das Bruttoinlandsprodukt soll 2026 um 1,1 (bisher: 0,9) Prozent zulegen. In diesem und vor allem dem nächsten Jahr dürften sich die steigenden Staatsausgaben für Infrastruktur und Verteidigung auswirken.

    Auch der Handel insgesamt soll zulegen – trotz der vielen Zusatzzölle sowie Ausfuhrbeschränkungen etwa für Computerchips (USA) und Seltene Erden (China). Die Unternehmen insgesamt erwiesen sich als erstaunlich findig und stellten sich schnell auf veränderte Lage ein, sagt Gourinchas.

    Getrieben wird das Wirtschaftswachstum vor allen von China und seiner Exportindustrie sowie den USA, die sehr viel auch ausländisches Geld anziehen, das in IT und künstliche Intelligenz fließt. Hier sieht der Experte größere Risiken – weil das Geld fast nur in KI in den USA investiert wird. Probleme dort schlagen dann schnell weltweit durch. Auch steigt die Gefahr, das Unternehmen Geld bekommen, die weder eine gute Idee haben noch überlebensfähig sind. Der IWF-Chefvolkswirt erinnert an die Dotcom-Blase, die Anfang der 2000er Jahre platzte. Noch sei Ähnliches aber nicht zu erkennen.

    Nicht berücksichtigt ist bisher in den Berechnungen des IWF der Versuch der USA, die Kontrolle über Venezuela und die Ölreserven dort zu bekommen. Im Dezember ergriff das Militär den venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro und setzte ihn ab. Ebenfalls nicht eingeflossen ist der drohende Zollkrieg zwischen den USA und der EU wegen Grönland. US-Präsident Donald Trump will die Insel den Vereinigten Staaten eingliedern – sie gehört als autonomes Gebiet zu Dänemark, bisher ein Verbündeter der USA.

    Gourinchas bezeichnet vor allem den neuen Zollkrieg als großes Risiko für die Weltwirtschaft. Verlieren würden dabei alle, zuerst die USA und die EU, dann aber auch andere Länder. Wen es mehr treffe? Aus Sicht des IWF-Chefvolkswirten ist das derzeit kaum abzusehen. Nach einer Musterberechnung aus dem Oktober belastete ein Zollkrieg die Weltwirtschaft um 0,3 Prozentpunkte. „Eine bedeutende Größe“, sagt Gourinchas.

    Wie sie wirken, lässt sich an den Zöllen sehen, die die US-Regierung im vergangenen Jahr verhängte. US-Firmen hätten die höheren Importkosten bisher getragen, sagt der IWF-Chefvolkswirt. Weil die Zölle an den amerikanischen Staat gingen, wirkten sie wie eine Steuererhöhung. Das gleiche die Steuersenkungen Trumps etwas aus.

    Eine weitere große Gefahr sieht Gourinchas bei den Notenbanken, besonders der mächtigsten der Welt, der Federal Reserve in den USA. Unabhängigkeit sei absolut wichtig. Nur so sei glaubwürdig, dass sie wirksam gegen Inflation vorgingen. Sonst steige die Inflation und das bedeute letztlich weniger Wachstum.

  • Eine bessere Globalisierung ist möglich

    Das erste Weltwirtschaftsforum ohne seinen Gründer Klaus Schwab findet jetzt in Davos statt. Nach 54 Jahren verabschiedete Mr. Globalisierung sich in den Ruhestand. Und auch eine Phase der Globalisierung geht zu Ende.

    Seit den 1980er Jahren bildete sich stärker als zuvor ein gemeinsamer Weltmarkt heraus, es wurde mehr Handel getrieben, weltumspannende Institutionen gewannen an Einfluss. Das Lebensgefühl verbreitete sich, in einer Welt zu leben, die ähnlich funktionierte, in der die Kontinente einander näher rückten. Jetzt jedoch geht die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung. Autokratische Herrscher in Peking, Moskau und neuerdings in Washington unterteilen die Welt in Machtblöcke. Trumps America-First-Politik strebt zurück ins 19. Jahrhundert, fusst auf dem Nationalstaat, bevorzugt egoistische, unilaterale Lösungen, statt verbindende, multilaterale.

