Blog

  • Deutschland braucht neue Bäume

    Alles beim Alten. Normalerweise ist das keine Nachricht wert, beim Wald schon. Denn Herbst und Winter waren im vergangenen Jahr feuchter. Die Natur hatte nicht mehr mit Dürren zu kämpfen, mit den extrem trockenen Böden wie in den Jahren zuvor, vor allem in 2018, 2019 und 2020. Da sollte es dem Wald eigentlich besser gehen. So ist es aber nicht.

    „Fichten und Buchen erholen sich nicht, allein der Kiefer geht es etwas besser, aber auch noch nicht so gut wie vor den Dürrejahren“, sagt Nicole Wellbrock. Expertin für Waldökosysteme am Thünen-Institut im Brandenburgischen Eberswalde. Sie koordiniert die Erhebungen zum Waldzustandsbericht. Es ist eine jährliche Bauminventur.

    Am Montag hat der grüne Bundesagrarminister Cem Özdemir die neueste, die für 2023, offiziell vorgestellt. Er sagte: „Die Klimakrise hat unseren Wald fest im Griff.“

    So schlimm? Die Absterberate ist bei der Fichte, lateinisch: Picea abies, im Jahr 2023 immerhin zurückgegangen – statt 4,4 Prozent aller Bäume dieser Art starben nur noch 1,2 Prozent? „Stimmt“, sagt Wellbrock, „das hängt aber damit zusammen, dass sie bereits großflächig abgestorben sind.“

    Anders gesagt: Die Patienten sind bereits tot – zu sehr haben den Fichten in den Vorjahren Dürren und Hitze, Stürme und Waldbrände zu schaffen gemacht, obendrein der sogenannte Buchdrucker, das ist eine Borkenkäferart. Die durch den Trockenstress schon geschwächten Fichten sind sein Lieblingsfressen.

    Er bohrt sich in die Bäume, legt dort verborgen zwischen Rinde und Stamm seine Gänge an. Dann schlüpfen die Larven, futtern. Das alles zerstört die Versorgungsleitungen des Baumes, in denen Wasser und Nährstoffe transportiert werden. Der Buchdrucker kann einen ganzen Fichtenwald flachlegen, wenn er in Massen auftritt. Das macht er in trockenen, warmen Sommern und milden Wintern infolge des Klimawandels immer öfter. Er fühlt sich dann wohl, bringt gleich mehrere Generationen hervor.

    Aber nicht nur der Fichte setzen die Folgen der Erderhitzung zu, sagt Wellbrock, sondern dem Wald insgesamt. Da sind allein die höheren Durchschnittstemperaturen, die ihm zu schaffen machen. So habe sich die Lage im Vergleich zu 2022 kaum verändert. Vier von fünf Bäumen sind krank, stärker dabei Bäume über 60 Jahre. „Doch auch die jüngeren zeigen einen negativen Trend“, sagt Wellbrock.

    Als Hinweis gilt die Kronenverlichtung. Je weniger Blätter oder Nadeln, umso schlechter steht es um den Baum. Und nur noch 17 Prozent der Fichten haben keine Kronenverlichtung. 2022 waren es noch 24 Prozent. Bei der Buche sind ohne Kronenschäden noch 15 Prozent (2022: 21), bei der Eiche 17 Prozent (2022: 19). Nur bei den Kiefern ist der Anteil von Bäumen ohne Kronenschäden von 13 Prozent in 2022 auf nun 23 Prozent gestiegen. Und nun?

    Expertin Wellbrock meint, vom Borkenkäfer lasse sich lernen. Der frisst sich Fichte für Fichte durch, hat es in Monokulturen besonders leicht. Anders sei das in einem Mischwald. „Wir müssen die Wälder klimastabil umbauen“, sagt Wellbrock. In ihm sollten junge und alte Bäumen verschiedener Art stehen, die zudem mit Trockenheit besser zurecht kommen, widerstandsfähiger sind. Damit könne man die Waldbesitzer allerdings nicht alleine lassen. So ein Umbau koste Geld. Außerdem sei der Wald kein „Nice-to-have“, nicht irgendwas, was man gerne hat, aber nicht unbedingt braucht. Ganz im Gegenteil: Der Wald speichere klimaschädliche Treibhausgase, filtere Wasser, kühle die Landschaft. Zudem sei er Holzlieferant, auch Erholungssort für den Menschen und Lebensraum für Pflanzen und Tiere.

