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  • Themen und Termine

    MITTWOCH, 10.12.

    DONNERSTAG, 11.12.

    EU-Gipfel

    BERLIN – Konferenz u.a. von InWent und dem Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) über die Auswirkungen der Finanzkrise auf Entwicklungs- und Schwellenländer (09:00)

    FREITAG, 12.12.

    EU Ende

    Klima Posen Ende

    BERLIN – Ost-Kongress der Bundestagsfraktion der Grünen zum Thema "Grüne Impulse für Ostdeutschland" (bis 13. Dez.) (17:30), mit einer Rede von Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Walter (18:00)

    MONTAG, 15.12.

    BERLIN – Spitzengespräch von Bundesumweltminister Gabriel mit Vertretern der Banken und der Ökostrombranche über Finanzierungsprobleme

    DIENSTAG, 16.12.

    MITTWOCH, 17.12.

    DONNERSTAG, 18.12.

    FREITAG, 19.12.

  • Süße Trendwende

    Bioschokolade von Ritter Sport

    Jetzt merken es auch die großen Schokoladen-Hersteller in Deutschland: Ökologische und soziale Qualität sind ein Verkaufsargument. Unlängst verkündete Marktführer Ritter Sport, dass die Auslieferung seiner neuen Bioschokolade beginnt.
    Im Laufe des April sollen die kleinen, quadratischen Tafeln von Ritter Sport in den Geschäften zu kaufen sein. Das ist eine Trendwende: Erstmals steigt damit einer der ganz großen Schokoladenhersteller in das Segment der moralischen Produkte ein, ohne diese verschämt zu verstecken. Die Firma aus Waldenbuch bei Stuttgart bietet ihre Bioschokolade im selben Design an, wie ihre normalen Produkte – und platziert die neue Linie damit bewusst im Mainstream.
    Die Schokolade entspricht nicht nur den Kriterien der EU-Bio-Verordnung, sondern auch wesentlichen Erfordernissen des fairen Handels. Den Bauern in Nicaragua zahlt Ritter etwa 1.000 Dollar pro Tonne über dem normalen Weltmarktpreis. Mit diesem Zusatzgewinn können die Erzeuger ihre Dörfer entwickeln, Schulen und Straßen bauen. Der höhere Preis gewährleistet den Bauern eine größere Sicherheit. Die Firma stellt diese zusätzliche Qualität freilich nicht in den Vordergrund: Die neue Schokolade heißt nur „Bio“, nicht aber „Fairtrade“. Der Grund: Einige Vorgaben der Organisation Transfair, die das Fairtrade-Siegel vergibt, sind Ritter zu streng. Milchpulver beispielsweise will man bei regionalen Herstellern einkaufen, und nicht auf dem Weltmarkt zu höheren Preisen.
    Auf dem Markt für Schokolade setzt sich damit eine Entwicklung fort, die in anderen Bereichen der Lebensmittelwirtschaft schon weiter fortgeschritten ist. Insgesamt stammen mittlerweile über drei Prozent der in Deutschland verkauften Nahrungsmittel aus biologischer Produktion. Bei der Schokolade sind es dagegen weniger als zwei Prozent. Und beim Kakao, der aus Afrika und Lateinamerika importiert wird, ist der Anteil aus ökologischer und fairer Herstellung noch viel geringer. Ökologische Schokolade gab es bislang nur bei kleinen Herstellern in geringen Mengen. Unter den großen Marken hat einzig Sarotti schon einen Versuch mit einem Bioprodukt unternommen.
    Ein merkwürdiger Umstand. Warum haben die konventionellen Massenhersteller bisher nicht mehr auf ihre Produktionsbedingungen geachtet? Schließlich ist der Bioboom in Deutschland in vollem Gange. 5,3 Milliarden Euro wurden 2007 mit biologisch hergestellten Nahrungsmitteln in Deutschland umgesetzt. Supermarktketten wie Kaisers stellen ihre Bioregale neuerdings in den Eingangsbereich, wo die Kunden zuerst zugreifen. Und früher belächelten Nischen-Händlern wie der Gepa aus Wuppertal reißen die Verbraucher ihre Bio- und Transfair-Schokolade jetzt aus den Händen. „Bei Bioschokolade hatten wir 2007 ein Wachstum von 32 Prozent“, sagt Gepa-Sprecherin Barbara Schimmelpfennig.
    Daran, dass die Probleme der Kakaoherstellung nicht bekannt sind, kann das bisherige Desinteresse der Schokoladenindustrie nicht liegen. Fachleute von Organisationen wie der Kampagne gegen Kinderarbeit aus München oder dem Südwind-Institut aus Siegburg berichten seit langem über die schlechten Bedingungen in den Erzeugerländern. Im afrikanischen Staat Elfenbeinküste, wo fast die Hälfte allen Kakaos weltweit angebaut wird, ist Kinderarbeit normal. Arme Eltern, die sich nicht anders zu helfen wissen, verkaufen ihre Kinder an Kakaobauern, bei denen sie fast ohne Bezahlung jahrelang schuften. Die in großer Menge eingesetzten Pestizide ruinieren nicht nur die Gesundheit der Pflücker, sondern vermindern auch die Qualität des Rohstoffs, den die europäischen Unternehmen zu Schokolade verarbeiten.
    „Die Industrie hat die Verantwortung für diese Probleme früher weit von sich gewiesen“, kritisiert Claudia Brück, Sprecherin von Transfair in Köln. Diese Ignoranz lag wohl auch daran, dass die Kakao-Herstellung in Afrika lange Zeit kein Thema war, das in der öffentlichen Debatte eine sonderliche Rolle gespielt hätte. Beim Kaffee war das anders. Bereits vor 20 Jahren begann Kaffee, sich zum politischen Getränk zu entwickeln. Linke Entwicklungshelfer und Bürgerrechtsgruppen unterstützten beispielsweise die revolutionären Kaffee-Genossenschaften der Sandinisten in Nicaragua. Über Kakao dagegen sprachen die wenigsten.
    Das ändert sich allmählich. Weil mehr Konsumenten als früher in ihre Kaufentscheidung ökologische und soziale Überlegungen einbeziehen, müssen nun auch die Schokoladenfirmen reagieren. Torsten Erbrath, Sprecher des Bundesverbandes der Deutschen Süßwarenindustrie, weist zurück, dass die Firmen die Produktionsbedingungen in den Herkunftsländern ignorieren würden. „Unsere Mitgliedsfirmen kümmern sich um Umwelt- und Sozialstandards“, sagt Erbrath.
    Tatsächlich versuchen Kakaolieferanten und Schokoladenfirmen auf internationaler Ebene seit geraumer Zeit, eine Zertifizierung umzusetzen. Mit dem Zertifikat würde dann nur Kakao ausgezeichnet, der ohne Kinderarbeit hergestellt wurde und anderen sozialökologischen Kriterien entspricht. Doch soweit ist es noch nicht. Die Verhandlungen dauern an. „Das liegt nicht zuletzt an der kleinbäuerlichen Struktur der Kakaoproduktion“, sagt Süßwarensprecher Erbrath. Dieses Problem räumen auch die Kritiker ein: Im Gegensatz zu den Kaffeebauern Lateinamerikas sind die Kakaobauern Afrikas viel weniger in Genossenschaften organisiert. Das macht die Zertifizierung schwierig.
    Neuerdings haben die konventionellen Hersteller mit einem weiteren Problem zu kämpfen. Selbst, wenn sie wollen, können sie Bioschokolade nicht in großer Menge herstellen. Denn die stark zunehmende Nachfrage gerade in der Schweiz, Großbritannien und Deutschland führt zur Knappheit des Rohstoffs Kakao. Auch in dieser Hinsicht ist Ritter Sport nun erst einmal besser dran: Die langfristigen Lieferverträge mit den Produzenten in Nicaragua, Ecuador und Peru sichern der Firma aus Waldenbuch den Nachschub.

  • "Die Marktwirtschaft hat die Lage vieler Menschen verbessert"

    Allianz-Finanzvorstand Achleitner: Wohltätigkeit reicht nicht aus/ Geschäftstätigkeit so ausrichten, dass sie den Armen zugute komme

    taz: Herr Achleitner, Bill Gates hat sich unlängst für einen "kreativen Kapitalismus" ausgesprochen. Die großen Unternehmen müssten dafür sorgen, dass endlich nicht nur die Wohlhabenden und Reichen, sondern auch die Armen vom Wachstum profitieren. Teilen Sie diese Ansicht?

    Paul Achleitner: Wenn er "endlich" gesagt hat, kann ich das nicht nachvollziehen. Die Marktwirtschaft hat einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, die Lage vieler Menschen zu bessern. Indien und China haben Anschluss gefunden an die Entwicklung in den Industrieländern.
    Trotzdem lebt eine Milliarde Menschen von weniger als einem Dollar am Tag.
    Wir befinden uns in einer merkwürdigen Lage. Das Modell der Marktwirtschaft ist so erfolgreich, dass kein klarer Gegenentwurf mehr existiert. Deswegen richtet sich unser Augenmerk auf das, was nicht perfekt funktioniert. So betrachtet, hat Gates völlig Recht: Wir haben eine Verantwortung dafür, das System besser zu machen.

    Mit den Millenniumzielen hat die UN festgelegt, dass bis zum Jahr 2015 die schlimmste Armut weltweit beseitigt sein soll. Was tut die Allianz dafür, dieses Ziel zu erreichen?

