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  • Ein Ziel, doch wenig Plan

    In 19 Jahren sollen alle hiesigen Gebäudeheizungen ausschließlich mit klimaneutralen Brennstoffen laufen – das versprechen nun ausdrücklich auch Union und SPD. Anscheinend haben sich CDU, CSU und SPD auf den Entwurf des neuen Gebäudemodernisierungsgesetz geeinigt. Doch der Kompromiss wirft Fragen auf.

    Offenbar sieht die Einigung so aus: Viele bisher gültige Vorschriften zum Einbau neuer Heizungen werden aufgehoben. So müssen sie nicht mehr 65 Prozent erneuerbare Energie nutzen, wie es die Grünen in der früheren Ampel-Regierung durchgesetzt haben. Der verpflichtende Umstieg vor allem auf strombetriebene Wärmepumpen wird damit eliminiert. Stattdessen dürfen alle Immobilienbesitzenden weiterhin die Anlagen einbauen, die ihnen gefallen, auch klimaschädliche Öl- und Gasbrenner, die konventionelles Erdöl- und Erdgas schlucken. Diese sollen allerdings langsam ansteigende Mengen klimaneutraler Brennstoffe beimischen, 2040 beispielsweise 60 Prozent, was „Biotreppe“ genannt wird.

    Und in einem weiteren Gesetz für grünes Gas und Öl will die Regierung bis Jahresende festlegen, dass alle Gas- und Öllieferanten ab 2045 ausschließlich klimaneutrale Brennstoffe für Gebäude verkaufen. Am Ziel der Klimaneutralität für Häuser scheint die Koalition also festzuhalten. Das ist ein Zugeständnis der Union an die SPD – und die Anerkenntnis der offensichtlichen, katastrophalen Folgen des menschengemachten Klimawandels.

    Klingt klar? Nein, dieser Plan zur Umsetzung des Ziels ist erheblich schwächer als der alte. Während in der bisherigen Version des Gesetzes der klimaneutrale Umbau von Millionen Heizungen sofort beginnt, verschiebt die Union-SPD-Regierung die Realisierungsschritte weiter in die Zukunft. Unklar bleibt, ob sie dann auch wirklich kommen. Steht in zehn Jahren so viel Biogas und kohlendioxidfreies Öl zu Verfügung, wie gebraucht wird? Niemand weiß es. Und diese Unklarheit stellt letztlich auch das Ziel 2045 infrage, obwohl man es nun beschwört.

  • Alles muss raus

    Das gigantische Investitionsprogramm der Bundesregierung ist nur langsam gestartet, kommt aber allmählich in Fahrt. Während 2025 ein Viertel des Geldes liegenblieb, wird 2026 wohl ein höher Anteil in Projekte fließen. Bis Ende April diesen Jahres gab der Bund rund 25 Milliarden seiner insgesamt 300 Milliarden Euro aus, steht im ersten Überprüfungsbericht an den Bundestag.

    Das Sondervemögen für Infrastruktur und Klimaneutralität haben Union und SPD vor gut einem Jahr beschlossen. Aus zusätzlichen Schulden des Bundes sind darin 500 Milliarden Euro bis 2037 enthalten. 300 Milliarden davon können diese und die kommenden Bundesregierungen im Rahmen ihrer normalen Haushalte ausgeben, 100 Milliarden gehen an den Klimafonds, einen Sondertopf des Bundes.

    Weitere 100 Milliarden Euro erhalten die Länder, die wiederum einen guten Teil an die Städte und Gemeinden weitergeben sollen. Die ganze Aktion verfolgt das Ziel, die reparaturbedürftige Infrastruktur, beispielsweise Bahntrassen, in Schuss zu bringen, oder Krankenhäuser, Schulen und Sportstätten zu sanieren.

    Parallel zum schriftlichen Monitoringbericht stehen auf der Internetseite www.bundeshaushalt.de übersichtlich geordnete Zahlen und Informationen zur Verfügung, die den Bürger:innen zeigen, was geplant, ausgegeben und realisiert ist. Wer in der Startgrafik des Dashboards auf „Mittelabflüsse 2026“ klickt, sieht etwa, dass für die Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur bislang gut vier Milliarden Euro ausgezahlt wurden. 22 Milliarden stehen dieses Jahr insgesamt zur Verfügung.

    Einen Klick weiter ist man bei den Brücken. Von gut drei Milliarden Euro sind in den ersten vier Monaten 2026 immerhin 420 Millionen Euro abgeflossen. Sie dienen zum Beispiel dazu, „85 Erhaltungsmaßnahmen für Autobahnbrücken“ zu starten. So weit, so gut. Beim „Status“ ist allerdings zu lesen „ausstehend“ – wie weit die Projekte gediehen sind, ist also nicht zu erfahren. Aber ein Brückenbau dauert auch ein paar Jahre.

    Die Ergebnisse für die einzelnen Bereiche sind sehr unterschiedlich. So ist bei den Schulen quasi noch gar nichts passiert. Das Bundesgeld für digitale Lernangebote und mehr Kitaplätze wurde bisher kaum abgerufen. Die offizielle Begründung: Die entsprechenden Programme der zuständigen Bundesländer starten erst in diesem Jahr.

    Lahm geht es auch bei der Energieinfrastruktur voran. Von 1,4 zur Verfügung stehenden Milliarden Euro für klimaneutrale Fernwärme sind dieses Jahr erst 160 Millionen abgeflossen. Begründung hier: Die Planung neuer oder besserer kommunaler Wärmenetze gehe 2026 richtig los.

    Super läuft es dagegen in den Bereichen Sport und Krankenhäuser. Für die Sanierung kommunaler Sportstätten sind 60 Prozent der Mittel schon raus, bei den „Sofort-Transformationskosten Krankenhäuser“ sogar 100 Prozent. An solchen Posten zeigen sich aber auch die Grenzen und Probleme des Monitorings, teilweise des ganzen Sondervermögens. Das gute Sport-Ergebnis liegt daran, dass die Sanierungsträger das Geld in einem Rutsch bekommen, nicht nach und nach. Und bei den Krankenhäusern handelt es sich zum Teil um Geld, das nichts mit Investitionen, sondern eher mit Löcher-Stopfen zu tun hat.

    Dennoch sagt Sebastian Dullien vom gewerkschaftlich orientierten Institut für Makroökonomie: „Das von der Bundesregierung vorgelegte Monitoring ist ein gewaltiger Schritt nach vorne in der Nachverfolgung der Wirksamkeit öffentlicher Investitionsprogramme.“ Zwischen Anspruch und Wirklichkeit „klafft noch eine deutliche Lücke“, bemängelt dagegen der grüne Haushaltspolitiker Sebastian Schäfer, „vor allem bei Energie- und Verkehrsinfrastruktur, Digitalisierung sowie Forschung und Entwicklung kommt die Umsetzung zu langsam voran.“

  • Nullwachstum – eine Weggabelung

    Es gibt Momente, die kann man auf sich wirken lassen. In der Bundespressekonferenz ereignete sich kürzlich ein solcher. Deutschland müsse „sich an Nullwachstum gewöhnen“, sagte Wirtschaftsforscher Timo Wollmershäuser. Wer will, mag das als epochalen Einschnitt verstehen.

    Wollmershäuser, liberaler Ökonom des Münchner ifo-Institut, meinte es eher als Warnung, vorgetragen anlässlich der neuen Gemeinschaftsdiagnose führender Wirtschaftsinstitute zur Lage des Landes. Motto: Alle Bürger:innen sollten sich jetzt mehr anstrengen, die Politik müsse es den Unternehmen leichter machen, Geld zu verdienen. Sonst setze sich die krisenhafte Stagnation der hiesigen Wirtschaft in den kommenden Jahre fort.

    Wie begründen die Institute ihren Befund? In ihrer Prognose bis 2030 sinkt erstens das gesamte Arbeitsvolumen in Deutschland: Unter anderem weil die 1960er Jahrgänge in Rente gehen, nimmt die Zahl der Arbeitskräfte ab; auch die Arbeitszeit pro Kopf reduziert sich. Zweitens gibt es kaum noch technischen Fortschritt, die Produktivität der Wirtschaft wächst nur marginal. Dass hat auch etwas damit zu tun, dass drittens vor allem die Unternehmen nicht genug investieren.

    Aus diesen Faktoren ergibt sich: Ende des Jahrzehnts soll das sogenannte Produktionspotenzial, das Maß für ein inflationsfreies Wachstum, bei null liegen. „Die niedrigeren Wachstumsraten der Gemeinschaftsdiagnose sind nachvollziehbar“, sagt dazu Monika Schnitzer, die Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, die die Bundesregierung beraten.

    Das ist das Gegenbild der deutschen Erfolgsgeschichte der vergangenen 80 Jahre – eine erlahmende Gesellschaft, die weniger arbeitet, keinen technischen Fortschritt hervorbringt, deren Wohlstand versiegt. Tschüss, Wirtschaftsmacht Deutschland?

    In der konservativen Sicht zum Beispiel von CDU und CSU wäre das eine Katastrophe. Aber auch die meisten Sozialdemokrat:innen, Linken und Grüne finden Wirtschaftswachstum notwendig, zumindest nützlich. Denn permanenter Zuwachs hat viele Vorteile. Ein entscheidender: Wenn die Einkommen und Vermögen jedes Jahr zunehmen, können die einflussreichsten gesellschaftlichen Gruppen ihren Anteil vergrößern, ohne dass das Mehr auf Kosten anderer geht. Die Gewinne der Unternehmen steigen, und gleichzeitig die Löhne der Beschäftigten. Wenn es rund läuft wie zwischen 2010 und 2020, verbessert sich sogar die Situation der ärmsten Schichten der Bevölkerung. Wachstum reduziert Verteilungsprobleme und stabilisiert demokratische Gesellschaften.

    Was dagegen bei Stagnation oder gar Schrumpfung passiert, sehen wir momentan. Autokonzerne wehren sich dagegen, Geld für Klimaschutz ausgeben zu müssen. Die Union findet den Sozialstaat zu teuer. Verteilungskämpfe werden bissiger.

    Auf die Diagnose „wir müssen uns an Nullwachstum gewöhnen“ lässt sich jedoch auch anders reagieren – hoffnungsfroh, angstfrei, kreativ, nachdenklich oder pragmatisch. Unterschiedliche Analysen sind möglich, verschiedene Wege denkbar.

    Ist Nullwachstum schlecht?
    Matthias Schmelzer, Historiker und Wachstumstheoretiker der Universität Flensburg, sagt: „Wollmershäusers Aussage beschreibt strukturelle Realitäten, die die Postwachstumsdebatte seit Jahrzehnten thematisiert: Eine gesättigte, ressourcenintensive Volkswirtschaft nähert sich ökologischen und demografischen Grenzen.“

    Schmelzer hält eine Diskussion am Leben, die früher mal breiter war. Im Zentrum steht die These, dass Marktwirtschaften wie die deutsche an einem krankhaften Zwang zu wachsen leiden. Das ist ein durchaus nachvollziehbarer Gedanke, wenn man die ökologischen Kosten unseres Wirtschaftsmodells betrachtet. Zwar verursachen E-Autos beim Fahren kein klimaschädliches Kohlendioxid, doch auch ihre Produktion erfordert eine zunehmende, weltweite Ausbeutung natürlicher Rohstoffe.

    Dagegen betont Schmelzer: „Nullwachstum des Produktionspotenzials bedeutet nicht automatisch schlechtere Lebensbedingungen.“ Und er plädiert für eine grundsätzlich andere Wirtschaftspolitik. Der Staat solle hunderte Milliarden Euro in „Gemeinwirtschaft, Stadtwerke, kommunale Wohnungsgesellschaften und Energie-Genossenschaften“ stecken, um „günstige Mieten, stabile Energieversorgung und gute Nahversorgung“ zu erreichen. Und wenn der in einem kleineren Teil der Gesellschaft vorhandene, überbordende Reichtum gerechter verteilt würde, könnten auch alle weniger arbeiten.

    Für manche Leute klingt das verheißungsvoll. Aber wie viele Bundesbürger:innen wären bereit, auf den gewohnten Zuwachs des materiellen Wohlstands zu verzichten? Konkret könnte das ja heißen: Ein neues Auto ist zu teuer. Vielleicht sinkt auch die Rente. Das will kaum jemand akzeptieren. Oder höchstens dann, wenn alle anderen gleichfalls Opfer bringen – eine utopische Forderung. Doch Matthias Schmelzer bleibt Optimist: Auch in einer langsamen Wirtschaft könne das Bruttoinlandsprodukt ja noch ein bisschen weiterwachsen.