    Bundesagrarminister Özdemir erklärte, für dieses Jahr seien 250 Millionen Euro zur Waldförderung eingeplant. Die Finanzierung für die Folgejahre ist noch nicht gesichert.

  • „Querfeldein Fahren hat seine Grenzen“

    Die Wälder gingen vielerorts „in die Knie“, sagt NABU-Chef Jörg Andreas Krüger. Um sie zu retten, nehme der grüne Bundesagrarminister Özdemir die Waldbesitzer im neuen Gesetzentwurf aber zu wenig in die Pflicht. Und nun?

    Hanna Gersmann: Jörg-Andreas Krüger, wie sieht der ideale Wald aus – lässt sich dort noch wandern und Rad fahren, auch mal querfeldein?

    Jörg Andreas Krüger: Querfeldein fahren hat seine Grenzen, kann jeder überall fahren, wird der Boden zu sehr belastet, die Tiere brauchen Rückzugsräume.

    Hanna Gersmann: Der grüne Bundeswaldminister Cem Özdemir will die Bewirtschaftung und Freizeitnutzung der Wälder neu regeln. Die Bike-Branche warnte, im Wald komme ein Radfahr-Verbot.

    Jörg Andreas Krüger: Das bezog sich auf einen ersten nicht offiziellen Entwurf für das neue Bundeswaldgesetz. Nach der jetzt offiziell vorgelegten Version ist das Befahren des Waldes auf Wegen gestattet. Das ist auch richtig. Wir Menschen brauchen den Wald zum Erholen, gegen Stress.

    Hanna Gersmann: Özdemir schafft die perfekte Mensch-Natur-Beziehung?

    Jörg Andreas Krüger: Er novelliert das Gesetz. Das ist gut. Aber er bleibt bisher leider zu allgemein. Er regelt nicht klar, was die Waldbesitzer tun müssen. Da steht viel zu oft sie „können“ und „sollten“. Sie können so weiterhin Waldflächen mit Fichten aufforsten, die Hitze und Dürre in Zeiten des Klimawandel nicht lange standhalten, und kassieren dafür womöglich noch staatliche Fördergelder.

    Hanna Gersmann: Waldbesitzer sagen, sie wüssten ganz gut, welche Bäume die richtigen seien.

    Jörg Andreas Krüger: Der Zustand des Waldes spricht dagegen.

    Hanna Gersmann: Sie haben die schnell wachsenden Fichten in den 50er Jahren gepflanzt, weil Baumaterial gefragt war.

    Jörg Andreas Krüger: Die Wälder, die wir jetzt haben sind der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte geschuldet, stimmt. Es geht auch nicht um Schuldzuweisungen. Seit Beginn der 90er Jahre wissen wir aber, dass wir weg müssen von der Fichte hin zu klimastabileren Laubbäumen. Nun hat Deutschland allein in den vergangenen sechs Jahren 600.000 Hektar Wald verloren. Hitze, Dürre, Stürme haben sie geschwächt, der Borkenkäfer fraß sich durch. Damit ist ein Landschaftsökosystem in vielen Regionen in die Knie gegangen, das für uns Menschen lebenswichtig ist.

    Hanna Gersmann: Lebenswichtig?

    Jörg Andreas Krüger: Der Wald ist ja nicht nur Zufluchtsort für Erholungssuchende, er spendet Sauerstoff, filtert Trinkwasser, kühlt die Landschaft, verhindert Hochwässer, speichert Treibhausgase.

    Hanna Gersmann: Sie wollen doch nur alles dem Umwelt- und Naturschutz unterordnen – so in etwa sagen das Ihre Gegner.

    Jörg Andreas Krüger: Das ist aber falsch. Auch wir wollen Holz aus unseren Wäldern. Es ist ökologisch ja nichts gewonnen, wenn Deutschland mit Holz versorgt wird, für das rumänische Urwälder oder Tropenwälder abgeholzt werden. Nur kann es im Wald nicht mehr allein um die Nutzung gehen so wie es in der aktuellen Fassung des Bundeswaldgesetzes steht. Die kommt aus dem Jahr 1975. Damals hat noch niemand vom Klimawandel geredet.