    Jedes Unternehmen muss sich da engagieren, wo es den besten Beitrag leisten kann. Wohltätigkeit, Spenden und Stiftungen sind sinnvoll, reichen aber nicht. Viel wichtiger erscheint es mir, die eigentliche Geschäftstätigkeit so auszurichten, dass sie den Armen zugute kommt. Für uns heißt das, Menschen, die bisher keine Absicherung kannten, einen Mindestschutz gegen bedrohliche Risiken zu bieten. Um diesen Anspruch in konkrete Produkte zu übersetzen, kooperieren wir beispielsweise mit der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit. Was die Millenniumsziele angeht: Das sind sehr wichtige Wegweiser, in welche Richtung wir gehen wollen – unabhängig davon, ob man die Ziele 2015 oder 2025 erreicht.

    Die Zielmarke 2015 ist kein willkürliches Datum, sondern ein Beschluss der UN. Das hat zwar keine Gesetzeskraft, aber politisch verbindlichen Charakter. Stellen Sie dieses Ziel in Frage?

    Keineswegs. Wenn man ein so umfangreiches Projekt angeht, ist es extrem wichtig, klare Ziele und Deadlines zu formulieren, sonst passiert nichts. Aber man muss auch realistisch sein. Das Projekt wäre nicht gescheitert, würde seine Verwirklichung ein paar Jahre länger dauern als bis 2015.
    Unternehmen wie die Boston Consulting Group wollen den ärmeren Teil der Weltbevölkerung, der heute quasi außerhalb der Marktwirtschaft lebt, einbeziehen. Von Ihrem Unternehmen hört man in dieser Hinsicht wenig.
    Wenn Ihr Haus niederbrennt oder meines, ist das für uns dramatisch, aber es wird die Erziehung unserer Kinder nicht negativ beeinflussen. In ärmeren Ländern ist das anders. Deshalb besteht dort ein ganz spezieller Bedarf an Schutz. Dem versuchen wir mit neuen Versicherungs- und Finanzprodukten gerecht zu werden, beispielsweise der Mikro-Krankenversicherung, die wir jetzt zusammen mit der Hilfsorganisation Care entwickeln.

    Wie viele arme Bauern gehören denn zu ihren Kunden? Oder sprechen Sie eher die Angehörigen der neuen Mittelschicht an?

    In Indien gewinnen wir schon jetzt pro Monat 400.000 neue Kunden – ein knappes Viertel von ihnen lebt auf dem Land. Aber ich will keinen falschen Eindruck erwecken. Der Verkauf von Produkten, die sich speziell an die ganz Armen richten, steht noch am Anfang.
    Das ist eine sehr kleine Nische.
    Es wird noch einige Zeit vergehen, bis wir die Durchdringung dieses neuen Marktes erreicht haben.

    Haben Sie sich Ziele gesetzt, in welchem Zeitraum Sie welche Fortschritte machen wollen?

    Wenn mir vor sieben Jahren jemand erzählt hätte, dass unser Geschäft in Indien so schnell wächst wie heute, hätte ich gelacht. In unserer Allianz-Welt gab es dafür überhaupt keine Daten, auf die man Prognosen hätte stützen können. Deshalb rate ich zur Vorsicht, was Ziele für unbekannte Geschäftsfelder betrifft.

  • Eine Allianz für Arme

    Für eine Jahresprämie von nur einem Euro können sich arme Bauern in Indien bei der Allianz versichern. Für den Konzern soll sich das dennoch rentieren.

    Es waren bemerkenswerte Zahlen, die die Herrschaften im Vorstand der Allianz-Versicherung nach dem Tsunami auf den Tisch bekamen: An Weihnachten 2004 hatte die große Flutwelle die Küstenstriche Indiens, Thailands und anderer Länder Ostasiens verwüstet. Hunderttausende Menschen kamen ums Leben, Milliardenwerte wurden vernichtet. Doch in der Bilanz des Konzerns schlug sich diese Katastrophe kaum nieder. Ein paar Millionen Euro wurden an die Geschädigten ausgezahlt – nicht der Rede wert und außergewöhnlich für einen der größten Versicherungskonzerne der Welt, der sein Geld damit verdient, dass sich die Leute gegen solche Schäden versichern.
    Die Schlussfolgerungen aus der damaligen Ratlosigkeit hat die Allianz am Dienstag in Bonn präsentiert. Zusammen mit der Entwicklungsorganisation Care stellte sie ein neues Versicherungsprodukt vor, das sich speziell an Arme richtet, die die üblichen Preise für Versicherungen nicht bezahlen können. Bauern, Fischer und Kleinhändler in vier Regionen südlich der indischen Stadt Chennai können künftig für eine Prämie ab 60 Rupien pro Jahr – das entspricht etwa einem Euro – Kranken- und Lebensversicherungen abschließen. Wenn dieser Probelauf erfolgreich ist, will die Allianz das Angebot fortführen und ausweiten.
    In den Verträgen enthalten sind je nach Wunsch der Kunden auch die Unterstützung bei Beerdigungen und die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Die Auszahlung im Notfall erreicht bis zu 25.000 Rupien (etwa 430 Euro), was nach europäischen Maßstäben wenig ist, in Indien aber betroffenen Familien über die ersten Wochen nach Katastrophen und Todesfällen hinweghelfen kann.
    "Ein solches Paket von Versicherungsleistungen für arme Bevölkerungsgruppen gibt es bislang nicht", sagt Anuj Jaine, in Bangkok ansässiger Versicherungsexperte von Care. Die Hilfsorganisation, die in Europa durch die Hilfspakete der Nachkriegsjahre bekannt wurde, ist auf die Allianz zugegangen, um künftige Vorsorge für Katastrophen wie den Tsunami zu treffen. Bei dem Versicherungskonzern war Interesse vorhanden: Der Vorstand hatte festgestellt, dass man kaum über Produkte verfügte, die auf die Bedürfnisse armer Menschen zugeschnitten waren. Wegen der sehr niedrigen Prämien werden solche Verträge als "Mikroversicherungen" bezeichnet. Bis vor wenigen Jahren haben sich die großen Versicherungsunternehmen mit derartigem Kleinkram nicht beschäftigt, weil er als zu kompliziert und wenig gewinnträchtig galt.
    Das ändert sich allmählich. Wegen des hohen Wirtschaftswachstums und der schnellen Entwicklung in Ländern wie Indien sehen die Unternehmen nun einen Markt. "97 Prozent der Menschen in Asien haben keine private Versicherung", sagt Brigitte Klein von der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, einer öffentlichen Entwicklungsorganisation. Die Allianz schätzt den Markt für Kleinversicherungen alleine in Indien "auf deutlich über 250 Millionen Kunden".
    Bei Mikroversicherungen ist "die Allianz einer der Vorreiter", sagt GTZ-Expertin Martina Wiedmaier-Pfister. Wie die Konkurrenz von der American International Group oder ICICI Lombard hat das Münchner Unternehmen in den vergangenen Jahren Pilotprojekte entwickelt. So haben rund 200.000 Inder seit 2005 Minilebensversicherungen der Allianz gekauft. Mit dem neuen Produktpaket hofft man nun auf mindestens 75.000 zusätzliche Kunden pro Jahr.
    Großartige Gewinne werde man damit wahrscheinlich nicht erwirtschaften, sagt Allianz-Sprecher Michael Anthony, "aber es ist ein Einstieg in den Markt". Arme Leute, die heute einen kleinen Vertrag unterschreiben, können sich künftig vielleicht eine umfangreichere Police leisten.
    Neben ihrem ökonomischen Interesse geht es Unternehmen wie der Allianz auch um die Demonstration von Wohlverhalten. Im Jahr 2000 haben die Vereinten Nationen das Ziel ausgegeben, die Zahl der sehr armen Menschen bis 2015 zu halbieren. Die Wirtschaft soll dazu ihren Beitrag leisten.
    Hier Bewegung zu zeigen, ist wichtig für Unternehmen. Denn die Konzerne haben gerade in den reichen Ländern ein Imageproblem. Das sieht man an Fällen wie der mutmaßlichen Steuerhinterziehung von Expostchef Klaus Zumwinkel, der Korruption bei Volkswagen und Siemens, der geplanten Schließung des Nokia-Werks in Bochum. Kriminelles Verhalten, aber auch normales Geschäftsgebaren vieler Konzernvorstände lassen in der Öffentlichkeit den Eindruck entstehen, die Unternehmen würden keine gesetzlichen oder ethischen Grenzen mehr akzeptieren. Vorhaben wie das der Allianz in Indien sollen nicht nur rentabel sein, sondern ebenso unternehmerische Verantwortung beweisen und dadurch helfen, den schlechten Ruf aufzubessern.

  • Da ist etwas faul

    Wirtschaft / Kommentar

    Es ist etwas faul im Staate. Die Wirtschaft brummt, die Gewinne explodieren, der Staat macht Überschüsse – doch bei den Arbeitnehmern, die dies alles letztlich erwirtschaften, kommt nichts vom Aufschwung an. Stattdessen regiert wie schon in den schlechten Jahren zuvor die Angst vor dem Abstieg. Unbegründet sind die Sorgen nicht. Immer mehr Arbeitnehmer rutschen aus der Mittelschicht ab in eine Lage mit ungewisser Perspektive und am Rande der Armut. Deutschland verabschiedet sich so schleichend vom einst gerühmten Sozialstaat und setzt damit langfristig den inneren Frieden aufs Spiel.