    Keine Panik, bitte
    Zu einer anderen Herangehensweise rät Sebastian Dullien, der Chef des gewerkschaftlich orientierten Instituts für Makroökonomie (IMK). Er will der Null-Diagnose ihren Horror nehmen. „Für die Lebensqualität in Deutschland ist ja nicht unbedingt das gesamte Wirtschaftswachstum zentral, sondern die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf“, sagt er. „Wenn die Zahl der Menschen, die in Deutschland leben, sinkt, dann ist ein Potenzialwachstum von null nicht unbedingt dramatisch, weil trotzdem der Wohlstand pro Kopf steigt.“

    Und Dullien betont die wohltuenden Nebenwirkungen wachsenden Wohlstandes: „Historisch möchten Menschen mit steigendem Einkommen auch mehr Freizeit genießen.“ Deutschland sei eines der Länder mit den besten Lebensbedingungen weltweit. Was bleibe da noch zu wünschen? „Es ist nicht verwunderlich, dass die Leute auch weniger arbeiten wollen als jene in Ländern mit niedrigerem Wohlstand“, argumentiert Dullien.

    Das Wirtschaftsmodell ändern
    Von der Globalisierung haben deutsche Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten stark profitiert – billige Energie aus Russland, günstige Konsumgüter aus China, lukrative Exporte dank weltweit sinkender Zölle. Dieses „Wirtschaftsmodell funktioniert so nicht mehr“, sagt Florian Schuster-Johnson. Der Ökonom des sozialdemokratisch orientierten Dezernats Zukunft rät, „dass ein neues Modell weniger export- und dafür mehr konsumorientiert sein sollte“ mit Schwerpunkten zum Beispiel auf heimischer Bildung und Betreuung. Wobei ein Nachteil dieser Strategie darin liegen könnte, dass der inländische, selbst der europäische Markt kleiner ist als der Weltmarkt und weniger zu verteilende Profite abwirft.

    Und wie ließe sich das Problem mangelnden technischen Fortschritts angehen? Der Staat setze momentan oft die falschen Anreize, sagt Schuster-Johnson. Steuerregeln und Subventionen machten es für Unternehmen eher attraktiv, Kapital in Finanzanlagen im Ausland zu investieren als in Erfindungen und neue Produkte. Eine Wirtschaftspolitik, die mehr Produktivität und damit Wohlstand anstrebt, müsste das ändern.

    Mehr Arbeit, aber anders
    Um die 1.400 Stunden arbeiten die Erwerbstätigen in Deutschland durchschnittlich pro Jahr – deutlich weniger als in Frankreich, Schweden und anderen reichen Staaten. Zu wenig? Zu solch einer allgemeinen Aussage lässt Wirtschaftsweise Monika Schnitzer sich nicht hinreißen. Sie argumentiert pragmatischer und differenzierter: „Es besteht durchaus Potenzial in einer höheren Erwerbsbeteiligung und Arbeitszeit von Frauen, wofür insbesondere Betreuungsinfrastruktur und steuerliche Rahmenbedingungen entscheidend sind.“ Also mehr Kitaplätze und weniger Ehegattensplitting.

    Zudem sollten „im Steuer- und Transfersystem die Anreize zur Ausweitung der Arbeitszeit verbessert werden, insbesondere im Bereich niedriger Einkommen“, empfiehlt die Wirtschaftsprofessorin. Bewerkstelligen könnte die Bundesregierung das beispielswesie, indem die Steuersätze für kleine Verdienste reduzierte und Empfänger:innen der Grundsicherung gestattete, mehr vom eigenen Lohn zu behalten, wenn sie einen zusätzlichen Job annehmen.

    Und Schnitzer plädiert auch für „eine stärkere Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte“. Offiziell beabsichtigt die Bundesregierung das ebenfalls, wobei der CSU-Innenminister gleichzeitig hunderttausende syrischer Flüchtlinge loswerden will, von denen viele inzwischen hier arbeiten. Die vergiftete Atmosphäre und die widersprüchliche Einwanderungspolitik stehen der Realisierung von Schnitzers Rat im Wege.

  • Schöne Überraschung

    Gutscheine sind bequem und praktisch, Sie vermeiden, dass die Beschenkte enttäuscht ist, wenn sie ein Buch auspacken, dass ihr nicht gefällt oder das sie schon hat. Wäre mit einem Buchgutschein nicht passiert. Und einfach nur Bargeld zu verschenken, ist für viele auch nicht richtig. So ein Gutschein ist da schon ideal. Nur: Wie lange lässt er sich einlösen? Und lässt er sich in bar auszahlen? Die wichtigsten Antworten rund um eines der beliebtesten Geschenke der Deutschen.

    Was ist ein Gutschein?

    Geburtstage, Ostern, Weihnachten oder einfach zwischendurch, die Deutschen verschenken gerne Gutscheine. Was genau darunter zu verstehen ist, ist gesetzlich nicht geregelt. Aber gemeinhin hat, wer einen Gutschein von Geschäft A bekommt, das Recht, sich eine Ware oder Dienstleistung bei A auszusuchen, die dem Wert auf dem Gutschein entspricht.

    Was sind Geschenkgutscheine, was Umtauschgutscheine?

    Der Geschenkgutschein ist der Klassiker. Die Oma kauft zum Beispiel beim Buchhändler einen Gutschein über 30 Euro, den die Enkelin zum Geburtstag bekommt. Etwas anderes ist ein Umtauschgutschein. Ein Händler ist nicht verpflichtet, Ware ohne Mängel zurückzunehmen. Wenn dem Kunden aber dennoch Zweifel kommen oder ihm die Ware nicht gefällt, sind viele Händler kulant. Vielfach zahlen sie aber nicht den Kaufbetrag zurück, sondern geben dem Kunden einen Gutschein im Wert des Kaufbetrags, mit dem sich dann anderes kaufen lässt.

    Wie lange gilt ein Gutschein?

    Meist ist auf einem Gutschein eine Frist notiert: „Einzulösen bis…“ zum Beispiel oder „Zwei Jahre ab Kaufdatum gültig.“ Ist nichts anderes vermerkt, verjährt ein Gutschein in Deutschland nach drei Jahren. Diese Frist beginne immer erst am Schluss des Jahres, in dem der Gutschein erworben worden sei, heißt es bei den Verbraucherzentralen. Hat jemand zum Beispiel einen unbefristeten Büchergutschein am 21. April 2026 gekauft und drei Tage später verschenkt, lässt er sich bis 31. Dezember 2029 einlösen. Danach ist der Händler weder verpflichtet, den Gutschein anzunehmen, noch muss er den Wert des Gutscheins in Geld auszahlen. Sonderregeln gelten zum Beispiel für Theater. Wer einen Gutschein für eine bestimmte Aufführung hat, kann ihn nur solange einlösen, wie das Stück gespielt wird.

    Mir sagt nicht zu, was ich für den Gutschein bekommen kann und hätte lieber das Geld. Kann ich ihn mir auszahlen lassen?

    Nicht jedem schmeckt indisches Essen, nicht jede freut sich über Bücher – wer entsprechende Gutscheine bekommt, ist vielleicht mehr am Geldwert interessiert. Doch ein Händler oder Gastronom ist nicht verpflichtet, ihn bar auszuzahlen. Oft ist das in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen auch genau geregelt, steht vielleicht sogar kleingedruckt auf dem Gutschein. Dennoch kann es nicht schaden, beim Restaurant oder dem Buchhändler nachzufragen. Viele Betriebe gehen kulant mit den Kunden um.

    Der Gutschein ist für ein bestimmtes Produkt ausgestellt, dass der entsprechende Händler nicht mehr verkauft. Und jetzt?

    Hat ein Elektronikmarkt zum Beispiel einen Gutschein für einen Markenartikel, zum Beispiel Smartphone-Kopfhörer mit Rauschunterdrückung, verkauft, und das Produkt jetzt nicht mehr im Programm, kann die Kundin den Gegenwert des Gutscheins in bar verlangen.

    Wie wichtig ist der Name, der auf dem Gutschein steht?

    Natürlich sieht es viel schöner und persönlicher aus, wenn der Geschenkgutschein den Namen der oder des Beschenkten trägt. Für das Einlösen ist es aber egal. In der Regel sei ein Gutschein übertragbar, so dass er auch von einer anderen Person eingelöst werden könne, erklären die Verbraucherzentralen. Denn dem Geschäft sei gleichgültig, welche Person den Gutschein einlöst. Das heißt: Der Gutschein kann weiterverschenkt werden, zum Beispiel auch, wenn einem nicht gefällt, was der Gutschein verspricht. Nicht übertragbar ist der Gutschein, wenn die Leistung genau auf die Person zugeschnitten ist, für die der Gutschein gekauft wurde. Oder wenn bestimmte Voraussetzungen nötig sind, die nicht jeder erfüllt, genug Fitness für eine Ballonfahrt oder eine Bergwanderung zum Beispiel.

    Ich wollte einen Gutschein einlösen, der Händler verlangte mit Verweis auf gestiegene Kosten eine Zuzahlung. Darf er das?

    Hier ist entscheidend, was auf dem Gutschein steht. Ist eine bestimmte Leistung erwähnt, zum Beispiel „Herrenhaarschnitt“, ist es unerheblich, ob die Preise seit Ausstellen des Gutscheins gestiegen sind. Vereinbart ist eine Leistung, kein Wert. Anders sieht es aus, wenn der Gutschein des Friseurs über 30 Euro ausgestellt ist, der Kunde jetzt einen Herrenschnitt damit bezahlen möchte und dieser inzwischen 40 Euro kostet. Dann muss der Kunde zehn Euro dazulegen. Ähnlich sieht es aus, wenn auf dem Gutschein „Herrenhaarschnitt für 30 Euro“ notiert ist. Auch hier muss zugezahlt werden.

    Das Geschäft, das den Gutschein ausgestellt hat, ist insolvent. Was geschieht jetzt?

    Ist ein Händler insolvent, lässt sich der Gutschein nicht mehr einlösen. „Wer einen solchen Gutschein besitzt, hat eine Forderung gegen den Anbieter, der nun pleite ist“, heißt es bei den Verbraucherzentralen. Diese könne man beim Insolvenzverwalter anmelden, der sie sammelt. Er verwertet das Unternehmen. Aus dem eingenommenen Geld werden die Forderungen bedient – allerdings in der Regel nur zu einem Bruchteil des ursprünglichen Wertes – meistens unter fünf Prozent.

    Ich habe einen Gutschein aus Frankreich. Gelten die gleichen Regeln wie in Deutschland?

    Gutscheine sind nicht einheitlich in der EU geregelt. Jedes Land hat eigene Vorgaben. So legen Anbieter in Belgien, Frankreich, Luxemburg, Polen und Tschechien eigene Fristen fest. In Österreich können Gutscheine bis zu 30 Jahre gültig sein, wie die Europäische Verbraucherzentrum Deutschland berichtet. Kürzere Fristen lassen sich aber vereinbaren. In den Niederlanden kann ein Gutschein demnach ohne Ausstellungs- und Ablaufdatum sogar unbegrenzt eingelöst werden. Geschenkkarten mit Ausstellungsdatum sind maximal fünf Jahre gültig. In Dänemark gilt wie in Deutschland eine dreijährige Frist, falls kein früheres Datum für den Verfall eines Gutscheins klar und deutlich angegeben wird.

    Ich möchte einen Gutschein verschenken. Worauf sollte ich achten?

    Wer sichergehen möchte, dass der Gutschein vor allem Freude bereitet und nicht Frust, sollte beim Kauf schon auf die Einlösefrist achten und sie konkret vermerken lassen. Die Verbraucherzentralen empfehlen zudem nachzufragen, ob der Gutschein auch in Teilen eingelöst werden kann. Nicht jeder möchte gleich Bücher im Wert von 50 Euro mitnehmen, sondern zum Beispiel erst ein Buch aussuchen und später ein weiteres. Wem die rechtlichen Fragen zu spitzfindig und die Kulanz der Händler und Gastronomen zu unsicher ist, kann das alles umgehen. Die Verbraucherzentralen empfehlen: Verschenken Sie einfach einen selbst gemachten Gutschein.