    Hanna Gersmann: Welcher Passus fehlt im Entwurf?

    Jörg Andreas Krüger: Da geht es nicht um einen Satz, sondern um Konkretisierungen an vielen Stellen. Wer im Wald großflächig kahl schlagen will und keine Genehmigung hat, soll dafür zum Beispiel ein Bußgeld fürchten…

    Hanna Gersmann:…ursprünglich waren Gefängnisstrafen angedacht.

    Jörg Andreas Krüger: Bußgeld ist schon in Ordnung, entscheidend ist vielmehr, dass ein Kahlschlag auf einer Fläche von bis zu einem Hektar ohne Genehmigung erlaubt bleiben soll, dabei ist er allenfalls auf 0,5 Hektar noch vertretbar.

    Hanna Gersmann: Ein halber Hektar macht den Unterschied?

    Jörg Andreas Krüger: Ein kahle Fläche im Wald ist besonnt, Frost ausgesetzt, das typische Waldklima damit weg. Heimische Baumarten werden da nicht schnell einwandern. Für sie müssen erst Vogelbeere, Schwarzer Holunder und andere Pioniere den Boden bereiten. Das wird schon bei ein paar hundert Quadratmetern Fläche ein Problem, ein Hektar sind aber 10.000 Quadratmeter. Da sind 0,5 Hektar bereits ein Kompromiss. Wir riskieren den Wald und sein Klima für etliche Jahrzehnte zu verlieren.

    Hanna Gersmann: Warum keine Bäume pflanzen?

    Jörg Andreas Krüger: Naturverjüngung, also die selbstständige Erneuerung des Waldes, bringt klimaangepasste, langfristig stabilere Wälder hervor. Außerdem ist das Pflanzen deutlich teurer.

    Hanna Gersmann: Sie haben das mit anderen Umweltverbänden vorgeschlagen, sich aber nicht durchgesetzt. Was lernen Sie von der Lobby der Forstleute?

    Jörg Andreas Krüger: Ich will von ihr eigentlich nichts lernen. Das war bisher eine sehr destruktive Kampagnenarbeit, die weitgehend ohne Sachargumente auskam und die tatsächlichen Probleme des Waldes verschleppt.

    Hanna Gersmann: Slogan: „Finger weg vom Bundeswaldgesetz“…

    Jörg Andreas Krüger:… sehr zugespitzt, aufgeregt. Wir müssen aber gemeinsam zu neuen Lösungen kommen, sonst kippen immer mehr Wälder weg.

    Hanna Gersmann: Wie die Waldbesitzer überzeugen?

    Jörg Andreas Krüger: Schon heute können Waldbesitzer pro Hektar bis zu 100 Euro für ein klimaangepasstes Waldmanagement und vor allem die Speicherung von CO2 erhalten. Wald ist aber zum Beispiel auch ein idealer Grundwasserspeicher. Künftig sollten auch solche ökologischen Leistungen honoriert werden. Das ist ja im Interesse der Waldbesitzer. Je nachdem wie gut der Wald bewirtschaftet wird könnten das etliche hundert Euro pro Hektar werden.

    Hanna Gersmann: Bisher bemisst sich der Wert des Waldes am Holzpreis. Woher kommt das Ökogeld?

    Jörg Andreas Krüger: Das Geld dafür kann nicht nur aus öffentlichen Haushalten, sondern muss auch aus der Wirtschaft kommen. Schon heute wollen viele Unternehmen die Speicherung von CO2 in Wäldern, Mooren und Agrarlandschaften finanzieren, um ihre Emissionen auszugleichen. Ähnliches erwarten wir für den Schutz des Grundwassers.

    Hanna Gersmann: Wie geht’s weiter?

    Jörg Andreas Krüger: Ende des Jahres soll die Waldgesetz-Novelle im Bundestag verabschiedet werden. Das Agrarministerium stimmt sich nun mit den anderen Ministerien ab. Im September werden alle Verbände angehört. Wir werden das Gespräch mit den beiden großen Organisationen der Waldbesitzer, also der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Waldbesitzer und dem Deutschen Forstwirtschaftsrat suchen. Ich hoffe, wir können jetzt konstruktiv diskutieren.

