Angriff mit Zucker

Noch immer enthalten die meisten Limonaden, Enerydrinks und Eistees zu viel Süßstoff, bemängelt die Organisation Foodwatch. Spitzenreiter: 27 Stück Würfelzucker pro halber Liter.

Von Hannes Koch

21. Sep. 2018

Die Kritiker betrachten dieses Getränk als Angriff. Als Attacke auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Die Halbliter-Dose des Energie-Getränks Monster Assault, das Coca Cola vertreibt, enthält 83 Gramm Zucker. So steht es auf dem schwarzen Alubehälter. „Das sind gut 27 Stück Würfelzucker“, übersetzt Oliver Huizinga von Foodwatch.

Diese Organisation setzt sich für gute Ernährung ein, in sozialer, ökologischer und gesundheitlicher Hinsicht. Am Freitag veröffentlichte sie ihre neue Studie zum Zuckergehalt in Erfrischungsgetränken – unter anderem Limonaden, Colas, Energydrinks, Schorlen und Eistees. Ergebnis: Seit der Vorgängeruntersuchung 2016 sei der Zuckergehalt insgesamt kaum gesunken. Über die Hälfte der geprüften Getränke sei massiv überzuckert, sagte Foodwatch-Sprecherin Sarah Häuser.

Als Überraschungsgast, auf dem Weg vom Berliner Hauptbahnhof zu einer Veranstaltung, stieß Fernseh-Arzt und Moderator Eckart von Hirschhausen zur Präsentation hinzu. Er teilt die Kritik der Lobbyorganisation. „Was passiert, wenn man aus Versehen ein Glas Cola umkippt?“, fragte Hirschhausen ins Mikrofon. „Schwer abzuwaschen. Es klebt.“ So ähnlich wirke die schwarze Brause auch im Körper.

Als Basis ihrer Studie haben die Zucker-Kritiker 600 Erfrischungsgetränke bei den Einzelhandelsketten Edeka, Rewe und Lidl eingekauft. Damit, so glauben sie, haben sie einen guten Überblick über den gesamten Markt für solche Produkte. Fruchtsäfte, Wasser, oder alkoholische Getränke wie Bier und Wein wurden nicht untersucht.

Den Spitzenplatz auf der nach Zuckerkonzentration organisierten Liste hält Monster Assault. Danach folgen Getränke weiterer namhafter Hersteller und Marken wie PepsiCo, Dieck & Co., Rauch, Schweppes, Rewe, Geroldsteiner und Red Bull. Die Liste der nach Ansicht von Foodwatch zu stark gezuckerten Getränke ist lang: 58 Prozent aller untersuchten Erfrischungen enthalten mehr als vier Stück Würfelzucker pro Glas (250 Milliliter). Gegenüber 2016 sei der Anteil nur minimal gesunken. Damals waren es 59 Prozent. Bei einzelnen Unternehmen gäbe es aber Lichtblicke, räumte Foodwatch ein. Beispielsweise PepsiCo und Lidl hätten den Zuckergehalt reduziert.

Die Grenze von vier Stück Zucker pro Glas haben die Kritiker aus Großbritannien übernommen. Dort wird auf Getränke, die diese Menge oder mehr erhalten, seit April 2018 eine Sondersteuer erhoben.

Ein Grund: die Gesundheitsschäden. Mediziner Andreas Pfeiffer, Professor an der Berliner Charité, erklärte, dass zu viel Zucker beispielsweise Fettleibigkeit und Diabetes verursache. Besonders für Kinder sei das problematisch. „Der zugesetzte Zucker trägt in erheblichem Maße dazu bei, dass Menschen täglich zu viele Kalorien aufnehmen“, sagte Kai Kolpatzik vom Bundesverband der AOK-Krankenkassen. Einer Studie des bundeseigenen Robert-Koch-Instituts zufolge nehmen besonders männliche Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren zu viele gesüßte Erfrischungsgetränke zu sich.

Coca Cola Deutschland wollte die Kritik nicht auf sich sitzen lassen. „Wir nehmen unsere Verantwortung als Getränkehersteller wahr“, erklärte eine Sprecherin. „Insgesamt enthält heute bereits rund ein Drittel unserer 80 verschiedenen Getränke keinen oder nur wenig Zucker.“ Außerdem werde der Konzern „den Zuckeranteil des Sortiments bis 2020 um weitere 10 Prozent reduzieren“.

Der Verband der Ernährungsindustrie (BLL) betonte die Autonomie der Verbraucher: „Jeder hat die freie Wahl zu entscheiden, wie viel Zucker er zu sich nehmen möchte. Gerade im Bereich der Erfrischungsgetränke gibt es eine unglaubliche Vielfalt von Getränken mit Zucker und Getränken ohne Zucker.“ Nahezu jedes klassische Produkt existiere auch in einer Light- oder Zero-Variante, so der Verband.

Als Konsequenz forderte Foodwatch die Bundesregierung auf, eine „Limo-Steuer“ einzuführen, wie Großbritannien es bereits getan hat. Halbliter-Dosen würden dadurch beispielsweise um 20 Cent teurer. Wie sich im Vereinigten Königreich zeigte, reduzierte der höhere Preis die Nachfrage und veranlasste Hersteller zur Änderung der Rezepturen. Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) verhandelt mit der Lebensmittelindustrie über eine einvernehmliche Lösung zur Verringerung des Zuckers, die keine Steuer beinhaltet.

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