    Die Globalisierung hatte schlechte Seiten, aber auch gute. Die Weltmarkt-Produktion in armen Ländern schuf dort hunderte Millionen neuer Arbeitsplätze. Die Mittelschichten in China, Indien, Südafrika und anderen Staaten wuchsen, die Armut ging zurück. Die Verbraucher:innen in den reichen Staaten erhielten preisgünstige Konsumgüter wie Textilien und Smartphones.

    Es handelte sich auch um ein politisches Arrangement. Globale Institutionen wie die Welthandelsorganisation schlichteten Konflikte, schufen Verträge für die große Mehrheit der Staaten. Die Vereinten Nationen beschlossen die Millennium-Ziele, um die weltweite Armut zurückzudrängen. Manche Länder öffneten sich für kulturelle Einflüsse von außen, eine Weltgesellschaft schien zu entstehen. Ein Ort, an dem vieles davon zusammenfloss, war jedes Jahr das Weltwirtschaftsforum in den Schweizer Alpen.

    Die Nachteile der neuen Weltökonomie riefen aber auch heftige Kritik hervor. Viele Industriearbeitsplätze verließen die Industriestaaten. Die neuen Jobs im Süden waren oft mies bezahlt, gesundheitsschädigend, miunter tödlich. Nationalstaaten büßten Regulierungspotenzial ein. Die Investoren der internationalen Kapitalmärkte setzten ihre Interessen gegenüber der Politik durch, weshalb in den Industriestaaten die soziale Sicherheit abnahm. Deshalb erfand die globalisierungskritische Organisation Attac den Slogan: „Eine andere Welt ist möglich“. Während Linke, Linksliberale, Grüne, Entwicklungsorganisationen, kirchliche Hilfswerke und Gewerkschaften die dunklen Seiten der Globalisierung betonten, nahm sich aber auch die extreme politische Rechte des Themas an.

    Und teilweise ähnelte sich die Kritik von links und rechts. Beide Seiten beklagten einen Kontrollverlust der Politik gegenüber der Macht der Märkte. Wobei sich die Perspektiven andererseits auch unterschieden. Die Linken interessierten sich mehr für die Probleme der Menschen in den armen Ländern des Südens. Daraus entstand etwa das Konzept der Deglobalisierung des philippinischen Ökonomen Walden Bello. Seine Frage lautete: Können Gesellschaften sich aus dem Weltmarkt ausklinken? Die Rechten fokussierten dagegen auf die Nachteile der Globalisierung für die reichen Staaten des Nordens – Arbeiter, die ihre Jobs verloren, Regierungen, deren Einfluss abnahm. In der öffentlichen Debatte verstärkte sich die überlappende Kritik gegenseitig, und die globalisierungsfreundlichen Regierungen der Mitte standen von beiden Seiten gleichzeitig unter Feuer.

    Auch deshalb erscheint nun eine realistische Revision linker Globalisierungskritik nötig. Denn die Welt verändert sich gerade massiv. Es geht darum, das fortzuentwickeln, was an der Globalisierung gut war und ist. Anstatt „Nein“ sollte die Linke „Ja, aber“ sagen. Etwa zum Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union und dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur. Gewisse ökonomische und ökologische Nachteile des Vertrages sind nicht von der Hand zu weisen, die Vorteile überwiegen jedoch bei Weitem. Vor allem fußt das Abkommen auf fairer Verhandlung und gegenseitigem Interessenausgleich. Das ist das Gegenteil dessen, was der US-Präsident zu seinem Markenzeichen macht. Übrigens: Mit welchem Land will die EU künftig Handel treiben, wenn nicht mit einem Staat wie Mercosur-Mitglied Brasilien, das der linksgerichtete Präsident Lula da Silva regiert?

    Dennoch muss man sich weiter dafür einsetzen, dass die weltweiten Wirtschafts- und Handelsbeziehungen gerechter werden. Die europäische Lieferketten-Richtlinie in ihrer ursprünglichen, strengeren Form war richtig, weil sie half, die Arbeitsbedingungen im globalen Süden zu verbessern. Internationale Steuerabkommen sind nötig, um große Vermögen überall zur Mitfinanzierung der öffentlichen Aufgaben heranzuziehen. Eine bessere Globalisierung ist möglich.