    Hanna Gersmann: Den Deutschen wird ein romantisches Verhältnis zum Wald nachgesagt – macht es das leichter?

    Jörg Andreas Krüger: Der Wald interessiert nach wie vor. Nur sieht selbst eine Kiefernmonokultur erst einmal grün aus und kann im Spätsommer zauberhaft schön sein. Sie wird es aber über die nächsten 150 Jahre nicht schaffen. Die Wälder der Zukunft werden lichter sein, weniger Nadeln haben, mehr Laubblätter. Vielleicht wird sich die Esskastanie stärker durchgesetzt haben, womöglich auch die Walnuss, andere Eichenarten oder der Bergahorn. Darüber werden wir reden müssen.

    Bio:

    Jörg-Andreas Krüger (55) ist seit 2019 Präsident des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu), dem größten Umweltverband in der Bundesrepublik. Der studierte Landschaftsarchitekt, Jäger und Vogelkundler, ist auch Mitglied in der noch von Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel einberufenen Zukunftskommission Landwirtschaft, sitzt zudem im Rat für nachhaltige Entwicklung, der auch die Bundesregierung berät.

  • „Eine Königskobra erwarte ich erstmal nicht“

    Tigermücken, die Dengue-Fieber übertragen? Welche tropischen Tiere und Krankheiten kommen mit dem Klimawandel nach Europa? Der schwedische Spitzenforscher Joacim Rocklöv erklärt, was droht und fordert zum Start der Weltklimakonferenz in Baku, Gesundheitsrisiken ernster zu nehmen.

    Hanna Gersmann: Joacim Rocklöv, sollte ich mich vorsorglich mit Anti-Mücken-Spray eindecken, weil mit dem Klimawandel Tiere kommen, die Krankheiten übertragen, die sonst in tropischen Regionen bekannt sind?

    Joacim Rocklöv: Das hängt davon ab, wo Sie sind!

    Hanna Gersmann: Deutschland.

    Joacim Rocklöv: Die asiatische Tigermücke ist auf dem Vormarsch. Sie gilt als besonders gefährlich. In Italien gab es in diesem Jahr, auch schon in den Jahren zuvor, Fälle von Chikungunya-Fieber, übertragen von asiatischen Tigermücken, die sich dort angesiedelt haben. Chikungunya bedeutet „der gekrümmt Gehende“. Das Fieber verursacht starke, manchmal über Wochen andauernde Gelenkschmerzen. Diese tropischen Mücken…

    Hanna Gersmann: …schwarz-weiß gestreift, kleiner als herkömmliche Mücken in Deutschland, tagaktiv und angeblich stechfreudig…

    Joacim Rocklöv:… können auch Dengue- und Gelb-Fieber oder die berüchtigten Zika-Infektionen auslösen.

    Hanna Gersmann: Wie sind die Krankheitssymptome?

    Joacim Rocklöv: Dengue-Fieber zum Beispiel geht mit starken Kopf-, Muskel-, Knochen- und Gliederschmerzen einher. Die meisten Patienten erholen sich zwar in wenigen Wochen, aber das kann auch zu schweren Blutungen, Organversagen und zum Tod führen. Das ist bei anderen tropischen, durch Mücken übertragenen Krankheiten ähnlich.

    Hanna Gersmann: Wie groß ist das Risiko, sich hierzulande zu infizieren?

    Joacim Rocklöv: Die Zahl der Fälle ist nicht vergleichbar mit denen etwa in Sri Lanka oder Thailand in Asien oder im südamerikanischen Brasilien. Aber sie nimmt stetig zu. 2023 wurden in der EU sowie Liechtenstein, Norwegen und Island insgesamt 130 örtlich erworbene Dengue-Erkrankungen registriert, 2022 waren es noch 71 Fälle. Auch in Deutschland sind Tigermücken schon heimisch, sie breiten sich von Süd- und Mitteleuropa Richtung Norden und Westen aus. In Heidelberg…

    Hanna Gersmann: …dort forschen Sie…

    Joacim Rocklöv:… und andernorts in Baden-Württemberg, auch in Bayern, Rheinland-Pfalz, Hessen sowie in Berlin oder Jena gibt es feste Tigermücken-Populationen. Tigermücken lieben die Wärme, ihre Eier vertragen Frost schlecht. Aber je milder die Winter werden, umso einfacher können sie hier nun überleben. In Griechenland beobachten wir bereits, dass dort die Mücken das ganze Jahr aktiv sind und fliegen. Sind sie Träger der krankmachenden Erreger, können sie diese also im Winter auf Menschen übertragen. Beobachtet wurde das bisher nur noch nicht.