    Das wirklich schlimme an der Entwicklung ist die Ratlosigkeit, mit der ihr begegnet wird. Ein einfaches Zurück in die Vergangenheit gibt es nicht. Simple Lösungsvorschläge haben allesamt unerwünschte Nebenwirkungen. Lohnerhöhungen sind wünschenswert. Doch wenn sie zu üppig ausfallen, werden Jobs gestrichen oder Produkte zu teuer. Höhere Steuern für Kapitaleigentümer sind sinnvoll. Doch Vermögen ist heute grenzen- und wohl auch oft gewissenlos. Es haut ab, wenn die Schmerzgrenze überschritten wird. Höhere Staatsausgaben auf Pump verbieten sich mit Blick auf die nächsten Generationen. All dies muss endlich einmal offen diskutiert werden. Viel zu häufig wird die langfristige Entwicklung, etwa bei der zu erwartenden Altersarmut, schöngeredet, weil die Zukunft noch so weit weg ist. Doch sie kommt unweigerlich. Ohne Antworten auf das Verteilungsproblem wird der Sozialstaat seine Legitimation verlieren. Ansätze dafür sind bereits sichtbar.

  • Da ist etwas faul

    Wirtschaft / Kommentar

    Es ist etwas faul im Staate. Die Wirtschaft brummt, die Gewinne explodieren, der Staat macht Überschüsse – doch bei den Arbeitnehmern, die dies alles letztlich erwirtschaften, kommt nichts vom Aufschwung an. Stattdessen regiert wie schon in den schlechten Jahren zuvor die Angst vor dem Abstieg. Unbegründet sind die Sorgen nicht. Immer mehr Arbeitnehmer rutschen aus der Mittelschicht ab in eine Lage mit ungewisser Perspektive und am Rande der Armut. Deutschland verabschiedet sich so schleichend vom einst gerühmten Sozialstaat und setzt damit langfristig den inneren Frieden aufs Spiel.
    Das wirklich schlimme an der Entwicklung ist die Ratlosigkeit, mit der ihr begegnet wird. Ein einfaches Zurück in die Vergangenheit gibt es nicht. Simple Lösungsvorschläge haben allesamt unerwünschte Nebenwirkungen. Lohnerhöhungen sind wünschenswert. Doch wenn sie zu üppig ausfallen, werden Jobs gestrichen oder Produkte zu teuer. Höhere Steuern für Kapitaleigentümer sind sinnvoll. Doch Vermögen ist heute grenzen- und wohl auch oft gewissenlos. Es haut ab, wenn die Schmerzgrenze überschritten wird. Höhere Staatsausgaben auf Pump verbieten sich mit Blick auf die nächsten Generationen. All dies muss endlich einmal offen diskutiert werden. Viel zu häufig wird die langfristige Entwicklung, etwa bei der zu erwartenden Altersarmut, schöngeredet, weil die Zukunft noch so weit weg ist. Doch sie kommt unweigerlich. Ohne Antworten auf das Verteilungsproblem wird der Sozialstaat seine Legitimation verlieren. Ansätze dafür sind bereits sichtbar.

  • Tipps für Spender

    Auch Spenden will gelernt sein. Die Experten des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) und die Stiftung Warentest haben einige Tipps dafür zusammengestellt.

    Ohne Druck: Niemand sollte sich von Spendenwerbern unter Druck setzen lassen. Mitunter werden beeindruckende Bilder gezeigt oder Geschichten geschildert, um Mitleid zu erzeugen. Die Experten sehen in dieser Methode ein Anzeichen dafür, dass die Hilfsorganisation unseriös arbeitet.
    Keine Eile: Die großen Hilfswerke haben genügend Vorräte für Not- und Hilfseinsätze. Im Ernstfall kann die Unterstützung sofort gestartet werden. Die Spenden dienen der Fortführung der Aktionen. Auch werden die Rücklagen wieder aufgefüllt. Bei dringlichen Appellen ist daher Vorsicht geboten. Man kann sich Zeit lassen.
    Gezielt Spenden: Es ist besser, sich mit den finanziellen Gaben auf wenige Organisationen zu konzentrieren. Das erleichtert es, die Arbeit der Helfer zu verfolgen und spart Verwaltungskosten. Auch landet weniger Werbung im Briefkasten, weil der Spender nur bei wenigen Organisationen registriert ist.
    Lieber Geld: Viele Hilfswerke ziehen die Geldspende der Sachspende vor. Der Aufwand ist geringer und die Mittelkönnen gezielt eingesetzt werden. Natürlich sind auch Kleiderspenden oder bei gezielten Aufrufen auch andere Sachspenden erwünscht.
    Patenschaften: Einzelschicksale berühren den Menschen besonders. Doch der Kontakt zwischen Paten und Kind verursacht vergleichsweise hohe Kosten. Auch ist es in manchen Gebieten den Dorfgemeinschaften nicht förderlich, wenn einzelne Kinder gezielt gefördert werden, andere nicht.
    Informationen: Tipps für Spender und Adressen von Hilfswerken bietet das DZI auf seiner Internetseite www.dzi.de.

  • "Wir haben unsere Lektion nicht gelernt"

    Joseph E. Stiglitz über die Finanzkrise, die bessere Regulierung des Finanzsystems und eine internationale Bankenaufsicht

    taz: Spüren Sie hier beim Weltwirtschaftsforum in Davos die Angst vor der weltweiten Rezession?
    Joseph E. Stiglitz: Viele Leute halten es inzwischen für wahrscheinlich, dass wir einen Abschwung erleben werden. So geht es in den Diskussionen vor allem darum, wie man darauf reagieren sollte.
    Meinen auch Sie, dass es eine globale Rezession geben wird?
    Ich rechne mit einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in den USA, eine Rezession dort ist sehr wahrscheinlich. Die Produktion wird deutlich unter dem liegen, was die US-Wirtschaft leisten könnte. Das hat globale Konsequenzen.
    Manche Ihrer Kollegen argumentieren, China und Asien insgesamt könnten die USA als Wachstumslokomotive ersetzen.
    China exportiert in großem Stil Waren in die USA. Wenn dieser Absatzmarkt einbricht, bekommen das auch die chinesischen Exporteure zu spüren.
    Was heißt das für die Weltwirtschaft?
    Statt fünf Prozent Wachstum werden wir in der nächsten Zeit insgesamt nur noch rund drei Prozent erwirtschaften. Ich nehme an, dass die Preise für Rohstoffe sinken, was gerade den ärmeren Ländern, die diese Rohstoffe ausführen, Probleme bereiten dürfte.
    Nach 1997 und 2001 erleben wir gerade die dritte globale Finanzkrise innerhalb eines Jahrzehnts. Im Anschluss an die vorangegangenen Krisen versprachen Politiker und Ökonomen, das Finanzsystem stabiler zu machen.
    Leider ist viel zu wenig passiert. Wir haben unsere Lektion nicht gelernt. Die wichtigste Ursache der gegenwärtigen Turbulenzen ist ein Übermaß an Deregulierung.
    Wie hätte man die jetzige Krise durch eine bessere Rahmensetzung verhindern können?
    Wir brauchen dringend mehr Transparenz im Banken- und Kreditsektor. Die gegenwärtige Kreditkrise ist auch dadurch entstanden, dass Politik, Bankenaufsicht und Öffentlichkeit über die Risiken der neuen Produkte nicht informiert waren. Vorher gab es den Verkauf von minderwertigen, zu Paketen gebündelten Immobilienkrediten ja nicht. Die wenigsten Experten konnten sich offenbar vorstellen, welche Gefahren diese Strategie beinhaltet.
    Auch die Banken, die diese Geschäfte betrieben, haben die Gefahren nicht ernst genommen?
    Das war ihnen egal. Sie wollten Geld verdienen. Sie wollten nicht verstehen, welche Risiken sie eingehen. Und natürlich haben sie kein Interesse an irgendeiner Form von öffentlicher Regulierung. Hier haben wir ein schönes Beispiel dafür, wie die Selbstregulierung der Wirtschaft versagt.
    Wie kommen wir zu einer besseren Regulierung des weltweiten Finanzsektors?
    Am einfachsten wäre es, die nationale Bankenaufsicht etwa in den USA oder Deutschland zu verbessern. Die Finanzinstitute müssen verpflichtet werden, Informationen über die risikoreichen Geschäfte offenzulegen. Die Politik und die Bankenaufsicht sollten künftig viel argwöhnischer sein, besonders bei unbekannten Finanzprodukten aus dem Ausland.
    In Europa gibt es zwar einen gemeinsamen Markt, aber keine gemeinsame Bankenaufsicht, die diese Namen verdient. Müsste eine europäische Bankenaufsicht eingerichtet werden?
    Ja, eine Aufsicht sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene ist notwendig. Ebenso gilt dies für das weltweite Finanzsystem. Wir brauchen eine Aufsicht, die den Überblick über die globalen Finanzmärkte hat. Sonst bleiben die Risiken so lange verborgen, bis es zu spät ist.
    Das Motto hier in Davos heißt "Zusammenarbeit". Bemerken Sie den Versuch, das internationale Finanzsystem in einer gemeinsamen Anstrengung auf sichere Füße zu stellen?
    Nein, bislang verstehen viele Leute nicht richtig, welche Entwicklungen die Krise ausgelöst haben. Und sie sagen: Man darf jetzt nicht überreagieren, sonst macht man die Krise noch schlimmer. Eine bessere Regulierung lehnen sie immer noch ab. Ich sage: Gerade das ist es, was wir brauchen.