  • Künftig gibt es Last-Minute-Tickets im Fernverkehr

    Wenn es schon mit der Pünktlichkeit nicht klappt, sollen bessere Angebote und sauberer Züge die Stimmung der Bahnkunden verbessern. So wird auch das Auslandsangebot weiter ausgebaut.

    Die Deutsche Bahn bietet im Fernverkehr künftig auch Last-Minute-Tickets an. Samstags und Sonntags können die Fahrten in Zügen der jeweils kommenden Woche gebucht werden.„Mit diesem komplett neuen Angebot für die Züge des Fernverkehrs bieten wir Sicherheit und bezahlbare Mobilität“, sagte Fernverkehrsvorstand Michael Peterson im Gespräch mit der Funke-Mediengruppe, „wir möchten mit dieser Aktion auch neue Kundengruppen ansprechen“. 

    Die Tickets werden zu Preisen ab 6,99 Euro angeboten. Obendrauf kommt gegebenenfalls der Bahncard-Rabatt. Kinder fahren kostenlos mit. „Ab dem 9. Mai können unsere Kunden erstmals Last-Minute-Preise buchen“, kündigt der Vorstand an. Das Angebot gilt zunächst für ein halbes Jahr mit der Option auf Verlängerung.

    Wie andere Sparpreise seien auch die Last-Minute-Preise kontingentierte Angebote. Damit werde sichergestellt, dass das Angebot nur auf Zügen buchbar ist, die auch noch freie Sitzplätze haben. Die Wahrscheinlichkeit, ein Schnäppchen zu ergattern, ist Peterson zufolge daher abseits der Hauptreisezeiten besonders hoch. Mit diesem Angebot komme die Bahn auch einem bestehenden Wunsch der Reisenden nach. Allen, die länger im Voraus planen können, rät das Unternehmen weiterhin zur frühen Buchung ihrer Tickets.

    Ausgebaut wird auch das Angebot auf der Buchungsplattform Navigator. Bis zum Jahresende werden Tickets für Fahrten in und zwischen weiteren Ländern direkt buchbar. Reisend können dann zum Beispiel Fahrten zwischen Spanien und Portugal am heimischen PC kaufen. Laut Peterson werden dann praktisch alle großen Länder in Europa an den einheitlichen Buchungsstandard angeschlossen. In den jeweiligen Angeboten sollen auch länderspezifische Sparpreise oder Abos für Buchungen aus Deutschland abrufbar sein.

    Das Interesse an grenzüberschreitenden Verbindungen ist bei den Fahrgästen vorhanden. Die alte Maxime, dass die Bahn dem Flugverkehr nur bei Fahrzeiten von unter vier Stunden Kunden abjagen kann, stimmt nicht mehr. Die Bereitschaft, lange im Zug zu sitzen, sei deutlich nach oben gegangen, sagt Peterson. Das zeigt sich beispielsweise auf den Haften zwischen Berlin und Paris. Die Auslastung der täglich verkehrenden Linie ist so hoch, dass die Bahn mit der französischen SNCF über einen zweiten Zug am Tag spricht. 

    Bis es von Deutschland aus nach London geht, werden wohl noch ein paar Jahre vergehen. Schwierig ist der Direktverkehr mit der Insel auch, weil Großbritannien kein EU-Land mehr ist. Das bedeutet, die Einreisekontrollen müssen am Startbahnhof stattfinden. Es wird ein eigener Terminal dafür benötigt. Bisher standen als mögliche Startstädte Frankfurt und Köln zur Diskussion. Peterson hält Köln für den geeigneteren Startpunkt. Am dortigen Gleis 1 sei für den Umbau für eine Grenzabfertigung räumlich und mit dem Gleis auch praktisch gut geeignet.

    Fest steht schon eine andere Auslandsverbindung. So nimmt die Bahn zusammen mit der italienischen Trenitalia 2027 die Linienverkehr zwischen München und Mailand auf. Später soll es nach Rom und noch später bis nach Neapel weitergehen. Auch in Richtung Skandinavien soll es Verbindungen geben. Von einem europäischen Schienennetz für den grenzüberschreitenden Verkehr ist der Kontinent Peterson zufolge noch weit entfernt. Nach wie vor gebe es unterschiedliche technische Voraussetzungen in den einzelnen Ländern. So gebe es etwa verschiedene Spurweiten oder Länderversionen des eigentlich einheitlichen europäischen Zugsteuerungssystem ETCS. 

    Im Inland verbessert sich das Angebot mit der Eröffnung der generalsanierten Strecke zwischen Hamburg und Berlin sowie der weiteren Auslieferung der neuen Züge ICE L. Der neue Zug wie dann zwischen Berlin und Westerland sowie ab Juli 2027 dem Ruhrgebiet und Oberstdorf verkehren.

    Drei Monate nach Einführung eines Sonderprogramms für mehr Sauberkeit in den Zügen zieht die Bahn eine positive Bilanz. „Das Sofortprogramm wirkt“, sagte Fernverkehrsvorstand Michael Peterson im Gespräch mit der Funke-Mediengruppe, „ unsere Fahrgäste sehen und spüren die positiven Entwicklungen bei Sauberkeit und Service an Bord“. Das hätten Befragungen bestätigt.

    Allein in diesem Jahr 2026 investiert die Bahn hierfür 20 Millionen zusätzlich. Seit Januar wurde das Reinigungspersonal deutlich aufgestockt. Laut Person reinigen auf vielgenutzten Verbindungen nun 220 Beschäftigte die Züge während der Fahrt. Das sind doppelt so viele wie zuvor. In den ersten drei Monaten seien 680.000 Toiletten gereinigt und rund 170.000 Müllsäcke gefüllt worden. An ausgewählten Knotenbahnhöfen wie München stünden außerdem Sonderreinigungstrupps bereit, die bei Bedarf zum Einsatz kommen.

    Auch die Teppiche in den ICE-Zügen werden häufiger behandelt. Haben die Reiniger bisher wöchentlich Teppiche in der Größenordnung von vier Fußballfeldern intensiv gesäubert, seien dies nun umgerechnet sechs, erläutert Peterson. Zu dem Sofortprogramm gehört auch der Einsatz von mobilen Technikern, die für einen stabilen Betrieb der Kaffeemaschinen im Bordbistro sorgen sollen. Allein in den ersten drei Monaten haben sie 100 Geräte austauschen müssen. Ein fehlendes Kaffeeangebot gehört zu den oft genannten Ärgernissen in den Zügen.

  • Funktioniert, aber nicht ewig

    Mal positiv betrachtet: Die Regierung bringt ihre erste größere Sozialreform auf den Weg. Immerhin 16 Milliarden Euro Einsparungen bei den Krankenkassen sollen dafür sorgen, dass die Kassenbeiträge der Privathaushalte und Unternehmen nicht steigen. Und die Koalition aus Union und SPD hat sich auf die Eckwerte des Bundeshaushalts 2027 geeinigt. Dafür werden einige Steuern wohl milde erhöht oder eingeführt – auf Tabak, Alkohol und Zucker in Getränken. Das mag man individuell für ärgerlich halten, gesellschaftlich betrachtet ist es richtig, weil diese Steuern dazu beitragen können, Krankheitskosten einzudämmen.

    Was gab es vorher nicht alles für Hiobsbotschaften: Die Koalition sei ihrem Ende nahe, die riesige Lücke im Haushalt kaum zu schließen. Schnee von gestern. Sicherlich: Nach dem Loch ist vor dem Loch. Der Bundeshaushalt 2028 wird auch kein leichter sein. Aber die Chancen stehen nicht schlecht, dass sich das zurechtruckelt.

    Die Regierung stemmt sich gegen die Weltlage. Wenn die deutsche Wirtschaft überhaupt wächst, dann auch wegen der hohen Verschuldung. Rund 200 Milliarden Euro, die die Regierung eigentlich nicht hat, besorgt sie sich über Kredite, um sie in den Wirtschaftskreislauf zu stecken. Die damit zu finanzierenden, gigantischen Investitionen in die Bahn, Brücken und Krankenhäuser sind nötig. Das Gleiche gilt für die Überweisungen an die Ukraine, die im Osten die Freiheit der europäischen Demokratien verteidigt.

    Diese Politik wirkt, aber man kann sie nur eine begrenzte Zeit durchhalten, vielleicht zehn Jahre. Die Zinsen schmerzen jetzt schon. Sie kosten nächstes Jahr 42 Milliarden Euro, jeder fünfte geliehene Euro ist gleich wieder futsch. 2030 wird es wohl schon jeder dritte sein. Dann werden die Staatsschulden so zugenommen haben, dass sich die Regierenden etwas anderes einfallen lassen müssen.

  • Kredite, Krieg und Zucker

    Spätestens im Bundeshaushalt 2027 muss sich abbilden, was die Koalition aus Union und SPD zuwege bringen will und kann. Tatsächlich zeigen sich Ansätze der geplanten Reformen nun in den Eckpunkten für den Etat, der die Hälfte dieser Regierungsperiode markieren wird. Der am Dienstag veröffentlichte Finanzrahmen enthält zum Beispiel eine Vorsorge für zusätzliche Ausgaben zugunsten der gesetzlichen Krankenkassen.

    Die Eckpunkte für den Haushalt 2027 und die Finanzplanung bis 2030 soll das Kabinett an diesem Mittwoch beschließen – zusammen mit einem Gesetzentwurf zur Krankenkassen-Reform. Dabei geht es auch darum, ob die Regierung den Kassen bestimmte Kosten abnimmt. Solche Maßnahmen würden verhindern, dass die Sozialbeiträge der Beschäftigten und Unternehmen weiter steigen.

    Auch an die grundsätzlich vereinbarte Steuerreform ab 2027 müssen die Fachleute im Haus von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) denken. Die Koalition will vor allem die Steuern für kleine und mittlere Einkommen senken. Wenn es so läuft, wie Klingbeil wünscht, würde diese Reform unter dem Strich nichts kosten. Denn die SPD-Seite möchte die Steuersenkung durch höhere Abgaben auf große Verdienste finanzieren.

    Ob es so kommt, bleibt jedoch abzuwarten. Die Union strebt eine Reform an, von der auch reiche Privathaushalte profitierten. Wobei CDU und CSU in jüngster Zeit eine gewisse Bereitschaft erkennen lassen, wenigstens die Steuersätze für große Verdienste anzuheben. Gleichzeitig fordern Unionspolitiker wie Fraktionsvize Mathias Middelberg, die Steuersenkung auch durch Einsparungen etwa bei Klimaschutzprogrammen zu ermöglichen. Von den akutellen Eckpunkten bis zum Kabinettsbeschluss über den Haushalt im kommenden Juli und den folgenden Verhandlungen im Bundestag muss die Koalition noch einige Probleme aus dem Weg räumen.

    Im Vergleich zur ursprünglichen Planung sollen die Ausgaben im Etat 2027 deutlich ansteigen. Stehen dieses Jahr 525 Milliarden Euro zur Verfügung, könnten es nächstes Jahr 543 Milliarden Euro sein. Das ist aber nur der sogenannte Kernhaushalt. Außerdem gibt der Bund viel Geld mit Extratöpfen aus, dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität, dem Sondervermögen Bundeswehr und dem Klima- und Transformationsfonds. Ingesamt summieren sich die Ausgaben der Regierung 2027 auf über 650 Milliarden Euro.

    Ungefähr 200 Milliarden Euro davon erwirtschaftet der Bund nicht selbst, etwa durch Steuereinnahmen. Die 200 Milliarden Euro sind zusätzliche Schulden, finanziert durch den Verkauf von Staatsanleihen. So liegt die Neuverschuldung bei einem Drittel der Gesamtausgaben. Früher war sie meist viel geringer, betrug auch mal Null. Möglich wird die hohe Kreditaufnahme, weil die Koalition einen großen Teil der Militärausgaben und das Sondervermögen Infrastruktur von der Schuldenbremse im Grundgesetz ausgenommen hat.