    Hanna Gersmann: Wie kommen die Viren derzeit nach Deutschland

    Joacim Rocklöv: Jemand reist in die Tropen, infiziert sich mit Dengue, kommt mit dem Erreger zurück, wird von einer heimischen Mücke gestochen, diese infiziert sich, dort vermehren sich die Viren, sie sticht dann eine andere Person. Das gibt es immer wieder. Anders ist das allerdings schon jetzt beim West-Nil-Virus.

    Hanna Gersmann: Das West-Nil-Virus?

    Joacim Rocklöv: Der aus Afrika stammende Erreger scheint sich bereits in Berlin und Brandenburg, in Sachsen-Anhalt und Sachsen etabliert zu haben. Das überlebt in Vögeln, bei denen eine Infektion meistens keine Symptome hervorruft. Übertragen wird es von heimischen Stechmücken, sie infizieren sich an einem Vogel, fliegen weiter, stechen einen Menschen, geben das Virus in seinen Blutkreislauf weiter. Innerhalb Deutschlands haben sich 2023 offiziell bereits sechs Menschen mit dem West-Nil-Virus infiziert. Die Infektion verläuft meist sehr mild. Aber es besteht das Risiko einer Hirnhautentzündung oder auch Hirnstammentzündung.

    Hanna Gersmann: Empfehlen Sie eine Impfung?

    Joacim Rocklöv: Solange man nur in Europa reist, noch nicht. Aber stehendes Wasser ist eine ideale Brutstätte für Stechmücken, zumal bei höheren Sommertemperaturen. Beseitigen Sie Pfützen in ihrem Garten, decken Sie Regentonnen oder Vogeltränken mit Schutzgittern ab. Und melden Sie eine Tigermücke, die Sie sehen, bei ihrer Gemeinde. Dann können neu auftretende Populationen früh entdeckt und verhindert werden, dass sie sich etablieren.

    Hanna Gersmann: Welche Kosten kommen mit den exotischen Erregern auf das Gesundheitssystem zu?

    Joacim Rocklöv: Wir arbeiten noch an genauen Abschätzungen. In jedem Fall aber werden die Infektionen zunehmen, wenn mit dem Klimawandel Fröste im Winter abnehmen, heiße Sommer länger währen. Die Kosten dieser Gesundheitsrisiken werden von der Politik bisher zu wenig berücksichtigt. Es ist aber grundsätzlich günstiger in Klimaschutz zu investieren, als nichts zu tun und die Folgen in Kauf zu nehmen. Das sollte auch die Devise sein bei der UN-Klimakonferenz, die jetzt in Aserbaidschans Hauptstadt Baku startet.

    Hanna Gersmann: Und wenn nicht, was kommt noch – Schlangen?

    Joacim Rocklöv: Auf jeden Fall verschiedene Zecken. In der Türkei ist bereits die Hyalomma-Zecke angekommen, die das Krim-Kongo-Fieber überträgt. Das ist ähnlich dem häufig tödlich verlaufenden und bekannteren Ebola-Fieber, also wirklich schlimm. Größere Tiere brauchen eine viel längere Zeit, um neue Lebensräume zu finden. Eine Königskobra zum Beispiel erwarte ich hier erstmal nicht.

    Bio:
    Joacim Rocklöv, 45, geboren im schwedischen Horn, Provinz Östergötland, forscht als Professor für Epidemiologe an der Universität Heidelberg. Er ist ausgezeichnet mit der Humboldt-Professur, dem höchstdotierten deutschen Wissenschaftspreis. Der Spitzenforscher ist Mitautor des „Lancet Countdown on health and climate change“. Seit 2015 erscheint jedes Jahr dieser Report zu Klimawandel und Gesundheit im medizinischen Fachjournal The Lancet. Der diesjährige Bericht ist laut Rocklöv eine „eindringliche Warnung“, die Bemühungen gegen den Klimawandel zu verstärken.