  • Suche nach Verantwortung

    World Economic Forum Davos 2008: Systemkritik und die Gunst der "politischen Konsumenten"

    Der große Globalisierungs-Streit wird nicht stattfinden. Selbstsicher und ziemlich unbehelligt versammeln sich von morgen, Mittwoch, an rund 1.000 Chefs transnationaler Unternehmen, 27 Staats- und Regierungschefs und 113 Minister im Schweizer Skiort Davos zum World Economic Forum (WEF). Wie fast jedes Jahr seit 1971 kommt die globale Wirtschafts- und Politikelite, um Geschäfte zu tätigen, Bildungsurlaub auf hohem Niveau zu betreiben und dem Ziel nachzueifern, das WEF-Gründer und Chef Klaus Schwab so formuliert: "den Zustand der Welt verbessern". Dieser Anspruch war in den vergangenen Jahren umkämpfter, als er es heute ist. Erstmals 2001 organisierten Globalisierungskritiker in der südbrasilianischen Stadt Porto Alegre den Gegengipfel zu Davos. "Weltsozialforum" tauften sie ihre Veranstaltung in klarer Abgrenzung zum Wirtschaftsforum in der Schweiz. Zehntausende junge, linke Leute lauschten 2002 dem philippinischen Soziologen Walden Balden, als der in Porto Alegre das Zeitalter der "Deglobalisierung" ausrief. Wenn in Davos die segensreiche Wirkung des freien Weltmarktes gefeiert wurde, kam aus Brasilien ein lautes "Eine andere Welt ist möglich".
    Davon ist kaum noch etwas zu bemerken. 2008 fällt der Gegengipfel zu Davos aus. Am kommenden Samstag gibt es als Ersatz einen so genannten weltweiten Aktionstag. Deutsche Davos-Kritiker haben – nach gegenwärtigem Stand – drei Dutzend lokaler Veranstaltungen organisiert. "Besonders herausgefordert wird sich das WEF in diesem Jahr wohl nicht fühlen", resümiert Rainer Falk, der den kritischen Informationsdienst Weltwirtschaft & Entwicklung herausgibt.
    Davos lebt, und die globalisierungskritische Bewegung verabschiedet sich allmählich? "Nein, das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine kreative Atempause", sagt Oliver Classen, Sprecher der Davos-kritischen Schweizer Organisation "Erklärung von Bern". Für seine These sprechen zwei Tatsachen: Mit ihren Aktionen zum G-8-Gipfel der mächtigsten Staaten haben die europäischen Globalisierungskritiker 2007 für große Aufmerksamkeit gesorgt. Und 2009 soll auch wieder ein Weltsozialforum stattfinden – in der Stadt Belém im Norden Brasiliens.
    Eine gewisse Erschöpfung ist den Umweltverbänden, Netzwerken und Menschenrechtsorganisationen trotzdem anzumerken. Es fällt ihnen schwer, jedes Jahr einen Riesenkongress zu organisieren, der in der globalen Öffentlichkeit als Gegenstück zum Weltwirtschaftsforum wahrgenommen wird. Und es ist auch ermüdend, jedes Jahr aufs Neue dieselbe Megadiskussion über die gute oder schlechte Globalisierung zu führen.
    Klaus Schwab und seine Crew vom WEF haben es da leichter. Mehr als 250 Mitarbeiter halten den Apparat das ganze Jahr über am Laufen. An Geld mangelt es ihnen nicht: Mehr als 1.000 der einflussreichsten Unternehmen der Welt sind Mitglieder des Forums. Sie zahlen jeweils 42.500 Schweizer Franken (26.300 Euro) Jahresbeitrag. Hinzu kommt, dass jeder Manager, der in Davos mal mit Tony Blair persönlich reden möchte, 11.000 Euro Teilnahmegebühr hinlegt.
    Der intensive Streit der vergangenen Jahre ist im Übrigen nicht spurlos an den Kontrahenten vorbeigegangen. Beide Seiten teilen die Welt nicht mehr strikt in Schwarz und Weiß, wie es nach den großen Straßenschlachten in Seattle 1999 noch üblich war. "Die Zeit der Systemkritik ist erst einmal vorbei", sagt Kritiker-Sprecher Oliver Classen. Statt des ganz großen Themas haben sich kleinere in den Vordergrund geschoben. Eines davon heißt "Unternehmensverantwortung".
    "Die großen Firmen nehmen das sehr wichtig", sagt André Schneider, einer der engsten Mitarbeiter von WEF-Chef Klaus Schwab. Tatsächlich kommt heute kaum eines der bekannten Großunternehmen ohne Bekenntnisse und Aktivitäten aus, die gegenüber der Öffentlichkeit und Politik unterstreichen, dass es nicht nur um den Profit geht. Hohe Gewinne sind zwar nach wie vor das alles beherrschende Ziel, aber man will sie in Einklang mit der Gesellschaft und nicht gegen sie erwirtschaften. Dutzende Referenten werden in Davos ausleuchten, wie Firmen ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen können: indem sie beispielsweise auf die Zahlung von Schmiergeld verzichten, die Vorstandsgehälter im Rahmen bleiben und die Bezahlung den Beschäftigten, auch wenn diese in China oder Kambodscha leben, ein angemessenes Auskommen ermöglicht.
    Und auch die Kritiker haben sich auf dieses Feld begeben. Classen: "Wir beobachten, wie sich Konzerne im konkreten Einzelfall verhalten." Die Ergebnisse dieser Überprüfung werden am kommenden Mittwoch veröffentlicht. Dann verleiht die Kritiker-Organisation "Public Eye" ihre diesjährigen Firmen-Auszeichnungen. Ganz oben auf der Kandidatenliste für die "Hall of Shame", die Halle der Schande, steht auch ein in Deutschland ansässiges Unternehmen: Bayer CropScience, ein Teilkonzern der Bayer AG, der Pflanzenschutzmittel herstellt (siehe rechts).
    Aktionen wie des Public Eye werden auch bei den offiziellen Veranstaltungen des WEF im Kongresszentrum von Davos sehr genau registriert. Geht es doch um das Image einzelner Unternehmen in der Öffentlichkeit. Der Ruf seiner Firma, das weiß jeder Vertriebsmanager, ist mitentscheidend für den Verkauf der Produkte. Dieser Zusammenhang mag bei einem Unternehmen wie Bayer CropScience, dessen Waren nicht im Supermarktregal stehen, nicht so offensichtlich sein. Siemens oder Nokia sind da schon in einer anderen Lage. Die Konzerne und ihre Kritiker sind näher zusammengerückt. Sie kämpfen nicht mehr ums System, sondern um die Gunst der politischen Konsumenten.

  • Künftig mehr Biosprit im Tank

    Wirtschaft und Politik verständigen sich über höheren Anteil an Biokraftstoff / Für 375.000 Autofahrer wird tanken dann teuer

    Benzin und Diesel soll bald mehr Biosprit beigemischt werden. Darauf haben sie Industrie, Landwirtschaft und Bundesregierung verständigt. Erstmals haben alle Beteiligten konkrete Ziele vereinbart und in einer „Roadmap Biokraftstoffe“ festgelegt. Danach wird der Anteil von Bio-Ethanol im Benzin in den nächsten drei Jahren auf zehn Prozent verdoppelt. Das sei technisch problemlos machbar, teilte das Bundesumweltministerium am Mittwoch in Berlin mit. Beim Diesel ist die Marke von zehn Prozent schwerer zu erreichen. Für die Fahrzeughersteller seien sieben Prozent Biodieselanteil das äußerste, sagte der Chef des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Matthias Wissmann. Derzeit dürfen nur fünf Prozent Biosprit im Treibstoff enthalten sein. Um trotzdem das Ziel zu erreichen, werden zusätzlich zum Biodiesel verwendbare Pflanzenöle eingesetzt. Im kommenden Jahrzehnt soll der Anteil von Pflanzenenergie im Tank noch einmal verdoppelt werden.

    Zum großen Hoffnungsträger werden dabei Produkte, die es noch gar nicht gibt. Die so genannte zweite Generation der Biokraftstoffe wird nach Angaben von Umweltminister Sigmar Gabriel Mitte des nächsten Jahrzehnts einsatzfähig sein. Bei dieser Technologie werden Pflanzenreste, zum Beispiel Stroh, in Raffinerien zu Kraftstoff umgewandelt. Experten versprechen sich viel von dieser Entwicklung. Laut VDA weist der synthetische Sprit viel bessere Eigenschaften auf als herkömmliche Biokraftstoffe. Außerdem wird ein großes Problem gemindert. Durch die hohen Ölpreise angetrieben werden immer mehr Felder mit Energiepflanzen bewirtschaftet. Fachleute befürchten daher eine zunehmende Konkurrenz zwischen der Produktion von Nahrungsmitteln und der von Biokraftstoffen. Da bei der zweiten Generation des klimaschonenden Sprits nur Pflanzenreste verwendet werden, erschließt sich eine beträchtliche Menge am benötigten Rohstoff, ohne dass dafür extra Flächen reserviert werden müssen. Landwirtschaftsminister Horst Seehofer hält die Sorgen vor einer Verknappung von Lebensmitteln und damit steigenden Preisen für unbegründet, weil die Erträge auf den genutzten Flächen ständig anwachsen. „Im kaum einem anderen Bereich schreitet die Produktivität so schnell voran wie in der Landwirtschaft“, betonte der Minister. Derzeit werden 13 Prozent der Anbaufläche für Energiepflanzen genutzt. Bis 2020 erwartet der Minister eine Steigerung auf rund ein Drittel der Fläche.

