Für viele Menschen wirkt die Weltordnung gerade aus den Fugen. Treibende Kraft ist US-Präsident Donald Trump, der angeblich Amerika wieder groß machen will, die Vereinigten Staaten aber zunehmend abkoppelt von den früheren Partnern. Für Europa bedeutet das einen enormen Schub, die EU ist auch attraktiv wie selten zuvor. Für die sich abzeichnenden neuen Strukturen der Weltwirtschaft ist das von Vorteil.
Reformwille
Jahrzehntelang haben sich die Europäer auf die USA verlassen – etwa bei der Verteidigung über die Nato. Die Amerikaner profitierten umgekehrt vom größten Wirtschaftsraum der Welt, von Forschungszusammenarbeit und Datenaustausch. Vielleicht verließen sich die Europäer etwas zu sehr auf US-Technik, aber warum soll man alles doppelt entwickeln, wenn die Freunde bereits etwas haben?
Weil die US-Regierung jetzt gern auf Freunde verzichtet, musste sich die EU mit Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen der eigenen Macht und Größe in einer Art Crashkurs bewusst werden. Der Druck von außen macht zudem Tempo möglich, das im komplizierten und etwas umständlichen EU-Entscheidungsmechanismus kaum möglich schien.
Inzwischen treibt der Druck Reformen voran. Die EU nahm zurück, wenn etwas womöglich zu weit ging oder die Politik zu früh zu viel wollte, etwa beim Lieferkettengesetz. Bei der Verteidigung wird enger zusammengearbeitet. Auch der digitale Euro kommt in einem überraschenden Tempo. Dabei geht es nicht nur um eine neue Art von Bargeld, sondern vor allem um Zahlungsabwicklung ohne US-Technik, was bisher fast nicht möglich ist.
Und auch an Stellen, an denen die EU sich bisher noch in nationalstaatlicher Kleinteiligkeit verliert wie dem Kapitalmarkt, bewegt sich etwas. Europa soll nicht mehr so sehr auf große US-Investoren angewiesen sein oder Firmen wegen des Geldes in die USA ziehen lassen müssen.
Attraktivität
Der europäische Binnenmarkt mit 27 Staaten, rund 450 Millionen Einwohnern und das gemeinsame Wertesystem lockt. Großbritannien, traditionell den USA zugeneigt, inzwischen aber auf Abstand zu Trump, will sich dem Wirtschaftsraum wieder anschließen. Zehn Jahre nach dem knappen Volksentscheid, aus der EU auszutreten, betrachtet die Labour-Regierung unter Keir Starmer den gemeinsamen Markt als Modell für die Zukunft. Auch die Bevölkerung ist nicht abgeneigt, eine Mehrheit war zuletzt dafür, sich der EU weiter zu öffnen.
Dann überraschten zuletzt die Kanadier. Fast 60 Prozent der rund 42 Millionen Einwohner kann sich vorstellen, künftig zur EU zu gehören. Das britische Magazin Economist schlug schon kurz nach Trumps Amtsantritt 2025 vor, Kanada solle der EU beitreten. Inzwischen hat die Politik der USA den großen Nachbarn offenbar nachhaltig mit Drohungen und Strafen verstimmt. Kanada hat bisher knapp 9000 Kilometer Grenze zu den USA und einige Kilometer mit der EU, genauer eine Seegrenze zu den französischen Überseegebiets Saint-Pierre-et-Miquelon, eine Inselgruppe vor Neufundland. Ein Freihandelsabkommen gilt bereits seit 2017.
Gerade verbündeten sich die kanadische Weltraumagentur CSA und die europäische Esa fürs All miteinander. Sie wollen sensible Daten austauschen und bei Erdbeobachtung und auch militärischer Nutzung des Weltraums zusammenarbeiten. CSA-Präsidentin Lisa Campbell sprach von einem Meilenstein in der Partnerschaft Kanadas mit Europa.
Wirtschaftsordnung
Das „Kümmert Euch doch um Euch selbst“ der US-Regierung bringt die EU außenwirtschaftlich auf Trab. während Trump den wirtschaftlichen Zugang zu den USA durch Zölle erschwert, setzt die EU auf deren Abbau. Seit Anfang des Jahres gibt es ein Freihandelsabkommen mit Indien, dem bevölkerungsreichsten Land der Welt, seit März eines mit Australien. Vom 1. Mai an wird das Mercosur-Abkommen mit großen Staaten Südamerikas angewandt. Rund 25 Jahre wurde verhandelt, ohne dass etwas passierte. Dank Trump ging es dann schnell – trotz des Widerstands einzelner EU-Länder.
Die neue Strategie passt auch in die sich abzeichnende neue Weltwirtschaftsordnung. Seit dem Zweiten Weltkrieg waren die USA Garant für freie Märkte, Globalisierung und militärische Sicherheit. Diese Position verliert das Land. Der US-Präsident arbeitet mit Zöllen, Drohungen, Beleidigungen und selbstherrlichen militärischen Einsätzen sogar aktiv daran.
Kommt jetzt das Chaos? Was zunächst ungeordnet aussieht, hat doch Struktur. Es ist ein bisschen, als überwucherte der Dschungel die sauberen Reihen eines Maisfelds. Wild, aber: Im Dschungel überleben und gedeihen Pflanzen, wenn sie sich aufeinander einlassen, sich ihre Nischen suchen. Und nur insgesamt überlebt der Dschungel. Übertragen bedeutet das: gemeinsames Vorgehen immer dort, wo es beiden Seiten nützt. In einem solchen Urwald, einer Art kooperativer Globalisierung 2.0, hat eine große EU-Freihandelszone mit guten Kontakten weltweit gute Chancen und damit auch deutsche Unternehmen.