Seit Wochen arbeitet die Bundesregierung am großen Wurf. Die private Altersvorsorge soll neu geregelt werden. Denn die Zahl derjenigen, die in die gesetzliche Rente einzahlt, sinkt, die der Rentner steigt. Insgesamt droht, die staatliche Rente zu schrumpfen. Deshalb sollen die Deutschen künftig mehr privat zurücklegen. Erste Pläne liegen vor, doch vielen geht die Reform der Riester-Rente nicht weit genug. Dem Bankenverband zum Beispiel.
„Private Altersvorsorge wird angesichts des demografischen Wandels immer wichtiger“, sagt Lars Stoy, im Vorstand des Verbands zuständig für Altersvorsorge. „Deshalb sollte die staatlich geförderte Vorsorge allen Berufsgruppen offenstehen – auch Selbstständigen und Landwirten.“ Zwang lehnt er allerdings ab. „Eine Pflicht halte ich für den falschen Weg.“
Bisher fördert der Staat vor allem, wenn Angestellte privat vorsorgen, etwa über die Riester-Rente. Sie startete 2002, um Lücken bei der staatlichen Rente durch privates Sparen auszugleichen. Verbraucherschützer bemängeln sie seit langem. „Die Riester-Rente hat vor allem Versicherern, Banken und dem Vertrieb genutzt“, hieß es vom Bund der Versicherten, dem Bundesverband der Verbraucherzentralen und der Initiative Finanzwende. „Zu wenig Rendite, zu hohe Kosten, zu geringe Vorsorge fürs Alter.“ Auch deshalb wird die Riester-Rente jetzt grundlegend überarbeitet, was Banken und Verbraucherschützer gleichermaßen begrüßen.
Für Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ist die Reform Teil eines größeren Umbaus der Rente. Er sieht die gesetzliche Rente nur noch als Teil der Gesamtversorgung im Alter, private und betriebliche Altersvorsorge sollen nach seiner Ansicht wesentlich wichtiger werden. Derzeit beschäftigt sich eine Kommission mit dem Thema. Sie soll bis Sommer Vorschläge erarbeiten.
Jetzt geht es erst einmal um neue Regeln für die private Altersvorsorge. Geplant ist ein Altersvorsorgedepot, dessen Gebühren gedeckelt sind und das Standards erfüllen muss. Versicherungen abzuschließen ist möglich, auch der Kauf von Wertpapieren. Die Deutschen, so die Idee, können davon profitieren, dass sich am Kapitalmarkt einiges getan hat. So entwickelten sich etwa ETF (Exchange traded funds, börsengehandelte Fonds), mit denen sich einfach Geld zurücklegen lässt.
Aus Sicht des Bankenverbands geht die Bundesregierung den richtigen Weg. „Der größte Fortschritt der Reform ist die Öffnung der privaten Altersvorsorge für echte Kapitalmarktprodukte“, sagt Stoy. „Erstmals werden renditestärkere Fondsparpläne ohne starre Garantien möglich.“ Die Garantien sollen Anleger bei der Riester-Rente Anleger vor Verlusten schützen, weil der Preis von Aktien und Fonds an den Börsen nicht immer steigt, sondern auch fallen kann. „Wer langfristig fürs Alter spart, kann Marktschwankungen verkraften und braucht vor allem Ertrag“, sagt Stoy. Je mehr Vermögen zu Rentenbeginn vorhanden ist, desto mehr Rente wird schließlich gezahlt.
Für ihn hat gerade die Garantie, 100 Prozent dessen, was eingezahlt wurde, später auch zur Verfügung zu haben, die Kosten der Vorsorge erhöht, Renditen gedrückt und viele Menschen von privater Vorsorge abgehalten. Ebenso wie die Pflicht zur lebenslangen Verrentung – also monatlicher Zahlungen bis zum Tod. „Künftig brauchen Sparerinnen und Sparer echte Wahlfreiheit“, fordert Stoy, „sowohl bei der Anlage als auch bei der Auszahlung.“ Wer das Rentenalter erreicht, könnte sich dann zum Beispiel auch eine größere Summe auf einmal auszahlen lassen.
Neben der Reform der Riester-Rente will die Bundesregierung auch Kinder und Jugendliche dazu bringen, fürs Alter vorzusorgen. Geplant ist eine Frühstart-Rente. Bisher fehlt noch ein Gesetzentwurf, nach letztem Stand soll sie bis Sommer rückwirkend zum 1. Januar eingeführt werden. Die Idee: Der Staat zahlt jedem Kind ab dem sechsten Lebensjahr monatlich zehn Euro, die in einem Altersvorsorgedepot angelegt werden.
„Hier sollten unbedingt Zuzahlungen von Verwandten möglich sein“, fordert Stoy – eine Art Oma-Paragraf im neuen Rentengesetz. „Zehn Euro im Monat vom Staat, nur für Sechsjährige, reichen nicht aus, um bis zur Volljährigkeit ein solides Fundament für die Altersvorsorge zu legen“, erklärt der Banker. „Erst freiwillige Einzahlungen durch Eltern oder Großeltern machen das Vorsorgedepot wirklich attraktiv und stärken den frühzeitigen Vermögensaufbau.“
Wer vom sechsten Lebensjahr an jeden Monat zehn Euro angelegt, zum Beispiel in Fonds, hat zum 18. Geburtstag 2090 Euro gespart, zum Rentenbeginn mit 67 sind es durchschnittlich sechs Prozent Rendite pro Jahr 70.142 Euro. Zahlt die Oma zusätzlich bis zur Volljährigkeit jeden Monat zehn Euro ein, können es 106.464 Euro werden.
Den Staat wird allein die Reform der Riester-Rente wohl 400 Millionen Euro zusätzlich pro Jahr kosten. Stoy hält das für sinnvoll. „Ohne Förderung und staatliche Zulagen wird private Altersvorsorge für viele Menschen nicht stattfinden“, ist er sicher. Sie sei der entscheidende Anreiz. „Gerade Haushalte mit geringeren Einkommen profitieren davon, weil staatliche Zulagen und Steuervorteile helfen, fehlende eigene Mittel ausgleichen.“
Wenig hält der Bankenverband von der Idee, einen staatlichen Fonds aufzulegen, in den das Geld für die Altersvorsorge fließt und der es investiert – am Kapitalmarkt, in Start-ups, Infrastruktur. Vorbild ist zum Beispiel Schweden. „Einen zusätzlichen staatlichen Fonds brauchen wir nicht“, sagt Stoy.