  • „EU sollte Ausnahmen bei Freizügigkeit akzeptieren“

    Nach dem Brexit plädiert Ulrich Hoppe, der Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer, für einen Kompromiss mit Großbritannien

    Hannes Koch: Sie vertreten die Interessen der deutschen Unternehmen in Großbritannien. Deshalb liegt Ihnen der Freihandel zwischen der EU und den Inseln am Herzen. Würden Sie dafür in Kauf nehmen, dass die Briten die Niederlassungsfreiheit für EU-Bürger einschränken?

    Ulrich Hoppe: Diese Entscheidung müssen die Politiker treffen. Für die Unternehmen ist es wichtig, dass alle Grundfreiheiten erhalten bleiben. Denn auch die deutschen Firmen, die in Großbritannien arbeiten, brauchen Talente aus aller Welt. Unter Umständen können sie aber mit vorübergehenden, kurzfristigen Beschränkungen leben. Langfristig müssen die Grundfreiheiten jedoch gelten.

    Koch: Die sogenannten vier Freiheiten stellen eine Grundlage der EU dar – Freizügigkeit für Waren, Dienstleistungen, Kapital und Bürger. Dabei dürfe man den Briten kein Rosinenpicken erlauben, sagt Kanzlerin Angela Merkel. Glauben Sie, dass die EU zu einem Kompromiss bereit sein wird?

    Hoppe: Die neue britische Regierung muss jetzt erst einmal ihre Verhandlungsposition festlegen. Anfangs wird immer viel gefordert. Schließlich trifft man sich dann meistens in der Mitte.

    Koch: Sie plädieren für einen sogenannten „Soft-Brexit“. Was verstehen Sie darunter?

    Hoppe: Die EU sollte akzeptieren, dass Großbritannien gewisse Ausnahmen bei der Freizügigkeit machen darf. Dieses Recht behielten sich Deutschland und die meisten anderen EU-Länder ebenfalls für einige Jahre nach der ersten EU-Osterweiterung vor, als unter anderem Polen und die baltischen Staaten der EU beitraten. Damals führte Großbritannien die Personenfreizügigkeit sofort ein. Das wäre ein Anlass, nun auch umgekehrt Verständnis zu zeigen.

    Koch: Bräuchten dann beispielsweise BMW-Ingenieure eine Arbeitserlaubnis, wenn sie im britischen Mini-Werk arbeiten wollen?

    Hoppe: Das glaube ich nicht. Das wäre für Unternehmen im Vereinigten Königreich, die auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen sind, sehr unpraktisch und fügte der Wirtschaft vor Ort ernsten Schaden zu. Eher sind Beschränkungen für EU-Bürger vorstellbar, die keinen Arbeitsvertrag in Großbritannien nachweisen können.

    Koch: Das beträfe vor allem Arbeitnehmer und Selbstständige aus Osteuropa, die sich künftig nicht mehr einfach in Großbritannien niederlassen dürften?

    Hoppe: In den vergangenen Jahren sind viele Bürger der östlichen EU-Staaten nach Großbritannien gekommen. London wird aber wohl keine Einschränkungen für einzelne Nationalitäten festlegen. Deshalb werden von den neuen Regeln grundsätzlich auch Deutsche betroffen sein.

    Koch: Könnte die Europäische Freihandelsassoziation (EFTA), in der Großbritannien bis zum EU-Beitritt 1973 Mitglied war, den Rahmen für einen Soft-Brexit bilden?

    Hoppe: Theoretisch ja. Das EFTA-Mitglied Schweiz ist nicht gleichzeitig Mitglied im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), der die Anerkenntnis der vier Freiheiten voraussetzt.

    Koch: In bilateralen Verträgen mit der EU hat aber auch die Schweiz die vier Grundfreiheiten akzeptiert.

    Hoppe: Nach der Mehrheit gegen Freizügigkeit in der Schweizer Volksabstimmung muss dieser Punkt jetzt jedoch neu verhandelt werden. Eventuell kann das ein Vorbild für das künftige Verhältnis zwischen der EU und Großbritannien sein. Aber bisher zeigt die EU-Kommission wenig Bereitschaft, sich auf einen Kompromiss einzulassen.

    Ulrich Hoppe (51) ist Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer in London.