    Zumindest die Besitzer älterer Autos sehen die Biooffensive für das Klima mit gemischten Gefühlen. Laut VDA vertragen rund 375.000 Autos in Deutschland die geplante Erhöhung der Beimischung nicht. Den Besitzern bleibt an der Zapfsäule nur der Griff zum teuren SuperPlus.

    Bis die nächste Generation der Biokraftstoffe eingesetzt werden kann, setzt die Bundesregierung auf Bio-thanol und Biodieseln. Seehofer will die steuerliche Förderung für die Kraftstoffe gerne beibehalten, während das Finanzministerium den Steuernachlass um sechs Cent pro Liter kürzen will. Darum streiten beide Ministerien gerade. „Ich kämpfe darum, dass der Biokraftstoff wettbewerbsfähig bleibt“, betonte Seehofer. Vor allem pocht der Minister darauf, dass auch kleine und mittlere Produktionsanlagen in der Förderung bleiben. Sonst drohe die Gefahr von einigen wenigen Großanbietern, die sich keinen Wettbewerb leisten müssen.

    Die Vereinbarung ist Teil der Strategie zum Klimaschutz. Die Bundesregierung will künftig auch für mehr Ehrlichkeit im Umgang mit den Zahlen zur CO2-Einsparung sorgen. Importe, etwa von Palmöl als Energieträger, sollen nur dann als emissionsmindernd gewertet werden, wenn die Pflanzen aus nachhaltigem Anbau stammen. Dazu sollen zum Beispiel Plantagen international zertifiziert werden. Zoff mit der Welthandelsorganisation nimmt Gabriel dafür in Kauf. „Wir wollen im Zweifel diesen Konflikt auch“, stellte der Minister klar.

  • Fragen und Antworten Ölpreis

    Service

    Steigt der Ölpreis weiter?

    Das weiß niemand. Dem steilen Anstieg des Ölpreises kann jederzeit auch wieder ein schneller Absturz folgen. Auf lange Sicht wird das schwarze Gold aber nie wieder so billig zu haben sein wie in den letzten Jahrzehnten. Denn die leicht und damit preiswert erreichbaren Quellen versiegen nach und nach. Zugleich steigt die Nachfrage aus den riesigen Schwellenländern Indien und China.

    Warum explodiert der Ölpreis gerade jetzt?

    Die Weltwirtschaft brummt und verbraucht daher viel Öl. Vor allem China und Indien kaufen so viel ein wie noch nie. Die hohe Nachfrage treibt den Preis in die Höhe. Teurer wird es auch, weil der Irak und andere Förderländer unsicher sind. Das gibt einen Risikoaufschlag. Schließlich sind Spekulanten am Werk, die für etwa 20 Prozent des derzeitigen Preises verantwortlich sind. Wenn die Ölländer mehr fördern oder die Spekulationsblase platzt, kann der Preis schnell stark sinken.

    Welche Folgen hat das für Benzin?

    Der Benzinpreis steigt weiter an, solange der Ölpreis in die Höhe schießt. Nur der starke Euro bringt den Autofahrern hier etwas Entlastung, weil der Preisanstieg dadurch nicht so stark ausfällt. Sollte sich das Blatt an den internationalen Märkten wandeln, könnte auch der Benzinpreis wieder sinken. Ansonsten werden die Autofahrer bald 1,50 Euro für den Liter Sprit bezahlen müssen.

    Warum wird Diesel immer teurer?

    Weltweit können die Raffinerien nicht genug Diesel herstellen, um die Nachfrage zu decken. Für die Autos würde die Produktion reichen. Aber der Kraftstoff wird auch als Heizöl eingesetzt. Da jetzt viele Amerikaner Heizöl aus Europa kaufen, explodiert der Dieselpreis.

    Sollte man jetzt Heizöl kaufen?

    Wer sich jetzt nicht unbedingt mit Heizöl eindecken muss, sollte noch abwarten. Denn die momentan hohe Nachfrage treibt den Heizölpreis nach oben. Experten rechnen mit einer deutlichen Entspannung der Situation im Januar. Eine Möglichkeit ist auch, jetzt den halben Tank zu füllen und später zu hoffentlich günstigeren Preisen nachzukaufen. Sichere Prognosen sind aber unmöglich.

    Was ist mit dem Gaspreis?

    Der Gaspreis ist an den Ölpreis gekoppelt. Unabhängig vom tatsächlichen Verbrauch wird Gas teurer oder billiger, wenn sich der Ölpreis bewegt. Mit einer Verzögerung von sechs Monaten kommen die veränderten Preise dann beim Verbraucher an. Das Gas wird folglich auch bald sehr viel teurer.

    Wird jetzt weniger gefahren?

    Früher hat der steigende Spritpreis das Verhalten der Autofahrer kaum verändert. Aber 2006 ging die Fahrleistung schon geringfügig zurück. In diesem Jahr werden viele Autofahrer auf Fahrten verzichten, die nicht notwendig sind. Das glauben zumindest Experten.

    Welchen Folgen hat der Preisanstieg für die Wirtschaft?

    Bisher kommt die deutsche Wirtschaft ganz gut mit dem hohen Ölpreis zurecht. Dafür sorgt auch der starke Euro, der die Preissteigerung beim Öl abmildert. Aber auch die Investitionen in energiesparende Anlagen in den letzten Jahrzehnten machen sich nun bezahlt. Die Industrie ist nicht mehr so abhängig vom Öl. Steigt der Preis aber ungebremst weiter, droht ein weltweiter Konjunkturdämpfer.

    Kann die Politik eingreifen?

    Politiker haben nur wenig Einfluss auf den Ölpreis. Internationale Abkommen könnten für mehr Transparenz bei der Preisbildung sorgen. Dann hätten Abzocker und Spekulanten es schwerer. Solche Regelungen sind aber schwer durchzusetzen. In Deutschland könnten die Politiker handeln und die Mineralölsteuer senken. Dann wird der Sprit schnell billiger, denn die Steuer macht den größten Teil des Benzinpreises aus.

  • Der Motor Zeitarbeit kommt ins Stottern

    Firmen kämpfen mit Personalmangel / Gesetzliche Einschränkungen könnten weiteres Wachstum gefährden

    Jahrzehntelang hat Leiharbeit in Deutschland ein wenig rühmliches Schattendasein geführt. Das Image war lausig, der Beiname „Sklavenhändler“ war nur ein Ausdruck für den schlechten Ruf der Branche. Seit 2004 geht es jedoch aufwärts. Zeitarbeit wird für immer mehr Unternehmen und Beschäftigte attraktiv. Auch dabei spielen die nach dem früheren VW-Vorstand Peter Hartz benannten Gesetze eine wichtige Rolle. Hartz I regelte 2003 die Zeitarbeit neu. Dahinter stand der Wunsch nach einem flexibleren Arbeitsmarkt. In guten Zeiten sollten Firmen schneller und ohne Angst vor dem Kündigungsschutzrecht Beschäftigung anbieten. Die 1972 eingeführten gesetzlichen Regelungen für Zeitarbeit wurden deshalb gelockert. Das hatte Erfolg. Die Zahl der Beschäftigten bei den Personaldienstleistungsfirmen hat sich innerhalb weniger Jahre von 330.000 auf mittlerweile 630.000 fast verdoppelt. Das sind 1,6 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Das Potenzial ist noch längst nicht ausgereizt. Denn in anderen europäischen Ländern ist der Anteil deutlich höher.

    Es waren vergleichsweise einfache Änderungen, die für den Aufschwung der Branche sorgten. Aufgehoben wurde zum Beispiel die Regel, dass Leiharbeiter höchstens zwei Jahre an einen Betrieb ausgeliehen werden dürfen. Bei der Entlohnung verordnete die rotgrüne Koalition der Branche, dass Zeitarbeiter genau so bezahlt werden müssen wie das Stammpersonal, sofern in Tarifverträgen nichts anderes vereinbart wurde. Heute gibt es Tarifverträge, die von den großen Zeitarbeitsverbänden mit dem DGB und christlichen Gewerkschaften abgeschlossen wurden. Damit wurde das Gleichstellungsgebot praktisch unterminiert. Dies stößt bei der Linken und auch bei weiten Teilen der SPD und den Gewerkschaften auf Unmut. Die Kritiker setzen sich nun für neue Beschränkungen der gut 17.000 Verleihfirmen ein.