    Die Regierungsparteien „haben mit zu optimistischen Wachstumsannahmen geplant und wollen den Haushalt nun mit noch mehr Schulden ohne Wachstumsrendite zusammenhalten“, sagte der grüne Finanzpolitiker Sebastian Schäfer, „das rächt sich: Das Wachstum bleibt schwach, die Verschuldung steigt weiter, und der Bundeshaushalt steht massiv unter Druck.“

    So ist ein Grund für die höheren Ausgaben bei der Bundeswehr zu suchen. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) wird 2027 rund 130 Milliarden zur Verfügung haben, etwa 20 Prozent aller Ausgaben. Begründung: Deutschland und Europa müssen sich gegen tatsächliche und erwartete Aggressionen durch Russland wehren können. Und bis 2030 sollen die Aufwendungen fürs Militär 180 Milliarden Euro pro Jahr erreichen.

    Auch die Ausgaben für Investitionen sind erheblich und viel höher als früher. Im Kernhaushalt sollen nächstes Jahr knapp 50 Milliarden Euro vorhanden sein, zusätzlich eine ähnliche Summe aus dem Sondervermögen Infrastruktur. Damit fördert die Regierung etwa die Sanierung von Bahnstrecken und Brücken. Hinzu kommen 23 Investitionsmilliarden aus dem Klimafonds.

    Die vor Monaten noch große Finanzlücke zwischen zu hohen Ausgaben und niedrigeren Steuereinnahmen hat das Finanzministerium inzwischen weggerechnet. Einen Dienst erweisen dabei die Regierungsbeschlüsse vom zweiten Aprilwochenende in der Villa Borsig. Diese finden nun Eingang in die Haushaltsplanung in Gestalt sogenannter „Globalpositionen“ – Milliardensummen und Maßnahmen, die noch zu konkretisieren sind.

    Eine Rolle spielt auf jeden Fall, dass die Zuschüsse des Haushaltes zur Pflege- und Rentenversicherung sinken sollen. Um das zu ermöglichen, müssen dort die Ausgaben zurückgehen – wie genau, bleibt abzuwarten. Der Klimafonds wird wohl ebenfalls ein paar Federn lassen. Und neue Abgaben für Hersteller auf Plastik und Zucker in Getränken könnten zusätzliche Einnahmen erbringen.

  • „Das wahre Problem sind die ineffizienten Strukturen“

    Im deutschen Gesundheitssystem klafft ein Finanzloch. Bis Ende April will Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) ein Reformgesetz im Kabinett vorlegen, das 20 Milliarden Euro bringen soll. Für Versicherte wird es wohl teurer, die Pharmahersteller sollen weniger Geld bekommen. Daniel Steiners, Chef von Roche Pharma und stellvertretender Präsident des Pharmaverbands VFA, hält wenig davon – die Branche gehört zu den wichtigsten in Deutschland.

    Die Gesetzlichen Krankenkassen sollen künftig weniger ausgeben, Medikamente günstiger werden. Bleiben künftig die Regale in den Apotheken leer?

    Diese Gefahr ist längst real. Schon heute sehen wir, dass jedes dritte Medikament, das in den USA zugelassen ist, in Deutschland nicht verfügbar ist. Das hat direkt mit politischen Entscheidungen zu tun. Denn was viele nicht wissen: Die Preisbildung für Medikamente unterliegt in Deutschland seit mehr als 15 Jahren einem stark regulierten Prozess. Das ist grundsätzlich sinnvoll. Problematisch wird es, wenn nach der Preisfestlegung zusätzlich pauschale Zwangsrabatte und willkürliche Abschläge erhoben werden, um die Krankenkassen querzufinanzieren. Wenn ein Land die Preise drückt, dann hat das auch oft Auswirkungen auf andere Länder. Medikamentenpreise sind international miteinander verbunden.

    Was bedeutet das?

    Die Folge ist, dass der wirtschaftliche Druck auf Hersteller immer größer wird. In dieser Situation müssen sich viele Unternehmen zwangsläufig die Frage stellen, ob die Einführung innovativer Medikamente in Deutschland wirtschaftlich noch vertretbar ist. Die grundsätzliche Frage an die Politik lautet deshalb: Will sie Innovationen angemessen honorieren und gute Bedingungen für medizinische Forschung und Produktion schaffen? Oder verliert Deutschland den Anschluss und wird immer mehr zum Vertriebsstandort für ältere Medikamente?

    Was fehlt Ihnen bei den Plänen der Gesundheitsministerin?

    Es fehlt ein ganzheitlicher Blick. Aktuell betrachtet das Gesundheitsministerium innovative Arzneimittel allein als Negativposten im Haushaltsbuch der Kassen. Dabei machen sie nur sieben Prozent der Gesamtausgaben aus. 93 Prozent des Problems liegen woanders. Gleichzeitig stützt unsere Branche das Gesundheitssystem schon heute durch verschiedene Rabatte mit fast 30 Milliarden Euro pro Jahr. Mit dem Gesetzentwurf der Gesundheitsministerin kommen jetzt sogar neue Abschläge auf unsere Industrie zu, die jederzeit dynamisch an die Kassenlage angepasst werden können.

    Vermutlich greift die Ministerin auch deshalb zu, weil die Branche zuletzt trotz der Rabatte recht gut in Deutschland verdient hat. Ist das so überraschend?

    Als forschende Branche können und müssen wir grundsätzlich mit vielen Risiken umgehen. Was wir jedoch nicht verkraften, sind unberechenbare politische Eingriffe. Mich stört, dass die Politik nicht konsequent die echten Hebel für Einsparungen adressiert. Stattdessen soll ein ganzer Wirtschaftszweig, der forscht, produziert, Arbeitsplätze schafft, exportiert und die sozialen Sicherungssysteme stärkt, über Gebühr belastet werden. Dabei wollen wir als Industrie in Deutschland anpacken und nicht einpacken.

    Was bedeuten die Pläne der Ministerin für den Pharmastandort Deutschland?

    Wenn die Pläne so umgesetzt werden, käme das einer Deindustrialisierung auf Raten gleich. Vor wenigen Monaten haben wir im Kanzleramt noch diskutiert, wie unsere Branche als Leitindustrie dazu beitragen kann, die Wirtschaft aus der Dauerkrise zu führen. Dafür brauchen wir keine Subventionen, sondern vor allem Planungssicherheit. Anstatt die zugesagten Weichen für einen international wettbewerbsfähigen Standort zu stellen, diskutieren wir nun neue Belastungen. Politische Ankündigungen und Taten dürfen sich in Deutschland nicht weiter entkoppeln. Wenn jetzt keine industriepolitische Gesamtstrategie folgt, wird Deutschland auch diesen Industriezweig an andere Länder verlieren – so wie wir bereits wichtige Industrien verloren haben.

    Auch die USA, der größte Pharmamarkt der Welt und einer der teuersten aus Sicht der Verbraucher, will die Preise begrenzen.

    Der entscheidende Unterschied: Während die USA über Preise diskutieren, bauen sie gleichzeitig ihre führende Stellung im Rennen um Innovationen aus. Fakt ist: Mit einem Anteil von rund 50 Prozent ist der US-Markt der globale Motor für die Finanzierung medizinischer Forschung. Deutschland kommt hingegen auf einen Marktanteil von lediglich vier Prozent. Wir profitieren seit Jahren davon, dass die Erforschung der Medizin von morgen primär über den US-Markt finanziert wird. Ein willkürlicher Preisdruck in Deutschland kann dazu führen, dass nicht mehr nur jedes dritte, sondern vielleicht bald schon jedes zweite innovative Medikament Patienten nicht mehr erreicht.

    Warum sind neue Medikamente etwa gegen Krebs oder Alzheimer überhaupt so teuer?

    Die Pharmaforschung ist kapitalintensiv und risikoreich. Milliarden werden investiert, lange bevor klar ist, ob am Ende überhaupt ein Medikament entsteht. Ist unsere Forschung erfolgreich, haben wir nur ein enges Zeitfenster von wenigen Jahren, in denen das Medikament patentgeschützt ist und einen neuen Forschungszyklus finanzieren kann. Danach geht das Medikament quasi in das Welterbe der Pharmazie über. Alle kostengünstigen Generika waren einmal innovative, patentgeschützte Medikamente.

    Wo könnte die Ministerin besser sparen?

    Innovationen sind nicht das Problem der Krankenkassen. Sie sind Teil der Lösung. Wenn moderne Tests, digitale Systeme und innovative Medikamente konsequent eingesetzt würden, ließen sich bei den Krankenkassen Effizienzpotenziale von über 20 Milliarden Euro pro Jahr heben. Das wahre Problem sind die ineffizienten Strukturen, in denen Fortschritt jeden Tag versickert und Geld verpufft.

  • Aufholjagd im All

    Elon Musk ist oft einfach schneller. Bereits seit 2020 liefert der reichste Mann der Welt mit Starlink Internet aus dem All auf die Erde. Jetzt bekommt er Konkurrenz vom drittreichsten: Jeff Bezos. Dessen Projekt Amazon Leo hängt etwas, doch die Aufholjagd hat begonnen. Entscheidend dabei sind Europäer, was sich an diesem Dienstag wieder zeigt.

    Am Vormittag deutscher Zeit soll eine Ariane-Rakete vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana abheben. An Bord sind 32 Leo-Satelliten des Onlinehändlers und Technologiekonzerns Amazon. Leo steht für die Umlaufbahn Low Earth Orbit, in der die Satelliten arbeiten sollen. Wenn alles klappt, schließt Bezos (282 Milliarden Dollar Vermögen) im All ein bisschen auf zu Musk (647 Milliarden Dollar) auf.

    Bezos plant einen Schwarm von zunächst 3236 Satelliten. Gut ein Fünftel davon sollen mit einer Ariane ins All. Insgesamt 18 Starts hat Amazon bestellt, der erste war im Februar. Es ist der größte kommerzielle Auftrag für die französische ArianeGroup, die die Rakete baut. Weite Teile kommen aus Deutschland, vor allem die wichtige Oberstufe, die in Bremen gebaut wird. Sie liefert die Ladung an die richtige Stelle, nachdem Hauptstufe und Booster die Rakete von der Erde weggebracht haben.

    Pierre Godart sitzt in einem Konferenzraum der Fabrik nahe des Bremer Flughafen. Der Deutschland-Chef von ArianeGroup berichtet begeistert von der Präzision der Ariane 6, davon dass rund 600 Firmen aus 13 europäischen Ländern Teile liefern, dass sie nach sechs Starts seit dem Jungfernflug 2024 gerade die Produktion in großem Tempo hochfahren. Wegen der hohen Nachfrage nach Raketen weltweit. „Da wollen wir dabei sein.“

    Es ist auch eine wirtschaftliche Frage. Bisher fliegen Ariane-Raketen vor allem für staatliche Auftraggeber – die europäische Raumfahrtagentur Esa, Verteidigungsministerien. Große Aufträge aus der Privatwirtschaft gab es bisher nicht. Auch war die Ariane 5, Vorgängerin der Ariane 6, im Vergleich zur Konkurrenz zu teuer konnte nur wenige Male im Jahr starten, weil der Bau so aufwändig war. Bei der neuen Rakete sind die Kosten deutlich geringer. Und je mehr Starts verkauft werden, desto mehr rechnen sich die hohen Investitionen von rund vier Milliarden Euro.

    Godart steht jetzt in der hellen Halle zwischen einem fertigen Sauerstofftank, der einer silbrigen Linse mit 5,4 Metern Durchmesser ähnelt und dem ähnlich großen, aber etwas höheren Wasserstofftank. Der Deutschland-Chef der ArianeGroup trägt weiße Überschuhe, hellblauen Kittel und Haarnetz wie alle hier im Reinraum. Winzige Partikel können die Oberstufe später unbrauchbar machen. Die Luft in der Halle mit ihren fast 20 Metern Höhe ist kühl und trocken.

    „Wir haben die Produktion hier komplett neu gebaut“, sagt Godart. Die Oberstufe wird in einer Art Fließbandfertigung hergestellt, wobei das Tempo deutlich langsamer ist als zum Beispiel in der Autoindustrie. Neun bis zehn Oberstufen pro Jahr – Tanks, Triebwerk, Steuereinheiten, zusammengebaut insgesamt jeweils 7,5 Tonnen schwer – soll das Bremer Werk ausliefern, wie Godart sagt. Vielleicht auch elf.