  • Traumgewinne und Alptraumwerbung

    Der Camper auf dem Foto elektrisierte Andreas M. sofort. „So einen wollte ich immer schon“, erinnert er sich an den ersten Blick auf die Werbeanzeige für ein Gewinnspiel. Prompt meldete er sich bei der Hamburger Firma an, die den Preis ausgelobt hat. Diese Entscheidung bereut er noch heute. Denn der Veranstalter entpuppte sich als Direktmarketing-Unternehmen und mit der Teilnahme am Gewinnspiel erlaubt Andreas M. der Firma Werbeanrufe.

    Mehrmals wöchentlich klingelt nun das Telefon. Anfangs wollten die Vertreter ihm Abos aufschwatzen. „Inzwischen lege ich gleich wieder auf“, sagt er. Doch das hält die Firma vor neuerlichen Versuchen nicht ab. Ein Blick ins Kleingedruckte der Teilnahmebedingungen hätte ihm den Ärger vermutlich erspart. Denn daraus geht unter anderem auch hervor, dass kein Wohnmobil, sondern nur eine kurze Reise damit verlost werden sollte.

    Bei der Hamburger Verbraucherzentrale (VZ) ist das Unternehmen bekannt. „Die Verbraucher-Service-Gesellschaft Hamburg (VSG) lockt Verbraucherinnen und Verbraucher mit Gewinnversprechen“, erläutert VZ-Expertin Julia Rehberg. Dahinter stehe das Ziel, mit den Teilnehmenden Verkaufsgespräche zu führen. Diese bekommen sogar ein Zertifikat zur Teilnahme „an der offiziellen Gewinnaktion“, für die keine Kosten entstünden.

    Die versprochenen Gewinne wie ein IPhone, ein Zuschuss zur Rente oder Reisegutscheine können sich sehen lassen. „Die Reisegutscheine erhalten die Betreffenden tatsächlich“, beobachtet Rehberg. Doch wichtige Informationen versteckt die Firma laut VZ im Kleingedruckten. „Dazu gehört auch, dass die Teilnahme an den Gewinnspielen oft mit Produktbestellungen verknüpft ist“, berichtet die Expertin.

    Auf der Suche nach attraktiven Gewinnen werden Interessenten im Internet schnell fündig. Allein das Portal einfach-sparsam listet mehr als 100 aktuelle Gewinnspiele auf. Die Preispalette reicht von Mini-Goldbarren über Technik bis hin zum Traumhaus auf Mallorca plus 150.000 Euro. Auf anderen einschlägige Webportale finden sich etliche weitere Preisausschreiben. 

    Grundsätzlich kann jeder ein Gewinnspiel veranstalten. Dafür gebe es keine Genehmigungsvorbehalte, erläutert die Frankfurter Industrie- und Handelskammer (IHK), „diese müssen daher nicht bei den Behörden angemeldet oder genehmigt werden“. Bei Glücksspielen ist das anders. Hier müssen die Teilnehmer einen Einsatz erbringen und Gewinne werden nach dem Zufallsprinzip verteilt, etwa durch die Ziehung von Lottozahlen oder Losnummern.

    Gewinnspiele müssen dagegen weitgehend kostenlos oder nur mit einem geringen Entgelt für die Teilnahme verbunden sein. Eine wichtige Einschränkung gibt es laut IHK dabei. „Mittlerweile kann die Teilnahme an einem Gewinnspiel jedoch vom Erwerb einer Ware abhängig gemacht werden“, erläutert die IHK. Auch deshalb warnen die Hamburger Verbraucherschützer vor zu viel Gutgläubigkeit. „Werfen Sie Schreiben mit Gewinnversprechen am besten direkt in den Papierkorb“, raten sie. Für die Veranstalter rechnet sich der Aufwand. Laut IHK gewinnen sie auf diese Weise Daten potenzieller Kunden für ein späteres Direktmarketing und locken kostengünstiger Kunden an als mit herkömmlicher Werbung. 

    Ob es die versprochenen Gewinne tatsächlich gibt, steht auf einem anderen Blatt. Rechtlich ist die Sache geklärt. „Die beworbenen Preise müssen tatsächlich vergeben werden und die Teilnehmer dürfen nicht über den Gewinn und die Gewinnchancen irregeführt werden“, erklärt die IHK. Doch es gibt einen Haken, wie der Jurist Florian Jäkel-Gottmann von der Wettbewerbszentrale weiß: „Es keine ‚Kontrollinstanz’, die aktiv überwachen würde, ob ausgelobte Preise bei Gewinnspielen auch an die Gewinner ausgekehrt werden.“ Angesichts der Vielzahl an Gewinnspielen sei dies auch praktisch kaum machbar.