    Eine der Hauptsorgen der Gegner von Leiharbeit ist, dass immer mehr reguläre Beschäftigung in Leiharbeit umgewandelt wird. Verlässliche Statistiken gibt es dazu nicht. Nach Angaben der SPD zeigen jedoch Erhebungen in der Metallindustrie, dass Leiharbeit im Trend liegt. In der Automobilindustrie setzen danach 86 Prozent aller Betriebe Zeitarbeiter ein. Sieben Prozent der Facharbeiter und 17 Prozent der Hilfskräfte stehen auf der Gehaltsliste von Personaldienstleistern. In Einzelfällen, wie bei Daimler im Werk Ludwigsfelde, kommt laut SPD sogar jeder dritte Beschäftigte von einer Verleihfirma. Auch die Elektroindustrie bedient sich in starkem Umfang bei Zeitarbeitsfirmen. Bisweilen ist der Anteil der Leiharbeiter in dieser Branche sogar höher als der der Kernbelegschaft.

    Dem Trend will die kleinere Regierungspartei mit Hilfe der Gewerkschaften brechen. Die Branche soll wie auch die Postzusteller in das Arbeitsnehmer-Entsendegesetz aufgenommen werden. Damit würde ein flächendeckender Mindestlohn eingeführt. Schwerer wiegt indes der Vorschlag, per Gesetz Kernbelegschaft und Leiharbeiter beim Lohn gleichzustellen. Dann müssten Zeitarbeiter nach einer Einarbeitungszeit immer so gut bezahlt werden wie die Festangestellten eines Betriebes. Ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil der Leiharbeitsfirmen ginge so verloren.

    Die Branchenverbände sind über diesen Vorschlag verärgert. Vor allem bei höher qualifizierten Angestellten würde diese Einschränkung Arbeitsplätze vernichten, befürchtet der Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (IGZ). Der Bundesverband Zeitarbeit (BZA) stößt ins selbe Horn. „Einerseits will man die Branche durch einen Mindestlohn schützen, gleichzeitig aber soll sie totreguliert werden“, beschwert sich BZA-Präsident Volker Engerts. Die Dienstleistung werde so viel zu teuer und nicht mehr nachgefragt.

    Über mangelnde Nachfrage müssen sich die Verleihfirmen derzeit keine Sorgen machen. Alle IT-Berufe, Ingenieure und betriebswirtschaftliches Personal werden derzeit gesucht. Dabei steht die Branche inzwischen vor demselben Problem wie ihre Kunden. Bestimmte Fachleute sind auf dem Arbeitsmarkt nur noch selten zu finden. Unproblematisch ist nur noch die Vermittlung von Hilfsarbeitern.

    Interessenten haben daher gute Karten bei der Suche nach einem geeigneten Personaldienstleister. Experten raten dazu, bei der Auswahl auf ein paar Dinge zu achten, um unliebsame Überraschungen zu vermeiden. So sollte die Firma einem der Branchenverbände angehören und an einen Tarifvertrag gebunden sein. Dazu sollte in den Geschäftsräumen die Lizenz als Verleihfirma aushängen. Auch sollte der Blick auf Referenzen und die Einhaltung der gesetzlichen Arbeitsschutzbestimmungen gerichtet werden, bevor ein Arbeitsvertrag unterschrieben wird.

  • Deutschland braucht neue Bäume

    Alles beim Alten. Normalerweise ist das keine Nachricht wert, beim Wald schon. Denn Herbst und Winter waren im vergangenen Jahr feuchter. Die Natur hatte nicht mehr mit Dürren zu kämpfen, mit den extrem trockenen Böden wie in den Jahren zuvor, vor allem in 2018, 2019 und 2020. Da sollte es dem Wald eigentlich besser gehen. So ist es aber nicht.

    „Fichten und Buchen erholen sich nicht, allein der Kiefer geht es etwas besser, aber auch noch nicht so gut wie vor den Dürrejahren“, sagt Nicole Wellbrock. Expertin für Waldökosysteme am Thünen-Institut im Brandenburgischen Eberswalde. Sie koordiniert die Erhebungen zum Waldzustandsbericht. Es ist eine jährliche Bauminventur.

    Am Montag hat der grüne Bundesagrarminister Cem Özdemir die neueste, die für 2023, offiziell vorgestellt. Er sagte: „Die Klimakrise hat unseren Wald fest im Griff.“

    So schlimm? Die Absterberate ist bei der Fichte, lateinisch: Picea abies, im Jahr 2023 immerhin zurückgegangen – statt 4,4 Prozent aller Bäume dieser Art starben nur noch 1,2 Prozent? „Stimmt“, sagt Wellbrock, „das hängt aber damit zusammen, dass sie bereits großflächig abgestorben sind.“

    Anders gesagt: Die Patienten sind bereits tot – zu sehr haben den Fichten in den Vorjahren Dürren und Hitze, Stürme und Waldbrände zu schaffen gemacht, obendrein der sogenannte Buchdrucker, das ist eine Borkenkäferart. Die durch den Trockenstress schon geschwächten Fichten sind sein Lieblingsfressen.

    Er bohrt sich in die Bäume, legt dort verborgen zwischen Rinde und Stamm seine Gänge an. Dann schlüpfen die Larven, futtern. Das alles zerstört die Versorgungsleitungen des Baumes, in denen Wasser und Nährstoffe transportiert werden. Der Buchdrucker kann einen ganzen Fichtenwald flachlegen, wenn er in Massen auftritt. Das macht er in trockenen, warmen Sommern und milden Wintern infolge des Klimawandels immer öfter. Er fühlt sich dann wohl, bringt gleich mehrere Generationen hervor.

    Aber nicht nur der Fichte setzen die Folgen der Erderhitzung zu, sagt Wellbrock, sondern dem Wald insgesamt. Da sind allein die höheren Durchschnittstemperaturen, die ihm zu schaffen machen. So habe sich die Lage im Vergleich zu 2022 kaum verändert. Vier von fünf Bäumen sind krank, stärker dabei Bäume über 60 Jahre. „Doch auch die jüngeren zeigen einen negativen Trend“, sagt Wellbrock.

    Als Hinweis gilt die Kronenverlichtung. Je weniger Blätter oder Nadeln, umso schlechter steht es um den Baum. Und nur noch 17 Prozent der Fichten haben keine Kronenverlichtung. 2022 waren es noch 24 Prozent. Bei der Buche sind ohne Kronenschäden noch 15 Prozent (2022: 21), bei der Eiche 17 Prozent (2022: 19). Nur bei den Kiefern ist der Anteil von Bäumen ohne Kronenschäden von 13 Prozent in 2022 auf nun 23 Prozent gestiegen. Und nun?

    Expertin Wellbrock meint, vom Borkenkäfer lasse sich lernen. Der frisst sich Fichte für Fichte durch, hat es in Monokulturen besonders leicht. Anders sei das in einem Mischwald. „Wir müssen die Wälder klimastabil umbauen“, sagt Wellbrock. In ihm sollten junge und alte Bäumen verschiedener Art stehen, die zudem mit Trockenheit besser zurecht kommen, widerstandsfähiger sind. Damit könne man die Waldbesitzer allerdings nicht alleine lassen. So ein Umbau koste Geld. Außerdem sei der Wald kein „Nice-to-have“, nicht irgendwas, was man gerne hat, aber nicht unbedingt braucht. Ganz im Gegenteil: Der Wald speichere klimaschädliche Treibhausgase, filtere Wasser, kühle die Landschaft. Zudem sei er Holzlieferant, auch Erholungssort für den Menschen und Lebensraum für Pflanzen und Tiere.

    Bundesagrarminister Özdemir erklärte, für dieses Jahr seien 250 Millionen Euro zur Waldförderung eingeplant. Die Finanzierung für die Folgejahre ist noch nicht gesichert.

  • „Querfeldein Fahren hat seine Grenzen“

    Die Wälder gingen vielerorts „in die Knie“, sagt NABU-Chef Jörg Andreas Krüger. Um sie zu retten, nehme der grüne Bundesagrarminister Özdemir die Waldbesitzer im neuen Gesetzentwurf aber zu wenig in die Pflicht. Und nun?

    Hanna Gersmann: Jörg-Andreas Krüger, wie sieht der ideale Wald aus – lässt sich dort noch wandern und Rad fahren, auch mal querfeldein?

    Jörg Andreas Krüger: Querfeldein fahren hat seine Grenzen, kann jeder überall fahren, wird der Boden zu sehr belastet, die Tiere brauchen Rückzugsräume.

    Hanna Gersmann: Der grüne Bundeswaldminister Cem Özdemir will die Bewirtschaftung und Freizeitnutzung der Wälder neu regeln. Die Bike-Branche warnte, im Wald komme ein Radfahr-Verbot.

    Jörg Andreas Krüger: Das bezog sich auf einen ersten nicht offiziellen Entwurf für das neue Bundeswaldgesetz. Nach der jetzt offiziell vorgelegten Version ist das Befahren des Waldes auf Wegen gestattet. Das ist auch richtig. Wir Menschen brauchen den Wald zum Erholen, gegen Stress.

    Hanna Gersmann: Özdemir schafft die perfekte Mensch-Natur-Beziehung?

    Jörg Andreas Krüger: Er novelliert das Gesetz. Das ist gut. Aber er bleibt bisher leider zu allgemein. Er regelt nicht klar, was die Waldbesitzer tun müssen. Da steht viel zu oft sie „können“ und „sollten“. Sie können so weiterhin Waldflächen mit Fichten aufforsten, die Hitze und Dürre in Zeiten des Klimawandel nicht lange standhalten, und kassieren dafür womöglich noch staatliche Fördergelder.