    Amazon dürfte noch größeren Bedarf nach Raketenstarts haben. Insgesamt sollen in einer zweiten Stufe bis zu 7774 Satelliten in 590 bis 630 Kilometern Höhe um die Erde fliegen. Musks Starlink betreibt derzeit mehr als 10.000 Satelliten und will weitere rund 9000 ins All schießen, was dem eigenen Raketenunternehmen SpaceX zusätzlich Aufträge garantiert. Musk startet nur mit Musk. Und die wiederverwertbare Falcon 9 ist deutlich günstiger als die Einmalrakete Ariane 6.

    Dafür lässt sich das Triebwerk der Ariane-Oberstufe mehrfach zünden. Die Satelliten können an mehreren Stellen ausgesetzt werden, müssen selbst nicht mehr so weit fliegen, was Sprit spart. Ein entscheidender Vorteil, der manch Kunden überzeuge, mehr für den Start zu bezahlen, findet ArianeGroup-Manager Godart. Die Satelliten müssen sich im All immer wieder neu ausrichten. Je mehr Sprit sie haben, desto länger halten sie.

    Zum Preis schweigen sich ArianeGroup und Amazon aus. Die Amerikaner dürften allerdings Mengenrabatt bekommen haben. Einzelstarts kosten nach Branchenschätzungen 90 bis 120 Millionen Euro. Insgesamt will der US-Konzern rund zehn Milliarden Dollar in Leo investieren. Martijn van Delden, so etwas wie Amazon Leos europäischer Verkaufschef, berichtet, das Programm sichere jährlich mehr als 3270 Arbeitsplätze in Europa, vor allem in Frankreich und Deutschland.

    Wie Musk mit Starlink setzt auch Bezos mit Amazon Leo darauf, möglichst viel aus einer Hand zu machen. So baut das Unternehmen die Satelliten in einer eigenen US-Fabrik. Sie haben etwa das Format eines großen Kühlschranks, dazu kommen noch Sonnenpaneele für die Stromversorgung. Amazon betreibt auch eigene Bodenstationen und baut die Antennen für Endkunden selbst.

    Wann man Internet über Amazon buchen kann, steht noch nicht fest. Van Delden spricht von 2026. Abgedeckt werden soll zunächst alles zwischen dem 56. Grad nördlicher und südlicher Breite, was Angebote für Mitteleuropa und große Teile Nordamerikas und Asiens möglich macht. Später soll Leo die Welt erfassen. Erste Tests laufen bereits mit ausgewählten Kunden. Anders als Musk verfügt Bezos mit Amazon über eine enorme Vertriebskraft, wird den Rückstand zu Starlink so möglicherweise aufholen können.

  • Gefährliche Borsten aus Deutschland

    Auf den ersten Blick sieht alles richtig aus, Aufsätze für elektrische Zahnbürsten eben. Normalerweise sind sie recht teuer, in diesem Fall scheint es ein Schnäppchen zu sein. Doch was auf Amazon als Topangebot für Philips-Sonicare-Geräte angezeigt wird, ist gefälscht. Kunden bekommen Bürsten aus minderwertigem Material, die vielleicht bürsten, aber mit den Ultraschallgeräten von Philips nicht harmonieren und eventuell sogar schädlich sind. Der Verkäufer muss sich jetzt vor Gericht verantworten – in Frankfurt.

    Anzeige erstattet haben Amazon und Philips. Den Täter entdeckte Amazons konzerneigene Ermittlergruppe CCU (Counterfeit Crimes Unit), die Produktfälschern auf der Spur ist und hier mit Philips zusammenarbeitete. „Dieser Fall sendet eine klare Nachricht: Wenn Sie versuchen, Fälschungen in unserem Onlinegeschäft zu verkaufen, finden wir Sie, stoppen Sie und verfolgen Sie rechtlich in jeder Form, einschließlich Schadenersatz und Strafverfolgung“, kommentiert CCU-Chef Kebharu Smith.

    Zahnbürsten sind offenbar sehr attraktiv für Fälscher. Philips-Manager Gerrit Janßen berichtet von mehr als 4500 Fällen in Westeuropa allein 2025. Der jetzt angeklagte Täter, der, wie zu hören ist, in Deutschland wohnt, ist nur einer von ihnen. Gefälscht wird fast alles, was schnellen Gewinn verspricht, ob das nun teure Zahnbürstenköpfe sind oder Druckerkartuschen, Luxushandtaschen oder Designkerzenhalter aus den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts. Und die Täter kommen nicht immer aus China, wie der Philips-Fall zeigt. auch wenn dort schnell und in großen Stückzahlen täuschend echte Produkte hergestellt werden können.

    Besonders stolz ist Amazons CCU deshalb auf die engen Kontakte mit den Ermittlungsbehörden in China. Allein für 2025 berichten die Amerikaner über mehr als 70 erfolgreiche Razzien gegen Hersteller, Lieferanten und Händler gefälschter Produkte. Zahlreiche Täter seien zu Geld- und Gefängnisstrafen verurteilt worden. Insgesamt entdeckte Amazon dem neuen Trustworthy Shopping Experience Report (TSE, etwa Vertrauensvoll-Einkaufen-Bericht) weltweit mehr als 15 Millionen gefälschte Produkte und zog sie aus dem Verkehr.

    Über die Seiten des größten Online-Händlers der Welt werden mehrere hundert Millionen Produkte angeboten. Genaue Zahlen gibt Amazon nicht heraus. Der Konzern verkauft einiges selbst, bietet aber seinen Onlineladen und seine Logistikzentren auch anderen Händlern an, die gegen Gebühren die Reichweite nutzen können. Und dabei sind einige, die das schnelle Geld mit gefälschten Produkten machen wollen und hoffen, nicht entdeckt zu werden.

    Inzwischen nutzt Amazon Künstliche Intelligenz und kann deshalb mögliche Verstöße vorhersagen, bevor neue Marken oder Produkte überhaupt bei Amazon erscheinen, wie es in einem Blog des Unternehmens heißt. Dafür scannt die Software Social Media und andere Händler und analysiert die Informationen. Denn Täter sind oft schneller mit den Fälschungen am Markt, als offizielle Anbieter ihre Produkte herausbringen.

    So gelang es im vergangenen Jahr, ein gefälschtes Angebot zu sperren, acht Tage bevor der wahre Markeninhaber des neuen Produkts Amazon mitteilte, das er die Rechte hält. Das Produkt war vorher bei Social Media viral gegangen. Mit einer ähnlichen KI-Technologie spüren die Amerikaner gefährliche und gefälschte Internetseiten auf, um sie dann automatisiert aus dem Verkehr ziehen zu lassen. Allein 2024 investierte Amazon mehr als eine Milliarde Dollar unter anderem in solche Technologie und den Ausbau der CCU.

    Die Einheit startete 2020. Smith hat sie aufgebaut. Er arbeitete gut 20 Jahre im US-Justizministerium, beschäftigte sich mit Computerkriminalität und geistigem Eigentum. Im Team sind ehemalige Staatsanwälte, Geheimdienstmitarbeiter und Polizeibeamte sowie Ermittler und Datenanalysten. Die Einheit arbeitet mit mehr als 50 staatlichen Behörden wie Europol, der US Homeland Security und der US-Bundespolizei FBI zusammen. Und auch deutschen Ermittlungsbehörden.

    Inzwischen hat die CCU mehr als 32.000 Täter in 14 Ländern der Welt vor Gericht gebracht. Mehr als 290 sitzen inzwischen im Gefängnis – im Schnitt für 29 Monate. Diese durchschnittliche Haftlänge zeige die ernsten Konsequenzen für die Täter, wenn sie erwischt würden, heißt es im TSE-Bericht von Amazon.

    Manchmal dauert es. Bereits 2022 verklagten Amazon und der japanische Druckerhersteller Brother 18 Personen beim Landgericht Berlin. Sie hatten Original- Druckerpatronen gekauft, mit minderwertiger Tinte befüllt, mit gefälschten Hologrammen versehen, um das Original nachzuahmen, und verkauft. 2024 gab es ein großangelegte Razzia gegen die Täter. Im vergangenen Jahr verurteilte das Landgericht Berlin die Bande wegen Produktfälschung und zu 500.000 Euro Schadenersatz.

  • Auf der Suche nach dem Digitalschub

    Angesichts Größe der Aufgabe sind die Zahlen recht gut versteckt. Wie viel Geld gab der Bund im vergangenen Jahr für Digitalisierung aus? fragten sich die Politikberatung Agora Digitale Transformation aus Berlin und die Wirtschaftsforscher vom ZEW in Mannheim. Und hat der Start des Digitalministeriums den nötigen Schub gebracht, um Deutschland aus dem Zeitalter staubiger Akten und ausufernder Excel-Tabellen in die digitale Zukunft zu bringen? Nun ja.

    Insgesamt standen für Digitalisierung beim Bund 21,1 Milliarden Euro bereit, wie Friedrich Heinemann vom ZEW sagt. Sein Forschungsbereich hat die Zahlen ermittelt. Ein Jahr zuvor waren es noch 19,8 Milliarden Euro. Eingerechnet ist Geld aus dem Bundeshaushalt und aus zwei Milliardentöpfen, dem Klima- und Transformationsfonds sowie dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität. Nicht erfasst ist, was Länder und Kommunen für Digitalisierung ausgeben oder die Gesetzliche Krankenversicherung.

    Staatliche Digitalisierungsprojekte sind zum Beispiel die digitale Brieftasche Eudi-Wallet, der digitale Fahrzeugschein oder die Digitalisierung der Grundbücher oder des Handelsregisters.

    Wird allein der Bundeshaushalt ohne die beiden Sondervermögen betrachtet, sind die Digitalausgaben gesungen, von 19,2 auf 16,9 Milliarden Euro. Der Bund hat offenbar Aufgaben aus dem normalen Haushalt herausgenommen und auf die Sondervermögen übertragen. Stefan Heumann, Geschäftsführer der gemeinnützigen Beratung Agora Digitale Transformation, spricht von einem Verschiebebahnhof – im Haushalt werde gespart, das Ganze dann auf die Sondervermögen verlegt.

    Grundsätzlich ist erst einmal egal, woher das Geld stammt, Hauptsache es wird investiert. Allerdings: „Langfristig kann das zum Problem werden, weil die Sondervermögen nur auf fünf Jahre angelegt sind“, sagt Heumann. Danach müsse das Geld wieder aus dem normalen Haushalt kommen. Und der sei, sagt ZEW-Experte Heinemann, etwas versteinert mit den großen Ausgabenposten für die Sozialversicherungen. 2026 gibt der Bund mehr als ein Drittel seines Etats für Rente, Grundsicherung und Arbeitslose aus.

    2025 betrug der Anteil der Digitalausgaben am Gesamthaushalt 3,4 Prozent, mehr als 2019 (2,6 Prozent) und weniger als 2023 (4,4 Prozent). Am meisten Geld war im vergangenen Jahr für die Digitalisierung der Verwaltung (4,7 Milliarden Euro) vorgesehen und für die Bundeswehr (4,7 Milliarden Euro). Allerdings bedeutet viel Geld nicht, dass alles gut wird. Da hat Agora-Geschäftsführer Heumann so seine Zweifel. „Der Etat muss nicht steigen, wir müssen das Geld nur besser ausgeben“, sagt er. Es gebe auch hohes Sparpotenzial durch die Digitalisierung. Sicher ist nur, dass in den vergangenen Jahren nicht alles Geld abgerufen wurde, wie die Zahlen zeigen.

    Einen digitalen Schub sieht Heumann in Deutschland bisher nicht. Dabei hätte man bei einem eigenständigen Digitalministerium, der Diskussion um digitale Souveränität Deutschlands, also weniger Abhängigkeit von Technologien aus den USA, und den beiden Sondervermögen eigentlich einen erwarten sollen. Ziel und Wirkung der Ausgaben sei nicht so klar, sagt ZEW-Experte Heinemann. Im Herbst soll es dazu eine genaue Analyse geben.

    Das hat auch mit der komplizierten Datenlage zu tun. Heinemann berichtet von einem detektivischen Vorgehen. Der Bundeshaushalt liegt nicht digitalisiert vor und schon gar nicht maschinenlesbar, so dass Computer ihn nicht systematisch analysieren können. Die Experten durchsuchten für 2025 deshalb 5690 Haushaltstitel mit fünf verschiedenen Methoden, unter anderem fahndeten sie mit mehr als 3000 Digitalisierungsschlagworten in Texten der Haushaltsposten, wie Heinemann sagte.