  • Einkaufen für mehr Wachstum

    Es geht wieder aufwärts. Die deutsche Wirtschaft hat 2025 zugelegt, nachdem sie zwei Jahre lang geschrumpft war. Die Bundesbürger gaben mehr Geld aus, der Staat ebenfalls, wie die vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen. Gelitten hat der deutsche Außenhandel. Für das laufende Jahr deutet sich weiteres Wachstum an.

    Zarte 0,2 Prozent Plus ermittelten die Statistiker beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Vergleich zu 2024. Die Inflation ist da herausgerechnet. Das BIP gibt den Wert aller Waren und Dienstleistungen wieder, die in Deutschland erstellt wurden. Im vergangenen Jahr betrug es 4,470 Billionen Euro, eine Zahl mit zwölf Nullen. Eingerechnet sind Daten bis Oktober (zum Beispiel für den Außenhandel) und November. Für Dezember haben die Statistiker geschätzt. In der Regel sind sie aber sehr genau.

    Trotz des Zuwachses: „Deutschland liegt im internationalen Vergleich im Schlussfeld“, sagt Ruth Brand, Präsidentin des Statistischen Bundesamtes. Ihre Experten erwarten, dass alle anderen großen EU-Staaten stärker zulegen werden. Die Europäische Kommission schätzt für Italien ein Plus von 0,4 Prozent, für Frankreich 0,7 Prozent, für Spanien gar 2,9 Prozent. Im Schnitt soll die Wirtschaft der EU um 1,4 Prozent wachsen.

    Aber immerhin hat Deutschland die Rezession verlassen. 2023 und 2024 war das Bruttoinlandsprodukt jeweils gesunken. Globale Krisen, geopolitische Spannungen, ein schwacher Welthandel und hohe Zinsen für Kredite belasteten die Wirtschaft damals, wie Michael Kuhn sagt. Er leitet die Abteilung Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung beim Statistischen Bundesamt. Inzwischen sind die Zinsen gesunken. Die Lage sei auch besser, weil der private Konsum angesprungen sei.

    Die Bundesbürger kauften mehr ein, vor allem im Einzelhandel. Und sie gaben mehr Geld für Gesundheit aus. Den privaten Konsum bezifferten die Statistiker mit insgesamt 2373,9 Milliarden Euro. Auch vom Staat floss mehr Geld in Gesundheit, denn die Kranken- und Pflegeversicherung zählt für die Statistik zum Staat.

    Die Unternehmen in Deutschland hielten ihr Geld aber zusammen und investierten weniger in neue Maschinen und Anlagen, in der Regel ein Zeichen, dass die Geschäfte schlecht laufen. Vor allem Autoindustrie und Maschinenbau schrumpften – beides Kernbranchen der deutschen Wirtschaft. Auch die Chemieindustrie verlor wie in den Vorjahren Geschäft. Dienstleistungen und Handel legten allerdings kräftig zu.

    Die 500 Milliarden Euro, die die Bundesregierung außerhalb des normalen Haushalts für Infrastruktur und Klimaneutralität ausgeben will, wirken sich bisher kaum aus. Die Projekte brauchen Zeit. Brücken etwa wollen geplant sein, denn müssen die Aufträge vergeben werden, der Bau dauert. Präsidentin Brand erwartet erste Impulse für das laufende Jahr. Auch die geplanten umfangreichen zusätzliche Ausgaben für Verteidigung schlagen sich bisher kaum in den Zahlen nieder. Denn neue Schiffe oder Panzer müssen bestellt und erst einmal gebaut werden.

    Schwer erwischt hat es den Zahlen zufolge das deutsche Export-Erfolgsmodell. Die Zölle der US-Regierung bremsen das Geschäft. Chinesische Firmen drängen auf den Markt, teilweise mit Produkten, die denen aus Deutschland vergleichbar sind. Insgesamt nimmt der Wettbewerb zu. Zudem belastet der Euro, der im Vergleich zu anderen Währungen mehr Wert wurde. Dadurch werden allerdings auch deutsche Produkte etwa für Amerikaner teurer. Insgesamt schrumpfte der Wert der deutschen Exporte um 0,3 Prozent auf 1811,7 Milliarden Euro.