    Hanna Gersmann: Waldbesitzer sagen, sie wüssten ganz gut, welche Bäume die richtigen seien.

    Jörg Andreas Krüger: Der Zustand des Waldes spricht dagegen.

    Hanna Gersmann: Sie haben die schnell wachsenden Fichten in den 50er Jahren gepflanzt, weil Baumaterial gefragt war.

    Jörg Andreas Krüger: Die Wälder, die wir jetzt haben sind der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte geschuldet, stimmt. Es geht auch nicht um Schuldzuweisungen. Seit Beginn der 90er Jahre wissen wir aber, dass wir weg müssen von der Fichte hin zu klimastabileren Laubbäumen. Nun hat Deutschland allein in den vergangenen sechs Jahren 600.000 Hektar Wald verloren. Hitze, Dürre, Stürme haben sie geschwächt, der Borkenkäfer fraß sich durch. Damit ist ein Landschaftsökosystem in vielen Regionen in die Knie gegangen, das für uns Menschen lebenswichtig ist.

    Hanna Gersmann: Lebenswichtig?

    Jörg Andreas Krüger: Der Wald ist ja nicht nur Zufluchtsort für Erholungssuchende, er spendet Sauerstoff, filtert Trinkwasser, kühlt die Landschaft, verhindert Hochwässer, speichert Treibhausgase.

    Hanna Gersmann: Sie wollen doch nur alles dem Umwelt- und Naturschutz unterordnen – so in etwa sagen das Ihre Gegner.

    Jörg Andreas Krüger: Das ist aber falsch. Auch wir wollen Holz aus unseren Wäldern. Es ist ökologisch ja nichts gewonnen, wenn Deutschland mit Holz versorgt wird, für das rumänische Urwälder oder Tropenwälder abgeholzt werden. Nur kann es im Wald nicht mehr allein um die Nutzung gehen so wie es in der aktuellen Fassung des Bundeswaldgesetzes steht. Die kommt aus dem Jahr 1975. Damals hat noch niemand vom Klimawandel geredet.

    Hanna Gersmann: Welcher Passus fehlt im Entwurf?

    Jörg Andreas Krüger: Da geht es nicht um einen Satz, sondern um Konkretisierungen an vielen Stellen. Wer im Wald großflächig kahl schlagen will und keine Genehmigung hat, soll dafür zum Beispiel ein Bußgeld fürchten…

    Hanna Gersmann:…ursprünglich waren Gefängnisstrafen angedacht.

    Jörg Andreas Krüger: Bußgeld ist schon in Ordnung, entscheidend ist vielmehr, dass ein Kahlschlag auf einer Fläche von bis zu einem Hektar ohne Genehmigung erlaubt bleiben soll, dabei ist er allenfalls auf 0,5 Hektar noch vertretbar.

    Hanna Gersmann: Ein halber Hektar macht den Unterschied?

    Jörg Andreas Krüger: Ein kahle Fläche im Wald ist besonnt, Frost ausgesetzt, das typische Waldklima damit weg. Heimische Baumarten werden da nicht schnell einwandern. Für sie müssen erst Vogelbeere, Schwarzer Holunder und andere Pioniere den Boden bereiten. Das wird schon bei ein paar hundert Quadratmetern Fläche ein Problem, ein Hektar sind aber 10.000 Quadratmeter. Da sind 0,5 Hektar bereits ein Kompromiss. Wir riskieren den Wald und sein Klima für etliche Jahrzehnte zu verlieren.

    Hanna Gersmann: Warum keine Bäume pflanzen?

    Jörg Andreas Krüger: Naturverjüngung, also die selbstständige Erneuerung des Waldes, bringt klimaangepasste, langfristig stabilere Wälder hervor. Außerdem ist das Pflanzen deutlich teurer.

    Hanna Gersmann: Sie haben das mit anderen Umweltverbänden vorgeschlagen, sich aber nicht durchgesetzt. Was lernen Sie von der Lobby der Forstleute?

    Jörg Andreas Krüger: Ich will von ihr eigentlich nichts lernen. Das war bisher eine sehr destruktive Kampagnenarbeit, die weitgehend ohne Sachargumente auskam und die tatsächlichen Probleme des Waldes verschleppt.

    Hanna Gersmann: Slogan: „Finger weg vom Bundeswaldgesetz“…

    Jörg Andreas Krüger:… sehr zugespitzt, aufgeregt. Wir müssen aber gemeinsam zu neuen Lösungen kommen, sonst kippen immer mehr Wälder weg.

    Hanna Gersmann: Wie die Waldbesitzer überzeugen?

    Jörg Andreas Krüger: Schon heute können Waldbesitzer pro Hektar bis zu 100 Euro für ein klimaangepasstes Waldmanagement und vor allem die Speicherung von CO2 erhalten. Wald ist aber zum Beispiel auch ein idealer Grundwasserspeicher. Künftig sollten auch solche ökologischen Leistungen honoriert werden. Das ist ja im Interesse der Waldbesitzer. Je nachdem wie gut der Wald bewirtschaftet wird könnten das etliche hundert Euro pro Hektar werden.

    Hanna Gersmann: Bisher bemisst sich der Wert des Waldes am Holzpreis. Woher kommt das Ökogeld?

    Jörg Andreas Krüger: Das Geld dafür kann nicht nur aus öffentlichen Haushalten, sondern muss auch aus der Wirtschaft kommen. Schon heute wollen viele Unternehmen die Speicherung von CO2 in Wäldern, Mooren und Agrarlandschaften finanzieren, um ihre Emissionen auszugleichen. Ähnliches erwarten wir für den Schutz des Grundwassers.

    Hanna Gersmann: Wie geht’s weiter?

    Jörg Andreas Krüger: Ende des Jahres soll die Waldgesetz-Novelle im Bundestag verabschiedet werden. Das Agrarministerium stimmt sich nun mit den anderen Ministerien ab. Im September werden alle Verbände angehört. Wir werden das Gespräch mit den beiden großen Organisationen der Waldbesitzer, also der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Waldbesitzer und dem Deutschen Forstwirtschaftsrat suchen. Ich hoffe, wir können jetzt konstruktiv diskutieren.

    Hanna Gersmann: Den Deutschen wird ein romantisches Verhältnis zum Wald nachgesagt – macht es das leichter?

    Jörg Andreas Krüger: Der Wald interessiert nach wie vor. Nur sieht selbst eine Kiefernmonokultur erst einmal grün aus und kann im Spätsommer zauberhaft schön sein. Sie wird es aber über die nächsten 150 Jahre nicht schaffen. Die Wälder der Zukunft werden lichter sein, weniger Nadeln haben, mehr Laubblätter. Vielleicht wird sich die Esskastanie stärker durchgesetzt haben, womöglich auch die Walnuss, andere Eichenarten oder der Bergahorn. Darüber werden wir reden müssen.

    Bio:

    Jörg-Andreas Krüger (55) ist seit 2019 Präsident des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu), dem größten Umweltverband in der Bundesrepublik. Der studierte Landschaftsarchitekt, Jäger und Vogelkundler, ist auch Mitglied in der noch von Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel einberufenen Zukunftskommission Landwirtschaft, sitzt zudem im Rat für nachhaltige Entwicklung, der auch die Bundesregierung berät.

  • „Eine Königskobra erwarte ich erstmal nicht“

    Tigermücken, die Dengue-Fieber übertragen? Welche tropischen Tiere und Krankheiten kommen mit dem Klimawandel nach Europa? Der schwedische Spitzenforscher Joacim Rocklöv erklärt, was droht und fordert zum Start der Weltklimakonferenz in Baku, Gesundheitsrisiken ernster zu nehmen.

    Hanna Gersmann: Joacim Rocklöv, sollte ich mich vorsorglich mit Anti-Mücken-Spray eindecken, weil mit dem Klimawandel Tiere kommen, die Krankheiten übertragen, die sonst in tropischen Regionen bekannt sind?

    Joacim Rocklöv: Das hängt davon ab, wo Sie sind!

    Hanna Gersmann: Deutschland.

    Joacim Rocklöv: Die asiatische Tigermücke ist auf dem Vormarsch. Sie gilt als besonders gefährlich. In Italien gab es in diesem Jahr, auch schon in den Jahren zuvor, Fälle von Chikungunya-Fieber, übertragen von asiatischen Tigermücken, die sich dort angesiedelt haben. Chikungunya bedeutet „der gekrümmt Gehende“. Das Fieber verursacht starke, manchmal über Wochen andauernde Gelenkschmerzen. Diese tropischen Mücken…

    Hanna Gersmann: …schwarz-weiß gestreift, kleiner als herkömmliche Mücken in Deutschland, tagaktiv und angeblich stechfreudig…

    Joacim Rocklöv:… können auch Dengue- und Gelb-Fieber oder die berüchtigten Zika-Infektionen auslösen.

    Hanna Gersmann: Wie sind die Krankheitssymptome?

    Joacim Rocklöv: Dengue-Fieber zum Beispiel geht mit starken Kopf-, Muskel-, Knochen- und Gliederschmerzen einher. Die meisten Patienten erholen sich zwar in wenigen Wochen, aber das kann auch zu schweren Blutungen, Organversagen und zum Tod führen. Das ist bei anderen tropischen, durch Mücken übertragenen Krankheiten ähnlich.