    Im Ergebnis hatten 1054 Titel einen Digitalanteil, den die ZEW-Experten noch gewichten mussten. An die europäische Raumfahrtorganisation Esa etwa flossen 939,14 Millionen Euro, davon war aber nur ein Teil für Digitales – die Experten kamen auf streng betrachtet auf 23,5 Millionen Euro. Dazu kamen dann noch Titel aus dem Verteidigungsministerium. „Keine Waffenbeschaffung heute ist mehr ohne digitalen Anteil möglich“, sagt Heinemann.

    Die Experten haben auch einen Etat für das Digitalministerium für 2025 errechnet: 504 Millionen Euro, deutlich der kleinste Haushalt aller Ministerien. Offiziell gab es keinen detaillierten. Es war das erste Jahr des Ministeriums, das sich erst einmal finden musste und digitale Posten von anderen Ministerien bekam. Für 2026 sind im aktuellen Haushaltsplan 1,36 Milliarden Euro vorgesehen, etwas mehr als dem Justizministerium zugestanden wurden, das jetzt den kleinsten Etat hat.

  • Der neue Reiz Europas

    Für viele Menschen wirkt die Weltordnung gerade aus den Fugen. Treibende Kraft ist US-Präsident Donald Trump, der angeblich Amerika wieder groß machen will, die Vereinigten Staaten aber zunehmend abkoppelt von den früheren Partnern. Für Europa bedeutet das einen enormen Schub, die EU ist auch attraktiv wie selten zuvor. Für die sich abzeichnenden neuen Strukturen der Weltwirtschaft ist das von Vorteil.

    Reformwille

    Jahrzehntelang haben sich die Europäer auf die USA verlassen – etwa bei der Verteidigung über die Nato. Die Amerikaner profitierten umgekehrt vom größten Wirtschaftsraum der Welt, von Forschungszusammenarbeit und Datenaustausch. Vielleicht verließen sich die Europäer etwas zu sehr auf US-Technik, aber warum soll man alles doppelt entwickeln, wenn die Freunde bereits etwas haben?

    Weil die US-Regierung jetzt gern auf Freunde verzichtet, musste sich die EU mit Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen der eigenen Macht und Größe in einer Art Crashkurs bewusst werden. Der Druck von außen macht zudem Tempo möglich, das im komplizierten und etwas umständlichen EU-Entscheidungsmechanismus kaum möglich schien.

    Inzwischen treibt der Druck Reformen voran. Die EU nahm zurück, wenn etwas womöglich zu weit ging oder die Politik zu früh zu viel wollte, etwa beim Lieferkettengesetz. Bei der Verteidigung wird enger zusammengearbeitet. Auch der digitale Euro kommt in einem überraschenden Tempo. Dabei geht es nicht nur um eine neue Art von Bargeld, sondern vor allem um Zahlungsabwicklung ohne US-Technik, was bisher fast nicht möglich ist.

    Und auch an Stellen, an denen die EU sich bisher noch in nationalstaatlicher Kleinteiligkeit verliert wie dem Kapitalmarkt, bewegt sich etwas. Europa soll nicht mehr so sehr auf große US-Investoren angewiesen sein oder Firmen wegen des Geldes in die USA ziehen lassen müssen.

    Attraktivität

    Der europäische Binnenmarkt mit 27 Staaten, rund 450 Millionen Einwohnern und das gemeinsame Wertesystem lockt. Großbritannien, traditionell den USA zugeneigt, inzwischen aber auf Abstand zu Trump, will sich dem Wirtschaftsraum wieder anschließen. Zehn Jahre nach dem knappen Volksentscheid, aus der EU auszutreten, betrachtet die Labour-Regierung unter Keir Starmer den gemeinsamen Markt als Modell für die Zukunft. Auch die Bevölkerung ist nicht abgeneigt, eine Mehrheit war zuletzt dafür, sich der EU weiter zu öffnen.

    Dann überraschten zuletzt die Kanadier. Fast 60 Prozent der rund 42 Millionen Einwohner kann sich vorstellen, künftig zur EU zu gehören. Das britische Magazin Economist schlug schon kurz nach Trumps Amtsantritt 2025 vor, Kanada solle der EU beitreten. Inzwischen hat die Politik der USA den großen Nachbarn offenbar nachhaltig mit Drohungen und Strafen verstimmt. Kanada hat bisher knapp 9000 Kilometer Grenze zu den USA und einige Kilometer mit der EU, genauer eine Seegrenze zu den französischen Überseegebiets Saint-Pierre-et-Miquelon, eine Inselgruppe vor Neufundland. Ein Freihandelsabkommen gilt bereits seit 2017.

    Gerade verbündeten sich die kanadische Weltraumagentur CSA und die europäische Esa fürs All miteinander. Sie wollen sensible Daten austauschen und bei Erdbeobachtung und auch militärischer Nutzung des Weltraums zusammenarbeiten. CSA-Präsidentin Lisa Campbell sprach von einem Meilenstein in der Partnerschaft Kanadas mit Europa.

    Wirtschaftsordnung

    Das „Kümmert Euch doch um Euch selbst“ der US-Regierung bringt die EU außenwirtschaftlich auf Trab. während Trump den wirtschaftlichen Zugang zu den USA durch Zölle erschwert, setzt die EU auf deren Abbau. Seit Anfang des Jahres gibt es ein Freihandelsabkommen mit Indien, dem bevölkerungsreichsten Land der Welt, seit März eines mit Australien. Vom 1. Mai an wird das Mercosur-Abkommen mit großen Staaten Südamerikas angewandt. Rund 25 Jahre wurde verhandelt, ohne dass etwas passierte. Dank Trump ging es dann schnell – trotz des Widerstands einzelner EU-Länder.

    Die neue Strategie passt auch in die sich abzeichnende neue Weltwirtschaftsordnung. Seit dem Zweiten Weltkrieg waren die USA Garant für freie Märkte, Globalisierung und militärische Sicherheit. Diese Position verliert das Land. Der US-Präsident arbeitet mit Zöllen, Drohungen, Beleidigungen und selbstherrlichen militärischen Einsätzen sogar aktiv daran.

    Kommt jetzt das Chaos? Was zunächst ungeordnet aussieht, hat doch Struktur. Es ist ein bisschen, als überwucherte der Dschungel die sauberen Reihen eines Maisfelds. Wild, aber: Im Dschungel überleben und gedeihen Pflanzen, wenn sie sich aufeinander einlassen, sich ihre Nischen suchen. Und nur insgesamt überlebt der Dschungel. Übertragen bedeutet das: gemeinsames Vorgehen immer dort, wo es beiden Seiten nützt. In einem solchen Urwald, einer Art kooperativer Globalisierung 2.0, hat eine große EU-Freihandelszone mit guten Kontakten weltweit gute Chancen und damit auch deutsche Unternehmen.

  • Reichlich Tücken

    Steigen die Spritpreise, steigt in Deutschland auch der Puls vieler Politiker. Angesichts der leidenschaftlichen Debatte könnte der Eindruck entstehen, die Republik stünde still, weil Benzin 2,30 Euro je Liter kostet und nicht mehr 1,85. Dabei bremsen immer noch zu viele Autos den Verkehr, stauen sich auf deutschen Straßen. Weil alle gern weniger zahlen, hat die Bundesregierung bereits den Tankrabatt beschlossen, der die Steuer auf einen Liter Sprit um 17 Cent senken soll – wenn alle mitmachen und der Weltmarktpreis wegen des Krieges der USA und Israels gegen den Iran nicht weiter steigt. SPD und Linke vermuten zudem einen Krisenprofit der Mineralölkonzerne, den sie per Übergewinnsteuer abschöpfen wollen.

    Als Verbraucher wünscht man sich das enorme Gewese um teuer gefüllte Tanks auch einmal bei den Gütern des täglichen Bedarfs. Die Lebensmittelpreise steigen seit Jahren und belasten alle Menschen. Aber Sprit ist im Autofahrerdeutschland offenbar wichtiger. Nur: Eine Übergewinnsteuer ist sicher keine gute Lösung. Denn sie hat mindestens fünf Tücken.

    Zum einen taugt sie nicht, um die Verbraucher schnell zu entlasten. Mit ihr ließe sich höchstens nachträglich etwas finanzieren. Zum zweiten ist es schwer, genau nachzuweisen, in welchem Umfang ein Konzern von einer Krise profitiert hat. Den durchschnittlichen Gewinn der vergangenen fünf Jahre zu nehmen und alles, was darüber liegt, zu besteuern, ist willkürlich. Warum nicht acht Jahre oder nur drei? Außerdem kann das Unternehmen auch mehr verdient haben, weil es die internen Kosten gedrückt hat.

    Zum dritten ist unklar, ob am Ende des laufenden Geschäftsjahres tatsächlich Übergewinne bei den Mineralölkonzernen angefallen sind. Schließlich ist nicht genau vorherzusagen, wie sich 2026 weiter entwickelt. Zum vierten ist unklar, wie viel die Steuer überhaupt bringt. Auch das hängt vom Geschäftsverlauf der Firmen ab. Zum letzten ist unklar, ob die Steuer rechtens ist. Entsprechende Klagen gegen die Übergewinnsteuer von 2022/23 liegen derzeit beim Europäischen Gerichtshof. Ausgang offen.

    Erstaunlich ist auch, dass dieselbe Debatte geführt wird wie schon 2022, teilweise wortgleich. In einer zunehmend unübersichtlicheren Wirtschaftswelt, in der sich die USA als ordnende Macht verabschiedet haben, muss sich Deutschland auf solche Situationen wie einen steigenden Ölpreis einstellen. Ihre Zahl wird zunehmen. Nötig sind langfristig gültige Regeln, die im Notfall greifen. Hilfreich wäre auch, die Abhängigkeit vom Öl zu verringern. Sonst bleibt es beim kurzfristigen Hickhack mit schlechten Lösungen wie dem Tankrabatt oder der Übergewinnsteuer, die politisch klares Handeln vorgaukeln, den Menschen aber wenig bringen.

  • Pflichtversichert gegen Starkregen

    Vielen Wohnhäusern fehlt die finanzielle Vorsorge gegen Elementarschäden, die durch den Klimawandel häufiger auftreten. Die Organisation Urgewald fordert deshalb Policen für alle – was der Versicherungsverband nicht will.

    Alle Eigentümer:innen von Wohngebäuden sollten eine günstige Versicherung gegen Überschwemmungen und Starkregen abschließen können – aber auch müssen. So lautet der Vorschlag der Organisation Urgewald. Bisher gibt es eine solche verpflichtende Elementarschaden-Versicherung in Deutschland nicht, im benachbarten Frankreich funktioniert sie dagegen gut.

    Dort kostet eine solche Police nach Angaben der Organisation 42 Euro im Jahr zusätzlich zur normalen Gebäudeversicherung. Hierzulande verlangen die Versicherungsunternehmen jedoch typischerweise zwischen 60 und 1.000 Euro, was vielen Hausbesitzer:innen zu teuer ist. Nur 57 Prozent der Wohngebäude verfügen deshalb über einen finanziellen Schutz gegen Extremwetter-Schäden, wobei über 400.000 Häuser in der Nähe von Gewässern besonders gefährdet sind.

    Urgewald ist eine Umwelt- und Menschenrechtsorganisation, die sich unter anderem mit dem Klimawandel beschäftigt. Dieser gilt als eine Ursache der zunehmend teuren Schäden durch Wetterextreme, welche mitunter nur noch schwer zu versichern sind. Das Problem wird in Deutschland seit Jahren diskutiert, doch die Politik kommt zu keiner Lösung. In Extremfällen wie der Ahr-Katastrophe 2021 deckte der Staat die gigantischen Kosten aus Steuermitteln auch für freiwillig unversichertes Eigentum. Damals legte der Bund einen Hilfsfonds mit 30 Milliarden Euro auf.

    „Die deutsche Politik sollte sich an Modellen wie dem in Frankreich orientieren“, sagt Lena Samborski von Urgewald. „Das dortige System zeigt, wie eine kostengünstige, solidarische und gleichzeitig stabile Absicherung gegen zunehmende Klimaschäden aussehen sollte.“ Die Pflichtversicherung sei in Deutschland rechtlich ebenfalls möglich, heißt es in einer neuen Studie der Organisation. Das Zentrum für Europäischen Verbraucherschutz in Kehl plädiert gleichfalls für das französische Modell.