    Dafür führte die Bundesrepublik mehr ein. Der Wert der Importe stieg um 3,6 Prozent auf 1700,8 Milliarden Euro. Daraus ergibt sich ein Außenhandelsüberschuss von 110,9 Milliarden Euro – ein historisch niedriger Wert. Andererseits hatte unter anderem der Internationale Währungsfonds immer die sehr hohen Überschüsse Deutschlands bemängelt. Die Bundesrepublik lebte sozusagen auf Kosten anderer Nationen. Das ändert sich gerade.

  • Ältere sind in der Digitalisierung angekommen

    Ältere mischen bei digitalen Angeboten inzwischen kräfti mit. „Man kann mit dem Klischee aufräumen, dass Seniorinnen und Senioren sich nicht im Internet auskennen“, sagt Ralf Wintergerst, Chef des Branchenverbands Bitkom. Einer repräsentativen Umfrage des Verbands zufolge nutzen inzwischen drei Viertel der Generation 65 plus das Internet. Selbst jeder zweite über 80-Jährige ist online. Gegenüber der ersten Umfrage vor zehn Jahren hat sich der Anteil der Nutzer fast verdoppelt.

    In der Altersgruppe der 65- bis 69-Jährigen gehört das Netz selbstverständlich zum Alttag. 98 Prozent von ihnen sind im Internet aktiv. Erst mit Mitte 70 geht die Nutzung dann deutlich zurück. Laut Wintergerst tragen mehrere Faktoren zur Verbreitung der Digitalisierung Älterer bei. Die jetzige Rentnergeneration habe etwa schon im beruflichen Alltag den Umgang mit digitalen Angebote erlernt und nutzt diese Kenntnisse später weiter. 

    Nur ändern sich die Gründe für die Internetnutzung. 91 Prozent kümmern sich im Netz um Freizeitaktivitäten, 78 Prozent halten sich damit gedanklich fit. Und auch der Kontakt zu Freunden und Familie ist ein vorherrschendes Motiv, online zu gehen. „Sie erkennen die Chancen“, sagt Wintergerst, „wünschen sich mehr und schnelleren Fortschritt“. Allerding bestehe auch der Wunsch, bei der Digitalisierung mitgenommen zu werden.

    Das ist auch eine Erkenntnis von Bundesfamilienministerin Karin Priem (CDU). Es brauche vor allem eine verständliche Begleitung und verlässliche Zugänge, insbesondere in ländlichen Regionen, sie, „Digitalisierung kann Selbständigkeit, Sicherheit und Soziale Teilhabe bis ins hohe Alter stärken“. Priem will mit Projekten wie den Digitalen Engeln, bei dem Jüngere Älteren digitale Kenntnisse vermitteln, und Weiterbildungsangebote an den Volkshochschulen und anderen Einrichtungen den Zugang zu digitalen Angeboten erleichtern. 

    Der Bedarf ist Unterstützung ist vorhanden. Fast alle Befragten wünschen sich entsprechende Angebote vom Staat. Bisher übernehmen vor allem Freund oder Familienmitglieder die Einführung in digitale Technologien. Die Offenheit dafür ist groß, auch für die Künstliche Intelligenz (KI). Immerhin 58 Prozent stehen dieser Entwicklung aufgeschlossen oder sehr aufgeschlossen gegenüber. Mehr als die Hälfte der Seniorinnen und Senioren hat entsprechende Anwendungen schon genutzt, zum Beispiel Chat GPT. Jeder zweite kann sich auch vorstellen, eine KI um Rat in Gesundheitsfragen zu fragen. Und knapp 30 Prozent würden mit eine KI sprechen, wenn sie sich einsam fühlen. 

    Ein Leben ohne Internet können sich drei von vier Älteren nicht mehr vorstellen. Es gibt aber auch eine große Gruppe, die der Digitalisierung skeptisch bis ablehnend gegenüber steht. Jeder vierte Ältere ist gar nicht online. Die Hälfte dieser Gruppe gibt an, dass sie sich mit dem Internet nicht auskennt. 40 Prozent der Skeptiker hat Sicherheitsbedenken. Nur ein kleiner Teil ist gesundheitlich nicht mehr in der Lage, sich online zu bewegen.