    Hanna Gersmann: Wie groß ist das Risiko, sich hierzulande zu infizieren?

    Joacim Rocklöv: Die Zahl der Fälle ist nicht vergleichbar mit denen etwa in Sri Lanka oder Thailand in Asien oder im südamerikanischen Brasilien. Aber sie nimmt stetig zu. 2023 wurden in der EU sowie Liechtenstein, Norwegen und Island insgesamt 130 örtlich erworbene Dengue-Erkrankungen registriert, 2022 waren es noch 71 Fälle. Auch in Deutschland sind Tigermücken schon heimisch, sie breiten sich von Süd- und Mitteleuropa Richtung Norden und Westen aus. In Heidelberg…

    Hanna Gersmann: …dort forschen Sie…

    Joacim Rocklöv:… und andernorts in Baden-Württemberg, auch in Bayern, Rheinland-Pfalz, Hessen sowie in Berlin oder Jena gibt es feste Tigermücken-Populationen. Tigermücken lieben die Wärme, ihre Eier vertragen Frost schlecht. Aber je milder die Winter werden, umso einfacher können sie hier nun überleben. In Griechenland beobachten wir bereits, dass dort die Mücken das ganze Jahr aktiv sind und fliegen. Sind sie Träger der krankmachenden Erreger, können sie diese also im Winter auf Menschen übertragen. Beobachtet wurde das bisher nur noch nicht.

    Hanna Gersmann: Wie kommen die Viren derzeit nach Deutschland

    Joacim Rocklöv: Jemand reist in die Tropen, infiziert sich mit Dengue, kommt mit dem Erreger zurück, wird von einer heimischen Mücke gestochen, diese infiziert sich, dort vermehren sich die Viren, sie sticht dann eine andere Person. Das gibt es immer wieder. Anders ist das allerdings schon jetzt beim West-Nil-Virus.

    Hanna Gersmann: Das West-Nil-Virus?

    Joacim Rocklöv: Der aus Afrika stammende Erreger scheint sich bereits in Berlin und Brandenburg, in Sachsen-Anhalt und Sachsen etabliert zu haben. Das überlebt in Vögeln, bei denen eine Infektion meistens keine Symptome hervorruft. Übertragen wird es von heimischen Stechmücken, sie infizieren sich an einem Vogel, fliegen weiter, stechen einen Menschen, geben das Virus in seinen Blutkreislauf weiter. Innerhalb Deutschlands haben sich 2023 offiziell bereits sechs Menschen mit dem West-Nil-Virus infiziert. Die Infektion verläuft meist sehr mild. Aber es besteht das Risiko einer Hirnhautentzündung oder auch Hirnstammentzündung.

    Hanna Gersmann: Empfehlen Sie eine Impfung?

    Joacim Rocklöv: Solange man nur in Europa reist, noch nicht. Aber stehendes Wasser ist eine ideale Brutstätte für Stechmücken, zumal bei höheren Sommertemperaturen. Beseitigen Sie Pfützen in ihrem Garten, decken Sie Regentonnen oder Vogeltränken mit Schutzgittern ab. Und melden Sie eine Tigermücke, die Sie sehen, bei ihrer Gemeinde. Dann können neu auftretende Populationen früh entdeckt und verhindert werden, dass sie sich etablieren.

    Hanna Gersmann: Welche Kosten kommen mit den exotischen Erregern auf das Gesundheitssystem zu?

    Joacim Rocklöv: Wir arbeiten noch an genauen Abschätzungen. In jedem Fall aber werden die Infektionen zunehmen, wenn mit dem Klimawandel Fröste im Winter abnehmen, heiße Sommer länger währen. Die Kosten dieser Gesundheitsrisiken werden von der Politik bisher zu wenig berücksichtigt. Es ist aber grundsätzlich günstiger in Klimaschutz zu investieren, als nichts zu tun und die Folgen in Kauf zu nehmen. Das sollte auch die Devise sein bei der UN-Klimakonferenz, die jetzt in Aserbaidschans Hauptstadt Baku startet.

    Hanna Gersmann: Und wenn nicht, was kommt noch – Schlangen?

    Joacim Rocklöv: Auf jeden Fall verschiedene Zecken. In der Türkei ist bereits die Hyalomma-Zecke angekommen, die das Krim-Kongo-Fieber überträgt. Das ist ähnlich dem häufig tödlich verlaufenden und bekannteren Ebola-Fieber, also wirklich schlimm. Größere Tiere brauchen eine viel längere Zeit, um neue Lebensräume zu finden. Eine Königskobra zum Beispiel erwarte ich hier erstmal nicht.

    Bio:
    Joacim Rocklöv, 45, geboren im schwedischen Horn, Provinz Östergötland, forscht als Professor für Epidemiologe an der Universität Heidelberg. Er ist ausgezeichnet mit der Humboldt-Professur, dem höchstdotierten deutschen Wissenschaftspreis. Der Spitzenforscher ist Mitautor des „Lancet Countdown on health and climate change“. Seit 2015 erscheint jedes Jahr dieser Report zu Klimawandel und Gesundheit im medizinischen Fachjournal The Lancet. Der diesjährige Bericht ist laut Rocklöv eine „eindringliche Warnung“, die Bemühungen gegen den Klimawandel zu verstärken.

  • „EU sollte Ausnahmen bei Freizügigkeit akzeptieren“

    Nach dem Brexit plädiert Ulrich Hoppe, der Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer, für einen Kompromiss mit Großbritannien

    Hannes Koch: Sie vertreten die Interessen der deutschen Unternehmen in Großbritannien. Deshalb liegt Ihnen der Freihandel zwischen der EU und den Inseln am Herzen. Würden Sie dafür in Kauf nehmen, dass die Briten die Niederlassungsfreiheit für EU-Bürger einschränken?

    Ulrich Hoppe: Diese Entscheidung müssen die Politiker treffen. Für die Unternehmen ist es wichtig, dass alle Grundfreiheiten erhalten bleiben. Denn auch die deutschen Firmen, die in Großbritannien arbeiten, brauchen Talente aus aller Welt. Unter Umständen können sie aber mit vorübergehenden, kurzfristigen Beschränkungen leben. Langfristig müssen die Grundfreiheiten jedoch gelten.

    Koch: Die sogenannten vier Freiheiten stellen eine Grundlage der EU dar – Freizügigkeit für Waren, Dienstleistungen, Kapital und Bürger. Dabei dürfe man den Briten kein Rosinenpicken erlauben, sagt Kanzlerin Angela Merkel. Glauben Sie, dass die EU zu einem Kompromiss bereit sein wird?

    Hoppe: Die neue britische Regierung muss jetzt erst einmal ihre Verhandlungsposition festlegen. Anfangs wird immer viel gefordert. Schließlich trifft man sich dann meistens in der Mitte.

    Koch: Sie plädieren für einen sogenannten „Soft-Brexit“. Was verstehen Sie darunter?

    Hoppe: Die EU sollte akzeptieren, dass Großbritannien gewisse Ausnahmen bei der Freizügigkeit machen darf. Dieses Recht behielten sich Deutschland und die meisten anderen EU-Länder ebenfalls für einige Jahre nach der ersten EU-Osterweiterung vor, als unter anderem Polen und die baltischen Staaten der EU beitraten. Damals führte Großbritannien die Personenfreizügigkeit sofort ein. Das wäre ein Anlass, nun auch umgekehrt Verständnis zu zeigen.

    Koch: Bräuchten dann beispielsweise BMW-Ingenieure eine Arbeitserlaubnis, wenn sie im britischen Mini-Werk arbeiten wollen?

    Hoppe: Das glaube ich nicht. Das wäre für Unternehmen im Vereinigten Königreich, die auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen sind, sehr unpraktisch und fügte der Wirtschaft vor Ort ernsten Schaden zu. Eher sind Beschränkungen für EU-Bürger vorstellbar, die keinen Arbeitsvertrag in Großbritannien nachweisen können.

    Koch: Das beträfe vor allem Arbeitnehmer und Selbstständige aus Osteuropa, die sich künftig nicht mehr einfach in Großbritannien niederlassen dürften?

    Hoppe: In den vergangenen Jahren sind viele Bürger der östlichen EU-Staaten nach Großbritannien gekommen. London wird aber wohl keine Einschränkungen für einzelne Nationalitäten festlegen. Deshalb werden von den neuen Regeln grundsätzlich auch Deutsche betroffen sein.

    Koch: Könnte die Europäische Freihandelsassoziation (EFTA), in der Großbritannien bis zum EU-Beitritt 1973 Mitglied war, den Rahmen für einen Soft-Brexit bilden?

    Hoppe: Theoretisch ja. Das EFTA-Mitglied Schweiz ist nicht gleichzeitig Mitglied im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), der die Anerkenntnis der vier Freiheiten voraussetzt.

    Koch: In bilateralen Verträgen mit der EU hat aber auch die Schweiz die vier Grundfreiheiten akzeptiert.

    Hoppe: Nach der Mehrheit gegen Freizügigkeit in der Schweizer Volksabstimmung muss dieser Punkt jetzt jedoch neu verhandelt werden. Eventuell kann das ein Vorbild für das künftige Verhältnis zwischen der EU und Großbritannien sein. Aber bisher zeigt die EU-Kommission wenig Bereitschaft, sich auf einen Kompromiss einzulassen.

    Ulrich Hoppe (51) ist Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer in London.