    Dieses sieht so aus: Die Basisverträge für Wohngebäude und Autos enthalten automatisch den Schutz gegen Extremwetter-Schäden. Die privaten Unternehmen können diese Risiken günstig bei einem staatlichen Rückversicherer abdecken. Beide teilen sich die Kosten der Schadensregulierung. Sollten deren Reserven erschöpft sein, wird noch eine staatliche Garantie wirksam. Aus den Prämien lassen sich außerdem Präventionsmaßnahmen finanzieren, etwa Gefährdungsanalysen, der Bau von Deichen oder die Umsiedlung von Gebäuden.

    Hierzulande hat im vergangenen Dezember der Verband der Versicherungen (GDV) eine Variante vorgeschlagen, die ähnlich klingt, aber entscheidende Unterschiede aufweist. So wollen die Firmen den Immobilienbesitzer:innen ermöglichen, den Vertragsbestandteil des Elementarschadenschutzes abzulehnen. Es handelt sich also nicht um eine Pflichtversicherung. Im übrigen soll der Rückversicherer ein privates, kein staatliches Unternehmen sein. Die zusätzlichen Versicherungskosten für ein gefährdetes Haus am Fluss ließen sich mit diesem Modell beispielsweise auf 1.200 Euro pro Jahr begrenzen, sagte Anja Käfer-Rohrbach, die Vize-Geschäftsführerin des Verbandes.

    „Das GDV-Modell wäre unsolidarisch und unnötig teuer“, erklärt dazu Urgewald-Expertin Samborski – und verweist auf die 42 Euro in der französischen Variante. Die Organisation äußert die Vermutung, dass der deutsche Verband und seine Mitglieder schlicht ihre Gewinnmargen in die Höhe treiben. Bei geringeren Prämien fielen diese ebenfalls niedriger aus.

    Währenddessen findet die hiesige Politik noch zu keinem Kompromiss. Die Arbeiten am Gesetzentwurf seien nicht abgeschlossen, hieß es im Bundesjustizministerium. Im Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD steht, dass bald möglichst alle Gebäudeversicherungen auch den Schutz gegen Extremwetter-Schäden enthalten sollten. Allerdings will man das „Opt-Out“ prüfen, also die Möglichkeit des „Neins“ der Hauseigentümer:innen. Die Regierungen der Bundesländer setzen sich dagegen für die gesetzliche Pflicht ein.

    Die Klimaschutz-Organisation Urgewald interessiert sich auch deshalb für die Versicherungsfrage, weil ihrer Ansicht nach manche Versicherungsunternehmen eine klimaschädliche Geschäftspolitik betreiben, indem sie Policen mit großen Kohlendioxid-Verursachern abschließen. Das seien teilweise noch Vertrage mit der Öl-, vor allem aber mit der Gasindustrie etwa für Leitungen und Flüssiggas-Terminals. Urgewald fordert, dass die Versicherungen solche Geschäfte zurückdrängen. Die Kosten der Extremwetter- und Klimaschäden sollten sie sich von der Verursachern zurückholen.

  • Im Bann der Klemmbausteine

    Einige halten es für das hässlichste Gebäude Berlins, vielleicht sogar Deutschlands, andere für das coolste. Für Gary Fleischer ist das raumschiffartige Internationale Congress Centrum ICC ein hervorragendes Vorbild für ein Modell aus Klemmbausteinen. Womöglich nicht ganz so ausgefallen wie der Star-Wars-Todesstern von Lego, aber für Fans der Klötze schon eine kuriose Herausforderung.

    Fleischer leitet Bryx, ein noch junges Unternehmen, das dem dänischen Marktführer nacheifert, zumindest ein bisschen. Der Konzern aus Billund mit seinen Legosteinen bespielt schließlich den Weltmarkt, während Bryx aus Berlin eher Deutschland im Blick hat. Die Steinchen aber passen schon einmal zusammen. Und der Anspruch ist hoch.

    „Bei der Gründung war mir wichtig, dass wir dieselbe Qualität wie Lego haben“, sagt Fleischer. „Wichtig sind unter anderem Material, Angusspunkte, Verformungsstabilität und wie gut die Steine zusammenhalten.“ Lego-Experten bemerken sofort, dass die Bryx-Blöcke etwas anders aussehen. Beim Bauen aber gibt es keinen Unterschied. „Alles ist kompatibel. Wir nutzen das gleiche Material, bieten Standardsteine mit Standardfarben, können aber auch alle anderen Farben, was Lego zum Beispiel nicht anbietet. Und wir haben einige Sondersteine im Programm.“

    Das Lego-Patent auf die Klemmbausteine ist seit Jahren abgelaufen, inzwischen versuchen sich einige günstigere Konkurrenten auf dem Markt, Bluebrixx zum Beispiel oder Cobi. Manche Steinformen sind immer noch geschützt. Und die Dänen sind wenig zimperlich, wenn ihre Rechte verletzt werden, was manch Anbieter teuer bezahlen musste. Bryx blieb bisher verschont. „Wir halten uns an alle Lizenzen“, sagt Fleischer. „Bisher haben wir keine Probleme mit Lego.“

    Ob es an den bunten Steinchen liegt oder am Erfolg seines Unternehmens, Fleischer verbreitet im Gespräch einfach gute Laune. Möglicherweise ist er auch ein grundsätzlich positiv gestimmter Mensch. Und einer, der vor etwas verrückten Aufgaben nicht zurückschreckt. Denn alles begann während der Corona-Zeit. Fleischer langweilte sich ein wenig und wettete mit einem Freund, dass er Berlin-Mitte komplett aus Lego nachbauen könne – deutlich verkleinert natürlich.

    Mehrere hunderttausend Steine später war das Werk vollbracht. „Darüber kamen dann Anfragen von einem Immobilienentwickler. Ich merkte schnell: Das ist ein Markt“, erinnert sich Fleischer. 2023 gründete der Grafikdesigner gemeinsam mit Betriebswirt Michael Marston Bryx. Startkapital: 2000 Euro und jede Menge Begeisterung. Marston ist auch Experte, er betrieb in Karlsruhe bereits ein Geschäft für die kleinen bunten Steine.

    „Wir sind mit der Agentur, der eigenen Marke und einem Einzelsteinverkauf gestartet, um nicht alles auf eine Karte zu setzen“, sagt Fleischer. „Agentur und Marke sind geradezu explodiert, was wir so nicht erwartet haben.“ Das zeigt sich auch bei der Belegschaft. Bis 2025 war Fleischer der einzige Angestellte, inzwischen arbeiten 18 Beschäftigte für Bryx, Ende des Jahres sind es vermutlich 50.

    Die Agentur entwickelt Bausätze für Unternehmen. „Ein Messegeschenk aus Klemmbausteinen ist einfach netter als Schlüsselbänder mit Firmenaufdruck“, sagt Fleischer. „Klein, zum Bauen und hinterher stellt es der Kunde ins Regal und erinnert sich immer an den Messebesuch.“ Es gibt auch andere Ideen. Für RWE baut das Team zum Beispiel alle Kraftwerke nach, Tui verteilt an manche Urlauber Miniinseln als Andenken. Grenzen gibt es kaum: „Schiffe, Busse, technische Anlagen, ein Set zum 50. Bühnenjubiläum von Roland Kaiser – alles ist möglich.“

    Im Endkundengeschäft ging es zum Start um Gebäude, natürlich. „Unsere Produkte sollen Emotionen wecken“, beschreibt Fleischer. „Und welche Gebäude wecken Emotionen? Fußballstadien.“ Mit 22 Vereinen der ersten bis dritten Liga, vereinbarte das Unternehmen Lizenzen, darunter Dortmund, Frankfurt, Kaiserslautern, St. Pauli, Stuttgart und Union Berlin. Bryx verhandelt aber gerade mit ähnlichen deutschen  Legenden wie Roland Kaiser und den Eigentümern bekannter Kinderfiguren über neue Sets.

     „Die Modelle werden am Rechner gestaltet und geplant. Da prüfen wir auch, ob das Modell so funktioniert und die Statik hält“, sagt Fleischer. „Dann bauen wir es noch physisch, bevor es in die Produktion geht.“ Bryx lässt mit eigenen Formen in China fertigen, in einer Fabrik, die die Ansprüche erfüllt. Eine Fertigung in Deutschland ist geplant, würde die Finanzen des Unternehmens aber übersteigen, auch wenn es Geld verdient.

    Genaue Zahlen nennt Fleischer nicht, aber an Lego kommen die Berliner sicher nicht heran. Der Erfinder der Steine fertigt an sieben Standorten weltweit, setzte 2025 umgerechnet 11,2 Milliarden Euro um, ein sattes Plus von zwölf Prozent im Vergleich zu 2024. Der Gewinn des dänischen Familienunternehmens belief sich auf 2,2 Milliarden Euro – überwiegend gebaut auf Klemmbausteinen.

    Bei Bryx liegt das Augenmerk auch auf Wachstum. Bisher verkauft das Unternehmen über seinen Onlineshop und einige ausgewählte Händler, jetzt soll der Vertrieb auf große Ketten erweitert werden. Preislich liegen die Berliner unter denen des großen Konkurrenten, aber über manch anderem Anbieter der Klötzchen. „Wir wollen nicht die günstigsten sein. Die Qualität muss stimmen“, sagt Fleischer. „Und wir stecken sehr viel Liebe in Details. In einem Stadionmodell sind dann auch für Fans wichtige Graffiti und die Bierbuden dabei.“

  • Kein Recht auf billigen Sprit

    Wenig regt die Deutschen so auf, wie steigende Spritpreise. Seit die USA gemeinsam mit Israel Krieg gegen den Iran führen, hat sich Öl kräftig verteuert, kosten Benzin und Diesel an Tankstellen mehr als je zuvor, rufen diejenigen, die weniger Staat fordern, plötzlich laut nach ihm. Offenbar ist der Staat doch gut genug, wenn es an den eigenen Geldbeutel geht. Dabei kann die Bundesregierung nur sehr begrenzt etwas tun. Denn Weltmarktpreise lassen sich nicht in Berlin stoppen.

    Hätte die Bundesregierung zum Beispiel vor drei Wochen die Steuern gesenkt, wäre die Ersparnis bis heute komplett verschwunden. Teuer wäre es immer noch. Der Effekt lässt sich im kleinen Maßstab in der Gastronomie sehen. Zum Jahreswechsel sank der Mehrwertsteuersatz auf Speisen von 19 auf sieben Prozent. Angekommen ist davon beim Kunden in den Restaurants praktisch nichts. Die steigenden Kosten der Betriebe, Ausgaben für Energie, Löhne, Zutaten, haben die Steuersenkung aufgefressen.

    Den Spritpreis staatlicherseits bei zum Beispiel zwei Euro zu deckeln führt zu unkontrolliert hohen Kosten – denn die Bundesregierung müsste die Differenz zum wahren Spritpreis übernehmen, sonst bleibt der Zapfhahn trocken. Die Pendlerpauschale zu erhöhen, klingt vielleicht verlockend, wirkt aber erst, wenn die Steuererklärung gemacht wird, ändert nichts an den hohen Preisen und wird ebenfalls teuer für den Staat und damit für alle.

    Es gibt kein Recht auf billigen Sprit. In Deutschland, wo freien Bürgern freie Fahrt zusteht, kann jeder entscheiden, weniger oder langsamer zu fahren, wo möglich, auf den Nahverkehr umzusteigen, kleinere Autos mit geringerem Verbrauch oder gar Elektromotor zu kaufen. Jede und jeder kann mit dem eigenen Verhalten dazu beitragen, die eigenen Ausgaben zu senken.

    Wenn die Bundesregierung etwas tun will, kann sie denjenigen direkt Geld schicken, die es vermutlich am meisten benötigen: Haushalte mit geringen Einkommen, die auf das Auto angewiesen sind. Technisch sind solche Überweisungen inzwischen möglich.

  • M Scarlet 3 schaltet um

    Im Sonnenlicht funkelt die Flüssigkeit rot. Protein M Scarlet 3, das Claudio Flores gerade in einem kleinen Fläschchen zeigt, ist ein ganz besonderer Lichtschalter, kann Gewächshäuser verbessern und Pflanzen schneller wachsen lassen. Und auch für Quantencomputing könnte der biologische Leuchtstoff wichtig werden. Flores und sein Zwillingsbruder Danilo sehen jedenfalls einen lukrativen Markt für ihr Unternehmen Mimotype. Ein Beispiel für Hochtechnologie aus Deutschland mit weltweitem Anspruch.

    „Unser Protein kann, was hochentwickelte chemische Fluoreszenzfarbstoffe können, ist aber nicht giftig und lagert sich auch nirgendwo an“, sagt Claudio Flores, Biologe. Wir brauchen kein Öl oder Seltene Erden als Grundstoffe.“ Nötig sind nur Bakterien. „Sie stellen das Leuchtprotein im Bioreaktor her. Wir ernten es dann und reinigen es“, ergänzt sein Bruder Danilo, Jurist. Biotechnische Produktion nennt sich das.

    Das Protein stammt aus dem Meer, genauer von der Seeanemone. Gefunden wurde es bereits vor 15 Jahren. „Wir haben es ausgewählt, weil es das beste Leuchtprotein ist“, sagt Claudio Flores. Das Besondere an derartigen Proteinen im Allgemeinen und M Scarlet 3 im Besonderen: Sie arbeiten wie ein Lichtschalter. „Grundsätzlich wandelt ein solches Protein eine bestimmte Lichtwellenlänge in eine andere um“, erklärt Claudio Flores, „unseres etwa den UV-Anteil des Sonnenlichts in rotes Licht, das Pflanzen für die Photosynthese benötigen.“

    Danilo ergänzt: „Ein Anwendungsfall unseres Proteins sind Biofolien, mit denen sich Gewächshäuser bespannen lassen. Ähnliches gibt es bereits in den USA und Australien, dafür werden aber giftige chemische Materialien eingesetzt.“ Die Folien werden auf das Glas der Gewächshäuser aufgezogen, die Pflanzen innen bekommen dann dank des Lichtwandeleffekts mehr rotes Licht als Pflanzen ohne Folie, wachsen schneller und besser. Allerdings hat das natürliche Protein derzeit noch einen Nachteil zu den synthetischen: Die Leuchtkraft sinkt über die Jahre.

    „Ein weiteres Einsatzgebiet ist Gewebezüchtung in 3D. Das Gewebe wächst in einer porösen Kugel, es lässt sich aber nicht sehen, wie das verläuft“, sagt Danilo Flores. „Dank unseres Proteins lässt sich das Trägermaterial zum Leuchten bringen, man sieht, was in der Kugel passiert, etwa, welche Zellkultur schneller wächst.“ Es geht aber noch mehr und in einer völlig anderen Branche. „Leuchtstoffe wie unserer lassen sich auch in den Quantentechnik nutzen“, ergänzt Claudio Flores. „Sie lassen sich durch Magnetkraft dimmen, müssen nicht gekühlt werden. In unserem Berliner Labor forschen wir da als erste in Deutschland daran.“

    Mimotype ist bereits das zweite Unternehmen der Flores-Brüder. Das erste beschäftigte sich vor rund zehn Jahren in ihrer Geburtsstadt Hamburg mit Finanzvorhersagen bei börsengehandelten Gütern. Mit dem leuchtenden Protein kamen die beiden dann aber in die Hauptstadt, gründeten 2021 mit eigenem Geld und einem Start-up-Stipendium Berlin. Der Business Angel Fund investierte, das Bundesforschungsministerium stellte Geld bereit, Fraunhofer und Sprind, die Sprunginnovationsagentur des Bundes. Insgesamt sammelten die beiden rund zwei Millionen Euro ein.

    „Mit dem Geld der Sprind haben wir einen Bioprozess entwickelt, um es im großen Maßstab herstellen zu können“, sagt Claudio Flores. „Normalerweise dauert es drei Jahre und kostet etwa drei Millionen Euro vom Schüttelkolben im Labor zum industriellen Maßstab im Bioreaktor zu kommen. Wir haben es mit 300.000 Euro in neun Monaten geschafft. Wir haben ein Kilogramm Zellmasse erzeugt.“

    Was wenig klingt, ist für das Material viel. Üblicherweise wird es in Mengen von zehn Milligramm verkauft. Die Kosten sind immens – bisher. Ein Gramm des Proteins koste in Katalogen chemischer Großunternehmen rund 1,3 Millionen Euro, weil es selten und sehr spezifisch sei,sagt Claudio Flores. Mimotype kann dank der spezialisierten Bioproduktion für ein Hundertstel des Preises verkaufen und, sollte die Produktion im Fabrikmaßstab hochgefahren werden, sogar zu einem Tausendstel. Und die Brüder versprechen selbst entwickelte Hochleistungsvarianten mit neuartigen Funktionen.

    Derzeit produzieren Bakterien im Bioreaktor des Leibniz-Instituts für interaktive Materialien in Aachen das leuchtende Protein. Auftragsfertigung. Mimotype denkt aber bereits über eine eigene Fabrik nach – idealerweise auf dem ehemaligen AEG-Gelände in Berlin-Mitte, im 19. Jahrhundert ein Zentrum der deutschen Industrialisierung. Der Ausbau hängt auch damit zusammen, wie gefragt das Protein ist. Derzeit geht es vor allem an Forschungsinstitute in Deutschland, Großbritannien, Italien, den Niederlanden, Portugal und der Schweiz.

    Jetzt wollen die Zwillingsbrüder drei bis vier Millionen Euro von Finanzinvestoren einwerben. Schließlich geht es nicht nur um die eigne Produktion im Bioreaktor. Die Brüder haben noch einiges vor. „In einem nächsten Schritt wollen wir eigene Proteine finden“, sagt Danilo Flores. „Dabei nutzen wir auch KI.“ Künstliche Intelligenz hilft, in der Vielzahl möglicher Proteine genau die Varianten zu finden, die vielversprechend sind.

    Konkurrenten mit ähnlichen Proteinen wie M Scarlet 3 sitzen in den USA und China, sind womöglich deutlich größer. Sorgen machen sich die Zwillingsbrüder nicht. „Kleinere Teams haben oft die pfiffigeren Ideen“, sagt Danilo Flores. Mimotype hat derzeit fünf Beschäftigte.

  • Der Euro wird digital

    Noch bis Ende April läuft ein Designwettbewerb für die neuen Euro-Scheine. Doch parallel arbeitet die Europäische Zentralbank (EZB) an gänzlich virtuellem Bargeld. In diesen Wochen entscheidet sich, ob und wann der digitale Euro eingeführt wird.

    Was ist der digitale Euro?

    Der digitale Euro ist eine neue Form von Bargeld. Anders als Scheine und Münzen ist er virtuell. Er lässt sich zum Beispiel in einer digitalen Brieftasche, englisch Wallet, auf dem Mobiltelefon transportieren. Mit ihm soll man in Geschäften genauso bezahlen können wie mit klassischem Bargeld. Und die Oma kann dem Enkel statt eines Scheins auch das digitale Geld schicken. Das alles soll anonym sein und auch funktionieren, wenn das Mobiltelefon nicht mit dem Internet verbunden ist.

    Wird Bargeld abgeschafft?

    „Wichtig ist: Bargeld bleibt erhalten“, sagt Jorim Gerrard, Referent Digitaler Euro bei der Bürgerbewegung Finanzwende, die sich für nachhaltige Finanzwirtschaft einsetzt und die der ehemalige Bundestagsabgeordnete Gerhard Schick (Grüne) gegründet hat. „Der digitale Euro soll diese sicherste Form unseres Geldes aber digital zugänglich machen.“

    Warum denken EZB und EU-Kommission, dass der digitale Euro nötig ist?

    Die Zahl der Menschen, die bar bezahlen, nimmt überall in Europa ab. In manchen Ländern etwa in Skandinavien oder Großbritannien wird fast alles mit Karte oder zum Beispiel Mobiltelefon bezahlt. In Deutschland liefen 2017 nach Zahlen der Bundesbank noch 74 Prozent aller Zahlungen in bar, 2023 waren es nur noch 51 Prozent, Tendenz fallend. In der Euro-Zone sank der Anteil von 74 auf 52 Prozent. EU und EZB wollen digital die Kontrolle behalten.

    Es gibt bereits zahlreiche digitale Bezahlmöglichkeiten. Warum ist noch eine weitere nötig?

    Auch 25 Jahre nach dem Start der europäischen Gemeinschaftswährung fehlt eine einheitliche europäische Lösung für digitales Bezahlen. „Der digitale Euro ist der vielversprechendste Weg, sich aus der Abhängigkeit von US-Unternehmen wie Visa, Mastercard und Paypal beim digitalen Bezahlen zu lösen“, sagt Gerrard. Er könne auch neue Abhängigkeiten verhindern, etwa von Big Tech-Unternehmen wie Apple und Google.

    Wie wichtig sind die US-Zahlungsanbieter wirklich?

    Mit Ausnahme von Belgien, Frankreich und Deutschland nutzen alle anderen Euro-Länder bei Kartenzahlung vor allem die Technik von Mastercard oder Visa, wie die Europäische Zentralbank 2025 ermittelt hat. In Deutschland ist die heimische Girocard (EC-Karte genannt) am wichtigsten, die im Ausland auch über Visa- und Mastercard-Systeme läuft. Im Onlinehandel dominiert europaweit Paypal, außer in Belgien, Frankreich, den Niederlanden und Portugal mit heimischen Lösungen. Den US-Zahlungsabwickler nutzen auch Privatpersonen am liebsten, um Freunden und Bekannten Geld zu schicken.

    Was unterscheidet den digitalen Euro von Kreditkartenzahlung, Apple Pay und Google Pay sowie Wero?

    Der digitale Euro soll über ein eigenes unabhängiges europäisches System laufen. Und: „Dass der digitale Euro per Gesetz überall im Euro-Raum verfügbar ist und angenommen werden muss, ist ein riesiger Vorteil im Vergleich zu Angeboten privater Unternehmen wie Banken und Finanzdienstleistern“, sagt Experte Gerrard. Der digitale Euro wird wie Euro-Bargeld gesetzliches Zahlungsmittel.

    Wer mit Karten von Mastercard oder Visa bezahlt, nutzt deren Abrechnungstechnik. Die US-Firmen Apple und Google liefern nur eine bequeme Möglichkeit, per Mobiltelefon oder Digitaluhr zu bezahlen. Dabei muss eine (Kredit-)Karte hinterlegt werden. Abgewickelt wird dann im Hintergrund meist über Visa oder Mastercard.

    Wero ist mit dem eigenen Girokonto verbunden. Bezahlen funktioniert wie eine Überweisung in Echtzeit. Hinter Wero stehen große europäische Banken und Finanzunternehmen, die das System in der Euro-Zone ausrollen wollen. Bisher ist es vor allem in den Belgien, Deutschland und Frankreich verfügbar.

    Warum ist Zahlungsabwicklung in Europa interessant für US-Anbieter?

    Jedes Mal, wenn jemand mit einer Kreditkarte bezahlt oder Geld über Paypal schickt, fallen Gebühren an. In der Regel muss ein Händler sie zahlen. Auch die Banken verdienen an Gebühren.

    Wer baut die nötige Software für den digitalen Euro und wer kümmert sich darum, dass alles glatt läuft?

    „Die Europäische Zentralbank baut die Infrastruktur auf. Die gehört als öffentliches Gut dann uns allen“, sagt Finanzwende-Experte Gerrard. Die Bundesbank und fünf weitere Zentralbanken sollen dafür sorgen, dass alle Zahlungen reibungslos laufen.

    Was kostet der digitale Euro?

    Die Berater von PwC schätzten die Gesamtkosten für die Banken der Euro-Zone auf bis zu 18 Milliarden Euro. Auftraggeber der Studie waren Banken und Sparkassenverbände. Die EZB kommt auf 1,3 Milliarden Euro um den digitalen Euro zu entwickeln und ihn auszugeben. Die jährlichen Betriebskosten des Systems belaufen sich demnach auf 320 Millionen Euro. Auch Scheine und Münzen kosten Geld. Sie müssen gedruckt oder geprägt, transportiert, geprüft und verwahrt werden.

    Wann kommt der digitale Euro?

    Im Mai soll das EU-Parlament über den digitalen Euro entscheiden. Danach verhandeln Parlament, EU-Kommission und der Rat der Mitgliedsstaaten über die Einzelheiten. Wenn das entsprechende Gesetz Ende 2026 fertig ist, Könnte die EZB im kommenden Jahr einen Test starten. Eingeführt würde der digitale Euro dann 2029.